Gabriel Garcia Marquez „Dornröschens Flugzeug“

Journalistische Kabinettstücke

 

Wie aus der Überschrift schon hervor geht, wird sich diese Besprechung nicht – wie sonst üblich – mit der Lateinamerikanischen Belletristik beschäftigen, sondern es geht um Journalismus… allerdings – wenigstens das bleibt konstant – lateinamerikanischen Journalismus. Ich betone das absichtlich so, weil ich Grund habe anzunehmen, dass es offenbar einen wesentlichen, nicht nur nuancierenden, Unterschied zwischen dem was den Journalismus (leider in weiten Teilen) hierzulande und Journalismus in Lateinamerika (oder auch anderswo unter ähnlichen Umständen) ausmacht: Der Versuch, so objektiv wie möglich zu berichten. Jüngstes Beispiel, und wie als Beleg für meine These geeignet, die Schlagzeile:Chavez rückt Merkel in Nähe Hitlers. In der deutschen Presse war die Aufregung groß und das nicht nur in jenen Nachrichtenorganen, die dafür bekannt sind, grobschlächtige Polemik zu verbreiten, sondern auch an sich angesehene Organe titelten: „Chavez beschimpft Merkel als Nachfahrin Hitlers“ (in tagesschau.de),“Chavez rückt Merkel in Hitlers Nähe“ (in FR-online.de) und sogar die taz schrieb, „Chavez rückt Merkel in Nähe Hitlers“ und weiter heißt es im Text der taz: …Venezuelas Präsident Chavez attackierte Merkel als Nazi-Nachfolgerin.

 

Wenn man weniger misstrauisch ist als ich (was Presseverlautbarungen betrifft), nimmt man diese Schlagzeilen hin und beginnt sich womöglich über Chavez – der es wagt unserer Staatschefin ein solches Zeugnis auszustellen – zu erregen. Wenn man aber ebenso misstrauisch ist wie ich, wird man sich erst einmal einen Überblick verschaffen, was Chavez einerseits wirklich gesagt hat und andererseits, in welchem Kontext das Gesagte steht. Das hätte ich eigentlich auch von einem professionellen Journalisten erwartet (man nennt das Recherche), bevor man reißerische Schlagzeilen auf die Titelblätter schreibt. Möglicherweise wäre man dann allerdings zu einer Nachrichtenlage gelangt, die ganz andere Schlagzeilen nötig gemacht hätte und man hätte den allgemeinen Meinungsmachern gegen den Strich bürsten müssen; was vielleicht auch nicht ohne Folgen geblieben wäre. Aber es kann doch nicht Sache der Leserinnen und Leser sein, die Arbeit der Profis im Nachhinein zu erledigen… was ich dann aber doch getan habe.

 

Nach übereinstimmenden Meldungen internationaler Presseagenturen, hat sich Chavez in der Fernsehsendung „Aló Presidente“ (einer Selbstdarstellungs-Show des Präsidenten im venezolanischen Fernsehen) im Vorfeld des sog. „EU-Lateinamerika-Gipfel“ (am 16. und 17. Mai 2008 in Lima/Peru) mit den Worten geäußert, die Bundeskanzlerin gehöre der politischen Rechten an, derselben Rechten, die Hitler, die den Faschismus unterstützt hat. Natürlich ist Hugo Chavez nicht dafür bekannt, dass er den diplomatisch geschliffenen Sprachgebrauch pflegt… er ist ein Lautsprecher, der kein Blatt vor den Mund nimmt und ihn erstrecht nicht hält (auch wenn man ihn dazu auffordert… und sich dann dafür entschuldigen muss – wie unlängst der spanische König). Sicher ist aber auch, dass er – bisher jedenfalls – nicht von sich aus Attacken gegen europäische Staatsoberhäupter ritt. Also ist da etwas vorgefallen, das ihn wohl zu einer (wenn auch undiplomatischen) Äußerung veranlasste. Und richtig, der Anlass auf den Chavez reagierte, war eine Äußerung Merkels (die sie bei einer Veranstaltung der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, der Konrad-Adenauer-Stiftung und des Deutschen Industrie- und Handelskammertages gemacht hat – die sich wohl in Übereinstimmung mit der Haltung der Versammelten bringen lässt und (das musste die Kanzlerin wissen) sich in eine lange Reihe von Angriffen auf Chavez stellt.

 

Thema beim EU-Lateinamerika-Gipfel sollte auch der Integrationsprozess Lateinamerikas in die internationalen Beziehungen mit Europa sein und natürlich standen auch handelspolitische Fragen auf dem Programm; zudem war von Seiten der Bundeskanzlerin auch von Armutsbekämpfung die rede. Aber statt in einen offenen Dialog mit ganz Lateinamerika einzutreten, positionierten sich die versammelte „deutsche Konservative“ eindeutig: In der neuen Lateinamerika-Strategie der CDU-Fraktion heißt es, in Lateinamerika stünden sich „konservative und sozialdemokratische Regierungen (u.a. Chile, Kolumbien, Mexiko)“ und „populistische Regierungen in Venezuela, Bolivien, Ecuador und Nicaragua“ gegenüber. Gefragt sei daher ein „differenzierter ordnungspolitischer Dialog mit Lateinamerika“ – eine Formulierung, die Chavez als Aufruf zur Spaltung versteht. Zudem hatte Merkel in einem Interview zuvor über Chavez gesagt, dass der Linksnationalist nicht für Lateinamerika insgesamt spreche; was – auch in diplomatischen Kreisen – als ein Versuch gewertet werden kann, die lateinamerikanischen Staaten auseinanderzudividieren und Venezuela an den Pranger zu stellen. Und vielleicht um das noch zu überbieten meinte unsere werte Bundeskanzlerin (in Richtung Chavez), der „linke Populismus“ sei nicht zukunftsweisend und wörtlich: „Ich glaube nach unseren Erfahrungen nicht daran, dass Staatswirtschaften auf die drängenden Probleme bessere und nachhaltige Antworten geben.“

 

Nun, ich bin einerseits nicht dafür bekannt, dass ich unkritisch mit – auch mir politisch sympathischen – Regierungen bin (z.B. kritisiere ich als Freund der kubanischen Revolution, dennoch die Verfolgung von Künstlern und Homosexuellen; oder ich kritisierte als Freund der sandinistischen Revolution, dennoch Menschenrechtsverletzungen auch wenn sie im Namen der Revolution begangen wurden); was klarstellen soll, dass ich nicht als Chavez` Verteidiger auftreten möchte. Andererseits bin ich sehr dafür, alles mit demselben Maß zu messen. Wenn man also die Äußerungen von Hugo Chavez als ungehörig und zumindest undiplomatisch nennt, sollte man sich zuvor vergewissert haben, nicht selbst unangemessen gesprochen zu haben. Aber gut, betrachten wir uns die Äußerung von Hugo Chavez einmal genauer, so bleibt von den reißerischen Schlagzeilen nicht viel übrig: Er sagte, dass Merkel der Rechten angehöre… er sagte nicht, dass sie persönlich rechts ist.

 

Fakt ist, dass sie Vorsitzende der CDU ist, die sich zwar selbst Mitte nennt (was eigentlich eine nichts sagende Floskel ist), aber einen zahlenmäßig nicht zu unterschätzenden reaktionären Flügel aufweist. Ich erinnere daran, dass so prominente Leute wie Roland Koch in Hessen sich nicht scheute, mit ausländerfeindlichen Parolen Wahlkampf zu machen, dass der baden-württembergische Ministerpräsident Oettinger in einem Nachruf den Nazi-Richter Filbinger verteidigte oder – aktueller – Peter Krause Kulturminister in Thüringen werden sollte; ein Mann, der als Redakteur bei einen rechtsradikalen Blatt, „Junge Freiheit“, arbeitete und dort das Horst-Wessel-Lied, die Hymne der NSDAP, zwar ins Latein übersetzt, veröffentlichte. Im Zweifelsfall wird sich Angela Merkel als Vorsitzende der CDU sagen lassen müssen, dass sie auf den reaktionären Flügel der CDU nicht verzichten will.

 

Im zweiten Teil der Äußerung sagte Chavez: …derselben Rechten, die Hitler, die den Faschismus unterstützt hat. Wie kommt er wohl auf einen solchen Satz? Nun, auch hier ist es nicht ganz ausgeschlossen, dass Merkel selbst ein gerüttelt Maß an der Äußerung beigetragen hat. Immer wieder redet sie im Zusammenhang mit ihrer Partei von einer bürgerlichen Partei; wobei sie offenbar einen anderen Bürgerbegriff im Kopf hat, denn ich bin nicht gemeint wenn von Bürgertum die rede ist… es hört sich halt nicht sehr menschenfreundlich an, wenn man sich gleich Wirtschaftspartei nennt. Heute ist es ziemlich genau 75 Jahre her, dass Hitler an die Macht gehievt wurde. Es ist eine fromme Legende, dass er die Macht ergriffen habe… sie wurde ihm in die Hände gelegt und zwar vom sog. deutschen Bürgertum. Das ist keine Polemik, das ist historisch verbrieft und selbst die – über einen Sozialismusverdacht erhabene – Zeitschrift „Die Zeit“ beschrieb mit der Überschrift „Süßer Schrecken für das Bürgertum“ (nachzulesen unter http://www.zeit.de/1969/08/Suesser-Schrecken-fuer-das-Buergertum) den Werdegang Hitlers sehr erhellend.

 

Nun, das alleine wäre ja noch kein Grund, dermaßen in die Vollen zu kegeln wie es Chavez gemacht hat… das heutige Bürgertum wird sich in der Mehrzahl weltoffen und liberal zeigen. Also auf was bezieht sich Chavez? In Hitlers Programm war viel von Sozialisierung von Privateigentum (Unternehmen, Banken und Versicherungen) die rede… das musste da drin stehen, weil er sonst in der Arbeiterschaft keinen Fuß auf die Erde gebracht hätte. Unternehmer standen demzufolge Hitler zunächst äußerst kritisch gegenüber. Es ist ebenfalls historisch verbrieft, dass Hitler die Bedenken – unter anderem – bei seiner „berühmten“ Rede vor dem Düsseldorfer Industrieclub“ entkräftete und sich die (auch finanzielle) Unterstützung weiter Teile der Wirtschaft sicherte (nachlesbar unter http://www.npd-verbot-jetzt.de/geschichte/2007/20070129_ind_club.shtml ).

 

Auf der Homepage des immer noch existierenden Industrieclub e.V. Düsseldorf nun, steht unter der Rubrik „Persönlichkeiten“ zu lesen: „Bedeutende Redner aus dem In- und Ausland haben im Industrie-Club gesprochen und sind bei ihrem anspruchsvollen Auditorium auf reges Interesse gestoßen.“ Weiter heißt es, auch unter Einbeziehung der Zeit vor 1933: Seit seiner Gründung drückten namhafte Gäste wie Mitglieder dem Industrie-Club ihren Stempel auf.“ Unter diesen Eingangsbemerkungen ist eine Liste von Namen zu finden, unter denen Dr. Angela Merkel einer ist ( nachlesbar unter http://www.industrie-club.de/persoenlichkeiten,de.htm ). In diesem Kontext und rein sachlich betrachtet, hat Hugo Chavez also etwas gesagt, das vielleicht peinlich für unsere Bundeskanzlerin, das aber ganz gewiss nicht ohne jede Grundlage ist. Deswegen ist die Aufregung in der Presse peinlich und jene Journalisten, die da ihrer Aufregung Worte folgen ließen, müssen sich wohl mindestens den Vorwurf gefallen lassen, nicht gründlich recherchiert zu haben… vielleicht aber auch den Vorwurf der Manipulation.

 

Nun, natürlich hätte ich – an Chavez Stelle – diese Äußerungen niemals gemacht, da dadurch die (kleine) Chance zur Verständigung noch kleiner wird. Aber von den Schlagzeilen hierzulande bleibt nicht sehr viel übrig. Hugo Chavez hat Merkel nicht in die Nähe von Hitler gerückt, sondern ihr lediglich Nähe zu jenen Leuten bescheinigt, die Hitler möglich machten. Er hat die Kanzlerin auch nicht als Nachfahrin oder gar Nachfolgerin Hitlers bezeichnet, was selbst dem ärgsten Polemiker nicht ernsthaft einfallen kann, da sie bestimmt nicht die Verbrechen des Diktators fortsetzt. Man sollte aber – erst recht als Kanzlerin – auch hierzulande seine Worte bedenken und auf die Befindlichkeiten in den Ländern des Südens achten. Dann wäre die Aufregung unnötig. Denn: Wer im Glashaus sitzt, sollte höchstens mit ganz kleinen Steinchen werfen.

 

Kommen wir nun zu einem Mann, der – nach über 50 Jahren journalistische Tätigkeit – nicht im Verdacht steht, schlechte Arbeit abgeliefert zu haben und den sehr viele lesende Menschen, seiner großartigen Romane wegen, kennen und schätzen, für die er (wie ich finde) zu Recht 1982 den Nobelpreis für Literatur erhielt: Gabriel Garcia Marquez (kurz GGM). Doch er ist nicht nur einer der großen Romanciers der Gegenwart, sondern auch – wie oben angedeutet und leider weniger bekannt – ein bedeutender Journalist. Diese Seite seines Schaffens, wurde hierzulande schon vor ca. 25 Jahren (genauer 1984/85) vom KiWi-Verlag dokumentiert und sein journalistisches Schaffen wurde in Form ausgewählter Reportagen in drei schmalen Bänden veröffentlicht:

 

„Die Giraffe aus Barranquilla“ – Journalistische Arbeiten 1948 – 1952

„Der Beobachter aus Bogota“   – Journalistische Arbeiten 1954 – 1955

„Zwischen Karibik und Moskau“ – Journalistische Arbeiten 1955 – 1959

 

Diesem ersten Versuch des Verlags Kiepenheuer & Witsch, folgte im Jahre 2000, der Band „Frei sein und unabhängig“ – Journalistische Arbeiten 1974 – 1995 mit aktuelleren Reportagen (auch hier vorgestellt). Im Jahre 2006 entschloss man sich dann, nach und nach, das journalistische Gesamtwerk herauszubringen und, analog zu den Titeln aus den 1980er Jahren, erschien „Cartagena und Barranquilla“ – Journalistische Arbeiten 1948 – 1952 (auch hier vorgestellt). Aber anders als in den erstgenannten Bänden, sind in den beiden letztgenannten Bänden die journalistischen Arbeiten der angegebenen Zeiträume nun nicht mehr auszugsweise, sondern vollständig versammelt und abgedruckt. Nun ist unter dem Titel „Dornröschens Flugzeug“ (einem schrecklichen Titel – wie ich finde) der nächste Band mit journalistischen Arbeiten aus den Jahren 1961 – 1984 erschienen. Ähnlich umfangreich wie der letzte Band (mit dem Registerteil über 700 Seiten).

 

GGM ist natürlich sehr bekannt. Dennoch möchte ich (in den nächsten drei Absätzen – für die das schon gelesen haben) auf eine kurze biographische Einführung nicht verzichten, da gerade im Falle GGM so deutlich wird wie bei kaum einem anderen, wie sehr die Ereignisse uns Menschen prägen und Auswirkungen auf unser Leben nehmen. Das Leben eines Menschen besser kennen, bedeutet auch sein Handeln besser zu verstehen – was in diesem Fall bedeutet, das Werk – zumal das journalistische Werk – von GGM besser zu verstehen. Zur Vorstellung benutze ich die Kurzbiographie, die ich schon anderweitig verwendete und zitiere mich selbst:

 

GGM wurde am 6.3.1928 in Aracataca/Magdalena, einem kleinen unbedeutenden Dorf an der kolumbianischen Karibikküste geboren und wuchs bei den Großeltern auf. Sein Vater, ein kleiner Telefonist, und seine Mutter, die Tochter aus dem Hause eines verdienten Obersten. Er genoss eine liberale Erziehung, besuchte die Dorfschule und später das Jesuiten-Kolleg in Barranquilla. Als Kind musste er die blutige Niederschlagung eines Streiks der Bananenarbeiter miterleben, was sein Leben prägen sollte. Ab 1940 besuchte er, mit einen Stipendium des Jesuiten-Kolleg ausgestattet, das er wegen seiner guten Leistungen erhalten hatte, die höhere Schule in Zipaquirá, einer Stadt nahe Bogota. Ab 1947 ist er eingeschriebener Jurastudent an der Universität von Bogota und in der Zeitung, bei der er später selbst arbeiten wird, erscheint seine erste Erzählung; der Herausgeber lobte sich damals schon, einen großen Schriftsteller entdeckt zu haben.

 

Am 9.4.1948 wird der liberale Bürgermeister von Bogota, ein sehr beliebter Mann, ermordet und ein Aufstand legte die bittere Rivalität zwischen Liberalen und Konservativen offen. Die Stadt glich einem Schlachtfeld und aus dem Aufstand heraus, entstand die sog. Violencia, der bis 1962 über 300.000 Menschen zum Opfer fielen; wie es halt so ist, wenn eine rechte Regierung mit dem Instrument des Völkermords Ruhe und Frieden herstellen will. Angesichts der Gräueltaten, der Gewalt, verlässt GGM Bogota und studiert in Cartagena weiter. Hier jedoch vollzog sich eine Wandlung… er wird nie Jurist werden, da er Journalist geworden ist.

 

Es ist für GGM ein langer Weg, zu dem zu werden, den wir heute kennen… zu einem der größten Schriftsteller der Welt. Nach dem Abbruch seines Jurastudiums schreibt Marquez, wie gesagt, zunächst für eine liberale Zeitung in Bogota Reportagen und Filmkritiken. 1955 wird er als Korrespondent nach Genf, Paris und Rom entsandt. 1959 kam dann eine Einladung aus Kuba: Fidel Castro bittet GGM, über die siegreiche kubanische Revolution zu berichten; was dieser auch tut. Dabei werden die beiden Männer persönliche Freunde. Bei GGM ist es auch nicht so einfach, Literatur und Journalismus klar zu trennen, denn seiner Meinung nach soll die Literatur ein Abbild einer Wirklichkeit sein; wie eben der Journalismus auch. Sein erster Roman erschien 1955, nach dem ihm ein berühmter spanischer Kritiker empfohlen hatte, sich besser mit etwas anderem zu beschäftigen (!) Das war der Beginn einer einzigartigen Schriftstellerkarriere, in deren Verlauf dann irgendwann der große Wurf kommen sollte – „Hundert Jahre Einsamkeit“ (auch hier bei Ciao vorgestellt) erschien 1967. Und schließlich wird ihm 1982 der Nobelpreis für Literatur verliehen. Neben seinem literarischen Schaffen ist GGM bis heute auch politisch aktiv, engagiert sich gegen Korruption, Ausbeutung jeglicher Art (von Sextourismus bis Kinderhandel) und Drogenkriminalität. In seiner Heimat gilt Marquez als moralische Instanz, er lebt und schreibt allerdings seit vielen Jahren vor allem in Mexiko City und auf Kuba.

 

Wie schon gesagt, hat sich der Verlag Kiepenheuer & Witsch auf die Fahnen geschrieben, das gesamte journalistische Werk von GGM zu veröffentlichen. Während wir bei „Cartagena und Barranquilla“ auf dem Innentitel den Hinweis finden, dass wir es mit den „Journalistischen Arbeiten I“ dieser Reihe zu tun haben, ist der Band „Dornröschens Flugzeug“ mit „Journalistische Arbeiten 5“ gekennzeichnet. Ich habe nicht herausfinden können, warum der chronologisch an „Cartagena und Barranquilla“ anknüpfende Band nicht mit „Journalistische Arbeiten 2“ bezeichnet wurde. Vielleicht hat das damit zu tun, dass man sich streng an der  berühmten spanischsprachigen Edition von Jacques Gilard orientiert, die 1991 eben mit dieser Bezeichnung erschien. Leider ist in diesem Band nicht das ausführliche Vorwort über den Werdegang des Autors, wie es in „Cartagena und Barranquilla“ beispielhaft der Fall war, vorangestellt; bei einem Umfang von über 700 Seiten (inklusive einem umfangreichen Register), wäre das – auch buchstäblich – nicht mehr ins Gewicht gefallen. Wahrscheinlich dachten sich die Macher, dass wer „Dornröschens Flugzeug“ aufschlägt, hat den ersten Band schon…

 

Wie ich bereits in der Besprechung zum ersten Band berichtete, ist das journalistische Werk von GGM so vollständig dokumentiert, dass es überhaupt zu einer solchen Edition verarbeitet werden kann. Verantwortlich für diese Dokumentation ist im Wesentlichen der französische Literaturkritiker Jacques Gilard. Er hatte offenbar schon sehr früh erkannt, welches Talent mit GGM in der Öffentlichkeit erschienen ist und war zur rechten Zeit am rechten Platz. Vielleicht haben ihm die Texte einfach auch nur gefallen… wie dem auch sei, jedenfalls haben wir es seiner Sammler-Arbeit zu verdanken, dass sämtliche journalistischen Texte, die GGM – namentlich gekennzeichnet – veröffentlichte, vorliegen. Es ist außerdem bekannt, dass darüber hinaus GGM – besonders aus seiner frühen Zeit als Journalist – viele weitere Texte zuzuschreiben sind, die allerdings entweder anonym oder unter dem Namen anderer Kollegen aus den Redaktionen erschienen; was aber für den in diesem Band dokumentierten Zeitraum keine Rolle spielt, da GGM in dieser Zeit schon ein bekannter Mann war.

 

Dennoch muss ich auch in dieser Besprechung erwähnen, dass GGM – wie wir im Memoiren-Buch „Leben, um davon zu erzählen“ von GGM selbst erfahren können – von Beginn seiner Karriere an die Einstellung hatte, die er in einem Interview einmal so formulierte (Zitat): „Roman und Reportage sind Kinder ein- und derselben Mutter“ und er sein Handwerk als Schriftsteller, in den Redaktionen als Reporter erlernte. Er wurde also nicht nur zu einem der größten Schriftstellers unserer Zeit, sondern auch zu einem der produktivsten Journalisten des 20. Jahrhunderts. Auch in dieser Besprechung will ich nicht in die Lobhudelei mancher Kollegen verfallen, die GGM als den besten Journalisten spanischer Sprache preisen (da gibt es auch andere, z.B. Eduardo Galeano – auch hier vorgestellt), aber GGM gehört bestimmt zu den lesenswertesten.

 

Was auch ein Blick auf sein erzählerisches Werk beweisen kann; wenn wir z.B.: „Chronik eines angekündigten Todes“, „Bericht eines Schiffbrüchigen“ oder „Das Abenteuer des Miguel Littín“ betrachten, wird schnell klar, dass sich in ihnen journalistische und schriftstellerische Arbeit nicht nur ergänzen, sondern sogar bedingen, da ohne gründlichste Recherche, mit dem Blick auf jedes Detail und den Gesamtzusammenhang, diese Romane kaum zu schreiben gewesen wären und man könnte – mit Hinweis auf die Einleitung – sagen, dass diese Romane eigentlich glänzend geschriebene Reportagen sind, die als journalistische Lehrbücher, jungen Berufsanfängern vermitteln könnten wie Journalismus geht.

 

Aber GGM beschränkt sich nicht darauf, jungen Kolleginnen und Kollegen theoretische oder rhetorische Ratschläge zu geben oder seine Bücher zu empfehlen, sondern er lässt er lässt das auch ganz praktisch werden, in dem er – der durch seine literarischen Welterfolge reich geworden ist – immer wieder Zeitungen gründet und Aus- und Weiterbildung von Journalisten zu fördert, wie etwa die berühmte und von GGM finanzierte Fundación para el Nuevo Periodismo Iberoamericano, eine Schule des Journalismus, die nach seiner Meinung unbedingt erforderlich ist, da er den Journalismus seit den neunziger Jahren weltweit in einer Krise sieht, seit private und/oder internationale Nachrichtenagenturen und -sender, ihr Publikum mehr desinformieren, denn aufklären. Nun, das sind eigentlich genug Belege dafür, dass GGM eine integere, moralische, dem Journalismus verhaftete Instanz ist, dennoch möchte ich noch einen Satz zitieren, der uns GGM weiter erklärt und dieses Buch in einem besonderen Lichte erscheinen lässt: „Der Journalismus“, schreibt er, „ist meine eigentliche Berufung. Er erlaubt mir, den Kontakt mit der Wirklichkeit aufrechtzuerhalten.“

 

Während wir uns bei „Cartagena und Barranquilla“ – eingedenk der Möglichkeit, dass sich unter meinen Leserinnen und Lesern noch welche befinden, welche die 1985er KiWi-Ausgabe besitzen – frage können, warum man einen Band kaufen soll, der den selben Zeitraum dokumentiert, ist das bei „Dornröschens Flugzeug“ natürlich gar keine Frage mehr: Die sage und schreibe 173 Reportagen dieses Bandes erscheinen in deutscher Erstausgabe. Ebenfalls nicht in Frage steht wohl diesmal die Qualität der Texte… Mein Bezugspunkt – in diesem Zusammenhang – ist natürlich der Band „Cartagena und Barranquilla“, der in manchen, dem Autor nicht sonderlich wohl gesonnenen Kommentaren, was die Textqualität betrifft, (mit dem mehr als unfairen, ja schon ehrenrührigen Hinweis auf die damalige Lebensführung des Autors) kritisiert wurde. Offenbar war den Herrn Kritikastern der frische, freche, direkte und linksorientierte Journalist nicht geheuer. Es würde diesen Leuten wohl auch schwer fallen, einem Mann, der im erfassten Zeitraum zu einem bekannten und mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichneten Schriftsteller wurde, mangelnde Textqualität vorzuwerfen.

 

Während in „Cartagena und Barranquilla“ sich sehr viele Reportagen lediglich mit aktuellem lokalem Tagesgeschehen beschäftigen und deshalb auch über ein lokalbezogenes Interesse kaum hinaus reichen, befassen sich die hier versammelten 173 Reportagen mit Ereignissen, die bei einigermaßen geschichtsbewussten Leserinnen und Lesern allgemein von Interesse sein können. Doch eines hat sich auch in diesem Band nicht geändert: Seine zupackende Art des Journalismus, sein sprachlicher Esprit und die gut recherchierten Hintergründe. Leider, oder natürlicherweise, ist die Anzahl der Reportagen nur etwa halb so umfangreich wie in „Cartagena und Barranquilla“ und außerdem sind sie chronologisch sehr ungleichmäßig verteilt, so dass der Titel „Journalistische Arbeiten von 1961 bis 1984“ etwas irreführend sein mag (für 1961 ist ein Text verzeichnet, 1962 – 1965 keiner, 1966 ein Text, dann eine Lücke von 10 Jahren, 1977 dann zwei Texte 1978 kein Text, 1979 ein Text und erst ab Oktober 1980 werden dann – nach Monaten geordnet – die wöchentlichen Kolumnen gelistet). Das Leider und das Natürlich erklärt sich so: Leider, weil mich persönlich gerade die beiden ersten Jahrzehnte sehr interessiert hätten, weil sie die ersten beiden Jahrzehnte meines Lebens betreffen und mir so das Vergnügen versagt bleibt, nachzuschauen zu können, was GGM an bestimmten Tagen meiner Lebenszeit wohl geschrieben hat; das Natürlich liegt allerdings auch auf der Hand, da GGM in dieser Zeit seine berühmten Romane und Erzählungen schrieb und so die journalistische Arbeit zurückstand.

 

Nichts desto trotz ist die Lektüre dieses Bandes ein wirkliche Fundgrube erhellender Texte, die sich – anders als im vorhergehenden Band – durchweg eher mit kulturellen oder politischen, aber auch persönlichen Themen befassen. In den Texten zu kulturellen Themen, fallen besonders jene auf, die sich mit zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern beschäftigen oder in denen Kollegen von GGM (die vielfach auch persönliche Freunde sind) portraitiert werden. Dabei ist mir aufgefallen, dass GGM auch ein paar Richtigstellungen gegenüber Texten vornahm, die in „Cartagena und Barranquilla“ noch für Aufregung gesorgt hatten: besonders Thomas Mann oder Hermann Hesse betreffend (ersteren hatte er frech mit einem altbackenen Brötchen verglichen, bei letzterem bezweifelte er, ob er den Literatur-Nobelpreis verdient hat). Die von GGM ausgeführten politischen Texte beschäftigen sich in der Mehrzahl mit den sehr unruhigen Zeiten in Lateinamerika (Stichworte: Nicaragua, Kuba, El Salvador…) und der oft unrühmlichen Rolle der USA (Stichworte: Grenada, Iran-Contra-Affäre, Chile…), aber auch mir weltpolitischen Themen (Stichworte: Falkland-Krieg, Terrorismus, Friedenspolitik…).

 

Aber neben all den Berichten über die aktuellen Bezüge der Weltpolitik und der der großen Kunst, stehen die persönlichen Texte… und die sind es, die GGM-Fans regelrecht zu fesseln vermögen. Nicht nur, dass diese Texte uns den Menschen GGM besser erklären und in uns sozusagen menschlich bekannt machen, sie geben auch den Blick auf das Zustandekommen seines großartigen schriftstellerischen Werkes frei… er nennt das „Geschichte von der Geschichte“ und in mehreren Artikeln, gewährt er uns tiefe Einblicke in seine Arbeitsweise. In einigen der Texte tauchen auch Motive und Figuren auf, die in späteren Werken Verwendung finden und so kann sich unser Verständnis für diese Werke vertiefen. In einigen Kolumnen finden wir wieder jene oben beschriebene Verbindung von Literatur und Journalismus vor… und man (falls man das vorher noch nicht wusste) beginnt zu staunen, wie dieser Mann seinen Bekanntheitsgrad und seine Ehrungen in den Dienst der Menschen stellt. Das hat so rein gar nichts mit Elfenbeintürmen zu tun, sondern ist pure Menschlichkeit.

 

Meine Lieblingsgeschichte ist ausgerechnet jene geworden, deren Titel zum Buchtitel genommen wurde: „Dornröschens Flugzeug“, eine Kolumne die am 19. 9. 1982 in der Zeitung „El Espectador“ erschien. GGM erzählt uns von einem Transatlantikflug mit der Concorde von Paris nach New, während dem in seinem Nebensitz eine schöne Frau den gesamten Flug über schlief. Fasziniert von ihrer Schönheit, konnte er nichts anderes tun als sie im Schlaf betrachten. Ihre Schönheit ließ ihn sogar seine Flugangst vergessen… In Verbindung mit einem anderen Ereignis, einer Zusammenkunft mit japanischen Autoren (ebenfalls in diesem Band zu finden), war diese Geschichte die Grundlage für seinen Roman „Erinnerung an meine traurigen Huren“ (auch hier vorgestellt).

 

Was ich schon zu „Cartagena und Barranquilla“ anmerkte, gilt für diesen Band auch: selbstverständlich braucht niemand „Dornröschens Flugzeug“ wie ein Prosa-Stück von der ersten Seite an zu lesen. Die Texte haben meist einen Umfang von drei vier Buchseiten und man kann nach Lust und Laune die Texte auch mal zwischendurch lesen, wenn man einmal wirklich nur ein paar Minuten übrig hat und sich etwas unterhalten will. Seit mir GGM bekannt ist, habe ich in vielen Artikeln, Interviews oder Reden von ihm immer wieder vernehmen können, dass er sich immer auch an der Macht, den Machthabern und ihren Steigbügelhaltern gerieben hat – auch diese Sammlung zeigt mir, was Journalismus wirklich bedeuten kann; auch wenn das manchmal auch für den Journalisten gefährlich wird. Gewiss ist nicht jeder Mensch gleich mutig und nicht gleich bereit, für den Berufsethos das Leben zu riskieren, aber Aufrichtigkeit und Authentizität sollten für gerade für Journalisten möglich sein, die in Gesellschaften leben, in denen das nicht mit Lebensgefahr verbunden ist.

 

Schon in meiner Besprechung des ersten Bandes der journalistischen Arbeiten, zitierte ich GGM mit dem Satz: „Der Leser muss das Gefühl haben, selbst am Schauplatz der Ereignisse zu sein“. Und wie in der Besprechung des eben genannten Bandes muss ich auch bei „Dornröschens Flugzeug“ bestätigen, dass er sein Motto hat umsetzen können. Dabei finde ich und möchte zu Protokoll geben, dass mir die Texte zwar weniger „frisch“ wie in seinen ungestümen Anfangsjahren erschienen, aber dafür zeichnen sie sich durch Feinsinn, Menschlichkeit und Gerechtigkeitssinn aus und sie sind allesamt glänzend geschrieben und sie haben mich wirklich gut unterhalten, haben mich inspiriert und auch nachdenklich gemacht. Ausnahmsweise zitiere ich gerne eine Stelle aus dem Klappentext, da es sich dabei nicht um einen Werbeslogan handelt, sondern den ominösen Nagel auf den ominösen Kopf trifft: Kabinettstücke des Journalismus, amüsant, prägnant, politisch, persönlich.

 

Zugegeben, ich befinde mich politisch nicht im Widerspruch zum Autor und so mag es mir etwas leichter fallen als anderen, mich seinen politischen Ausführungen zu überlassen. Doch auch den Leserinnen und Lesern sei das Buch an Herz gelegt, die keine politischen Präferenzen mit dem Autor verbinden, da sein Engagement, seine scharfe journalistische Beobachtungsgabe, die stilistischen Mittel, sein Witz, die fesselnde Sprache und seine Originalität zumindest sehr unterhaltsam sind. GGM sagte einmal, dass das Ziel für seine Art des Journalismus ist, „das Gespür für die schlagende Episode oder bezeichnende Anekdote, der Blick für das abseitige Detail, in dem der größere Zusammenhang aufleuchtet, der entschiedene Wille nach den verborgenen Motiven der Protagonisten zu suchen“. Ich bin sicher, so wie ich, wird auch das geneigte Publikum das Motto des Autors als eingelöst betrachten.

 

 

 

Wilfried John

 

 

Dornröschens Flugzeug
Journalistische Arbeiten 5. 1961-1984

Gabriel García Márquez
848 Seiten – Gebundenes Buch
Verlag: Kiepenheuer & Witsch – Aus April 2008

ISBN: 978-3-462-03975-7

34.95 Euro