Gabriel Garcia Marquez „Erinnerung an meine traurigen Huren“

Lebenslänglich

Pro: Zauberhafte Prosa, anrührend und verstörend, ironisch und melancholisch

Contra: Ein wirklich sehr schmaler Band, leicht missverständlich.

Alter. Glaubt man den neoliberalen Systemveränderern aus den Konzernzentralen, ihrem fast-debilen politischen Personal aus allen Parteien und den Mitteilungsblättern für stromlinienförmigen, und der Sache der Herren dienlichen, Zeitgeist (z.B. die FAZ), dann gewinnt das Problem des Alters zunehmend an Bedeutung, da angeblich der Anteil alter Menschen an der Gesamtbevölkerung größer und größer würde und somit mannigfaltige Gefahren für was auch immer im Entstehen seien. Nun, über Statistiker werden seit langer Zeit unaufhörlich (meist gute und treffende) Witze gemacht, die einer breiten Öffentlichkeit sehr geläufig sind… Warum nur kennen die Machthaber in unserem Lande diese Witze nicht? Einen Witz nicht zu kennen wäre ja nicht verwerflich, aber das was manche Witzfiguren absondern ernst zu nehmen, das ist zumindest ebenfalls ein Witz (siehe auch Anmerkung 1.). Solche Statistiker werden dann ganz schnell zu willfährigen Handlangern einer interessengeleiteten Meinungsmache.

Häufig, das liegt schon im Sinn des Wortes, wird Meinungsmache für bestimmte Zwecke konzipiert und von langer Hand geplant. Hinter solchen Parolen der öffentlichen Debatten stecken mächtige und schwerreiche Interessengruppen und nur die Denkfaulheit vieler Mitmenschen und die Neigung, sich dem Strom der Meinungen anzupassen, lassen die Strategien solcher Meinungsmacher erfolgreich sein. So hat es die ideologisierte Meinungsmache geschafft, mit Begriffen wie Altlast, Rentnerschwemme und Überlastungsquote, irrationale Ängste in der Bevölkerung zu schüren. Parallel dazu werden  Stereotypen wie Fortschritt und Wachstum, Wettbewerb und Leistung, in eigentlich unhaltbarer weise, einseitig mit der Jugend in Verbindung gebracht. Der junge dynamische Mensch wurde als Idealbild der sog. bürgerlichen Gesellschaft installiert. Nach Meinungsumfragen steht die Bevölkerung dem Alterungsprozess sehr kritisch gegenüber.

Doch mit ein wenig eigenem Nachdenken könnten die Klischees solcher Stereotypen sehr leicht durchschaut werden. So hat zum Beispiel die Leistungsfähigkeit nur teilweise mit körperlicher Konstitution zu tun – es gibt massenhaft Beispiele (z.B. in Leistungsentlohnungssystemen tausender Betriebe), dass Produkt- und Lebenserfahrung auch ältere Menschen in die Lage versetzt, mit jung-dynamischen Kollegen mühelos Schritt zu halten. Beim Stichwort Erfahrung leuchtet auch sofort der Zusammenhang mit Fortschritt und Entwicklung ein – ohne ein gerüttelt Maß an Erfahrung ist eine Weiterentwicklung von Prozessen oder Produkten nun mal nur bedingt möglich. Und fragt man dann einmal nach, was denn unter dem Begriff „Bürgerliche Gesellschaft“ zu verstehen ist, dann wird man unter Umständen dem Problem auf die Spur kommen: Es besteht eine Diskrepanz zwischen dem was die Allgemeinheit darunter verstehen möchte und dem was die Meinungsmacher darunter verstehen. Deren Bürgerbegriff fußt nämlich nicht auf dem Bürgerbegriff z.B. der französischen Revolution, sondern eher auf dem Bissmarks.

So wird verständlich, dass solche Debatten interessengeleitete Debatten sind, die unter anderen – als den angegebenen – Zielsetzungen geführt werden. Um herauszufinden was der eigentliche Grund solcher Debatten ist, zeigt sich eine Frage hilfreich, die man auch auf alle sonstigen Lebenslagen anwenden kann: Wem nützt es? In Zeiten der Verbetriebswirtschaftlichung der Gesellschaft, die fast durchgängig nur noch nach dem Kosten/Nutzen-Prinzip betrachtet wird, haben nur noch diejenigen von solchen Debatten Vorteile, die sich dadurch eine Steigerung ihrer Profite versprechen. So haben nur diejenigen den Vorteil, die diese Debatten finanzieren; allen voran die Arbeitgebervereinigung Gesamtmetall mit ihrer „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“, die – ausgestattet mit 100 Millionen Euro – solche Medienaktionen veranlasst. Ältere Arbeitnehmer haben in ihrem Arbeitsleben meist höhere Ansprüche erworben als Jüngere, bei gleichzeitig entwickelten technologischen Möglichkeiten das Erfahrungswissen der Älteren zu erfassen, haben die Betriebe begonnen, ihre Kosten dadurch zu senken, in dem sie die Alten (z.B. durch Frühverrentung) ausmustern; selten geht es dabei um Leistungsfähigkeit.

Ich habe mich bislang nur an die Leitlinien dieser unsäglichen Verunglimpfungen der Älteren gehalten und noch nichts über andere Werte als die betriebswirtschaftlichen gesagt. An dieser Stelle kommen Begriffe wie Würde, Selbstbestimmung und Kreativität ins Spiel. Natürlich ist der Begriff Würde ebenso wenig nur auf Alte zu beziehen, wie Leistungsfähigkeit nur auf Junge passt. Da nach meinem Verständnis Würde nicht selbstverständlich ist, kann ich hinter dem Begriff eine gewisse Lebensleistung vermuten, die – aufgrund der erforderlichen Zeit – eher auf ältere Menschen anwendbar ist; wobei diese Lebensleistung natürlich nicht ausschließlich im Zusammenhang mit Erwerbsarbeit zu verstehen ist. Heute, da ich selbst ein älterer Mensch bin, verstehe ich sehr gut, dass Selbstbestimmung ein hohes Gut ist. Selbstbestimmung meint einen gewissen Grad an persönlicher Unabhängigkeit, die man als junger Mensch selten hat. Diese Unabhängigkeit hat verschiedene Wurzeln – die Spanne reich von materiellen bis zu ideellen Ursachen – und auch diese Freiheit ist aus der Lebensleistung resultierend.

Statt sich also vor dem Alter zu ängstigen und es zu stigmatisieren, sollte man sich lieber seiner bedienen – es hält sehr viele, für die Gesellschaft wertvolle, Ressourcen bereit und würde sicher sehr gerne teilen; was natürlich von den Profiteuren aus den Konzernzentralen nicht selbstverständlich zu erwarten ist, außer man zwingt sie dazu (deswegen liefen sie ja auch gegen das Anti-Diskreminierungs-Gesetz Sturm).

Doch kommen wir nun lieber zu dem noch ausstehenden der von mir genannten Alternativ-Werte: Die Kreativität. Künstler aller Schaffensperioden und aller Genres haben uns gelehrt, dass im sog. Alterswerk eine unglaubliche Brillanz und Ausstrahlung stecken kann… als wenn eine lebenslang gesammelte Erfahrung mit dem eigenen Werk, in den wenigen noch verbleibenden Chancen der Gestaltungsmöglichkeiten, in einer letzten Blüte präsentiert würde. Wer mich kennt wird jetzt erwarten, dass ich mich an dieser Stelle auf ein Werk und somit auf einem Künstler aus Lateinamerika beziehen werde. Genau das ist richtig: Ich möchte über das neuste (vielleicht letzte) Werk des Literaturgiganten Gabriel Garcia Marquez (GGM), „Erinnerung an meine traurigen Huren“  schreiben.

Nun, entgegen mancher Erwartung habe ich mir mit dieser Rezension lieber etwas mehr Zeit gelassen. Einerseits wurde im Vorfeld der Veröffentlichung ein – meiner Meinung nach – etwas unwürdiges Medienspektakel vom Zaun gebrochen, in dessen Dunstkreis ich nicht geraten wollte. Es ist heute offenbar keine Ausnahme mehr, dass vor dem Erscheinen lange erwarteter Bücher Produktpiraten versuchen ihren illegalen Profit heraus zu schlagen und folglich – so wurde kolportiert – kursierten in Kolumbien vor dem Erscheinen des Originals schon zahlreiche Raubdrucke. Das wurde dann werbewirksam in die Medien gebracht und so versucht die Aufmerksamkeit (als ob das für GGM noch nötig gewesen wäre) zu steigern. Eine kurze Meldung darüber, dass GGM den Schluss seines druckfertiges Manuskript neu und um geschrieben hat, hätte den Piraten ebenso den Boden entzogen.

Andererseits erzeugte dieser Medienrummel ein fast reflexhaftes Hauen und Stechen über die Qualität und das Verständnis des Buches nach dessen Veröffentlichung; auf die Spitze getrieben durch die allseits sehr überschätzte Rezensentin Elke Heidenreich, die besser als Else Stratman weiter über die Kleinkunstbühnen getingelt wäre, anstatt sich über gute Bücher in abstruser weise rüde zu brüskieren. Selten habe ich eine Kritik erlebt, die das zu kritisierende Werk so gründlich missverstanden hat (siehe Anmerkung 2.) und es mit Begriffen wie Kinderpornographie zu diskreditieren versucht. Natürlich wird es immer Menschen geben, die ein noch so gut gemeintes Werk missverständlich auffassen wollen, aber jene noch darauf aufmerksam zu machen und ihnen eine Quelle für ihren abartigen Lustgewinn anzutragen, ist – gelinde gesagt – leichtfertig und populistisch. Nicht einmal eine genaue formale Auseinandersetzung mit dem Werk fand statt, das immer wieder (selbst vom Verlag) als Roman bezeichnet wird. Dabei handelt es sich wohl eher um eine Novelle, deren Merkmal es ist, dass – im Gegensatz zum Roman – eine unerhörte tatsächlich geschehene Begebenheit erzählt wird. Außerdem hätte man sogar feststellen können, dass es sich bei diesem Werk um eine Novelle handelt, die mit dem Mittel des Berichts zusammen gebracht wurde; was erneut die Meisterschaft von GGM bezeugt, da er uns sozusagen en passant eine neue Gattung präsentiert. Aber auf solche Feinheiten achtete Else Stratmann nicht.

Hier zeigt sich einmal mehr und sehr eindringlich, wie notwendig es ist den Autor zu kennen und sein Leben und Werk quasi in eine Gesamtsicht zu nehmen, um dem Versuch sein Werk richtig zu verstehen eine hinreichend große Chance auf Erfolg einzuräumen. Da ich hier schon mehrere Werke des Schriftstellers vorgestellt habe, zitiere ich die biographischen Daten aus diesen Besprechungen: GGM wurde am 6.3.1928 in Aracataca/Magdalena, einem kleinen unbedeutenden Dorf an der kolumbianischen Karibikküste geboren und wuchs bei den Großeltern auf. Sein Vater, ein kleiner Telefonist, und seine Mutter, die Tochter aus dem Hause eines verdienten Obersten. Er genoss eine liberale Erziehung, besuchte die Dorfschule und später das Jesuiten-Kolleg in Barranquilla. Als Kind musste er die blutige Niederschlagung eines Streiks der Bananenarbeiter miterleben, was sein Leben prägen sollte. Ab 1940 besuchte er, mit einen Stipendium des Jesuiten-Kolleg ausgestattet, das er wegen seiner guten Leistungen erhalten hatte, die höhere Schule in Zipaquirá, einer Stadt nahe Bogota. Ab 1947 ist er eingeschriebener Jurastudent an der Universität von Bogota und in der Zeitung, bei der er später selbst arbeiten wird, erscheint seine erste Erzählung; der Herausgeber lobte sich damals schon, einen großen Schriftsteller entdeckt zu haben.

Am 9.4.1948 wird der liberale Bürgermeister von Bogota, ein sehr beliebter Mann, ermordet und ein Aufstand legte die bittere Rivalität zwischen Liberalen und Konservativen offen. Die Stadt glich einem Schlachtfeld und aus dem Aufstand heraus, entstand die sog. Violencia, der bis 1962 über 300000 Menschen zum Opfer fielen; wie es halt so ist, wenn eine rechte Regierung mit dem Instrument des Völkermords Ruhe und Frieden herstellen will. Angesichts der Gräueltaten, der Gewalt, verlässt GGM Bogota und studiert in Cartagena weiter. Hier jedoch vollzog sich eine Wandlung… er wird nie Jurist werden, da er Journalist geworden ist (hier sei auf den Titel „Frei sein und unabhängig“ hingewiesen, in dem sein journalistischer Werdegang detailliert dargestellt ist… auch hier bei Ciao besprochen).

Es ist für GGM ein langer Weg, zu dem zu werden, den wir heute kennen… zu einem der größten Schriftsteller der Welt. Nach dem Abbruch seines Jurastudiums schreibt Marquez, wie gesagt, zunächst für eine liberale Zeitung in Bogota Reportagen und Filmkritiken. 1955 wird er als Korrespondent nach Genf, Paris und Rom entsandt. 1959 kam dann eine Einladung aus Kuba: Fidel Castro bittet GGM, über die siegreiche kubanische Revolution zu berichten; was dieser auch tut. Dabei werden die beiden Männer persönliche Freunde. Bei GGM ist es auch nicht so einfach, Literatur und Journalismus klar zu trennen, denn seiner Meinung nach soll die Literatur ein Abbild einer Wirklichkeit sein; wie eben der Journalismus auch. Sein erster Roman erschien 1955, nach dem ihm ein berühmter spanischer Kritiker (ein Lob auf die Kritiker, Frau Stratmann!) empfohlen hatte, sich besser mit etwas anderem zu beschäftigen, und war der Beginn einer einzigartigen Schriftstellerkarriere, in deren Verlauf dann irgendwann der große Wurf kommen sollte – „Hundert Jahre Einsamkeit“ erschien 1967. Und schließlich wird ihm 1982 der Nobelpreis für Literatur verliehen. Neben seinem literarischen Schaffen ist GGM bis heute auch politisch aktiv, engagiert sich gegen Korruption, Ausbeutung jeglicher Art (von Sextourismus bis Kinderhandel) und Drogenkriminalität. In seiner Heimat gilt Marquez als moralische Instanz, er lebt und schreibt allerdings seit vielen Jahren vor allem in Mexiko City und auf Kuba.

Es liegt wohl in erster Linie am vordergründigen Plot des Romans, dass es zu solch harscher (besonders aus feministischer Sicht) Kritik kam: Zu seinem 90. Geburtstag nahm sich ein alter Mann (der in seinem Leben nur mit Prostituierten geschlafen hat) vor, in einem Bordell eine Nacht mit einem jungfräulichen Mädchen zu verbringen. Der alte Mann im Roman ist Journalist (dessen Namen nie genannt wird), der die Geschichte in der Ich-Form erzählt (vielleicht ein Grund für vorschnelle Urteile). Er ist ein kultivierter Mensch, dem seine gebildete Mutter klassische Musik und die Literatur nahe gebracht hatte. Dennoch hielt ihn seine Kultiviertheit nicht davon ab, mit über fünfhundert Huren im Puff der Rosa Cabarcas, der mit allen Wassern gewaschene Puffmutter, zu schlafen. Mit ihr setzt sich der Protagonist in Verbindung, die alles für ihn arrangieren soll; was nach ein paar Tagen auch klappen sollte. In der ersehnten Nacht, einer Nacht in einer ganzen Reihe von noch folgenden Nächten, findet er das Mädchen schlafend im verlotterten Zimmer des Bordells. Er bringt es nicht übers Herz es zu wecken und betrachtet stattdessen die ganze Nacht hindurch verzaubert die Schlafende.

Was er zunächst nicht wusste: Rosa Cabarcas hat das Mädchen mittels Baldrian in Tiefschlaf versetzt. Dieses Mädchen löst in dem alten Mann nie zuvor erlebte Gefühle aus. Eigentlich wusste er kaum etwas von ihr und so stellte er sie sich so vor wie er es gerne gehabt hätte; sogar den Namen Delgadina dachte er sich für sie aus. Zunächst ist sie eine Projektionsfläche für seine Gedanken, doch die Schlafende kehrt das scheinbar um und wird zum Spiegel, der ihn dazu bringt sich selbst zu verstehen. Alles in seinem Leben ändert sich in bemerkenswerter Weise, die selbst der Öffentlichkeit nicht verborgen bleiben kann. Seine, seit Jahrzehnten, in der lokalen Sonntagszeitung erscheinenden Kolumnen – die eher langweilig daher kamen und nur aus Respekt vor seiner langen Betriebszugehörigkeit noch erscheinen – werden leidenschaftlich und sind bald nicht mehr aus der öffentlichen Wahrnehmung wegzudenken.

Plötzlich verschwindet das Mädchen spurlos… was den Liebenden mit dem ganzen Spektrum der Leidenschaften, von A wie Alleinsein bis Z wie Zerknirschtheit, konfrontiert. Von einer Bekannten erhält der Protagonist am Ende den Rat, um das junge Mädchen zu kämpfen, was er dann auch beherzigt, da er nichts mehr fürchtet, als dass ein anderer Mann das vollenden könnte, was er begonnen hat. Nun, ich lasse das Ende hier offen… aber es ist so wie bei den meisten Märchen. Auf der letzten Seite gibt uns der Mann zu Protokoll, dass für ihn das wahre Leben nach seinem 90. Geburtstag begann und er aus den Ereignissen so viel Energie geschöpft habe, dass er sich auf seinen 100. Geburtstag freut.

Wem das als Inhaltsangabe etwas kurz vorkommen man, dem sei gesagt, dass man auf 160 Seiten mit großzügigem Layout eben nicht mehr schreiben kann. Natürlich wäre es auch völlig unsinnig, zu vermuten, dass ein Mann wie GGM ein Buch heraus gibt, in dem nicht mehr zu finden ist, als man auf der Oberfläche eben sieht. Aber das Unterschwellige zu finden, in die Untergeschosse dieses Gedankengebäude zu gelangen, setzt nun mal gründliche Auseinandersetzung mit dem Werk voraus – und es setzt eine Ahnung davon voraus, dass es so etwas wie ein Untergeschoss eines Gedankengebäudes überhaupt gibt. Um auf eine erste Spur zu kommen, könnte man sich ja einfach mal gewisse Formalitäten genauer betrachten… z.B. den Entstehungszeitraum des Werkes. Man weiß nämlich sehr genau wie lange GGM seinem Buch gearbeitet hat. In seiner Zeitungskolumne „Das Flugzeug der schlafenden Schönen“, welche am 19. 9. 1982 in der Zeitung „El Espectador“ erschien, berichtet GGM davon, dass er auf dem Flug von Paris nach New York etwas erlebte, das – im Zusammenhang mit einem anderen Ereignis, auf das ich gleich zu sprechen komme – ihm als Anlass für dieses Buch diente.

Es liegen also 22 Jahre Beschäftigung mit einem Werk vor, das – flapsig gesagt – vom Umfang her gesehen, ein Hauptschüler bequem in einer Woche schreiben kann. Allein dieser Fakt legt doch den Schluss nahe, dass da noch etwas zu finden sein müsste… Und in der Tat, bei näherer Betrachtung gibt es da natürlich noch mehr. Auch dieser Aspekt des Werkes geht auf die Zeit Anfang der 1980er Jahre zurück. Während einer Reise nach Japan, in deren Verlauf GGM auch mit japanischen Autoren zusammen kam, wurde er enthusiastisch als einer der ihren gefeiert. Das war nicht nur eine typisch japanische Höflichkeitsgeste. Der spätere Träger des Literatur-Nobelpreises Kenzaburo Oé hatte 1979 einen Roman veröffentlich, in dem er eine Samurai-Saga nach dem Muster von „Hundert Jahre Einsamkeit“ (auch hier bei Ciao besprochen) entworfen hatte. Kenzaburo Oé führte GGM sozusagen als eines seiner Vorbilder ein, was dazu führte, dass die Kollegen begannen sich miteinander zu beschäftigen. Bei dieser Gelegenheit lernte er auch das Werk „Die schlafenden Schönen“ des japanischen Schriftstellers Yasanuri Kawabata kennen und begeisterte sich für diesen Roman; was er 1998 zu Protokoll gab. Er schrieb selbst: „Vor fünfzehn Jahren etwa las ich Die Schlafenden Schönen“, ein Meisterroman des japanischen Nobelpreisträgers Yasanuri Kawabata, und empfand das erste Mal in meinem Leben großen Neid gegenüber einem anderen Schriftsteller. Fünfzehn Jahre später, nachdem ich ihn unzählige Male wieder gelesen habe, entschied ich, weil ich Bock darauf hatte, eine eigene, der karibischen Kultur angepasste, Version zu schreiben.“

GGM beriet sich mit seinem Freund Kenzaburo Oé, der ihm sehr detaillierte biographische  Angaben über Kawabata zur Verfügung stellte und genaueste Auskunft über die literarische Ausdrucksweise seines Kollegen gab. Dabei schilderte der Kollege ein Ereignis, das dem –   nachweislich erst später eingetretenen Ereignis von dem schon die Rede war – überaus ähnlich ist. Vielleicht erlebte GGM die Episode im Flugzeug ja nur, weil sein japanischer Kollege davon gesprochen hatte. So oder so – in beiden Fällen also hat nichts des zugrunde liegenden realen Impulses zu diesem Roman mit irgendwelchen jungen Mädchen zu tun, geschweige denn mit Missbrauch. Das Werk von GGM steht außerdem auch im Dialog mit weiteren Klassikern der Weltliteratur. So z.B. verarbeitete er Sonette des spanischen Dichters Gerardo Diego oder aber Francisco Delicados Werk Bildnis der fröhlichen Andalusierin“, das 1528 in Venedig erschienene romanhafte Stück erzählt in 125 Episoden über Leben und Gewerbe von Prostituierten und Kupplerinnen im Austausch zwischen italienischer und spanischer Kultur des 16. Jahrhunderts.

Aus dem bisher gesagten geht also hervor, dass sich GGM einerseits mit dem für ihn typischen karibisch-literarischen Stil um eine Übersetzung fernöstlicher Lebensphilosophie

in seinen kulturellen Kontext kümmert und sich andererseits auch mit Fragen des Berufsethos und dem gesellschaftlichen Status von sich prostituierenden Frauen beschäftigt, deren soziale Not als Ursache für Prostitution im Werk ausdrücklich beschrieben wird. Besonders das Letztgenannte verbietet eigentlich schon die Annahme, dass es sich bei „Erinnerungen an meine traurigen Huren“ um eine Verherrlichung des Machismo der Puffgänger handelt. Das eigentliche Thema ist allerdings ein ganz anderes: Es ist eine Auseinandersetzung mit dem Sterben und dem Alter allgemein. Kein Wunder, dass sich GGM damit beschäftigt. Zum einen ist der Tod ganz allgemein seit seiner Kindheit als Erlebnis und Erfahrung für ihn gegenwärtig und zum anderen darf sich ein älterer Herr, Jahrgang 1928, schon mal speziell mit seinem eigenen Lebensende auseinandersetzen, zumal er durch seine Krebserkrankung, vor ein paar Jahren dringlich darauf aufmerksam gemacht wurde. Wenn es also einen Zusammenhang zwischen Biographischem und Fiktionalem zu erforschen gilt, dann dieser; übrigens ist erforschen das Gegenteil von hineininterpretieren.

GGM beginnt seine Novelle in enger Anlehnung an den Plot Kawabatas. Dessen Protagonist ist Herr Eguchi und er sucht die Jungfrauen nicht auf, um etwa Genüsse irgendwelcher Art zu erleben, sondern es handelt sich hierbei um einen, japanischen Traditionen entsprechenden, kontemplativen Akt der Vorbereitung auf den Tod. Wie schon gesagt, geht auch in der Version von GGM ein alter Herr zu einer Jungfrau, aber er denkt sozusagen in unserem kulturellen Kontext und wünscht ein sexuelles Erlebnis. Aber die Perspektive ändert sich. Wie im japanischen Werk, wird eine Vorbereitung auf das Lebensende eintreten. Wer wünscht sich nicht ein erfülltes Leben? Und was ist ein Leben, ohne je die Liebe kennen gelernt zu haben? Was vordergründig als oberflächlich ersehnter Lustgewinn aus der Beobachtung eines schönen Körpers zu lesen ist, wird geradezu zur Verherrlichung der Schönheit des Weiblichen und zu einer Achtungsbezeugung.

Man muss sich schon die Mühe machen, immer an das Werk Kawabatas zu denken… denn auch manche bei GGM vorkommenden Personen sind Verbindungslinien zum japanischen Vorbild. So gibt GGM in einem Kommentar zu seinem Projekt preis, dass er jene Frau die dem Japaner Anlass für sein Werk gewesen ist, auch in seinem Werk einen Platz haben soll. Sie ist relativ leicht zu identifizieren: sie tritt am Ende der Novelle auf, als dem Ich-Erzähler jene Bekannte begegnet, von der in der Inhaltsbeschreibung schon die Rede war. Es handelt sich um eine seiner früheren Huren. Die Frau hört sich seine Geschichte von der ersten Begegnung mit dem schlafenden Mädchen, bis zu der tragischen Nacht ihres Verschwindens an. Nachdem sie über sein Geständnis nachgedacht hat, empfiehlt sie ihm zu kämpfen, da es kein größeres Unglück gebe, das das allein zu sterben.

Somit setzt GGM Kawabatas zen-buddhistisches Hinnehmen des Todes, die karibische Lebensfreude entgegen, die sich – fiktional übersetzt – im Zusammentreffen mit dem Mädchen entfaltet. Das beschreibt auch die persönlichen Haltungen der beiden Schriftsteller. Während GGM den Krebs besiegte, verübt Kawabata Harakiri. GGM lässt seinen Protagonisten sich für das Leben entscheiden, auch wenn diesem das Leben in seinem Alter schon eine Last ist. Er sagt am Schluss des Buches: „Mein Herz war gerettet und dazu verdammt, an wahrer Liebe zu sterben, in glücklicher Agonie, an irgendeinem Tag nach meinem hundertsten Geburtstag“.

Gewiss, „Erinnerung an meine traurigen Huren“ ist kein typischer GGM-Roman, nicht einmal ein Roman ist das Werk. Doch wie er mit gerade einmal 160 Seiten auskommt um uns seine Sicht auf das Lebensende nahe zu bringen und dabei gleichermaßen einen Kollegen zu ehren, ist meisterlich. Was ihm in vielen Kritiken als Schwächen ausgelegt wurde, ist vielleicht gerade die Stärke des Werks – gerade weil es ihm nicht um psychologische Plausibilität seiner Figuren geht, wirkt das was er zu sagen hat allgemeingültig (jedenfalls aus westlicher Sich oder vielleicht auch nur aus meiner Sicht). Vielleicht musste es nicht unbedingt der etwas reißerische Titel sein, vielleicht bedurfte es nicht unbedingt der skurrilen Handlung, um mir deutlich zu machen, dass eine gewisse Poesie im Altsein liegt. Für mich ist dieses Buch ein Beweis für die ungebrochene Meisterschaft des GGM eine Geschichte so zu erzählen, dass ich nie den Eindruck hatte, etwas von seiner Kunst – die ich immer schon an ihm schätzte – zu vermissen.

Ein für mich maßgebliches Moment dafür, dass ich von diesem Buch angetan bin, ist die Kraft mit der GGM eine geheimnisvolle Stimmung erzeugt, der ich mich nie entziehen konnte und wollte. Es könnte auch sein, dass ich nur deswegen von diesem Werk angetan bin, weil ich in ihm Erfahrungen verarbeitet finde, die ich bei mir selbst finde. Je mehr an die Stelle des Sexus der Eros tritt, desto klarer wird, dass ein Leben auf der Jagt nach sexueller Begierden eigentlich leer ist. Für mich gehört dieses Buch zweifelsohne zu den lesenswertesten Büchern die ich kenne. Wie offen und dennoch poetisch GGM über teils tabuisierte Themen (z.B. Liebe im Alter) schreibt und sich dabei ironisch und melancholisch, herzlich und bitter, kraftvoll und zerbrechlich zum Ausdruck bringt, ist für mich hohe Kunst. Die Verbindung von Novelle und Bericht, das Poetische und das Realistische nebeneinander, sein persönliches Bekenntnis zu einem erfüllten Leben und zum Glück (auch wenn es spät zu uns kommen mag), wirkte bei mir anrührend und tröstlich zugleich.

Natürlich ist es fast zwangsläufig so, dass man von einem der Hauptfiguren des „Magischen Realismus“ (womöglich dessen Erfinder) erwartet, dass er seinem Stil treu bleibt. Aber ich gestehe ihm ohne weiteres zu, dass er mir auch andere Aspekte seines Könnens präsentiert… besonders dann, wenn ich mich im Werk gespiegelt sehe. Jüngere Leute können das vielleicht nicht verstehen, weil ihnen notwendige Erfahrungen einfach nicht zur Verfügung stehen (können). Deswegen meine ich, dass das Buch für Jüngere nicht dazu geeignet ist GGM für sich zu entdecken; sie sollten lieber – falls sie am Thema interessiert sind – mit „Liebe in den Zeiten der Cholera“ (auch hier bei Ciao besprochen) in das Denken und das Werk dieses Großen der Weltliteratur eintauchen. In oben genannten Sinne, ist das Buch für mich ein typisches Beispiel für ein Alterswerk – und wäre froh, wenn uns allen am Ende solche vorzüglichen Werke gelingen könnten.

Vielleicht gilt ja die alte Weisheit, der zufolge die Würze in der Kürze liegt. Aber was für mich die Würze ausmacht, ist vielleicht für andere ein Hindernis für die Verständlichkeit des Werkes. Ein Aspekt für mich ist jedenfalls die souveräne Meisterschaft, mit der GGM seine Geschichte erzählt und was das Buch für mich – ganz im Sinne des Wortes – zu einem Kleinod der neueren Literatur macht. „Erinnerung an meine traurigen Huren“ ist für mich eine (sehr gelungene) Metapher auf ein sich seinem Ende zuneigenden Lebens und die dafür plädiert, auch noch die letzten Gelegenheiten zu nutzen, um sich zu erfüllen. Ein Kritiker sagte zu dem Werk, und wir sollten es uns gründlich merken, auch wenn es ein wenig zu scharf klingen mag: „Im Licht der untergehenden Sonne werfen selbst kleine Dinge große Schatten. Das weiß auch Gabriel García Márquez, der in diesen Roman die ganze Schmerzlichkeit des Alterns gelegt hat.“

Wilfried John

Erinnerung an meine traurigen Huren

Gabriel Garcia Marquez

160 Seiten – Gebundenes Buch

Verlag: Kiepenheuer & Witsch – Aus Dezember 2004

ISBN: 3-4620-3452-9

16,90 €

Anmerkung 1. Zum Thema statistische Taschenspielertricks siehe auch ttp://www.nachdenkseiten.de/cms/front_content.php?client=1&lang=1&idcat=7&idart=572

Anmerkung 2. Das schrieb Elke Heidenreich: „Der Autor will uns suggerieren, dass der geile Alte Liebe empfindet. Liebe für ein Mädchen, das sich aus Angst vor seiner Vergewaltigung (ihre Freundin ist bei einem ähnlichen Geschäft innerhalb von nur zwei Stunden verblutet) Nacht für Nacht schlafend stellt. Dieser Roman ist an Widerwärtigkeit kaum zu überbieten und gehört in die Reihe der Altherrenphantasien von Nabokovs „Lolita“ über Philip Roths „Das sterbende Tier“ und den grässlichen „Brasilien“-Roman des sonst so wunderbaren John Updike bis zu Charles Simmons‘ „Das Venus-Spiel“, Martin Walsers „Der Augenblick der Liebe“ oder Louis Begleys „Schiffbruch“. Große alte Männer der Literatur, bewundernswerte Geschichtenerzähler lassen im Alter plötzlich noch mal – ja: die Sau raus und beschreiben, wovon sie heimlich unter der Bettdecke träumen. Immer geht es dabei um strammes junges Fleisch, und immer denkt man beim Lesen: Großer Gott, so genau hab‘ ich es doch gar nicht wissen wollen. Hier wird Liebe verwechselt mit Begierde, und die Begierde zielt immer auf Frischfleisch. Natürlich darf die Literatur alles. Natürlich darf García Márquez alles. Aber wir regen uns auf über Kinderpornographie und preisen gleichzeitig diesen Roman, den die Kritik mit Elogen wie „Eine virtuose Feier der Liebe und somit des Lebens“ oder „Eine geheimnisvolle Poesie liegt über der Handlung“ oder „Hohes Lied auf die Enthaltsamkeit“ feiert, die Lüsternheit eines Greises mit prächtigem „Eselsschwanz“ nach einem unterernährten vierzehnjährigen Mädchen, das er mit seinen Küssen vollsabbert, als große Literatur. Ich halte das auch dann, wenn man es als lateinamerikanisches Machogehabe abtut, immer noch für eine höchst verlogene Angelegenheit.

Gerhard Schoenbrenner schrieb dazu: „Als Stendhal vor 175 Jahren »Le Rouge et le Noir« schrieb, machte er, wie damals üblich, den geneigten Leser darauf aufmerksam, dass man den Autor nicht für die Ansichten und Handlungen seines Romanhelden verantwortlich machen darf. Vielleicht kann das jemand unserer Kritikerin schonend beibringen.“