Gabriel Garcia Marquez „Hundert Jahre Einsamkeit“

Überschrift: Jedes Paradies hat seine Schlange

Pro: Man meint das Buch zu kennen…

Contra: Man meint das Buch zu kennen…


Schicksal. Sehr viele Menschen meinen, das Leben würde vom Schicksal bestimmt. Und was da nicht alles als schicksalhaft angesehen wird… wobei ich mich an dieser Stelle ganz aus dem Thema Sternengläubigkeit heraushalten will, obwohl es mit dem Begriff Schicksal in Verbindung steht. Mit Schicksal wird alles das bezeichnet, was durch äußere und innere Faktoren nicht beeinflussbar zu sein scheint. Doch untersucht man die uns umgebenden Phänomene aber mit dem Kriterium der Unbeeinflussbarkeit, dann bleibt von dem was Schicksal genannt werden sollte recht wenig übrig. Bei genauerer Betrachtung kommen dafür nicht einmal alle Naturkatastrophen in betracht, da einige nur deswegen entstehen, weil die Menschen wider besseres Wissen z.B. Bergwälder in den Alpen fällten und dann das Schicksal des Lawinentoten beklagen.

 

Sicher, die Welt um uns ist so ungeheuer komplex, dass Vieles als zufällig geschehen erscheint und wenn das so wäre, wäre die Bezeichnung Schicksal gerechtfertigt. Aber auch hier gilt, dass wir bei genauerem Hinsehen, das eine oder andere Ereignis durchaus hätten vermeiden, verändern können oder, besser vorbereitet, unbeschadet überstanden hätten. Natürlich wird auch der Zufall schicksalhaft das Leben des Menschen mitbestimmen, aber auch für den Zufall gilt, dass wir, analog wie beim Begriff Schicksal, vielleicht lediglich eine zu kleine Kalkulationsgrundlage hatten und mit dem Eintreten dessen was dann zufällig geschah, bei besserer Datenlage hätten rechnen können. Für mich steht fest, dass ich mich mit dem Begriff Schicksal durchaus einverstanden erklären kann und das Vorhandensein eines blinden Schicksals anerkenne.

 

Womit ich mich jedoch nicht beschäftige, ist der Glaube an irgendeine anonyme Kraft, einen vorbestimmten Weg oder gar einen allwissenden, planenden Gott! Soviel Fatalismus kann es für mich nicht geben. Es ist kein Schicksal wenn der Raucher an Krebs, der Übergewichtige an Herzinfarkt oder der Extremsportler an einem Unfall stirbt. Es ist auch kein Schicksal, wenn zwei Drittel der Menschheit in Armut lebt oder einem Drittel nicht einmal sauberes Trinkwasser zur Verfügung steht. Es ist auch kein Schicksal, wenn einzelne Menschen wegen bestimmter Charaktereigenschaften oder unpassender Begabungen am Leben verzweifeln oder andere Menschen ins Unglück stürzen.

 

Dass zwei Drittel der Menschheit in Armut leben muss, ist das Ergebnis eines von Menschen ungerecht organisierten Wirtschaftssystems und dass ein Drittel kein sauberes Wasser hat, ist das Ergebnis von noch ungerechterer Verteilung dessen, was im ungerechten System erzeugt wird. Habgier, Skrupellosigkeit und Unterdrückung, Ausgrenzung, Manipulation und Überforderung sind das Ergebnis von menschengemachten gesellschaftlichen Zuständen. Es ist zwar sehr menschlich, im Gefühl der eigenen Machtlosigkeit und/oder in Situationen einer relativen Bedrohung an die Unveränderbarkeit der Umstände zu glauben, vielleicht auch um die Konsequenzen aus dem eigenen Handeln zu vermeiden, aber diese Haltung verlängert lediglich die schlechte Situation. Statt sich in Gottesfurcht, Fatalismus oder Duldsamkeit zu flüchten, ist es besser durch eigenes Nachdenken, Selbstreflexion… erst mal zu wissen, was man wirklich will, wohin man wirklich kommen will und dann die geeigneten Schritte konsequent gehen.

 

In der Konsequenz bedeutet der Verzicht auf Gestaltung der eigenen, seinen Interessen gemäßen Belange auch die Negierung des Vorhandenseins eines freien Willens. Natürlich gehört dazu auch die nötige Durchsetzungsmöglichkeit. Spätestens jetzt wird man erkennen, dass es auf die Mitmenschen, mit denen wir in Interaktion stehen, ankommt. Einer von der großen Mehrheit getragenen Idee ist auf lange Frist keine Minderheit gewachsen, auch wenn diese Minderheit noch so mächtig ist und die Verhältnisse noch so stark in ihrem Sinne geprägt sind. Es ist auch kein Argument gegen gemeinsames Handeln, wenn es in der Vergangenheit schon einmal nicht geklappt hat… das ist unveränderbare Vergangenheit und Was-Wäre-Wenn-Gedanken sind sinnlos. Aber wenn es stimmt, dass es anders gelaufen wäre, wenn ich mich anders verhalten hätte, dann muss ich mich doch nur anders verhalten, damit es anders läuft…

 

Ich möchte hier ein Buch vorstellen, das uns zu der Erkenntnis verhelfen kann, dass es auch in komplexesten Situationen immer eine Wahlmöglichkeit für uns gibt. Die Erkenntnis, dass alles Menschengemachte nicht alternativlos ist, scheint mir der erste Schritt dahin zu sein, diese Alternative zu ergreifen. Es ist kein neues Buch und es ist auch kein völlig unbekanntes, verstaubt in irgendwelchen Regalen lagerndes Werk. Seit nunmehr fast dreißig Jahren wird es weltweit gelesen und ist eines der erfolgreichsten Bücher der Weltliteratur. Sein Autor hat dafür den Nobelpreis für Literatur erhalten und ihm verdankt eine ganze kontinentale Literatur hohe Aufmerksamkeit. Nicht nur in Lateinamerika, daher kommt sein Autor, kennt fast jedes Kind den Titel und er ist schon fast zu einem geflügelten Wort geworden. Allerdings haben geflügelte Worte den Nachteil, dass man sie zwar kennt, aber selten die tieferen Bedeutungen erfasst, weil man sich nur noch oberflächlich mit ihnen beschäftigt. So ist also „Hundert Jahre Einsamkeit“ ein äußerst bekanntes, aber nicht immer wohlverstandenes Buch und ich möchte den Versuch machen, mein persönliches Verständnis des Werkes darzustellen.

 

Aber zunächst muss ich auf seinen Autor zu sprechen kommen. Es ist eine Binsenweisheit, dass die wenigsten Werke der Literatur ohne Kenntnis der Biographie ihrer Autorinnen oder Autoren vollständig verstanden werden können. Umso mehr trifft das auf das Werk zu, in dem sogar, nach eigenem Bekunden seines Urhebers, viele autobiographische Elemente eingeflossen sind. Gabriel Garcia Marquez (kurz GGM) ist ein überaus bekannter Mann und seine Biographie wäre auch angesichts seines Alters schon sehr ausführlich und  betrachtenswert. Doch ich möchte mich auf die Fakten beschränken, die zum Verständnis des Werkes unbedingt erforderlich sind. Dazu möchte ich auf frühere meiner Besprechungen hier zurückgreifen:

 

GGM wurde am 6.3.1928 in Aracataca/Magdalena, einem kleinen unbedeutenden Dorf an der kolumbianischen Karibikküste geboren und wuchs bei den Großeltern auf. Sein Vater, ein kleiner Telefonist, und seine Mutter, die Tochter aus dem Hause eines verdienten Obersten. Er genoss eine liberale Erziehung, besuchte die Dorfschule und später das Jesuiten-Kolleg in Barranquilla. Als Kind musste er die blutige Niederschlagung eines Streiks der Bananenarbeiter miterleben, was sein Leben prägen sollte. Ab 1940 besuchte er, mit einen Stipendium des Jesuiten-Kolleg ausgestattet, das er wegen seiner guten Leistungen erhalten hatte, die höhere Schule in Zipaquirá, einer Stadt nahe Bogota. Ab 1947 ist er eingeschriebener Jurastudent an der Universität von Bogota… und in der Zeitung, bei der er später selbst arbeiten wird, erscheint seine erste Erzählung; der Herausgeber lobte sich damals schon, einen großen Schriftsteller entdeckt zu haben.

 

Am 9.4.1948 wird der liberale Bürgermeister von Bogota, ein sehr beliebter Mann, ermordet und ein Aufstand legte die bittere Rivalität zwischen Liberalen und Konservativen offen… die Stadt glich einem Schlachtfeld und aus dem Aufstand heraus, entstand die sog. Violencia, der bis 1962 über 300000 Menschen zum Opfer fielen; wie es halt so ist, wenn eine rechte Regierung mit dem Instrument des Völkermords Ruhe und Frieden herstellen will. Angesichts der Gräueltaten, der Gewalt, verlässt GGM Bogota und studiert in Cartagena weiter. Hier jedoch vollzog sich eine Wandlung… er wird nie Jurist werden, da er Journalist geworden ist (hier sei auf den Titel „Frei sein und unabhängig“ hingewiesen, in dem sein journalistischer Werdegang detailliert dargestellt ist… auch hier bei Ciao besprochen).

 

Es ist für GGM ein langer Weg, zu dem zu werden, den wir heute kennen… zu einem der größten Schriftsteller der Welt. Bei ihm ist es auch nicht so einfach, Literatur und Journalismus klar zu trennen, denn seiner Meinung nach soll die Literatur ein Abbild einer Wirklichkeit sein; wie eben der Journalismus auch. Von der ersten Erzählung war schon die Rede, viele weitere folgten und alle erschienen im „El Espectador“ (und liegen heute als Sammelband „Die Augen des blauen Hundes“ vor). Sein erster Roman erschien 1955, nach dem ihm ein berühmter spanischer Kritiker empfohlen hatte, sich besser mit etwas anderem zu beschäftigen, und war der Beginn einer einzigartigen Schriftstellerkarriere, in deren Verlauf dann irgendwann der große Wurf kommen sollte – Hundert Jahre Einsamkeit erschien 1967. Und schließlich wird ihm 1982 der Nobelpreis für Literatur verliehen.

 

Vereinfacht könnte man sagen, dass „Hundert Jahre Einsamkeit“ ein Roman über die Geschichte einer Familie namens Buendia ist. Noch vereinfachter, könnte die Beschreibung des Romans lauten: Der Roman beschreibt in Kreisform die Erschaffung einer Welt und ihren Untergang, der von vorn herein angekündigt war. Nicht umsonst beginnt der Roman damit, dass sich ein Mensch vor einem Erschießungskommando sieht und sich an einen Anfang zurück erinnert; ein berühmt gewordener Romananfang. Diese oberflächlichen Beschreibungen stimmen zwar, aber sie sind natürlich nicht sehr tauglich, einen der facettenreichsten Romane der Weltliteratur umfassend und seiner Bedeutung gemäß zu beschreiben.

 

Von Anfang an kündigt sich die Zeit in ihrer Kreisförmigkeit an. Es ist die Zeit, in der Macondo, der zentrale Ort des Romans, gegründet werden wird; es wird eingebettet sein in eine Landschaft, die manche Sachverständige auch als biblisch bezeichnet haben (analog zur Erschaffung der Welt). Doch die Nennung des Roman-Ortes ist noch nicht der Anfang der Roman-Zeit… die wird eröffnet mit der Ankunft der Gründer und man könnte sie – folgt man der Terminologie von Genesis und Apokalypse – etwa als mystische, als vorgeschichtliche Zeit bezeichnen. Diese vorgeschichtliche Zeit geht, analog des geschichtlichen Werdens der menschlichen Gesellschaften, in eine historische Zeit über, wenn im Laufe der Erzählung die Kriege des Oberst Aureliano Buendia reichlich Platz im Roman erhalten. Es folgt ein Zeitalter der Entwicklung und des Wohlstandes, ja des Überflusses, aber auch das erste Auftauchen des Todes, da in Macondo erst in dieser Zeit ein Mensch stirbt. Und schließlich erleben wir den Zerfall der Gesellschaft Macondos und den Untergang.

 

Hier schon wird erkennbar, dass der Roman nicht einfach nur die Geschichte eines Dorfes oder einer Familie über einen Zeitraum von hundert Jahren erzählt, sondern dieser Roman tiefere oder höhere Ebenen enthält. Und wie in der Weltgeschichte auch, fallen alle möglichen Erfindungen der Menschheit in die erste Phase der Romanzeit. Die Erfindungen werden von einer Art Magier namens Melchiades vermittelt und so wird auch in diesem Aspekt die mystische Zeit als solche mit unser aller Vorgeschichte verbunden. Der Roman hat in dieser Hinsicht auch etwas märchenhaftes, so wie ja auch den Legenden der großen Entdeckungen etwas Märchenhaftes anhaftet.

 

Natürlich wird auch die Familiensage, die dieser Roman ja auch enthält und als die der Roman von den meisten Menschen – auch und nicht zuletzt des Titels wegen – vordergründig gelesen wird, in der Nicht-Zeit des Mythos begonnen. Wie in der Vorgeschichte der Menschheit, müssen sich die Menschen, in diesem Falle die ersten Siedler und namentlich José Arcadio Buendia der Urahn der Familie, ihrer Umgebung erst bewusst werden, müssen sich Schutz vor der Natur verschaffen und für den Fortschritt ihrer Kultur sorgen. Dazu gehört es in erster Linie, die gewonnenen Einsichten nicht zu vergessen… man muss den Dingen erst noch Namen geben, um sie vor dem Vergessen zu bewahren. Und der Roman nimmt auch dieselbe Entwicklung wie die Entwicklung der Kulturen: Durch beharrliche Arbeit wird aus einem Mythos mehr und mehr Realität, die letztlich eine Notwendigkeit ist. Der Urahn der Familie Buendia ist auch gleichzeitig der Organisator dieser Realität.

 

Kaum ist diese Realität aus dem Mythos in Form eines paradiesisch anmutenden Dorfes hervor getreten, schon taucht eine dieser Schlangen auf, die notwendigerweise zu jedem Paradies nun mal gehören. Diese Schlange ist die Langeweile aus Zufriedenheit und die Sehnsucht nach den Ursprüngen all der Wunder, wie sie die von Melchiades herbei gebrachten Erfindungen darstellen. Ausgerechnet der Organisator wird von dieser Schlange verführt und er verlässt Macondo immer wieder mit unbestimmtem Ziel, vernachlässigt Dorf und Familie mehr und mehr. Nun beginnt das was der Titel eigentlich verspricht… eine Phase der Einsamkeit für Ursula, der Urahnin und eigentlichen Garantin des Erfolgs der Sippe. Aber auch diese Abenteuer haben natürlich ihre Funktion im Roman… sie stellen das Paradies sozusagen in die reale Welt und logisch ist auch, dass mit den Beschreibungen dieser Entdeckungsreisen, das erste Kapitel des Romans endet und sich der erste Kreis schließt.

 

GGM öffnet aber sofort wieder einen neuen Kreis und das nächste Kapitel beginnt mit einer Rückblende. José Arcadio Buendia erzählt, warum es überhaupt zur Gründung Macondos kam. Wegen einer Beleidigung hatte er Prudencio Aguilar umgebracht. Aber in dieser (Roman-)Welt, in der die Realität durchdrungen ist von unglaublich viel Phantasie und unwahrscheinlichen Wahrscheinlichkeiten, scheint es normal, dass der Getötete dem Täter immer wieder als Geist erscheint und sich der Täter verfolgt vorkommen muss. Damit ist eine weitere Dimension des Romans angelegt, der in der Familie Buendia alles kumuliert was seinem Autor wichtig ist. Ursula hat mittlerweile drei Kinder geboren… ein Sohn, mit demselben Namen wie sein Vater, verkörpert das extrem Ausschweifende, die uferlose Sinnlichkeit, die maßlose Körperlichkeit, die Such nach dem unaufhörlichen Vergnügen, das auch vor einem Inzest nicht halt machen sollte.

 

Pilar Ternera ist sozusagen der Spiegel für den jungen Jose Arcadio. Sie ist von Beginn an in Macondo… eine weitere Schlange im Paradies. Der junge Jose Arcadio wendet sich schnell anderen Abenteuern zu, jedoch nicht ohne vorher seinem jüngeren Bruder Jose Aureliano in die Geheimnisse der Beziehung zu Pilar einzuweihen… wobei es aber nicht bleibt, denn sie bekommt schließlich ein illegitimes Kind vom jüngeren Bruder. Das neue Liebesabenteuer mit einer Zigeunerin, mit der er schließlich aus Macondo weggeht, grämt Ursula. Sie folgt den Zigeunern und ihrem Sohn, ihr Mann wiederum folgt ihr… aber er ist wiederum der Schwächere, denn nach drei Tagen schon kehrt er zurück. Ursula kehrt sehr viel später zurück… zwar hat sie die Zigeuner nicht gefunden, aber sie entdeckte den Weg, den ihr Mann ehedem vergeblich gesucht hatte. Sie brachte neue Menschen mit nach Macondo und somit ist das Dorf endgültig aus der insularen Isolation (auch wenn diese nur in der Vorstellung der Dörfler bestanden hatte) gerissen. Wieder ist ein Kreis vollständig… aber nur um sich sofort auf höherer Ebene erneut zu öffnen.

 

Unaufhaltsam läuft die Entwicklung aus der Nicht-Zeit des Mythos hinüber in die historische Zeit. Nach dem Ende der Isolation beginnt etwas, das sozusagen die Grundlage aller Geschichte ist: Das Aufschreiben. Protagonist ist Jose Aureliano, der die Faszination für Alchimie und Erfindungen von Vater geerbt hat, findet das Mittel gegen die „Pest der Schlaflosigkeit“, mit dem das Vergessen bezeichnet wird. Man muss nicht nur den Dingen einen Namen geben, man muss diesen Namen und die Funktion der Dinge aufschreiben. So beginnt Geschichtsschreibung. In diesen Kontext gehört unzweifelhaft auch die Ankunft des Landrichters und damit ist Macondo endgültig in der Realität des Historischen angekommen. In dem man sich öffnete, verlor man das Paradies der Naivität und trat in die Zukunft ein. Aureliano verliebt sich in die Tochter des Landrichters und die Verbindung der die Vergangenheit repräsentierenden Buendias und die Zukunft repräsentierende staatliche Autorität, ist die nächste Vervollständigung eines jener im Roman beschriebenen Kreises.

 

Ganz im Sinne einer jener Entwicklungen wie sie frühere Hochkulturen genommen haben, entwickelt sich auch die Geschichte Macondos. Es beginnt nun eine Phase der Kultivierung. Mit der Figur des Pietro Crespi führt uns GGM mit subtiler Ironie die Subtilitäten und Ambiguitäten gesellschaftlicher Konventionen vor Augen, mit denen sich gewisse Kreise einer Gesellschaft künstlich vom Rest der Gemeinde abzuheben suchen. Als Gegengewicht kehrt der verschollene junge Jose Acardio zurück und führt das Animalische wieder in den Verlauf der Geschichte ein, die fast unmerklich, aber irgendwie auch schwindelerregend schnell beschleunigt wird. Der bisherige Garant für die Beständigkeit, der alte Jose Arcadio, ist mittlerweile verrückt geworden und wird kurzerhand an einen Baum in Hof angebunden. Er redet nur noch Lateinisch und die Zeit vergeht für ihn nicht mehr… es ist für ihn immer nur Montag und es gibt keine Jahreszeiten mehr. Ab nun scheint es so, dass eine gewisse positive Beständigkeit der Gesellschaft abhanden kam.

 

Ein neuer Kreis wird sich nun – fast kann man schon sagen: schicksalhaft – eröffnen. Bisher hatte die politische Dimension im Roman so gut wie keine Rolle gespielt; sieht man einmal von der Figur des Landrichters ab. GGM wäre nicht GGM, wenn er in seinem Werk diese Dimension nicht einbringen würde. Aureliano hört von seinem Schwiegervater, dem Landrichter, vom Krieg, den die Liberalen gegen die Konservativen führen wollen und zunächst versteht er nicht, warum man einen Krieg um Dinge (Ideen) führen will, die man nicht mit Händen greifen kann. Dann soll es erstmals Wahlen in Macondo geben und extra zu den Wahlen, lässt der Richter Soldaten anrücken, um die Menschen zu „beeindrucken“… und Aureliano bekommt mit, wie der Richter bei der Auszählung die Stimmzettel fälscht. Letztlich ist es der entscheidende Moment, der ihn auf die Seite der Liberalen bringt. Dann beginnt der Krieg und nach einigem Zögern und einer Gräueltat der Soldaten, bei der er Augenzeuge wird, zieht er in den Krieg. Ab jetzt lässt er sich nur noch mit Oberst ansprechen.

 

Spätestens ab jetzt, ist der Roman auch eine Darstellung der wirklichen historischen  Ereignisse der Förderalen Kriege, wie sie GGM auch in früheren Romanen schon thematisiert hat. Das ist leicht nachvollziehbar, denn ein Blick in die Geschichte Kolumbiens belegt, dass GGM sich daraus die Fakten für seine Fiktion entliehen hat. In Macondo selbst, bilden sich die historischen Ereignisse im Kleinen ab. Des Oberst Bruder Arcadio regiert despotisch und lässt sich von der Macht korrumpieren. Das führt zu seinem Fall und er endet vor einem Erschießungskommando…genauso wie der Oberst; wohingegen Letzterem die Flucht gelingt. Durch den Tod des Urahn, der neben dem Magier Melchiades begraben wird, durch die Niederlage im Krieg, durch die immer größeren Verflechtungen der Sippe in Macondo, schließt sich ein weiterer Kreis und erzeugt etwas Beunruhigendes. Einzige verbliebene Konstante ist die Gründerin Ursula, die (noch) eine gewisse Bindungskraft zwischen dem um sich greifenden Wahnsinn der unkontrollierten Leidenschaften und der melancholischen Resignation darstellt.

 

In einer neuen Generation der Sippe, wiederholen sich charakteristische Eigenschaften der Vorfahren. Das wird nicht nur daran deutlich, dass sich die Namen der männlichen Sippenglieder ständig wiederholen (was auch zu einer gewissen Unübersichtlichkeit der Romanhandlung führt), sondern wird auch dadurch dokumentiert, dass neue Sippenmitglieder die selben Vorlieben oder Passionen haben, wie sie ehedem schon in der Familie vorkamen. Ein Aureliano Segundo widmet sich z.B. der Aufgabe, die hinterlassenen Manuskripte des Melchiades zu entziffern… was zu so etwas wie einer Wiederauferstehung des Magiers führt, der allerdings seine Hilfe bei der Entzifferung verweigert. Mit dieser Episode manifestiert sich das Beunruhigende weiter… als wenn etwas unterschwellig wirkt, man aber nicht sehen kann was es denn ist… In Macondo liegt im Glanze einen relativen Wohlstandes und einer gewissen Zufriedenheit. Ursula ist nun schon fast hundert Jahre alt und alles geht seinen Gang. Die Sippe wird größer und größer, besonders als die siebzehn illegitimen Kinder des Obersten eintreffen. Es deutet alles darauf hin, dass es eine Ruhe vor dem Sturm ist. Und so öffnet sich ein neuer Kreis.

 

Eine neue Zeitrechnung bricht an, als es die erste wirkliche technische Revolution in Macondo einsetzt. Sie wird angezeigt durch das Eintreffen er ersten Lokomotive, des elektrischen Lichtes und des Kinos von Bruno Crespi. Grammophon und Telefon kommen hinzu und Macondo ist urplötzlich in die Moderne versetzt. Damit sind auch die Tage der Beschaulichkeit vorüber und spätestens mit der Ankunft von Mr. Herbert und Mr. Brown, bricht sich auch der imperialistische Kapitalismus in Macondo Bahn. Die beiden Männer repräsentieren die Bananengesellschaft (leicht identifizierbar, ist die us-amerikanische United Fruit Company gemeint) und aus Macondo wird über Nacht eine Boomtown. Das entfesselt den sog. Laubsturm (in einem frühen Buchtitel von GGM thematisiert), der wie in den Goldgräberstädten alle alten Verhältnisse, Konventionen, Sitten, Bräuche und die seither gelebte Kultur hinwegfegt. Die Situation z.B. für die Landarbeiter wird so unerträglich, dass es zu den ersten Streiks kommt… die klar erkennbar nichts als Notwehr sind. Dass es wieder ein Buendia ist, der diesen Kampf anführt, kann schon nicht mehr überraschen.

 

Und diese Stelle markiert auch einen Wendepunkt im Roman. Es werden autobiographische Bezüge erkennbar, Erlebnisse, die der Autor bei den blutigen Auseinandersetzungen in Bogota erleben musste. Diese Intension machen diese Seiten, auf denen wiederum ein verbrieftes historisches Ereignis erzählt wird, unglaublich intensiv. Der Streik endet in einem Massaker an den Streikenden. Aber der Preis für das Blut von dreitausend Arbeitern ist hoch… es bedeutet das Ende der Aktivitäten der Bananengesellschaft. Aber es wird auch nun erst das ganze Ausmaß der Katastrophe offenbar, welche der Plünderungskapitalismus angerichtet hat. Alles in Macondo ist zerrüttet.

 

GGM verlässt die relative Nähe zur historischen Wirklichkeit wieder, indem er das  mythologische Moment der Sintflut benutzt, um die letzten Kreise des Romans zu eröffnen. Es kommt nämlich die zweite Pest: Der Regen. Es regnet vier Jahre, elf Monate und zwei Tage und der Regen lässt ein nun endgültig ruiniertes Dorf zurück und auch das Ende der Sippe kündigt sich an. Ursula hat sich vorgenommen, zu sterben wenn der Regen aufgehört hat. Dieses Sterben scheint niemanden zu überraschen und auch niemanden so richtig zu kümmern. Die Zerrüttung Macondos scheint auch auf die Beziehungen innerhalb der Sippe übergegriffen zu haben. Ursula wird einfach als tot erklärt, obwohl sie noch in einem zwei Tage andauernden Gebet so etwas wie ein Vermächtnis formuliert. Dieses gipfelt in einer, die Sippe betreffenden, apokalyptischen Prophezeiung: Wenn die Buendias ihre unmäßige Leidenschaften nicht in den Griff bekommen und sich der latente Inzest durchsetzt, würde ein  Kind mit einem Schweineschwänzchen geboren, das von den Ameisen gefressen werden wird… gleichzusetzen mit dem Ende der Buendias.

 

Das Ende naht. Der letzte Spross der Sippe, mit einem bezeichnenden Namen Aureliano Babilonia, trägt in sich ausnahmslos alle Eigenschaften der Sippe in sich… sowohl die Faszination für die Wissenschaft, als auch die ausufernde Sinnlichkeit. Er wird schließlich mit seiner Tante den Inzest vollziehen und das Kind mit dem Schweineschwänzchen zeugen. Außerdem treibt er die Entzifferung der hinterlassenen Manuskripte des Melchiades voran, die seit mehreren Generationen im Hause Buendia lagen, aber, weil in Sanskrit geschrieben, von niemandem verstanden werden konnten. Je mehr die Lektüre voranschreitet, desto unsicherer wird er in der Interpretation dessen was er da liest. Erst zum Schluss wird ihm immer klarer, dass das was er da liest, nichts anderes als die eigene Geschichte ist und er begreift, dass er nie mehr aus dem Lesezimmer gelangen kann, da das am Ende in den Pergamenten geschrieben steht; im Akt des Lesens fallen Gegenwart und Zukunft zusammen. Die kreisförmige Zeit der Erzählung, die mit der Erschaffung Macondos aus dem Nichts begann, endet mit dem totalen Verschwinden dieses Dorfes… mitsamt allem was darin war. Und aus dem Hintergrund tritt der wahre Erzähler der Geschichte hervor… die wirkliche Hauptperson: Melchiades.

 

„Hundert Jahre Einsamkeit“ ist mehr als das was seine Handlung augenscheinlich werden lässt. Das Werk vereinigt sowohl geschriebene Geschichte als auch die Imagination des Autors, der obendrein auch noch viel von seiner Biographie verarbeitet. Große Geschichte, in diesem Falle die Historie Kolumbiens, wird mit kleiner Geschichte, mit einer Familiengeschichte vereint, in der die Männer das Außen (Erfindungen, Kriege, Ausschweifungen…) und die Frauen das Innen (Zusammenhalt, Konsolidierung, Überblick) darstellen; was letztlich auch eine Kindheitserfahrung des Autors wiederspiegelt. Die Macht des Instinkts und die Letztgültigkeit der Weisheit, die Realität, aber auch die Träume der Menschheit, die Beharrlichkeit der Taten und das Ungreifbare des Alptraumes – Begriffspaare, die von der Gestaltbarkeit des Schicksals sprechen; auch das ist dieser Roman.

 

Er ist aber auch eine Warnung. Aufstieg und Fall, die heroische Anstrengung bei Gründung und der Erschaffung einer Welt und die Tragödie der Vergeudung des Erschaffenen, die Erlangung von Macht und deren Zerstörung durch maßlose Ausübung der Macht, Solidarität und Korruption, die Repressionen des Staates und der Widerstand der Bevölkerung, aber auch die mächtigen Prozesse einer intakt gelassenen oder einer vom Menschen zerstörten Natur – Begriffspaare, die im Roman den Untergang einer zwar nur fiktiven Gesellschaft zur Folge hat, aber auch in Wirklichkeit zum Untergang sogar hochstehender Kulturen geführt haben. Sieht man einmal (völlig unberechtigterweise) davon ab, dass GGM in diesem Roman sehr viele Geschichten, Mythen und Märchen verarbeitet hat, die ihm im Hause der Großeltern wohl von der Großmutter erzählt wurden, dann ist dieser Roman die Darstellung des menschheitsgeschichtlichen Zerfallsprozesses, der aufgehalten werden muss.

 

Hier hat der Roman seine – meiner Lesart nach – stärkste Wirkung. GGM stellt das Thema Einsamkeit, im Spanischen soledad, dem Thema Gemeinschaftssinn, im Spanischen soledaridad, gegenüber. Aus der Anlage des Romans geht eindeutig die Haltung des Autors hervor, wenn er nämlich die Einsamkeit mit einem zerstörerischen Zeitbegriff zusammen legt und sie durch mangelnde soziale Erneuerung zum unwiderruflichen Verfall der Gesellschaft (beschrieben durch Macondo) führt. Auch die kulturkritische Betrachtung im Zusammenhang mit technischen Neuerungen, besonders wenn sie nicht von der Gesellschaft direkt produziert, sondern von Außen übergestülpt werden und deren Auswirkungen auf die Zivilisation, sind nicht zu überlesen… wobei der Autor sich allerdings einer direkten Bewertung enthält.

 

Aber nicht nur inhaltlich ist der Roman zirkulär angelegt, er folgt auch formal diesem Schema. In Anlehnung an die indigen tradierten Zählsysteme ist der Roman in zwanzig Kapitel unterteilt, wovon die erste Hälfte eher in die innere lateinamerikanische Wirklichkeit weißt und sie somit aufwertet, wobei sich die zweite Hälfte mit der Öffnung Macondos nach Außen beschäftigt, was zum Untergang führt. Lenkt man den Blick auf die Zeiten im Roman, kommen vier, sich einander spiegelnde Abschnitte zum Vorschein. Teil eins und drei entsprechen dem zirkulären Zeitverständnis vieler Naturvölker und die Teile zwei und vier dem linearen historischen Zeitbegriff, wobei die in den jeweiligen Teilen verarbeiteten Inhalten auch als Wertungen verstanden werden können.

 

Mir hat die langjährige Beschäftigung mit diesem Buch, das für mich erheblich viel mehr ist als eben nur ein Stück unterhaltsame Literatur, noch nie auch nur die Spur von Langeweile erzeugt, auch wenn ich dieses Buch in den letzten zwanzig Jahren wieder und wieder gelesen habe. GGM zieht unglaublich viele Register seiner Kunst. Die äußerst abwechslungsreich gestalteten und sehr souverän ausgeführten Erzählebenen, die im Laufe der Erzählung virtuos gewechselt werden, die Wechsel von Hochsprache zu Populärsprache, von dramatischer Rede und Plauderton zeugen von unglaublich variabler Sprachgestaltung, der spielerisch anmutende Umgang mit der Anlehnung an Realität und der Hinwendung zum Phantastischen innerhalb der Handlung, das System falscher Fährten und überraschenden Auflösungen macht das Werk zu einem unglaublichen Leseerlebnis.

 

Der ganze Roman ist ein manchmal verwirrendes Spiel. Von den Namenswiederholungen habe ich schon geschrieben, und andeutungsweise auch von unterschiedlichen Erzählerperspektiven, die von verschiedenen Erzählerinstanzen verkörpert werden, die je nach Zielrichtung des Handlungszusammenhangs wechseln. Das macht das Werk zu einem der originellsten Romane der Weltliteratur den ich je gelesen habe. Die Überlappungen von Fiktion und Realität, wobei die Fiktion mit vielen realistischen Ausformungen einhergeht und, umgekehrt, die Realität oft sehr fiktional erzählt wird, erzeugen einen Spannungsbogen, der mich oft atemlos weiterlesen lies. Wie ein Kaleidoskop, das mit jeder Drehung ein anderes Bild zu zeigen in der Lage ist, zog mich dieses Buch immer wieder erneut in seinen Bann.

 

Nicht zuletzt deshalb, weil die Inhalte ein klares Bekenntnis des Autors zu kulturellen und politischen Perspektiven im Sinne einer auf Solidarität und Gerechtigkeit, zur Vernunft und Sinnlichkeit, mithin zur (Mit-)Menschlichkeit, gestaltbaren Zukunft sind, empfinde ich das Werk nicht nur als für sich stehendes Kunstwerk, sondern erlebe, wie GGM mich zu seinem Komplizen machen möchte. Ich fühlte mich wie in einem Strudel in ein Denken hineingezogen, das mich bei aller möglichen in ihm enthaltener Kritik an den Zuständen der Zivilisation, nicht abschreckte, sondern mir einen Lichtstreif an den dunklen Horizont zauberte. Nicht immer sagt ein verliehener Nobelpreis für Literatur viel über ein Buch und seinen Autor… in diesem Falle aber sagte er alles. Heute, am „Welttag des Buches“, möchte ich mit dieser Besprechung der Literatur im Allgemeinen, den lateinamerikanischen Autoren im Besonderen und den politisch engagierten Schriftstellern (viele von ihnen auch heute noch – ob ihres Engagements – verfolgt) im Speziellen, die Würdigung zuteil werden lassen, die sie nach meiner Auffassung verdient haben…

 

 

Wilfried John

 

 

Hundert Jahre Einsamkeit

Gabriel Garcia Marquez

467 Seiten – Gebundenes Buch

Verlag: Kiepenheuer & Witsch – Aus dem Jahr 1997
ISBN: 3-4620-2629-1

19,90 €

 

480 Seiten – Broschierte Ausgabe

Verlag: DTV – Aus dem Jahr 1984
ISBN: 3-4231-0249-7

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