Gabriel Trujillo Muñoz „Tijuana Blues“

Die Feste der Krähen

Pro: Äußerst spannend, schwarzer Humor, intensiv erzählt, engagierte Literatur

Contra: Zur perfekten Ausstattung fehlt ein Lesebändchen, Titel der deutschen Ausgabe scheint mir unpassend…


Menschenrechte. Als politischer Mensch – der ich bin – und als jemand, der sich mit der sog. Dritten Welt beschäftigt, gebrauche ich das Wort relativ oft. Als Angehöriger der schreibenden Zunft – der ich bin – und als jemand, der sich mit Form und Inhalt literarischer Dokumente beschäftigt, sollte ich wissen von was ich rede… wenn ich rede; ansonsten halte ich mich an das arabische Sprichwort: Wenn du redest, sollte dein Reden besser als dein Schweigen sein. Dennoch bestand neulich, als mich jemand genauestens nachfragte, auch bei mir Klärungsbedarf.

Menschenrechte. In der „Erklärung der Menschenrechte“ durch die Vereinten Nationen von 1948 und in der „Konvention zum Schutz der Menschenrechte“ durch den Europarat von 1950, wurde festgestellt, dass jedem Menschen von Natur aus – also durch die Tatsache seiner Geburt – gewisse unverlierbaren und unantastbaren Rechte zustehen; was so erstmals die Französische Nationalversammlung von 1789 erklärte. Sie sollen vor allem Übergriffe des Staates verhindern und die Würde des Menschen schützen. Das hat natürlich seine Geschichte, denn wo Rechte definiert werden, gab es dafür eine Notwendigkeit das zu tun.

Eine erste Erwähnung datiert aus dem sog. finsteren Mittelalter und findet sich in der „Magna Charta“ von 1215, in der Rechte aufgeschrieben wurden, welche die Menschen dem englischen König und dem Adel abgetrotzt hatten. Zwischen dieser Geschichte und der erstmaligen Erwähnung in einer Verfassung liegen über fünfhundert Jahre Kampf… und es sollten weitere Jahrhunderte dauern, bis die Menschenrechte schließlich internationales Recht wurden. Übrigens, die erste Verfassung in der die Menschenrechte geschrieben standen, war die us-amerikanische Unabhängigkeitserklärung von 1776; das ist insofern erwähnenswert, weil wir uns später noch damit beschäftigen müssen.

Die ursprünglich definierten Rechte sind: Das Recht auf Leben, Freiheit und Unverletzlichkeit der Person, Gleichheit, Glaubens-, Gewissens- und Meinungsfreiheit, das Recht auf Eigentum und das Widerstandsrecht. Im 19. und 20. Jahrhundert fanden, im Zuge der Demokratisierung vor allem in Europa, weitere Rechte allgemeine Anerkennung: Wahlrecht, Versammlungs-, Vereinigungs- und Pressefreiheit, Recht auf gerechten Lohn, Urlaub und Streik und das Recht auf Bildung; die auch als demokratische Mitbestimmungsrechte und soziale Rechte bezeichnet werden (Anhang1).

Die Menschenrechte wurden zwar sehr oft feierlich proklamiert und in Verfassungen aufgenommen (auch unser Grundgesetz ist eine Menschenrechts-Verfassung), diese Rechte wurden und werden aber täglich in aller Welt gebrochen und sogar mit Füssen getreten (siehe auch Menschenrechts-Bericht von Amnesty International – Anhang2). Bei den Rechtsbrechern finden wir beileibe nicht nur die üblichen Verdächtigen aus den sog. unzivilisierten Staaten – wir, die sog. zivilisierten Länder, sind mit von der Partie, wenn es darum geht, z.B. im Namen der Profitabsicherung von Unternehmen, Menschenrechte zu missachten.

2,57 Euro ist der Betrag, den ein/e HartzV-Empfänger/in täglich zur gesunden Ernährung jedes ihrer Kinder ausgeben kann; betroffen sind ca. 3 Mio. Kinder in Deutschland. Das Grundrecht der Unverletzlichkeit der Person schließt ein, dass einem Menschen auch nicht nach der Gesundheit getrachtet werden darf (siehe auch Anhang3). International ist die Situation überall dort, wo Regierungen sog. Freihandelszonen oder – noch schlimmer – Exportproduktionszonen (EPZ) eingerichtet haben, himmelschreiend (Anhang4). In Mexiko, direkt an der Grenze zur USA, liegt eine der größten und brutalsten EPZ, die hier Maquiladoras genannt werden: Tijuana. Die USA, die Erfinder der Menschenrechts-Verfassung, haben nicht nur kein Problem damit, sondern pressen von der Arbeitskraft bis zum bloßen Mensch-Sein alles aus den Menschen, die gezwungen sind in dieser EPZ zu leben (Anhang5).

Und hier ergibt sich der Zusammenhang mit dem hier zu besprechenden Buch – es ist allerdings nicht etwa eine Veröffentlichung über die sozialen Missstände in solchen Exportproduktionszonen, sondern es handelt sich um einen Kriminalroman; besser gesagt, es handelt sich um vier Kurzkrimis: „Tijuana Blues“ von Gabriel Trujillo Muñoz. Das Buch versammelt ältere Texte des Autors, ist aber im Original auch erst 2002 in  Mexiko-City erschienen. Insofern ist es dem Unionsverlag aus Zürich wieder einmal gelungen, einen hierzulande völlig unbekannten Autor aufzuspüren und uns vor die geneigten Augen zu bringen. Warum aber der Original-Titel geändert wurde, erschließt sich mir nicht, denn „El Festin de los Cuervos“ (Die Feste der Krähen) hätte die starken Bezüge zu den Massenmorden an in den Maquiladoras beschäftigen jungen Frauen – von denen der Autor sicher ausgegangen ist – bekräftigt.

Ich möchte natürlich nicht die Behauptung aufstellen, dass das Buch sozusagen als Reportage zu lesen sei, aber ich möchte hier einmal mehr auf die Rolle der Kriminal-Literatur in Lateinamerika hinweisen. Dazu zitiere ich einen Textabschnitt, den ich anderweitig schon verwendete: Wenn man ganz allgemein davon spricht, dass in anspruchsvollen literarischen Werken oft nicht das zu lesen ist, was Autorinnen und Autoren eigentlich zum Ausdruck bringen wollen, dann nehmen wir das als eine Selbstverständlichkeit hin. Das trifft gerade bei der Krimi-Literatur nicht zu – meist nehmen wir sie als reine Unterhaltung. Gerade in Lateinamerika hat sich in den letzten Jahren aber eine Art Krimi-Literatur herausgebildet, die mehr sein will, die mehr sein muss. Die Autoren einfach als Kriminalschriftsteller zu bezeichnen, greift bei weitem zu kurz, denn diese Autoren wollen – ganz in der engagierten Tradition der Lateinamerikanischen Literatur – auf die aktuelle Wirklichkeit verbessernd einwirken.

Als Beispiele können hier Leonardo Padura, Ramon Diaz-Eterovic oder Pablo de Santis (alle hier bei Ciao vorgestellt) genannt werden. In dem sie ihre Sicht der Dinge, ihre Analysen und Lösungsansätze in die populäre Form des Kriminalromans bringen, versuchen sie einem breiteren Publikum die Wahrheiten hinter den Fassaden der Wirklichkeit näher zu bringen. Tatsache ist, dass ich – im allgemeinen nicht eben der fleißigste Krimileser – in dieser Form des Geschichten-Erzählens, ebenso anspruchsvolle Literatur entdecken kann, wie sie mir seit jeher in den wichtigen Werken Lateinamerikanischer Literatur vor die äußeren und inneren Augen trat. Vielleicht ist das nicht einmal mehr typisch für Lateinamerikanische Literatur, weil es in anderen Literaturen ebenfall solche Tendenzen gibt… aber das sollen dann andere Rezensenten aufarbeiten.

In diesem Fall muss ich – aufgrund der biographischen Daten – davon ausgehen, dass der Autor von den unsäglichen Zuständen an der us-amerikanisch/mexikanischen Grenze Kenntnis hat, wo bis jetzt 375 (zum Teil unidentifizierte) Frauenleichen gefunden wurden und weitere 400 Frauen als verschwunden gelten (Anhang6), Kenntnis hat und deswegen wäre der ursprüngliche Titel (früher nannte man die Krähen „die Vögel der Schlachtfelder“, heute wohl eher „die Vögel der Müllkippen“… und in der Tat wurden viele Frauenleichen auf Müllkippen gefunden). Um meine These etwas besser zu untermauern, stelle ich den Autor kurz vor. Eine ausführliche Vorstellung kann ich mir und meinen Leserinnen und Lesern ersparen, denn der Unionsverlag hat ausführlichere biographische und bibliographische Informationen in Anhängen abgedruckt:

Gabriel Trujillo Muñoz (kurz GTM), ist Jahrgang 1958 und wurde im Norden Mexikos direkt an der us-amerikanischen Grenze, genauer in Mexicali, Baja California, geboren. Dort verbrachte er auch seine Kindheit und Jugend. Sein Studium an der Universität von Guadelajara hatte so rein gar nichts mit Literatur zu tun, er studierte Medizin. In den 1980er Jahren arbeitete er dann auch als Chirurg – interessierte sich aber auch für kulturelle Dinge und nahm, wie man so schön sagt, intensiv am künstlerisch/intellektuellen Leben seiner Heimatstadt teil.

In dieser Zeit begann er auch das Leben in der Grenzregion zu literarisch verarbeiten;  zunächst in Essays, später dann in Form von Lyrik und schließlich in Romanform. Heute ist GTM einer der meistgelesenen Autoren Mexikos, zudem ist er Professor für Kommunikationswissenschaften an der Universidad Autonoma de Baja California und Herausgeber einer Zeitschrift. In all diesen Funktionen steht sein Engagement für die Situation der „Frontera“, die zwar oft als einzigartig beschrieben wird, die aber gewiss nicht so einzigartig ist, da überall wo es um das große (auch kriminelle) Geschäft geht, solche Zustände herrschen.

Ich benutze das Wort herrschen mit Bedacht – denn dort ist quasi rechtsfreier Raum und es regiert die Herrschaft… der Drogenbarone, Menschenschmuggler, Waffenhändler, Zuhälter etc. – siehe Fernando Vallejo „Die Madonna der Mörder“ – auch bei Ciao vorgestellt). Mittlerweile sind die Verdienste von GTM um die mexikanische Literatur mit zahlreichen Preisen gewürdigt worden; unter anderem – bezeichnend für das Engagement seines Werkes – den Premio Estatal de Literatura… in der Kategorie Kulturjournalismus.

Aufmerksame Leserinnen und Leser meiner Besprechungen werden festgestellt haben, dass ich vermehrt sog. Kriminalliteratur vorstelle. Das hängt nicht etwa damit zusammen, dass ich plötzlich Krimi-Fan geworden wäre, sondern, dass in gesamt Lateinamerika dieses Genre einem Lauf hat, der dann natürlich auch seinen Niederschlag in den Neuveröffentlichungen bei uns findet. Man spricht im Verlagswesen schon von einem zweiten Boom – ich teile diese Einschätzung nicht, bzw. würde dem Phänomen einen anderen Namen geben, da für mich der

sog. Boom lateinamerikanischer Literatur in den späten 60er, 70er und frühen 80er Jahren des letzten Jahrhunderts, ein singuläres Ereignis darstellt, das die gesamte Weltliteratur veränderte.

So brachte diese Zeit uns die Werke zahlreicher Autoren und Autorinnen in deutschen Übersetzungen vor die Augen, die bis heute nicht unmaßgeblich die Sicht auf diese Weltgegend prägten. Ein paar Stichworte seien mir erlaubt: Vom magischen Realismus (verbunden mit dem Namen Gabriel Garcia Márquez), über die kubanische barocke Sprachkunst (verbunden mit Namen wie Alejo Carpentier oder José Lezama Lima), bis hin zu einer experimentellen Literatur (Julio Cortázar) und der Erneuerung der Phantastischen Literatur (verbunden mit Namen wie Adolfo Bioy Casares) reicht dabei die scheinbar unerschöpfliche Vielfalt (alle genannten Autoren sind hier bei Ciao vorgestellt).

Es gab zwar damals die sog. Kriminalliteratur schon (verbunden mit Namen Jorge Luis Borges in Zusammenarbeit mit Adolfo Bioy Casares), aber sie spielte eine eher untergeordnete Rolle und war damals hier bei uns kaum vertreten. Dass in den letzten Jahren mehr und mehr lateinamerikanische Kriminalliteratur in deutscher Übersetzung den Weg in die Buchhandlungen hierzulande fanden, ist – unter anderen – dem Unionsverlag zu verdanken, namentlich dem Herausgeber dermetro-Reihe im Unionsverlag, Thomas Wörtche, der sich selbst als eine Art „literarisches Trüffelschwein” bezeichnete; seine größte und populärste Entdeckung ist wohl Leonardo Padura (auch hier bei Ciao vorgestellt).

Nun also kommt mit dem mexikanischen Autor GTM und „Tijuana Blues” die nächste (meiner Ansicht nach) große Entdeckung aus dem engagierten Schweizer Verlag. Es handelt sich dabei, wie ich oben schon andeutete, um eine Sammlung von vier zwar völlig eigenständigen Kurzromanen, die allerdings mindestens zwei verbindende Elemente aufweisen: Den Romanort und den Protagonisten. Der Romanort ist eine real existierende Stadt: Mexicali, die Stadt im Norden Mexikos, unmittelbar an der Grenze zu den USA gelegen, in der die Gegensätze zwischen Arm und Reich, zwischen angloamerikanischer und hispanoamerikanischer Kultur aufeinander prallen. In diesem Grenzgebiet spielen die vier Kurzromane von GTM.

In einem Anhang der Unionsverlag-Ausgabe finden wir eine Erklärung des Autors, die darlegt, warum seine Geschichten dort angesiedelt sind und warum sein Protagonist so fest in dieser Umgebung verwurzelt ist, die geprägt ist von Menschenschmugglern und Immigrantenelend, Drogen- und Organhandel, Korruption, aller vorstellbaren Arten von grenzüberschreitender Kriminalität. Hier gibt er auch zu Protokoll, warum gerade Kriminalliteratur sein Genre geworden ist: „Wir müssen allen unseren Geschichten Gehör schenken, allen Worten, die uns als Mitglieder einer Welt vereinen, die noch viele Geschichten zu erzählen hat. Kreativität entsteht zu Hause, dort, wo die ältesten und gleichzeitig modernsten, die lokalsten und gleichzeitig globalsten Dinge zu finden sind. Aus diesem Grund schreibe ich Kriminalromane: um die Geheimnisse meiner unmittelbaren Umgebung aufzudecken, den Knoten zu zerschlagen, der unseren Durst nach Gerechtigkeit und Wahrheit abwürgt. Ich schreibe gegen das Vergessen, damit die Vergangenheit lebendig unter uns weilt und nichts und niemand, der sie missbraucht und verzerrt, straffrei bleibt. Meine Romane sind Fiktion, aber alle Fiktion ist ein Wunsch, das Richtige zu tun…“

Die klassischen Detektiv-Helden Sam Spade, Philip Marlowe oder Nestor Burma, und wie sie alle heißen mögen, haben wieder einmal ebenbürtige Gesellschaft bekommen: Miguel Ángel Morgado, seines Zeichens Rechtsanwalt für Menschenrechte. Dieser Protagonist stellt die zweite Verbindung der vier Kurzromane dar. Morgado, lebt eigentlich in Mexiko City, wird aber immer wieder in den Norden von Baja California gerufen, um dort zu ermitteln. Er übernimmt die ihm angetragenen Fälle auch deswegen, weil er (wie sein Autor) in Mexicali geboren wurde und aufgewachsen ist.

GTM charakterisiert seinen Helden so: Miguel Angel Morgado ist ein Ermittler, der auf das große Mysterium der Grenze zwischen Mexiko und den USA gestoßen ist. Dieses Land ist voll gesogen mit Geheimnissen, Intrigen und Verbrechen, denen man nie auf den Grund kommt, ganz gleich, wie viele Jahre lang sie hinter einem Dokument, einer Fotografie oder einer Stimme verborgen waren. Morgado ist mehr als ein Detektiv, er ist ein Ausgräber, der die Realität des Lebens an der Grenze freilegt, der die Gewalt dokumentiert, die uns in allen möglichen Formen, Personen oder Umständen begegnet. Ein hartnäckiger Mann. Seine Welt ist die Weite der nordmexikanischen Wüste. Mit den offiziellen Lügen, den internationalen Absprachen und der Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid der anderen kann und will er sich nicht abfinden. Er ist ein Kreuzritter, dessen einzige Waffen Starrsinn und Ausdauer sind“.

Nachdem ich nun – wie ich finde – ausreichend über die Hintergründe, die Intention und die Figur der Geschichten berichtet habe, möchte nun versuchen, die die einzelnen Geschichten der Sammlung so zu beschreiben, dass man zwar einen Begriff davon bekommt, wovon die Geschichten handeln, aber dennoch eventuellen Leserinnen und Lesern das Lesevergnügen erhalten bleibt. Also werde ich mich hier auf Kurzbeschreibungen beschränken, die ich in der Reihenfolge halten will, wie sie auch im Buch angeordnet sind:

„Mezquite Road” (ca. 88 Seiten)

Ein Mann namens Heriberto ist ermordet worden. Seine Witwe beauftragt Morgado die Hintergründe der Tat aufzuklären, da sie den sog. Ermittlungsergebnissen der Polizei nicht traut. Die Polizei, die offenbar (wie in der dortigen Realität) lieber untätig bleibt,  stellte lapidar fest, dass ihr Mann bei einem Drogendeal erschossen worden sei. Doch die Witwe ist sich sicher, dass ihr Mann nie etwas mit Drogen zu tun hatte. Ihr Mann war zu Lebzeiten der Verwalter der Ranch Los Mezquites und sie glaubt, dass er sich nie etwas hat zu schulden kommen lassen.

Doch als der Detektiv mit seinen Ermittlungen beginnt, kommt sehr schnell etwas ganz anderes zutage: Heriberto war Spieler. Und diese hoffnungslose Spielsucht ist die Spur, die Morgado dann auch auf eine andere Spur führt. Sie führt ihn zu einem lange zurückliegenden Verbrechen, das seinen Ausgang auf eben jener Ranch genommen hat, auf der Heriberto als Verwalter arbeitete. Hier nun scheint Morgado die wirkliche Ursache und das tatsächliche Tatmotiv gefunden zu haben. GTM lässt den Roman schließlich in einem blutigen Show-down gipfeln, bei dem sein Held nur knapp mit dem Leben davon kommt.

„Tijuana City Blues” (ca. 50 Seiten)

Auch in diesem kurzen knackigen Krimi, steht auch ein länger zurückliegendes Verbrechen im Mittelpunkt der Story. Wieder wird Morgado gebeten einen schwierigen Fall zu übernehmen. Diesmal gibt es zwar (noch) keine Leiche, aber einen Verschwundenen: Der Vater des Kunsttischlers Güero, ein Mann namens Timothy Keller. Ausgangspunkt ist ein reales Geschehen, das 1951 Schlagzeilen gemacht hat: Der berühmte Dichter William S. Burroughs (erwiesenermaßen ein Waffennarr) erschoss im Alkoholrausch, während einer Party in Mexiko City, seine Frau Joan, als er die berühmte Wilhelm-Tell-Szene mit dem Apfelschuss nachstellen wollte. Zwei Wochen nach der Tat wurde Burroughs aus dem Gefängnis entlassen, da die mexikanische Justiz darin einen Unfall sah. Soweit die Realität.

Mit Keller, ein gebürtiger US-Amerikaner, beginnt die Fiktion. Er lebte in den 1950er Jahren in Tijuana/Mexiko und gehörte mit zu der Gruppe des berühmten Dichters. Burroughs wendet sich an Keller und bittet ihn, an der Grenze einem Freund zu treffen, der ihm Geld übergeben soll. Keller willigt ein den Geldboten zu spielen und tatsächlich übergibt dieser mysteriöse Freund des Dichters, Keller an der Grenze ein Päckchen. Doch dann kommt es in Tijuana zu einer Schießerei, seit der Keller spurlos verschwunden ist. Spurlos? Dieses Wort gibt es für Morgado nicht. Er stürzt sich in die Ermittlungen. Dabei erhält er Unterstützung von seinem alten Freund Harry. Wer in der Nähe von Grenzen ermittelt, braucht auch jenseits der Grenze Verbündete. Harry ist vom FBI und die beiden arbeiteten – natürlich illegal – schon hin und wieder zusammen; so auch in diesem Fall, den sie schließlich gemeinsam aufklären.

„Loverboy” (ca. 46 Seiten)

Dieser Kurzroman spielt nicht in einer fiktiven oder halbrealen Vergangenheit, sondern in einer fiktiven Zeit, die der realen Gegenwart entspricht. Es ist die Realität dieses Landstrichs, dass das Verbotene, das Verbrechen vor Aller Augen geschieht; und Organhandel ist nur eines davon. Morgado macht sich auf die Suche nach einem Ring von skrupellosen Organhändlern, die mexikanische Kinder von der Straße entführen, um ihre Organe für harte Dollar an reiche, us-amerikanische Leute zu verkaufen. Damit deren Kinder besser leben können, müssen die Kinder der Armen leiden.

„Laguna Salada” (ca. 61 Seiten)

Auch die letzte Geschichte in dieser Sammlung, spielt fiktiv hart an der Wirklichkeit. Focus hierbei ist vor allem die 3123 km lange us-amerikanische Grenze zu Mexiko, an der allein im vergangenen Jahr Schätzungen von Amnesty International zufolge etwa 500 Menschen, sog. Illegale, zu Tode kamen. Die meisten ertranken im Rio Grande, verdursteten in der Wüste oder wurden von US-Grenzpolizisten oder Farmern, die sich auf ihr Recht auf Selbstverteidigung berufen, wie streunendes Vieh erschossen. 6000 Nationalgardisten und ein 600 km langer Dreifachzaun sollen dieses „Problem“ künftig lösen.

Der Kurz-Krimi führt Morgado in die Gluthitze der mexikanischen Wüste. Hier ist unser Mann unterwegs, unterstützt durch die Cuervos, die Raben, einer Motorradgang nach Vorbild der kalifornischen Hell’s Angels (die hier aber als Robin Hoods auftreten) um, eigentlich illegale, Grenzgänger vor dem Verdursten zu retten. Während dieser Aktion findet der Anwalt, aktives Mitglied von Amnesty International, einen Schädel im heißen Wüstensand. Wieder verknüpft GTM meisterlich aktuelles Geschehen mit einem länger zurückliegenden Verbrechen, dessen Ursprung im Kalten Krieg und in Spionagetätigkeiten zu suchen ist

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Die Leserinnen und Leser, die meine Besprechungen regelmäßig lesen, werden schon festgestellt haben, dass ich von diesem Buch ziemlich begeistert bin. Wenn man, so wie ich, auf der Suche nach neuer Literatur ist und auf ein solches Meisterwerk stößt, dann ist die Begeisterung nachvollziehbar; GTM ist meine Entdeckung des Jahres. Er hat die Themen die mir am Herzen liegen, er untersucht die Auswirkungen der Vergangenheit auf die Gegenwart und versteht sein Handwerk so gut, dass er sich nicht vor den Klassikern des Genres verstecken muss… doch hat er dem Genre nicht nur eine weitere interessante Detektiv-Figur hinzugefügt, sondern etwas ganz Eigenes, ganz Unverwechselbares geschaffen.

Nachdem ich nun schon einige „neue“ Ermittler in der Lateinamerikanischen Literatur aufgespürt habe, die den bekanntesten Detektiven in nichts nachstehen (z.B. der Privatdetektiv Heredia von Ramon Diaz-Eterovic oder der Kommissar Mario Conde von Leonardo Padura – beide hier bei Ciao vorgestellt), konnte ich bei GTM nun Miguel Angel Morgado kennen lernen. GTM ist mit Miguel Angel Morgado eine Figur geglückt, die sich mir positiver mitteilt und mir sehr sympathisch ist; mit der ich mich gerne identifizieren möchte. Er ist ein Idealist, der sich keine Illusionen über seine Möglichkeiten macht, wie er die Welt zu verbessern könnte. Er löst seine Fälle kompetent und akribisch, ohne jedoch verbissen zu sein. Er ist aktives Mitglied von Amnesty International und offenbar ein rastloser Nomade. Er ist gutaussehend, unbestechlich und kann einem guten Schluck Brandy mit Kaffee nicht widerstehen.

Aber natürlich erschöpfen sich die Fähigkeiten von GTM nicht mit der Erfindung einer guten Figur. Er versteht es ausgezeichnet, reale Vergangenheit und fiktive Gegenwart zu verknüpfen und dabei dieser fiktiven Gegenwart, den Anschein von Realität zu geben; was sicher auch mit der unsäglichen Realität zusammenhängen mag, die in der Gegend seiner Romanorte nun mal alltäglich ist. Zwar benutzt auch er die Klischees des Genres, aber er verbindet das geschickt mit der mexikanischen Erzähltradition. Dabei pflegt GTM durchaus einen gnadenlos schwarzen Humor, verfällt dabei aber nie in Zynismus. Die kurze Form hat natürlich eigene Regeln… und es gehört schon eine geübte Hand dazu, alles – wozu andere Autoren über zweihundert Seiten brauchen würden – auf 50 bis 100 Seiten auszuführen.

Demzufolge hält sich GTM in diesem Buch kaum mit langen oder gar langatmigen Beschreibungen auf. Ein, zwei Sätze müssen genügen, der Rest ist pure, komprimierte Handlung. Kurze, straffe Dialoge, nüchtern erzählte Actionszenen und symbolhafte Beschreibungen der Landschaft und dennoch hatte ich nach einigen Sätzen das Gefühl die Landschaft vor mir zu und die flirrende Hitze der nordmexikanischen Wüste zu spüren. Während bei vielen engagierten Autoren hin und wieder „die Botschaften“ die Handlungen überlagern, versteht es GTM trotz seiner engagierten Ambitionen, spannende Krimis zu schreiben, die sicher alles haben, was – selbst die abgebrühten – Krimifans erwarten.

Nun, ich habe das Buch noch nicht wieder gelesen… aber allein dass ich die Absicht habe das zu tun, sagt schon etwas. Ich fand das ganze Buch äußerst spannend… und konnte dennoch entspannen. Zugleich ist das Werk sehr informativ und erschließt uns eine Weltgegend und eine Realität, von der wir bisher so gut wie nichts gehört haben. GTM ist ein Insider, der eindrucksvoll über das Leben an dieser Grenze berichtet, an der krimineller Neureichtum und schon traditionell gewordene Armut Opfer fordern. Die atmosphärische Dichte und intensiven Schilderungen einer Welt, in der der Selbsterhaltungstrieb und das soziale Elend ein furchtbar fruchtbarer Nährboden für übelste kriminelle Machenschaften der vielfältigsten Nuancierung sind, machen auch betroffen. Für mich gehört GTM ohne Wenn und Aber in die erste Reihe der mexikanischen Abteilung meines Bücherregals… wenn ich es erneut gelesen habe.

Wilfried John

Tijuana Blues

Gabriel Trujillo Muñoz:

288 Seiten – Gebundenes Buch

Verlag: Unionsverlag – Aus März 2006

ISBN: 3-2930-0359-1

19,90 Euro

Anhang1: Unter http.//de.wikipedia.org/wiki/Menschenrechte, ist die Geschichte der Menschenrechte, ihr philosophisch/politischer Rahmen und ihre Rechtsverbindlichkeit sehr aufschlussreich zusammengestellt.

Anhang2: Unter www2.amnesty.de findet man alle relevanten Informationen zu internationalen und nationalen Menschenrechtsverletzungen.

Anhang3: Unter www.gavagai.de/99/HHD0901.htm findet man eine erstaunliche Sammlung von Menschenrechtsverletzungen in Deutschland – von der aktuellen Debatte um Einschränkung der Freiheitsrechte, bis zur Behandlung von Flüchtlingen.

Anhang4: Unter www.sozialismus.info/?sid=79 ist eine Rezension der Buches „No Logo“ der Journalistin Naomi Klein, in dem die skandalösen Zustände beschrieben werden, die von neoliberal orientierten Regierungen für die sog. Global-Player der Unterhaltungselektronik- und vor allem der Textil-Industrie eingerichtet wurden und immer noch eingerichtet werden.

Anhang5:  Selbst der traditionell eher konservativen und neoliberal tendierenden Zeitung „Die Zeit“ ist das ein Dorn im Auge. Unter www.zeit.de/1998/21/tijuana.txt.19980514.xml?page=1 kann man einen aussagekräftigen Artikel zum Thema lesen. Ebenfalls sehr erschreckend, ein Artikel unter: www.reisetraeume.de/usa/regio_sw/Tijuana.html

Anhang6: Ein sehr aufschlussreicher Artikel über diese Mordfälle, die zum großen Teil sexuelle Hintergründe haben, ist von Amnesty International unter der Adresse www2.amnesty.de/internet/deall.usf/0/5ff4331dce71d4cac1256e47003ba0f2?OpenDocument nachlesbar.