Gioconda Belli „Die Verteidigung des Glücks“

  Gioconda Belli

„Die Verteidigung des Glücks“

413 Seiten gebunden

Karl Hanser Verlag

ISBN 3-446-19976-7

48,- €uro

Pro:
Authentisch, offen, unterhaltsam und informativ
Kontra:
Manchmal etwas banal
Und Gott machte eine Frau aus mir
Nicaragua in den siebziger und achtziger Jahren… eine ekle Brut von  Tyrannen, beherrschte das kleine Land in Mittelamerika. Seit 1937 herrschte Anastasio Somoza García und die von ihm gegründete Dynastie, übte in Nicaragua eine der langandauernsten Diktaturen Lateinamerikas aus. Wie vorher vielleicht nur im Spanischen Bürgerkrieg oder in Chile, vielleicht noch während der Nelkenrevolution in Portugal, war dies kleine Stück Erde namens Nicaragua ein Ort voller Sehnsucht nach einer Utopie, einer Utopie, die sich danach sehnte Wirklichkeit zu werden. Sie sehnte sich bis zur Sandinistischen Revolution im Juli 1979… dann gebar sich die Utopie selbst. Die Geschichte ist bekannt, die Revolution scheiterte, nach anfänglichen Erfolgen und einem von den USA geschürten Bürgerkrieg, am Ende doch… zu mächtig die Gegner, zu gering die Hilfe… und letztlich scheiterten die Revolutionäre auch an sich selbst.

In diesem Land ist Gioconda Belli geboren… 1949 in Managua/Nicaragua. Sie studiert Kommunikationswissenschaften in Spanien und den U.S.A, ist fleißig und strebsam, schreibt Gedichte und ist im Versuch begriffen eine Familie zu gründen. Doch dann ändert sie die Richtung… plötzlich. Ab 1970 beteiligt sie sich konspirativ am Widerstand der Sandinistischen Befreiungsfront FSLN gegen die Diktatur. Trotzdem bekommt sie 1974 den Preis der Universität León (Nicaragua) für ihren ersten Gedichtband „Auf dem Rasen“. 1978 überreicht man ihr den begehrter kubanischen Literaturpreis Casa de las Americas, für ihren zweiten Gedichtband „Feuerlinie“. Nach dem vorläufigen Sieg der Sandinisten 1979 arbeitet Gioconda Belli dann in der politischen Bildung und als Kulturredakteurin weiter für die Bewegung. 1988 ist wieder ein Wendepunkt, wenn er auch noch nicht offenbar wird: Mit „Die bewohnte Frau“ erlangt sie internationale Beachtung als Schriftstellerin und bekommt 1989 den Preis „Das Politische Buch des Jahres“ der deutschen Friedrich-Ebert-Stiftung. 1990 ist das Jahr, in dem die Niederlage der Sandinisten besiegt wird: Die Sandinistische Regierung abgewählt. 1994 schließlich, distanziert sich Gioconda Belli vom Sandinismus und lebt seitdem in Los Angeles/USA… und nur ab und zu ist sie noch in Managua.

Kürzlich nun, sind ihre Memoiren „Die Verteidigung des Glücks“ erschienen. Für alle die  Gioconda Belli nicht kennen, mag das ein x-beliebiges Buch voller Erinnerungen sein, die meist noch so erzählt werden, dass der Autor/die Autorin gut aussehen. Aber Belli ist mehr als x-beliebig! Sie ist eine der wenigen Frauen, die so etwas wie Kultstatus besitzen. Ihr Name steht gleichermaßen anerkannt neben so berühmten Namen wie Frida Kahlo, der mexikanischen Malerin und Evita Perón, der argentinischen Politikerin, Mercedes Sosa, der Sängerin oder Gabriela Mistral, der chilenischen Dichterin, die als erste Frau Amerikas den Nobelpreis bekam. Gioconda Belli ist immer noch eine der exemplarischen Frauenfiguren Lateinamerikas. Sie erzählt uns wie sie sich am Widerstand der Sandinisten gegen die Diktatur beteiligte, wie sie trotz alledem ihre zwei Töchter gebiert und aufzieht und wie sie gleichzeitig mit ihren Büchern Weltruhm erlangt. Sie schildert uns ein Doppelleben: In der Öffentlichkeit Ehefrau und Mutter, hinter den Kulissen in der sandinistischen Widerstandsbewegung. Sie geht ein hohes Risiko, wenn sie z.B. Guerilleros Unterschlupf gewährt. Sie erzählt von den Jahren revolutionärer Abenteuer und natürlich auch von Liebschaften… sie hat sich immer genommen, was sie brauchte. Sie erzählt uns ihren Weg zum schriftstellerischen Erfolg und eben auch denjenigen bitteren Weg ins Exil, um der Verfolgung und dem sicheren Tod zu entgehen.

Doch sie beschönigt nichts, benennt die Folgen von Krieg und Bürgerkrieges und den Machismo der Kader, das Demokratiedefizit des sandinistischen Systems, vor allem nach 1979… und das obwohl sie mit ihrem ganzen Herzen für die Sache eingetreten ist. Sie sagt heute über die Jahre nach der Vertreibung des Diktators: „Viele von uns Sandinisten fühlten sich immer mehr wie Zuschauer eines Prozesses, der nach wie vor von seinem idealistischen, heldenhaften Ruf zehrte, sich jedoch in der Praxis immer weiter von dem entfernte, was er sein wollte, und eine verschwommene, zufällige Angelegenheit wurde. Unterdessen starben auf den Kriegsschauplätzen täglich mutige, entschlossene junge Nicaraguaner, die von der Notwendigkeit überzeugt waren, den Traum zu verteidigen, der gleichzeitig, für sie unsichtbar, in Stücke ging. Über lange Zeit weigerte ich mich zu glauben, die Fehler der Revolution seien nicht zu korrigieren, dazu war ich ihr zu sehr verbunden.“ Solche Offenheit ist für sie bezeichnend… wo bei anderen, ähnlichen Lebensläufen, das Pathos gepflegt wird, steht in „Die Verteidigung des Glücks“ nichts von alledem, ist nicht wirklich Militantes darin enthalten, ist es das große Verdienst dieses Buches, einen klaren Blick auf die Geschehnisse richten zu können.

In einer Kritik habe ich gelesen, Bellis Prosa bewege sich vielfach auf dem Niveau einer Frauenzeitschrift, sie beschreibt einen Lebenslauf, wie man sich ihn bewegender kaum wünschen könnte. Sicher es gibt auch die wilde Leidenschaft, die romantische Liebe, die Befreiung aus den Zwängen der kleinbürgerlichen Herkunft und schließlich das Glück der Mutterschaft und die berufliche Erfüllung. Aber im Kontext zu ihren politischen Aussagen, ihren Berichten zum Zeitgeschehen, ist das allemal statthaft und gar nicht frauenzeitschriftmäßig; wobei sich mir zugegebenermaßen erschließt, was damit eigentlich gemeint ist… weil ich solche Zeitschriften noch nicht gelesen habe. Im Gegensatz dazu, begegneten mir viele Motive aus ihrer Literatur.

Klara Obermüller schrieb in der Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 09.04.01: „Über Revolutionen in Lateinamerika und anderswo ist viel geschrieben worden, meist von Männern. Über die Konflikte des einzelnen und den Preis, den konkrete Menschen für ihren Einsatz zu bezahlen hatten, war dabei in der Regel wenig zu erfahren. Dafür bedarf es wohl des weiblichen Blicks. Nach der Lektüre von Gioconda Bellis Memoiren versteht man besser, warum auch diese Revolution scheitern musste.“ Dem ist an sich nicht hinzuzufügen… außer vielleicht ein Gedicht von ihr, das ich sehr bewundere:

Und Gott machte eine Frau aus mir

Und Gott machte eine Frau aus mir,
mit langem Haar,
Augen,
Nase und Mund einer Frau.
Mit runden Hügeln
und Falten
und weichen Mulden,
höhlte mich innen aus
und machte mich zu einer Menschenwerkstatt.
Verflocht fein meine Nerven
und wog sorgsam
meine Hormone aus.
Mischte mein Blut
und goss es mir ein,
damit es meinen Körper
überall bewässere.
So entstanden die Gedanken,
die Träume,
die Instinkte.
All das schuf er behutsam
mit seinen Atemstößen
und seiner bohrenden Liebe,
die tausendundein Dinge,
die mich täglich zur Frau machen,
derentwegen ich stolz
jeden Morgen erwache
und mein Geschlecht segne.
Es kommt mir wohl nicht sehr oft vor, dass ich Memoiren lese. Und hätte nicht gerade sie ihr Leben aufgeschrieben, hätte ich (ob meiner Unterstützung für Nicaragua, Träger eines sandinistischen Ordens) nicht in etwa gewusst von was sie schreibt, hätte ich das Buch wohl nicht gelesen… und hätte ein wirklich wichtiges Buch verpasst.
Wilfried John