Guillermo Arriaga Jordán „Der süße Duft des Todes“

Sündenbock gesucht

Pro: Spannungsgeladen, subtil erzählt und nicht ohne Ironie

Kontra: Der Verlag ist der Meinung, das Werk sei ein Krimi

Plebiszit. Es gibt wichtige Begriffe, deren Bedeutung – selbst bei denen für die sie wichtig wären – fast unbekannt sind. Nun ist es aber vielleicht auch unfair den fremdsprachlichen Ausdruck zu verwenden, aber das tat ich nicht deswegen weil ich meine Mitmenschen ärgern wollte, sondern weil mit diesem Wort mehr transportiert wird als der fremdsprachliche Ausdruck für Volksabstimmung oder Volksentscheid. In der Literatur wird das Plebiszit als ein Grundelement der Demokratie bezeichnet, in dem sich der Wille des souveränen Volkes direkt äußern kann. Dagegen habe ich als Demokrat natürlich auch überhaupt nichts einzuwenden; ganz im Gegenteil.

Die Entfremdung, die in parlamentarischen Demokratien zwischen dem souveränen Volk und den in seinem Auftrag in Parlament und Regierung Herrschenden eintreten kann – und gerade bei uns in den letzten zwei Jahrzehnten durch ständige Interessenpolitik gegen die Menschen ja auch eingetreten ist – könnte durch solche Volksentscheide wieder ausgeglichen werden. Aber andererseits können Plebiszite auch missbraucht werden; grade wir in Deutschland haben durch die Nazis einschlägige Erfahrungen gemacht. Aber es braucht keine Diktatur und Demagogie um Volksentscheide zu missbrauchen, das geht auch in Demokratien – Meinungsmache in Medien, Propaganda von Interessenverbänden und Stimmungsmache von Politikern vor Wahlen gibt es auch bei uns.

Der letzte Versuch Volksabstimmungen in unserer Verfassung zu verankern und somit möglich zu machen, scheiterte 1994 bei der Abstimmung im Bundestag zur gemeinsamen Verfassung nach dem Beitritt der DDR an den Stimmen der CDU/CSU und der FDP, die – mit Hinweis auf die deutsche Geschichte – grundsätzlich gegen Volksentscheide sind. Vielleicht sind sie auch nur dagegen, weil sie ihre unsoziale, gegen die Mehrheit der Menschen gerichtete Politik im Parlament ohne das störende Volk bequemer durchsetzen können. Jedenfalls ist die Weimarer Republik nicht an Volksentscheiden gescheitert, sondern an jenen, die Hitler in den Sattel halfen… übrigens denselben Kräften, die heutzutage oben genannte Parteien bevorzugt finanzieren.

Wenn – wie heute üblich – über zu treffende Entscheidungen nicht offen und objektiv informiert wird, sondern in Hinterzimmern Weichen gestellt werden um sogar Parteitage zu manipulieren, dann fürchte ich, dass man auch die Öffentlichkeit so manipulieren kann, dass zu jeder Entscheidung – zu was auch immer – ohne größere Zwangsmaßnahmen große Mehrheiten erreichen könnte.

Wenn ich oben schrieb, dass ich ein Befürworter solcher Volksentscheide bin, so muss ich natürlich auch schreiben, dass dies an gewisse Voraussetzungen gebunden ist: Wenn Plebiszite Ausdruck einer freiheitlichen Demokratie sein soll, dann erfordert das natürlich auch die Möglichkeit der freien Meinungsbildung für die Menschen, eine wirklich freie Presse, eine parlamentarische oder außerparlamentarischen Opposition, die auch Alternativen vorschlagen kann… und nicht zuletzt, es erfordert politisch gebildete, mündige und kritische Bürgerinnen und Bürger. Dazu wäre es dann aber sehr nötig, einiges zu ändern… von Schulplänen bis zur Journalistenehre.

Was alles aus den Wurzeln des so genannten gesunden Menschenverstand heraus wachsen kann, welche Blüten das dann treibt und welche Früchte daraus entstehen, das ist das Thema eines Kriminalromans, der eigentlich kein Kriminalroman ist. Geschrieben hat dieses seltsame Buch ein mexikanischer Schriftsteller namens Guillermo Arriaga Jordán (kurz GAJ) und der Titel ist: „Der süße Duft des Todes“. Sollte dieser Titel dem einen oder der anderen schon bekannt sein, dann vielleicht deswegen, weil er schon 1998 von Gabriel Retes unter gleichem Titel erfolgreich verfilmt wurde. Insofern handelt es sich bei diesem Buch, das vom Unionsverlag nicht ganz zu unrecht Krimi genannt wird, doch eher ein Drehbuch; was uns nicht verwundert, wenn wir einen Blick auf seine Biographie und seine berufliche Hauptbeschäftigung werfen.

Guillermo Arriaga Jordán wurde 1958 in Mexiko-City geboren. Allerdings kann man nicht sagen, dass er besonders behütet aufwuchs, sondern erlebte seine Kindheit in einem der gewalttätigsten Viertel der Stadt. Wie seine Kindheit wirklich war entzieht sich meiner Kenntnis… ist aber sehr leicht vorstellbar. In einem Umfeld von Drogen, Gewalt, Armut und Hoffnungslosigkeit des mexikanischen Molochs der sich Mexiko-City nennt. Jedoch im Alter von 13 Jahren sollte sich sein Leben grundlegend ändern, nachdem er bei einem der alltäglich zwischen Straßengangs geführten brutalen Straßenkämpfe schwer verletzt wurde und in der Folge seinen Geruchssinn verlor.

Er wollte lernend aus dem Chaos fliehen und studierte schließlich an der Universidad Iberoamerikana in Mexiko Kommunikationswissenschaft und Geschichte. Und er schaffte es. Nach seinem Studium war er im Lehrbetrieb der Universität tätig und erhielt schließlich eine Universitätsprofessur für Medienwissenschaften, die er auch heute noch innehat. Seine künstlerische Laufbahn begann schon während des Studiums und er begann zunächst mit dem Schreiben – mittlerweile hat er mehrere Romane verfasst, von denen aber nur das vorliegende Buch in Deutscher Sprache vorliegt. Weiter arbeitete er auch als Regisseur für Film und Fernsehen und, quasi in der Verbindung der beiden Richtungen Schreiben und Regie, er schreibt äußerst erfolgreich Drehbücher.

Wie weiter oben schon schrieb, ist dieser Roman eigentlich kein Kriminalroman, auch nicht wenn er sehr viele Merkmale eines guten Krimis ausweist. In einem Krimi wird uns Lesenden am Schluss ein Täter präsentiert und alle Erzählstränge zielen darauf, den wirklichen Täter zu identifizieren und die Indizien, Motive und Handlungen darzulegen. Das ist in „Der süße Duft des Todes“ nicht der Fall, denn wir in diesem Roman nicht, wer die fünfzehnjährige Adela umgebracht hat, die an einem Sonntagmorgen in einem Feld nahe eines mexikanischen Dorfes ermordet aufgefunden wird.

Justino, der Gemeindevorsteher von Loma Grande, so der Name des Dorfes, stellt nach kurzer Untersuchung lakonisch fest, dass der Mörder war weder groß noch klein, weder dick noch dünn sei, lediglich sei sich, dass er Cowboystiefel Größe dreiundvierzig mit hohem Absatz getragen hat. Und sein polizeiliches Interesse verschwindet gänzlich, als er auf die Stimmung im Dorf aufmerksam wird. Das Dorf liegt in einer gottverlassenen Weltgegend und in die nächste Stadt ist man vier Stunden unterwegs. Es gibt keine Behörden, keinen Arzt und, eine Absonderlichkeit in Mexiko, nicht mal einen Pfarrer; dieses Detail für die folgenden Ereignisse noch wichtig. Die Menschen sind es gewöhnt, ihre Probleme vor Ort selbst zu regeln.

Loma Grande ist einer jener Orte, in denen jeder jeden kennt, in denen sich die Menschen alle gemeinsam so kennen, wie es jedem Einzelnen nicht ganz geheuer ist. Von Fremden hält man grundsätzlich nichts und es ist, wenn überhaupt, nur sehr schwer möglich, in diese Dorfgemeinschaft aufgenommen zu werden. Weit ab von der Zivilisation, oder dem was man so nennt, gilt für sie Recht und Gesetz nicht so sehr, wie ihre selbst gestrickte Ehrbarkeit und der machohafte Ehrenkode; der vorschreibt, dass man Auge um Auge, Zahn um Zahn rächt. Wer da nicht mitmacht, gilt für sein restliches Leben als Feigling und Versager oder wird zum Ausgestoßenen. Über Adela, deren Familie nicht zu den Alteingesessenen gehört, weiß man wenig. Und wo man wenig weiß, ersetzt ein Gerücht schnell das Fehlende: Ramón, der Adela ein paar Mal in seinem Laden gesehen hat, sei ihr Freund gewesen. Es gibt Briefe und hastige Kurzschlüsse von Klatsch und Tratsch und eine Denunziation ohne guten Grund – so dass es nicht lange dauert, bis man einen Mörder gefunden hat: den fahrenden Händler Gitano.

Das Dorf verlangt nach Rache, und das ist auch der Grund, warum der Ortsvorsteher keinen Ärger will, den er durch weitere Ermittlungen bekommen hätte. Denn längst hat das Dorf alle seine Aufgaben übernommen. Da brauch niemand mehr zu suchen, weil längst schon feststeht wer es war. Das ganze Zeug von Motiv. Indizien, Zeugen, Befragungen, Geständnisse ist doch nicht mehr nötig. Wir erleben das zustande kommen einer Wahrheit und auch wenn sie aus dem Geist von Gerücht, Phantasie und übler Nachrede gebildet wurde, kann sie für Menschen zur einzig möglichen werden.

Dabei sind durchaus Spuren vorhanden, welche Grund genug wären, die Anschuldigung gegen Gitano anzuzweifeln. Justino aber lässt alles auf sich beruhen und hat sich dem Mob schon ergeben, der sich nichts als Lynchjustiz wünscht. In kürzester Zeit verfestigen sich die Gerüchte zu Tatsachen, gegen die jeder Einwand nutzlos bleibt. Die Geschehnisse machen sich selbständig und fast erscheint es so als unterliege alles einer sinnlosen Notwendigkeit, Die für Krimi-Leserinnen und -Lesern geschätzten und allgemein üblichen Krimifragen interessieren dabei nicht: wer es wirklich getan hat und warum, wer ein Alibi hatte, wer verdächtig wäre wurde unerheblich.

Die Geschichte, die GAJ erzählt, ist die Geschichte eines Verhängnisses, einer Verkettung von Intrigen und Zufällen, die von mehreren und keinem allein herbeigeführt wurden. Sehr früh im Roman, hat das an sich nichts mehr mit dem eigentlichen Fall zu tun und das scheint auch das Interesse von GAJ zu sein. Es geht ihm dabei sehr wohl um die Wiederherstellung von Recht und Ordnung, aber auch darum, dass es keine Alternative zur rationalen Aufklärung gibt, da sonst nur die blutig schlichte der Wahl eines Sündenbocks übrig bleibt.

GAJ erzählt diese Geschichte ohne scheinbar ein großes Aufheben daraus zu machen und dazu passt seine stilistisch nüchterne und ohne emotionale Beteiligung vorgetragene Art. Der ganze Roman gleicht eher einem neutralen Bericht und selbst die Dialoge lockern nicht auf, lassen uns nicht davon kommen und wir müssen uns selbst mit den Ereignissen befassen. Es gibt keine Instanz eines kommentierenden Erzählers und die kurzen Kapitel entwickeln die Handlung und treiben die Ereignisse voran. Wir Lesenden wissen immer mehr als jeder einzelne der Beteiligten und Täter – gerade aus dieser Wissensdifferenz bezieht diese Geschichte ihre tragische Kraft. Die fast mathematische Präzision, mit der GAJ das konstruiert, erinnert an Gabriel García Márquez „Chronik eines angekündigten Todes“ (auch hier bei Ciao vorgestellt), wobei GAJ natürlich seinen eigenen Stil entwickelt; kantiger, nüchterner, schnörkelloser.

GAJ erzählt in diesem Roman so, wie er seinen Drehbüchern schreibt und wie er in berühmten Filmen zu sehen ist. Mit harten Schnitten und wechselt immer wieder die Perspektive und richtet so unser Augenmerk eine ganze Reihe von Figuren oder auch auf das was im Roman auch vorkommt: Freundschaften, Liebesgeschichten und sogar Dorfidylle. Ihm ist in diesem Roman durch seine detaillierten eine Schilderungen gelungen, im Gewande dieses Krimis auch ein Stück mexikanischer Realität zu zeichnen, die wohl nicht nur in Mexiko so oder so ähnlich bekannt sein dürfte; wenn auch hoffentlich in dieser Konsequenz. GAJ erweist sich als ein Meister von Spannungseffekten, legt Fährten, deutet Geheimnisse an und zeigt anschaulich verstrickte Beziehungen. So kann der Roman sowohl den Krimi-Fans ans Herz gelegt werden, als auch denjenigen, die einen sozialkritischen Roman bevorzugen; man könnte das Werk als handlungsintensiven Gesellschaftsroman bezeichnen.

Ich bin schon lange Fan von GAJ; auch schon als ich noch keinen seiner Romane gelesen hatte. Ich habe die Filme des mexikanischen Regie-Genies Alejandro Gonzalez Inarritu gesehen und war von dem begeistert, der die Drehbücher für ihn geschrieben hatte. Heute kann ich zu Protokoll geben, dass ich auch seine Romane zu schätzen lernte, zumindest wenn die anderen so gut sind wie „Der süße Duft des Todes“. Die knappe, lakonische, unsentimentale Sprache ist zwar nicht das typisch lateinamerikanische das ich sonst so schätze, aber es war für mich ein literarischen Gewinn GAJ zu lesen, dem auch Ironie und Sinn für schwarzen Humor nicht abgehen.

Es geschieht mir selten, dass ich fast atemlos den zügigen und subtilen Schilderungen der Charaktere und Situationen folge. In diesen Roman ist kein überflüssiger Satz der dieser verhängnisvollen Geschichte die Schärfe nimmt. Aber es ist auch kein Satz zuwenig, was uns die Stimmungen der Leute, die Träume und Hoffnungen der Menschen vorenthalten würde. GAJ schaut den Menschen in die Seele… und auch wenn ich bei dieser Seelenschau manchmal laut aufschreien mochte, so hat mich die Lektüre dieses langsam sich zu einem schrecklichen und sinnlosen Ende hinsteigernden Romans, doch berühren können.

Dieser Roman von GAJ ist für mich zu einer wunderbaren literarischen Entdeckungsreise geworden und hat mir einen Autor bekannt gemacht, der sich auch vor den ganz großen Namen der zeitgenössischen Literatur Lateinamerikas nicht zu verstecken braucht. Auch wenn ich nicht sehr oft Krimis lese, so kann ich doch sagen, dass dieses Werk unter den fünfzig oder sechzig Krimis die ich las seinesgleichen sucht.

Wilfried John

Der süße Duft des Todes
Guillermo Arriaga Jordán
207 Seiten – Gebundenes Buch
Verlag: Unionsverlag – Aus März 2001
ISBN: 3-2930-0278-1

192 Seiten – Broschierte Ausgabe
Verlag: Unionsverlag – Aus Juli 2002
ISBN: 3-2932-0239-X

Audio CD
Verlag: Eins a Medien – Aus Januar 2007
ISBN: 3-9363-3749-7