Guillermo Cabrera Infante „Ansicht der Tropen im Morgengrauen“

Die dunkle Seite

 

Pro: Literarisch hoch interessantes Buch

 

Contra: Die Bitterkeit eines alten Mannes… des Autors


Kuba. Warmer Ozean, weißer Sandstrand, idyllisches Palmenpanorama, heiße Musik und coole Drinks… das sind die Etiketten, die viele Urlaubsreife oder Reiselustige der Karibik ankleben. Nicht zuletzt, seit Wim Wenders Film mit der schon fast legendären Filmmusik Buena Vista Social Club in unseren Kinos lief und schon einen regelrechten Boom auslöste, ist vielen Deutschen Kuba eine Insel der Glückseligen. Was aber da ins öffentliche Interesse gerückt wurde – Havanna, Lebenslust, Zigarren und Musik – entspricht nie und nimmer der Realität. Sicher, all das ist dort zu finden, doch es entspricht nur einer Fassette der karibischen Wirklichkeit.

 

Meine Absicht ist es nun wahrlich nicht, eine Abhandlung über das schreiben, was aus meiner Sicht all die anderen Fassetten ausmacht, sondern auch einmal die kritische Sicht einzuführen. Über die Geschichte dieses Inselstaates im Karibischen Archipel gibt es viel (Halb-)Wissen und obwohl ich die kubanische Revolution immer unterstützt habe, muss ich doch auch, z.B. aus der Sicht meines Engagements für Menschenrechte, sagen, dass der Inselstaat vom Regime Fidel Castros noch immer rigide geführt und Abweichlern der Parteilinie kein Pardon gegeben wird… das wird vor lauter Begeisterung über all die liebenswerten Dinge leicht vergessen.

 

Da ich persönlich nicht allzu geeignet bin (als Unterstützer der Revolution), mich kritisch zu äußern, möchte ich in dieser Besprechung einen Autor vorstellen, der mir – wie kein anderer – dazu geeignet scheint. Weil es mir aber auch immer um vortreffliche Literatur aus Lateinamerika allgemein und aus der Karibik im Besonderen geht, führt kein Weg an eben diesem Autor vorbei. Sein Buch „Ansicht der Tropen im Morgengrauen“ ist nicht neu… seine Kritik an Castro auch nicht… aber es ist vielleicht gerade in der Hinsicht auf den Boom mit Kuba eine wertvolle Lektüre, die das Bild gerade hängt. Also lasse ich Guillermo Cabrera Infante (GCI) zu Wort kommen, der sich mit der Geschichte Kubas – und hier vor allem mit der jüngsten Geschichte – auch aus der persönlichen Perspektive besonders gut auskennt.

 

Guillermo Cabrera Infante wurde 1929 auf Kuba geboren und wuchs in der Zeit der Batista- Diktatur auf. 1952 wurde er von den Schergen des Regimes wegen einer Erzählung verhaftet und eingesperrt, weil der Text angeblich obszön sei und das öffentliche Empfinden beleidigte. Später leitete die kubanische Kinemathek, die er auch mitbegründet hatte. In der Revolutionszeit lernte er Castro und Che Guevara kennen und stand auf der Seite der Revolution. Allerdings war sein Kampf kein bewaffneter – er kämpfte als Leiter der Literaturzeitschrift „Lunes de Revolucion“ mit dem Wort. Doch bereits 1961 geriet er in einen Konflikt mit der politischen Führung, der er einen Mangel des kritischen Prinzips im revolutionären Prozess vorwarf. Dennoch – oder vielleicht gerade deswegen – wurde er Kulturattache in Brüssel. Aber das Zerwürfnis blieb bestehen und 1965 trat er von seinem Posten zurück und ging nach London ins Exil. Hier entstanden seine wichtigsten Werke, mit denen er weltbekannt wurde.

GCI könnte den Leserinnen und Lesern meiner Besprechungen schon bekannt sein, denn ich habe ihn mit einem meiner absoluten Lieblingsbüchern  „Drei traurige Tiger“ hier bei Ciao vorgestellt. Wer von dem Buch um das es hier geht allerdings eine ähnlich schrille, artifiziell gehandhabte Erzählung aus dem nächtlichen Havanna kurz vor Castros Revolution erwartet, wie wir es von seinem 1987 erschienenen Roman kennen, wird überrascht sein. „Ansicht der Tropen im Morgengrauen“ wirkt gegen „Drei traurige Tiger“ geradezu kontrastiv: Der Text, bzw. die Texte, aus denen „Ansicht der Tropen im Morgengrauen“ besteht, ist nüchtern, unverschnörkelt und knappt, die einzelnen kurzen Einheiten wollen so gar nicht zu dem Bild passen, das uns von den traurigen Tigern vermittelt wurde. Fast lakonisch fügt GCI ungeheuerliche Episoden hintereinander und stellt unsere Lesegewohnheiten auf eine Probe. Was zunächst wie fragmentarischer Zufälligkeit erscheint, verfestigt sich durch die Reihung zu einer Strukturierung dessen, was der Autor als Konstanten kubanischer Geschichte erkennt.

 

Zu einem erheblichen Teil handelt es sich bei diesem Text um die Ergebnisse von  Betrachtungen, die GCI von alten Stichen und Photos anfertigte. Es ist, als würde er in einem sehr alten kubanischen Fotoalbum blättern. Gewiss, diese Methode ist nicht neu. Sie wurde z.B. von Eduardo Galeano in seinem Geschichtsbuch „Erinnerungen an das Feuer“ (auch hier bei Ciao vorgestellt) schon perfekt verwendet. GCI verwendet diese Methode in „Ansicht der Tropen im Morgengrauen“ in ähnlicher Weise für die Beleuchtung der weit entfernten kubanischen Geschichte. Je näher er sich allerdings an die jüngere Geschichte heran arbeitet, desto weniger kann (oder will) er die Methode durchhalten. Für die Aufarbeitung der unmittelbaren Vergangenheit gelten für ihn offenbar andere Kriterien – welche das sind, wird später klar werden. Es soll schon hier klar werden, dass GCI die Geschichte Kubas als eine sich in erschreckender Weise wiederholende Geschichte des Mordens, als eine Militärgeschichte grausamster Art präsentiert.

 

GCI beginnt seinen karibischen Totentanz mit der Betrachtung von Stichen, welche die Begegnung der Konquistadoren mit den sog. Indianern zeigen. Dass diese Begegnung in einer Orgie aus Gemetzel und Vernichtung mündete, dürfte allgemein bekannt sein (wem nicht, sei das Buch „Kurzgefasster Bericht von der Verwüstung der westindischen Länder“ von  Bartolomé de Las Casas empfohlen – auch hier bei Ciao vorgestellt). Den Texten zu diesem Geschichtskapitel, folgt eine Gruppe von Texten, die sich auf die Invasion Kubas durch englische Truppen (eine weniger bekannte Fassette der kubanischen Geschichte) beziehen und ihnen folgen bekanntere Bilder… Szenen aus der Versklavung der Afrikaner: GCI betrachtet Bilder, auf denen Bestrafungen, Rebellion, das Aufspüren von Sklaven durch Bluthunde, Hinrichtungen und Tapferkeit der sich vergeblich Wehrenden abgebildet sind. Aber all das wird mit lakonischer Knappheit erwähnt, so als wenn es dem Autor mit seinem Buch nicht um diesen Teil der Geschichte ginge. Nach diesem Teil greift GCI in gleicher Tonlage die Kolonial- und Befreiungsgeschichte bis zur Diktatur Batistas auf, obwohl er sie persönlich als Leidtragender erlebte.

 

In etwa der Mitte des Buches fällt eine Landschafts- und Naturbeschreibung auf, die auf den ersten Blick scheinbar so gar nicht zum Verlauf des bisherigen Werks zu passen scheint. Die Sierra, die unzugängliche Gebirgslandschaft Kubas, wird ausführlich und etwas romantisierend in ihrer tropischen Üppigkeit beschrieben. Wie sich herausstellen wird, geschah dies nicht ganz ohne ironische Absicht. Diese Textstelle bilden nämlich eine Zäsur zu den Betrachtungen der ersten Hälfte des Buches und sie sind gleichzeitig eine Art Übergang zu den folgenden Texten, die sich mit der Revolution Castros und deren Folgen beschäftigen, der Revolution also, die bekanntlich in eben jener Sierra ihren Anfang nahm. Und spätestens jetzt wird klar, um was es GCI wirklich geht: Sein altes Zerwürfnis mit Castro ist die Triebfeder.

 

Während bei aller Anteilnahme eine Art wuterfüllte Distanz zu den Geschehnissen aufrechterhalten wird, wozu sich u.a. das Einhalten der personalen Erzählperspektive eignet, lässt der Exilkubaner GCI in drei Fällen Stimmen mit Ich-Erzählern zu. Jedes Mal handelt es sich um eine Anklage gegen Schikane, Menschenrechtsverletzungen und extreme Not, die – seiner Meinung nach – erst unter Castro entstanden. Diese Texte entstanden aus persönlichen  Dokumenten aus erster Hand, die GCI offenbar nicht kontrollieren, sondern sie in ihrer emotionalen Unmittelbarkeit als Zeugnis weitergeben wollte. Wir sollten jedoch nicht vergessen, dass es sich bei „Ansicht der Tropen im Morgengrauen“ um kein Geschichtsbuch im eigentlichen Sinne handelt und dementsprechend ist es auch legitim so zu verfahren.

 

Was nahezu alle Einträge kennzeichnet, ist die Anonymität der (meist toten) Menschen, die posthum zu Helden avancierten. Dabei nimmt der Autor dem Tod nichts von seiner Absurdität, seiner mangelnden Würde, seiner Sinnlosigkeit. Ausgehend von einem statischen Element, wie es ein Bewegung abbildendes Foto eben auch ist, führt GCI sein Publikum mitten in ein Geschehen, das mit dem unnatürlichen Tod eines eingangs Erwähnten endet. Den fehlenden individualisierten Namensträgern und ihren Opfern mangelt es jedoch nicht an militärisch definierter Hierarchie; die Texte wimmeln von Generälen, Majoren und vor allem (was uns beim ausgemachten Castro-Gegner GCI nicht wundert) Comandantes. Zu deren Mannbarkeitsriten gehört: Intrigieren, Kriegführen, Tapferkeit und Stoizismus beweisen, Foltern, Tod bringen und Tod erleiden. Die Sammlung von Kurzprosa wird so auch zu einer bitteren Analyse der kubanischen Variante des sich durch die Jahrhunderte ziehenden Machismo.

 

Auch Rassismus wird selbstverständlich zum Thema gemacht. Wir finden in diesem Buch neben Episoden, in denen die dunkle Hautfarbe als deutlicher Nachteil erweisen sollte (was sich allerdings unter Castro grundlegend änderte – aber leider von GCI unerwähnt bleibt), eine Gruppe von Texten, in denen die Homosexualität im Vordergrund steht; die in der spanischsprachigen karibischen Literatur namhafte Vertreter aufweist (siehe auch „Paradiso“ von Jose Lezama Lima – auch hier bei Ciao vorgestellt). Auch wenn GCI natürlich Recht damit hat, dass das im wahnhaften Machismo Kubas unter Castro (der Homosexuelle in sog. Umerziehungslager internierte) eine andere Art Rassismus war, so bleibt doch ein fahler Beigeschmack, der von einer gewissen Abrechnungs-Sucht mit dem Regime herrührt, die GCI im Exil betreibt.

 

Exzellent allerdings sind die Stellen, in denen GCI mit Revolutionstouristen wie Jean Paul Sartre und Simone de Beauvoir abrechnet; was uns bei GCI natürlich ebenfalls nicht wundern darf. In einer von Sarkasmus triefenden Episode behandelt er den Besuch der Beiden beim Comandante Castro – dessen Titel wie ein Schimpfwort wirken muss, da im gesamten Buch die Comandantes als Kriegstreiber charakterisiert werden; was ich als friedliebender und anti-militaristischer Mensch durchaus befürworten kann.

 

Im Morgengrauen finden „traditionell“ Hinrichtungen und Razzien statt. GCI wählte als Eingangsmotto ein Capricio von Goya, dem das Grauen (nicht nur das des frühen Morgens) vertraut war; wie seine Bilder, besonders die seines späten Schaffens, deutlich zeigen. In einer Bildunterschrift schrieb Goya: „Sobald der Morgen graut, gehen wir.“ Die Bilanz des Bilderbogens kubanischer Realitäten von GCI, fällt erwartungsgemäß eher ernüchternd aus. Da er sich aber fast immer ein kommentierendes Moralisieren versagt, bekommen die Episoden durchaus einen exemplarischen Charakter. Allerdings zeugen sie auch von Bitterkeit, denn GCI nimmt die Geschichte als Wiederholung und nicht als Entwicklung wahr und so entstanden suggerierende Fabeln, die das Schlechte anprangern; so gelesen wird auch der Anti-Castroismus erträglich.

Mich hat das Buch zwar ein wenig geärgert, aber das hat überhaupt nichts mit den darin enthaltenen Texten zu tun, sondern eher meiner persönlichen Haltung zur kubanischen Revolution, die ich – wie ich es schon in meinen Rezensionen zu Büchern von Gabriel Garcia Marquez bekannte – grundsätzlich unterstütze. Im Gegenteil zu meinen (nicht allzu großen) Ärger, steht der fast spielerisch anmutende Umgang mit der Sprache, mit der GCI eine in jeder Beziehung haarsträubende Geschichte erzählt. Auch wenn das Buch für mich gewiss nicht den selben Reiz hat wie es seine „Drei traurigen Tiger“ hatte, zählt das Werk dennoch zu den wichtigen Werken aus dem karibischen Raum; auch wenn es nicht vollständig dort geschrieben wurde, so entstammt es eindeutig dieser Weltgegend, da es vor dem Exil des Autors auf Kuba begonnen wurde und der Autor, trotz seiner selbst gewählten Abwesenheit von der Insel, durch und durch Kubaner bleibt.

 

Manchmal war mir, als ob die Kraft der genauen, poetischen Vergegenwärtigung eine Kruste über einer Wunde aufsprengte… einer Wunde, die auch Geschichte genannt wird. GCI raubt dieser Geschichte jeden glorifizierenden  Nimbus und jede politische Mystifizierung. Er insistiert gegen jede Art der Vereinnahmung von gewaltsamen Ereignissen – gleich von welcher Seite. Und so werden mir die Texte sympathisch. Sie zeigen die Gewalt mit unverstelltem Blick. Wenn ich weiter oben schrieb, dass GCI die Geschichte als Wiederholung und nicht als Entwicklung sieht, so muss ich doch auch schreiben, dass sich aus den, mit objektivierender Konzentration und einem unpolemischen, schon fast lakonischen Tonfall, angefertigten Bildbeschreibungen, auch immer die Möglichkeit – im Sinne von Menschlichkeit – richtigen Handelns im entscheidenden Augenblick heraus lesen lässt.

 

Die gut einhundert Texte sind umrahmt von einem hochpoetischen Bekenntnis zur immerwährenden Schönheit Kubas und zur Heimatliebe des Autors. Am Ende lesen wir: „Und da sie immer sein. Diese langgestreckte, traurige, unglückselige Insel wird auch nach dem letzten Indianer und nach dem letzten Spanier und nach dem letzten Afrikaner und nach dem letzten Amerikaner und nach dem letzten Kubaner noch da sein, wird jeden Schiffbruch überleben, ewig vom Golfstrom umspült: schön und grün, unsterblich, ewig.“

 

 

Wilfried John

 

 

Ansicht der Tropen im Morgengrauen

Guillermo Cabrera Infante

186 Seiten – Gebundenes Buch

Verlag: Suhrkamp – Aus 1992

ISBN: 3-5184-0445-8