Gustavo Sainz „Menschenlabyrinth“

Das unausweichliche Leben

Pro: Enthält größtenteils in Deutsch erstmals veröffentlichte Erzählungen

Contra: Teilweise harter Lesestoff

Mexiko. Es gibt beliebte Länder und solche, die in der Beliebtheitsskala eher weiter unten rangieren. Und dann gibt es noch solche Länder, die in den Empfindungen der Menschen hierzulande, eine geheimnisvolle Faszination auslösen. Wenn jedoch etwas genauer nachfragt wird, dann tritt die Tatsache zutage, dass diese Faszination offensichtlich eher von Klischees herrührt. Mexiko gilt als beliebtes Fernreiseziel und man verbringt als Tourist seine Ferien gerne im mondänen Acapulco oder an der überaus touristischen Karibikküste bei Cancún, die Kulturbeflissenen schätzen dabei die Ausflüge zu den alten Maya-Städten und allen gemeinsam gefällt die mitreißende Folklore.

Die Realitäten im Land sind jedoch fast unbekannt. In einer früheren Besprechung schrieb ich einmal im Zusammenhang mit Bolivien, dass, wenn man sich mit gewissen Dingen nicht aus beruflichen oder sonstigen derartigen Gründen beschäftigt, diese Dinge dann eben nicht weiter auffallen, es sei denn, sie wären in dieser nach Sensationen gierenden Medienwelt eine schlechte Nachricht wert. Bei Mexiko verhält es sich ganz ähnlich. Eine Chance hinter die Kulissen des touristischen Abziehbilds zu blicken, bieten mediale Berichterstattungen über Ereignisse von weltweiter Wichtigkeit. Eines dieser Ereignisse fand unlängst (vom 16. bis 22. März) in Mexiko-City statt… wobei das 4. Weltwasserforum, nach meiner Einschätzung, kein Ereignis im eigentlichen Sinne ist (siehe auch Anhang 1).

Die populäre Bezeichnung für dieses Forum, Wassergipfel, erweckt nämlich nur den Anschein, als seien diese Beratungen und Diskussionen so etwas wie eine weltpolitische Veranstaltung z.B. der UNO. Das ist aber keineswegs so. Auch wenn etwa 100 Minister aus aller Welt und ca. 10.000 sonstige Politiker sowie sog. Fachleute an diesem Forum teilnahmen, ist und bleibt das ein privat organisierter „Rummel“ multinationaler Konzerne, die ihr Geschäft oder ein Teil ihres Geschäfts mit dem lebensnotwendigen Wasser machen (auch der weltweit drittgrößte Wasserkonzern RWE gehört dazu – was uns unmittelbar zu Betroffenen macht). Das Ganze findet mit Rückendeckung der (von den USA dominierten) neoliberal ausgerichteten Weltbank statt… aber um den Schein zu wahren, dürfen auch ein paar NGO´s teilnehmen; was wenigstens garantiert, dass kontrovers diskutiert wird.

Wasser ist Lebensgrundstoff ohne den wir nicht leben können (Fachleute gehen davon aus, dass in diesem Jahrhundert viele Kriege des Wassers wegen geführt werden). Darüber hinaus hat es aber auch eine wichtige ökonomische Bedeutung. Wasser weckt die Profitgier mächtiger Konzerne (allein die seit Jahren führenden französischen Wasserkonzerne Vivendi und Suez Lyonnaise des Eaux, haben ein jährliches Umsatzvolumen von rund zehn Milliarden Euro). Kein Wunder also, dass man sich nicht auf die Anträge aus Venezuela und Bolivien (die bolivianische Stadt Cochabamba steht als Beispiel für die drastischen und tödlichen Folgen der Wasser-Privatisierung) einigen konnte, in denen gefordert wurde, ein Menschenrecht auf Wasser anzuerkennen.

Aber wenn es um Milliardenprofite geht, was zählt da schon ein Menschenleben. Ein Menschenleben? Täglich sterben 6000 Menschen wegen Wassermangels, über eine Milliarde Mitmenschen auf der Erde hat keinen Zugang zu sauberen Wasser, über zweieinhalb Milliarden Mitmenschen sind von sanitären Einrichtungen abgeschnitten… verlautbarte es im Vorfeld des Gipfels aus den Vereinten Nationen. An der Zahl der Politiker, die – aus 120 Ländern kommend – an der Tagung teilgenommen haben, lässt sich ablesen, wie weit das neoliberale Krebsgeschwür schon gewuchert ist, das mit WTO und GATS auch eine Bezeichnung hat (siehe auch Anhang 3). Auch der Tagungsort ist nicht etwa zufällig ausgewählt worden, man konnte sich darauf verlassen, dass die konservative und marktgläubige Regierung nicht kritisch nachfragen würde, zumal Mexiko mit José Ángel Gurría den OECD-Generaldirektor stellt.

Wenn ich oben schrieb, dass solche Ereignisse eine Chance seien, hinter die Kulissen des touristischen Abziehbildes zu blicken, dann ist die Literatur eine andere. Das Buch das ich hier vorstellen will, ist an sich schon eine Chance, enthält es doch 24 Erzählungen von denen 21 deutsche Erstveröffentlichungen sind. Dabei handelt es sich um Erzählungen, die von einem ausgewiesenen Fachmann, als die Meilensteine mexikanischer Erzählkunst bezeichnet werden. Dieser Fachmann ist auch gleichzeitig der Herausgeber dieser Anthologie. Mit „Menschenlabyrinth“ legte Gustavo Sainz eine Sammlung vor, welche die mexikanische Literatur über die (wenigen) bekannten Namen mexikanischer Autoren, etwa Oktavio Paz oder Carlos Fuentes, hebt. Gustavo Sainz, selbst Romancier und obendrein Literaturprofessor, präsentiert nahezu alle bedeutenden zeitgenössischen mexikanischen Prosa-Autoren in einer Sammlung, die er selbst als die Erzählungen bezeichnet, die er gerne selbst geschrieben hätte!Menschenlabyrinth“ legte Gustavo Sainz eine Sammlung vor, welche die mexikanische Literatur über die (wenigen) bekannten Namen mexikanischer Autoren, etwa Oktavio Paz oder Carlos Fuentes, hebt. Gustavo Sainz, selbst Romancier und obendrein Literaturprofessor, präsentiert nahezu alle bedeutenden zeitgenössischen mexikanischen Prosa-Autoren in einer Sammlung, die er selbst als die Erzählungen bezeichnet, die er gerne selbst geschrieben hätte!

Über die Motivation dieses Buch herauszugeben, schreibt Gustavo Sainz in einem mit „Rechtfertigung“ übertitelten Beitrag: „Kein Kunstwerk, kein Roman, kein Gedicht, kein Bild, kein Musikstück, kein Film, fast wage ich zu behaupten, kein einziges Werk entsteht völlig allein. Seine Bedeutung, seine Anerkennung erlangt es, im dem vielfältige Bezüge zu anderen Kunstwerken, zu lebenden oder verstorbenen Schriftstellern, Malern oder Musikern hergestellt oder erahnt werden sowie zu den Betrachtern dieser Leben und Werke, den Kritikern. Allein für sich können wir nichts beurteilen: Man muss vergleichen, angleichen, kontrastieren, nuancieren und das geschaffene Werk zu vielen anderen in Bezug setzen, sogar zum Werk längst verschwundener Künstler.“ So gelesen, wird aus diesen Erzählungen eine Wanderung durch die Weltliteratur, durch die Kunst und wir können Bezüge zu unserer Wirklichkeit herstellen.

Um es vorweg zu sagen: Ich hätte sie auch gerne geschrieben. Da sie aber nun einmal schon geschrieben wurden, kann ich mich mit ihnen nur noch lesend beschäftigen und deswegen kann ich abwandelnd sagen: Ich habe sie sehr gerne gelesen. Dabei kommt mir zugute, dass die Übersetzerinnen und Übersetzer ganz hervorragende Arbeit geleistet haben und so kaum etwa ein Glossar für verwendete mexikanische Begriffe notwendig ist. Außerdem gibt es zwei wichtige, sogar ganz und gar unverzichtbare Anhänge, die sehr geschickt und kompetent über die moderne mexikanische Literatur, im Allgemeinen, und die im Buch versammelten Erzählungen, im Besonderen, ausführen. Und letztlich gibt es noch Kurzvorstellungen aller im Buch vertretenen Autorinnen und Autoren; inklusive kurzer Werkübersichten.

Ich möchte nun versuchen, einen kurzen Überblick über die einzelnen Erzählungen, deren Autorinnen und Autoren geben. Der Einfachheit wegen halte ich mich an die Reihenfolge, wie sie der Herausgeber für richtig erachtete. Mit Hinweis auf die Kurzvorstellung im Buch, verzichte ich, wie es in meinen sonstigen Besprechungen üblich ist, auf biographische Daten der Künstlerinnen und Künstler. Bei den Erzählungen der meisten hier versammelten Autorinnen und Autoren handelt es sich – wie gesagt – um deutsche Erstveröffentlichungen und insofern ist dieses Buch eine Fundgrube für Interessierte an mexikanischer Literatur.

Bei meinen Überblick möchte ich nicht nur die Erzählungen inhaltlich vorstellen, sondern mit einem Kurzkommentar würdigen. Sollte es hier bei Ciao bereits Besprechungen von Werken von im Buch vertretenen Autorinnen und Autoren geben, verweise ich darauf und man kann biographische Daten – falls Interesse besteht – auch dort erfahren. Um die Übersetzungsarbeit zu würdigen, nenne ich, jeweils unter dem Namen der Autorinnen und Autoren, die Namen der Übersetzerinnen und Übersetzer:

Alfonso Reyes – 1890 bis 1959

Volker Glap

Die Hand des Comandante Aranda

Den Einstand in die Sammlung wird mit einer skurril anmutenden Erzählung gegeben. Ein Comandante verliert im Kriegseinsatz seine rechte Hand; wohlgemerkt die Rechte, die gute Hand. Er denkt sich, dass er die Hand, gut präpariert, aufheben sollte, denn schließlich heben Chirurgen auch ganz andere Sachen auf. Gedacht, getan – die ruhmreiche Soldatenhand bekommt einen Ehrenplatz im Haus des Comandante. Mit der Zeit jedoch, gewinnt die Hand mehr und mehr Einfluss auf die Abläufe im Haus und schließlich sogar die Oberhand, die Macht… Die Skurrilität der Hand des Militaristen wird zur Metapher gegen Militarismus.

Efren Hernandez – 1904 bis 1958

Maralde Meyer-Minnemann

Tachas

Nach dem ernsthaften Einstieg, folgt eine wundervolle kleine Erzählung über das was man so denkt, wenn man eigentlich einem Vortrag eines Professors über Tachas zuhören sollte und das was man sagen könnte, wenn einen dieser Professor plötzlich fragt, was man von seinem Vortrag über Tachas verstanden habe… Sprachlich und von der Komposition her betrachtet, ist diese Erzählung ein Juwel.

Juan Jose Arreola – 1918

Kajo Niggestich

Der Weichensteller

Die dritte Erzählung gehört zum Köstlichsten, das ich je in der lateinamerikanischen Literatur gelesen habe. Ein Bahnreisender steigt an einem Bahnhof aus dem Zug. Er hat es eilig, da er  zu einem bestimmten Termin an einem bestimmten Ort sein wollte. Aber obwohl er ein gültiges Ticket hatte und ihm die Verbindung zugesichert war, kam einfach kein Zug. Ein zufällig auftauchender Schaffner, erklärte ihm dann die wundersamen Praktiken einer privaten Bahngesellschaft… Die triefende Satire scheint aus jeder Zeile, jedem Satz und macht diese Erzählung zu meinem Lieblingsstück in einem Buch voller wunderbarer Erzählungen.

Juan Rulfo – 1918 bis 1986

Mariana Frenk

Anacleto Morones

In einem katholischen Land wie Mexiko gibt es natürlich, wie in jedem anderen Land mit strenggläubiger Bevölkerung und entsprechend einflussreichem Klerus auch, witzige Auseinandersetzung mit der Religiosität. Eine Gruppe Nonnen sucht einen als verkommen bekannten Mann auf, der ihnen Als Zeuge für die Wundertätigkeit eines Predigers dienen sollte, den sie heilig gesprochen haben wollten. Der von den Nonnen besuchte Mann war jahrelang der Gehilfe des Predigers. Was er allerdings den Nonnen während einer Besprechung im Hof über ihren Heiligen sagte, ließ vermuten, dass der fromme Mann höchstens als Scheinheiliger bezeichnet werden kann…  Die Geschichte erzählt von dem schmalen Grat zwischen Moral und Doppelmoral und ist köstlich anzüglich.

Carlos Fuentes – 1928

Maria Bamberg

Tlactocatzine, aus einem flandrischen Garten

Wie in Form einiger Tagebucheinträge, erzählt der Autor die Geschichte eines Künstlers, der in die Villa eines reichen Mäzens eingezogen ist. Dieser sehr reiche Mäzen hat in einer Mischung aus dem Wunsch nach Geldanlage und Geltungssucht (ein Habitus, den man allgemein den sog. Neureichen gerne nachsagt), das altehrwürdige Haus (eher ein kleiner Palast aus kolonialer Zeit) gekauft. Aber er konnte offenbar die Seele des Hauses nicht mitkaufen und so herrschte eine eigentümliche Kälte in den Räumen. Nach und nach gelingt es dem Künstler Wärme einzubringen… Wieder erkennt man unschwer die Metapher hinter dieser Erzählung und man kann sich denken, dass sie mir als Autor besonders gut gefällt.

Carlos Fuentes ist mit „Verbranntes Wasser“ hier bei Ciao vorgestellt.

Jose Revueltas – 1914 bis 1976

Thomas Brovot

Hegel und ich

Diese Erzählung beginnt mit der Anklage eines Staatsanwalts gegen einen Mörder, der freimütig diese Anklage bestätigt und – folglich – eingesperrt wird. In der Zelle begegnet er einem Mann ohne Beine, den alle nur Hegel nennen. Im Verlauf der Geschichte kommt allerdings heraus, dass ihm dieser Name nicht wegen seiner philosophischen Kompetenz gegeben wurde, sondern weil er als Obdachloser vor einer Bank in der Hegel-Strasse während einer Polizeirazzia zusammengeschossen (was ihm die Beine kostete) und anschließend eingesperrt wurde… Die in der Erzählung beschriebene Gleichsetzung eines Armen mit einem Mörder, offenbart viel von der sozialen Wirklichkeit einer Gesellschaft.

Sergio Magana – 1924

Maralde Meyer-Minnemann

Die sitzende Frau

Dieses Stück erzählt ein Beispiel für die, vor allem in ländlichen Gegenden noch herrschenden, virulenten Form des Machismo. Ein Mädchen soll mit einem sehr viel älteren Mann (des geschäftlichen Vorteils des Vaters wegen) verheiratet werden. Das ganze Dorf ist in heller Aufregung, da die Hochzeit während des dreitägigen Festes für den Dorfheiligen gefeiert werden soll und so das Fest an sich – das der üblichen Ausgelassenheiten und Ausschweifungen wegen sehr beliebt ist – noch opulenter zu werden versprach. Jedoch ließ sich das Mädchen am Tage vor der Hochzeit von einem jungen Mann verführen, was – als es herauskam – zum einen die Hochzeit platzen ließ und zum anderen das gute Geschäft des Vaters gefährdete. Der Bräutigam verlangte grausame Gerechtigkeit… Mich schmerzte diese Erzählung nicht nur des beschriebenen Schicksals wegen, das man dem Mädchen bereitete, die Erzählung schmerzte mich auch der Verstümmelung des Begriffs Gerechtigkeit, die mit dem Schicksal des Mädchens einher ging.

Elena Garro – 1920

Maralde Meyer-Minnemann

Perfecto Luna

Wenn sich in den bisherigen Erzählungen ein Gefühl des Mangels eingestellt hat, ein Mangel an jenem, was – oberflächlich betrachtet – lateinamerikanische Literatur ausmacht, dann wird dieser Mangel jetzt behoben. Ein lieber, braver Ladenschwengel soll ein paar alte Schuppen abreißen und an ihrer Stelle einige Hütten errichten, die sein Herr später vermieten will. Während der Aushubarbeiten für die Fundamente, findet er ein Skelett. Er versteckt es zunächst und sagt niemandem etwas davon. Später kommt er auf die, für ihn zunächst spaßige, Idee, jeweils einen Knochen in die Lehmziegel zu stecken, die er für die Hüttenmauern formen und trocknen musste. Als die Hütten fertig waren, musste er nachts in ihnen Wache halten und seine Phantasie verlieh dem Skelett Macht… Eine perfekte Erzählung über Diesseits und Jenseits – und noch etwas anderem.

Tomas Mojarro – 1932

Hartmut Zahn

Einbruch ins Dunkle

Einen weiteren Einblick in die patriarchalischen Strukturen in Mexiko, bietet diese feine, aber dennoch erschütternde Erzählung. Wieder eine Szene in einem Verhörzimmer oder einer Polizeiwache, wieder ein Mord, wieder geht es um Ehre. Diesmal allerdings nicht um die Macho-Ehre eines gehörnten Mannes, sondern um die Familienehre. Diese allerdings wieder herzustellen war das Familienoberhaupt zu feige und er hetze seinen Sohn so lange auf, bis der tat was getan werden muss. Anschließend verriet der Feigling seinen Sohn… Auch bei dieser Erzählung sind mir wieder aktuelle Bezüge auch hierzulande aufgefallen und es bestätigten sich die Sätze in der Rechtfertigung von Gustavo Sainz.

Jose de la Colina – 1934

Maralde Meyer-Minnemann

Das indische Grabmal

Moderne Zeiten scheinen manchmal nur modern. Zwei moderne Menschen, ein Mann und eine Frau, beginnen ein Verhältnis (keine Ahnung, ob das die richtige Bezeichnung ist, da beide ja nicht verheiratet sind). Der Mann schlägt eine Absprache über den Modus Vivendi vor, was von der modernen jungen Frau befürwortet wird. Sie treffen sich und doch sind beide frei. Eines Tages sagt die Frau ihrem Freund, dass sie alsbald einen anderen heiraten wird, was den Mann aus der Fassung bringt. Er hatte gehofft, dass seine Freundin die Absprache vergessen hätte… In dieser Geschichte wird sehr geschickt mit der rationalen und emotionalen Ebene von Beziehungen gespielt und darauf aufmerksam gemacht, dass es im Grunde keine Trennung von Emotion und Ratio geben kann.

Arturo Souto – 1930

Hartmut Zahn

Kojote 13

Romantische Vorstellungen über ein Land wie Mexiko? Da dürfen Haziendas, Rinderherden und Cowboys nicht fehlen. Juan, der Viehhirt, reitet in die untergehende Sonne. Gitarre spielend und leise singend, spürt er die Endlosigkeit der Llanos, spürt er einen Splitter seiner Einsamkeit. Er ist seit dreizehn Stunden im Sattel, nichts als die Sonne als Wegweiser und nichts als Staub, Schweiß und Leder; Tag für Tag. Er hat vergessen was für ihn einst der Sinn des Lebens war und seine Seele ist ihm in dieser Öde verdorrt. An einem Zaun hängen 12 Kojoten, die er getötet hat. Er weidet sich am Anblick der Kadaver; offenbar sein einziges Vergnügen in der blinden Gewalttätigkeit, zu der ihn dieses Leben getrieben hat. Den schlausten der Kojoten jedoch, den 13ten, bekam er nie. Juan lernte, dass, wer einen Feind hat, auch nicht einsam ist… Diese Geschichte ist eine, die mir sehr entspricht. Nicht deswegen, weil ich mich je nach Viehhirten-Romantik sehnte, sondern des Themas wegen, das ich einst bei Saramago schätzen lernte.

Juan Garcia Ponce – 1932

Wilfried Böhringer

Die Katze

Diese wunderbare und ein ganz klein wenig traurige Geschichte, ist eigentlich eine Liebesgeschichte. Im Mittelpunkt der Geschichte steht die Katze, der es irgendwann eingefallenen war, sich in den Eingang irgendeines Hauses zu legen und nun einfach da zu sein; ganz so, als hätte sie sich das Haus ausgesucht; vielleicht hatte sich auch das Haus diese Katze ausgesucht. Ein Mann aus diesem Haus nahm sie einmal mit in seine Wohnung, weil die Katze seiner Freundin, die zu Besuch gekommen war, leid tat. Mit der Zeit nahm die Katze mehr und mehr Raum, auch in der Beziehung zwischen den beiden, ein, so dass sie schließlich sozusagen zur Familie gehörte… Ich möchte gerne auch hinter dieser Erzählung ein Gleichnis sehen, eine Metapher für die Achtung des Kreatürlichen in uns selbst und überall auf der Welt, weil wir nur mit allen anderen Kreaturen zusammen, vollständig Mensch sind; selbst um uns von Kreaturen zu unterscheiden, brauchen wir sie.

Sergio Pitol – 1933

Rene Strien

Hochzeitliche Begegnung

Eine weitere Perle, in dieser an Kostbarkeiten reichen Schatztruhe, ist diese Erzählung über das Erzählen und darüber, wie eine Erzählung entsteht. Ein Autor sitzt an einem inspirierenden Ort und sinniert über irgendwelche Erinnerungen an irgendwelche Erlebnisse und Erfahrungen nach. Er studiert Notizen, die er sich jeweils dann anfertigte, wenn er eine Idee zu seinem neuen Projekt – er will eine Erzählung schreiben – hatte. Der Autor der vorliegenden Erzählung, nimmt uns Lesenden mit in Überlegungen und Erinnerungen dieses fiktiven Autors und lässt uns all das wissen, was später in irgendeiner Erzählung zu lesen sein wird… Ich möchte nicht etwa sagen, dass diese Geschichte mich erfreute (dazu stehen die Inhalte in zu großem Gegensatz zur Komposition), aber von der Kunst des Erzählens her betrachtet, liegt uns hier – meiner bescheidnen Meinung nach – ein Kunstwerk vor.

Guadalupe Duenas – 1928

Petra Strien

Mariquita

Für die Kinder zunächst ein Rätsel und für die Familie immer wieder Grund für Schwierigkeiten, da jedes Mal bei den häufig notwendigen Wohnungswechseln, ein adäquater Platz gefunden werden musste. Nicht immer war das einfach und manchmal auch Anlass für Auseinandersetzungen. Aber Mariquita musste mit… Diese kleine Erzählung ist sehr durchschaubar und erfülle nicht meine Erwartungen, die – zugegebenermaßen – nach den bisherigen Stücken vielleicht zu hoch waren. Aber immerhin erkennt man den Versuch „Magischen Realismus“ zu schreiben, dem aber offenbar hier keine neue mexikanische Variante hinzugefügt wurde.

Sergio Galindo – 1925

Volker Glab

Dieses Menschenlabyrinth

Die Titelstory ist quasi eine, in eine Erzählung gepackte, Betrachtung über die Beziehungen, die jeder einzelne von uns zu unserer Umgebung hat. Was wie Zufall aussieht, ist in Wirklichkeit das Ergebnis irgendeiner Handlung oder irgendeines Nichthandelns. Ausgangspunkt für die Expedition in das Menschenlabyrinth ist der Dorftrottel Marcianito (der Marsmensch). Er zündet einen Feuerwerkskörper und wirft ihn unüberlegt (natürlich unüberlegt – überlegen kann er ja nicht) weg. Das setzt eine Abfolge von Ereignissen in Gang und mit der Frage nach der Schuld an Ereignissen, verstricken sich alle Beteiligten immer tiefer in diesem Labyrinth… Ein Glück für uns ist es, dass wir Lesenden quasi als Außenstehende das alles beobachten können und mit Marcianito sozusagen einen Ariadnefaden in Händen halten.

Emilio Carballido – 1925

Thomas Brovot

Am Strand

In dieser Erzählung geht es vordergründig um einen verschwundenen Pflücker von Jamswurzeln, die in unwirtlichen, wilden Gegenden zu finden sind und für kärgliches Geld an eine us-amerikanische Firma verkauft werden. Der Mann wurde von einem Wildbach fortgerissen und kam – nach Aussage von Augenzeugen – ums Leben. Die Familie kaufte von dem wenigen Geld das sie besaß einen Sarg. Aber da der Leichnam nicht gefunden wurde, blieb der Sarg leer. Zunächst störte der Sarg, da man in der engen Behausung keinen rechten Platz dafür fand. Durch den Ausfall des Ernährers, litt die Familie Not und das Wenige reichte nicht für alle. Besonders die Alte wurde immer schwächer und mit der Zeit wartete man darauf, dass der Sarg doch noch seinen Zweck erfüllt… Diese sozialkritische Geschichte ist ein Zeugnis dafür, dass Mexiko – ein Land ohne öffentliche Fürsorge – ein reiches Land mit vielen armen Menschen ist.

Salvador Elizondo – 1932

Veronika Schmidt

Nächtlicher Überfall

Was uns, wenn wir über Lateinamerika lesen, immer wieder vor Augen steht, ist der Militarismus und das falsche Ehrgefühl hinter dem militaristischen Brauchtum. Heldentum ist immer mit dem Opfer verbunden und Deserteuren wird kein Pardon gegeben… Die in der Erzählung zum Vorschein kommende Gewalttätigkeit ist zwar erschreckend, darf uns aber nicht wundern. Schließlich unterhalten auch wir eine Armee und Soldaten werden schließlich zum töten ausgebildet.

Jose Emilio Pacheco – 1939

Wilfried Böhringer

Als ich Havanna verließ, Gott steh mir bei

Als sie Havanna verließen, schrieb man das Datum 20. Mai 1912 – der Tag als man in New York ankam, war der 30. Juni 1992. Achtzig Jahre dauerte diese imaginäre Überfahrt. Ausgangspunkt war ein Aufstand der schwarzen Landarbeiter, der, nach guter alter Sitte der Sklavenhalter, blutig niedergeschlagen wurde. Da der Protagonist, wie er sagte, kein Mann für den Krieg war, flüchteten sie eben. Als sie schließlich ankamen, war ihnen nicht nur alles fremd, sondern niemand wollte sie… Eine Geschichte vom Bleiben und vom Widerstehen.

Armando Ayala Anguiano – 1929

Dagmar Ploetz

Die feine Welt

Die feine Welt ist genau die Welt, die ihnen immer verschlossen bleiben wird. Natürlich kann man in der Tristesse des Alltags von der feinen Welt träumen, das lindert etwas das Begehren danach, sich ein Stück davon zu holen. Es lindert das Begehren genau um den Teil, der nötig wäre, damit man sich aufrafft. So bleibt man in seinem trostlosen Alltag und geht kümmerlichen Vergnügungen nach. Und immer wieder werden die Schönen und Reichen öffentlich vorgeführt… Diese Geschichte spricht mir sehr aus dem Herzen, da uns auch aktuell viele Beruhigungsbildchen gezeigt werden.

Maria Luisa Mendoza – Geb.datum unbekannt

Hans Otto Dill

Es muss Mapini gewesen sein

Eine Frau macht sich beim Anblick des Sternenhimmels über der Wüste, Gedanken über Gott und die Welt. Aber ab einem gewissen flüchtigen Moment, bleiben ihre Gedanken an einer Erinnerung hängen und betrachten sie sozusagen genauer. Es ist dies die Erinnerung an einen Mann, nicht irgendeinen Mann, sondern einen der sie glücklich und traurig zugleich machte…

Nun, ich mag eigentlich keine traurigen Liebesgeschichten, aber die Autorin erzählt ihre Geschichte sehr gut und erotisch.

Guillermo Samperio – 1948

Hans Otto Dill

Im Appartement der Zeit

Das Apartment der Zeit ist die Wohnung eines älteren Ehepaars, in der die Frau auf ihren Mann wartet. Er ist schon lange überfällig, jedenfalls gemessen an seine Gepflogenheiten. Sie hat alles nach ihm gerichtet und nun beginnt sie sich Gedanken zu machen. Was könnte passiert sein? In einer Stadt wie Mexiko-City kann eine Menge passieren… Wenn es einen Großstadt-Roman gibt, dann sollte es auch eine Großstadt-Erzählung geben und wenn es das gibt, dann liegt es hier vor.

Maria Luisa Puga – 1944

Astrid Schmitt

Die Möglichkeiten des Hasses

Das Stück nun, ist eine wundervoll erzählte Geschichte. Aber der Inhalt der Geschichte ist erschütternd, da die Hauptperson ein Bettler in den Strassen Nairobis ist. Er erzählt nicht, es wird über ihn erzählt und die Widrigkeiten geschildert, die einem solchen Bettler das Leben (das Leben?) schwer machen. Auch wie er wurde was er ist, wird uns präsentiert. Er könnte aus vielen Gründen hassen. Doch seine Resignation ist einfach zu groß dafür und niemand sonst hasst für ihn… Eine ergreifende Geschichte, die gewissermaßen an unser Gewissen appelliert, ohne jedoch den berühmten Zeigefinger zu zeigen.

Brianda Domecq – 1942

Astrid Schmitt

Galatea

Der Titel nennt den Namen eines Kanarienvogels, eines Kanarienvogelweibchens, das eine unverheiratete Frau in einem Käfig hält. Sie versucht das Vogelweibchen zu „verheiraten“, doch kurz nachdem sie das Männchen in den Käfig gesetzt hatte, brachte Galatea es um. Irgendwann danach legte der Vogel ein Ei und Frau warf es weg. Der Vogel jedoch gab nicht auf und die Prozedur wiederholte sich 52 mal und beim letzten Ei starb Galatea. Die Frau weinte dem Vogelweibchen keine Träne nach, als sie es in die Mülltonne warf. Aber sie konnte sich nicht dazu entschließen, auch das Ei wegzuwerfen… Ich komme einfach nicht hinter diese Geschichte und kann deshalb auch nicht recht sagen, warum sie mir dennoch gefällt.

Zum Schluss: Anhänge

Gustavo Sainz – Kurzbiographien der Autoren

Margit Klingler-Clavijo

Hans-Jürgen Schmitt – Im Labyrinth Mexikanischer Erzähler

Wer diese Besprechung bis hierher aufmerksam gelesen hat, dem oder der wird nicht entgangen sein, dass ich von diesem Buch, im wahrsten Sinne des Wortes, angetan bin. Demzufolge muss ich nicht noch einmal die Beurteilungen der einzelnen Erzählungen wiederholen und muss ebenfalls nicht betonen, wie gut mir das Buch gefällt. Was mir bleibt, ist dem Herausgeber dieser Sammlung ein dickes Lob auszusprechen. Ich habe schon einige Anthologien mit Erzählungen aus Lateinamerika gelesen und besprochen, selten jedoch wurde mir ein solch umfangreiches Bild einer ganzen Nationalliteratur geboten, wie es in diesem Buch vorliegt.

Auch wenn mir, der ich nun mal die Literaturen dieser Weltgegend ganz gut kenne, manche der Autorinnen und Autoren vorher bekannt waren, so habe ich doch auch viel Neues entdecken können; wobei der Begriff Neues etwas unangebracht erscheint, sind doch die hier versammelten Autorinnen und Autoren schon sehr lange produktiv tätig. Es wäre sehr wünschenswert, würden Lektoren hiesiger Verlage das Buch zur Hand nehmen und ebenfalls auf Entdeckungsreise gehen; bestimmt wäre es nicht zum Schaden für die Leserschaft. Bis es dazu kommt, verbleibt der geneigten Leserschaft, die sich für mexikanische Literatur interessiert, nur, sich diesem Buch zu widmen.

Wilfried John

Menschenlabyrinth

Gustavo Sainz

414 Seiten – Gebundene Ausgabe

Verlag: Luchterhand Literaturverlag – Aus 1992
ISBN: 3-6308-6795-2

Anhang 1 – Bericht über den Wassergipfel: http://www.npla.de/poonal/p709.html#MEXIKO

Anhang 2 – Über Privatisierung von Wasser und die Konsequenzen: http://www.nachdenkseiten.de/cms/front_content.php?client=1&lang=1&idcat=7&idart=1090

Anhang 3 – Wasser als Ware und die Rolle von WTO und GATS: http://www.attac.de/aktuell/rundbriefe/rundbrief/0302/9.php