Horacio Castellanos Moya „Der Waffengänger“

Muskelschrott und Gewaltrecycling

 

Gewalt. Gewalt hindert uns Menschen grundsätzlich an unserer Selbstbestimmung und beschränkt unsere Freiheit. Wenn aber Selbstbestimmung und persönliche Freiheit unveräußerliche Menschenrechte sind, müssen jene Gesellschaften, die diese Menschenrechte anerkennen, Regelungen finden, welche die willkürliche Gewalt im Zusammenleben der Menschen ausschließen. Die Einhaltung dieser Regelungen garantiert in der Regel der Staat… unter anderem auch mit Gewaltanwendung; aber das ist ein Thema für sich. Im gemeinten Zusammenhang, also über Gewalt im engeren Sinne, spricht man zum einen von direkter oder personaler Gewalt, wenn unmittelbar Zwang von Menschen auf Menschen ausgeübt wird (also z.B. Mord oder Gewalt gegen Kinder usw.) und zum anderen von indirekter oder struktureller Gewalt. Indirekte oder strukturelle Gewalt herrscht, wenn ein politisch-soziales System mit den Mitteln Angst, Armut, Hunger, Krankheit und Analphabetismus usw. viele Menschen daran hindert, ihr verbrieftes (Menschen-)Recht auf Selbstverwirklichung in Anspruch nehmen zu können.

 

Nun, mir scheint diese Unterscheidung einerseits zwar sehr sinnvoll, andererseits allerdings ist sie doch auch fragwürdig: Personale und strukturelle Gewalt sind nämlich praktisch nicht von einander zu trennen… auch zur Ausübung struktureller Gewalt sind Personen notwendig! Unter der Bedingung der Verwendung dieser Vorbemerkung, kann man dann meinetwegen zwischen personaler und struktureller Gewalt unterscheiden; jeder Versuch abstrakt über strukturelle Gewalt zu sprechen, gleicht einer versuchten Vertuschung… zugunsten der politisch Handelnden. Niemand kann ernsthaft leugnen, dass personale Gewalt von sozialer Ungerechtigkeit begünstigt und oft soziale Ungerechtigkeit, durch personale Gewalt aufrechterhalten wird…

 

Natürlich könnte ich – bedauerlicherweise – sehr viele Beispiele für strukturelle Gewalt anführen, doch ich möchte – auch in Bezug auf das hier zu besprechende Buch – von einer Form der strukturellen Gewalt sprechen, die besonders pervers ist und auf das Schicksal von sog. Kindersoldaten zu sprechen kommen. Das was man allgemein als Kindersoldaten bezeichnet, sind in Wirklichkeit Opfer von Gewalt, da oft schon die sog. Rekrutierung gewaltsam vorgenommen wird (z.B. durch die Ermordung der Eltern…) oder Ergebnis struktureller Gewalt ist (z.B. Angst vor staatlicher Repression, Armut, Hunger…). Diese Gewalt endet natürlich nicht mit der Rekrutierung. So werden diese Kinder oft geschlagen, sexuell misshandelt und gezwungen, Grausamkeiten zu begehen; sie müssen z.B. andere Kindersoldaten töten, wenn diese fliehen wollten.

 

Gewaltsame Einschüchterung ist Mittel zum Zweck: z.B. zur Erzwingung absoluten Gehorsams oder Abstumpfung gegen Grausamkeit. Dabei werden diese Kinder von den Befehlshabern als „weniger wertvolle“ Soldaten angesehen, weswegen sie „gern“ an besonders gefährlichen Stellen der (wie auch immer gearteten) Fronten eingesetzt werden; z.B. als Spione, Minenleger oder -sucher. Entsprechend hoch ist das Risiko – zusätzlich zu den seelischen Schädigungen – verletzt, verstümmelt oder getötet zu werden. Man achtet sehr genau darauf, dass Kinder als Soldaten ausgehoben werden, bevor sie irgendeine Schule besucht oder Ausbildung genossen haben, denn so erlernen sie auch nicht die notwendigen Kulturtechniken, um in einer Zivilgesellschaft friedlich miteinander leben zu können; was sie verfügbar hält, da sie nichts anderes als Gewalt gelernt haben.

 

Das internationale Völkerrecht – das von unserem Staat vollumfänglich anerkannt wird – ist eindeutig: Kindersoldaten sind Opfer schwerster Kriegsverbrechen. Aber zwischen formaler Anerkennung des Völkerrechts und alltäglicher Praxis klafft eine tödliche Lücke. Das Bundesamt für die Anerkennung politischer Flüchtlinge vertritt nämlich die Meinung, dass es sich bei ehemaligen Kindersoldaten um FAHNENFLÜCHTIGE ohne politische Verfolgung handelt! Fluchtgründe wie die Rekrutierung als Minderjähriger oder die Ermordung der Eltern werden nicht als asylrelevant anerkannt. Ehemalige Kindersoldaten haben im deutschen Asylverfahren daher kaum eine Chance.

 

Das deutsche Asylrecht wurde in den letzten zwei Jahrzehnten so stark eingeschränkt und so starr formalisiert, dass es dem Phänomen der Kindersoldaten in keiner Weise Rechung tragen kann. Da diese Kinder stark traumatisiert, ohne Schul- oder Ausbildung sind, und natürlich enorme Sprachschwierigkeiten haben, brauchen sie Hilfe und Unterstützung. Allein sind diese Flüchtlingskinder nicht in der Lage, ein Asylverfahren erfolgreich durchzustehen. Das sind zwei Beispiele von struktureller Gewalt (erstens, dass es Kindersoldaten überhaupt gibt (!)und zweitens, was deutsches Recht mit ihnen NICHT macht). So bleibt diesen Kindern oft nur Hoffnungslosigkeit und der Verbleib im Kreislauf der Gewalt… ein Skandal! In diesem Zusammenhang möchte ich auf die Arbeit von „Terre des Hommes“ hinweisen…

 

Mit diesem Vorwort möchte ich auf ein Buch zu sprechen kommen, das sich im Wesentlichen um diesen Kreislauf der Gewalt dreht. Natürlich könnte man jetzt auf den Gedanken kommen, bei diesem Buch handele es sich um ein Sachbuch… das ist aber mitnichten so. Es handelt sich vielmehr um ein Werk der Lateinamerikanischen Literatur, genauer gesagt handelt es sich um das Werk des Autors Horacio Castellanos Moya: Der Waffengänger. Der Verlag Rotpunkt, der für engagierte Literatur zeichnet, bezeichnet das Werk als Roman. Es fällt mir jedoch einigermaßen schwer, es bei dieser Bezeichnung zu belassen… wobei es mir gleichermaßen nicht leicht fällt anzugeben, welchem Genre genau es zuzuordnen ist. Aus meiner Kenntnis um die politischen Ereignisse in der Romanzeit und des Romanortes heraus, könnte ich das Werk auch als „Tatsachen orientierte Erzählung“ bezeichnen. Wie dem auch sei, mit dem – in der Einleitung zum Ausdruck gebrachten – Grundgedanken gelesen, wird dieses Werk zum Zeugnis für den Titel dieser Rezension.

 

Dem entsprechend könnte man den Autor selbst, guten Gewissens als Zeugen bezeichnen; was sich auch aus seinem Lebenslauf ergibt. Ich muss zwar bestimmt nicht mehr ausdrücklich darauf verweisen, dass Autor und Werk immer in direkter Beziehung zueinander stehen, will aber in diesem Fall – ebenfalls im Sinne des Vorwortes – auf die Vorstellung des Autors besonderen Wert legen; denn erstens erscheint diese Besprechung am 1. Mai und soll im Zusammenhang mit der sozialen Frage stehen und ich denke, zweitens, an den 10.Mai 1933 – dem Tag der Bücherverbrennung im Nazi-Deutschland, wobei ich mit dieser Besprechung auch allen Exil-Schriftstellern und der sog. Exilliteratur gedenken möchte. Beide Anlässe lassen sich im Leben des Autors erklären:

 

 

Horacio Castellanos Moya (kurz HCM) wurde am 21.11.1957 in Tegucigalpa/Honduras geboren. Schon die Konstellation der Familie ist exemplarisch für den späteren Lebensweg: Der Vater  Crescencio Castellanos Rivas stammt aus einer politisch linksgerichteten salvadorianischen Familie arbeitet als Radiosprecher und ist Schriftsteller. Die Mutter, Ruth Moya, stammt aus einer rechtskonservativen honduranischen Familie. HCM verbrachte die ersten vier Jahre seiner Kindheit in Honduras bei der Familie der Mutter. 1962 oder 1963 (er selbst weiß nicht mehr genau wann und warum) zieht seine Familie dann nach El Salvador um. Er geriet in politisch unruhige Zeiten und seine beiden Heimatländer, steuerten auf einen Krieg gegeneinander zu, der dann als der sog. Fußballkrieg (er hatte allerdings nichts mit Fußball, sondern mit dem Streit um Grenzgebiete zu tun) ausbrach, als HCM 12 Jahre alt war.

 

1975 absolvierte HCM sein Abitur in El Salvador. Danach begann er ein Literatur-Studium an der Universidad de El Salvador, just als die Armee ein erstes Massaker an Studenten in San Salvador verübte. 1979 wurde der Krieg offiziell beendet, aber die Zeichen standen weiterhin auf Sturm… der Bürgerkrieg stand bevor. Im Februar 1979 gab HCM das Literaturstudium auf und verließ El Salvador in Richtung Kanada. Dort studierte er für sechs Monate Geschichte an der York University Toronto. Aber es hielt ihn nicht lange im ungewohnten Norden und gegen Ende des Jahres 1979 kehrte HCM nach El Salvador zurück. Vielleicht hatte er auch noch andere Motivationen… im Vorfeld des kommenden Bürgerkriegs, der dann tatsächlich kurz nach seiner Heimkehr, im Januar 1980, blutige Wirklichkeit wurde.

 

HCM beteiligte sich auf Seiten der Arbeiterbewegung durch journalistische Arbeit am Krieg; er leistete drei Jahre lang Pressearbeit für die FPL. Später unterstützte er die FMLN (Frente Farabundo Martí de Liberación Nacional – einelinksgerichtete Guerilla) auch direkt. HCM nahm im März 1980, wohl zur Tarnung, in Tegucigalpa an der Universidad Nacional kurz sein Studium wieder auf… musste aber noch im Sommer 1980 das erste Mal aus El Salvador nach Costa Rica ausweichen; wo er in San Jose über ein Jahr in einem Verlag arbeitete. Der Bürgerkrieg fand kein Ende… und wurde von allen beteiligten Parteien immer brutaler geführt; jede Partei legitimierte sich durch ihre Ideologie entsprechend und sah sich im Recht. Desillusioniert und enttäuscht von der sich wandelnden Ideologie und Gewalt in den eigenen Reihen distanzierte HCM sich im Dezember 1984 ideologisch und praktisch von der Guerilla.

 

Von da an lebte HCM bis 1991 in Mexiko City und arbeitete als politischer Korrespondent für verschiedene lateinamerikanische Zeitungen und gab später eine eigene Zeitung heraus. Nun begann er auch mit seinem literarischen Werk – in nur einem knappen halben Jahr schrieb er seinen ersten Roman „La diáspor“, für den er 1988 den Premio Nacional de Novela der Universidad de El Salvador erhielt. 1991 – der Bürgerkrieg ist noch immer nicht beendet – kehrte HCM nach San Salvador zurück. 1992 beendete schließlich ein UN-Friedensabkommen den Bürgerkrieg in El Salvador und die FMLN wurde zu einer politischen Partei; die Guerilleros wurden Politiker. HCM beteiligte sich an der Gründung der ersten Nachkriegs-Zeitung Primera Plan, für die er auch zu schrieb.

 

In dieser Zeit schrieb er auch seinen zweiten Roman „El asco“; eine Satire über salvadorianische Eitelkeiten und Heucheleien. Auf die Veröffentlichung des Romans 1997 erhielt er massive Morddrohungen und HCM verließ fluchtartig El Salvador. Jahrelang fand er keine rechte Heimat, pendelte zwischen Amerika und Europa, um in den Jahren  2000 und 2001 erneut in Mexiko eine Zuflucht zu finden; wieder arbeitete er als Journalist und hat schließlich den Posten des Chefredakteurs bei der Zeitschrift Milenio Semanal inne. Nun schrieb er das Buch, um das es im Folgenden gehen wird… unter dem Titel „El Arma en el Hombre“ erschien es 2001… in Mexiko. Schließlich ging HCM nach Guatemala und verfolgte eine journalistische Tätigkeit für El Periódico de Guatemala, um dann 2004 nach Frankfurt am Main zu reisen, wo er ein Stipendium im Rahmen des Programms „Ciudades Refugio“ antrat.

 

Der Plot des Romans ist schnell beschrieben: Nach dem Ende des Bürgerkriegs wird ein Unteroffizier aus der – nun viel zu großen – Armee entlassen. Er war Angehöriger einer sog. Eliteeinheit (was auch immer das bedeutet… wahrscheinlich eine Auslese besonders brutaler und skrupelloser Leute) und ist nun arbeitslos. Dann geschieht das, was der Autor „Gewaltrecycling“ nennt. Der Mann hat halt nichts anderes als Gewalt gelernt und bald stellt sich heraus, dass auch im Nachkriegs-El Salvador (und anderen Orten) dieses Know-how weiterhin gefragt ist. Durch gewaltsame Autodiebstähle und Auftragsmorde für obskure Organisationen, wird er in ein undurchschaubares Netz von Gewalt und Verrat verstrickt, in dem er immer wieder die Fronten wechseln muss, um sich nicht selbst darin zu verfangen und unterzugehen. Auf grade mal knapp 150 großzügig beschriebenen Seiten, untergliedert in 37 kurze Kapitel, erzählt der ehemalige Soldat, den alle nur Robocop nennen, als Ich-Erzähler seine Geschichte.

 

HCM kennt das alles aus eigener Erfahrung, wenn auch nur aus der Sicht des journalistischen Berichterstatters. Er spricht zu uns in diesem Buch aber nicht in der Sprache des Korrespondenten, sondern in der einfachen Sprache desjenigen, den er uns als Protagonist präsentiert; allerdings gleitet HCM auch nie in jenen Jargon ab, den man bei Männern wie Robocop vermuten darf. Das führt zu einer Art Text, den man fast schon als lakonisch bezeichnen kann und in diesem gleich bleibenden sprachlichen Rhythmus, führt uns der Autor in der Gestalt des Ich-Erzählers, dem der Überblick über die großen Zusammenhänge völlig fehlen, linear, quasi in der Art eines Ereignis-Tagebuchs, durch seine subjektive Welt. Man muss als Autor schon sehr profunde Kenntnisse um die Realitäten eines Mannes wie Robocop haben, um zu vermeiden, dass man sich als Autor im Text nicht über jenen stellt, dessen beschränkter Horizont verhindert, dass er die Konsequenz seines Handelns überschauen kann.

 

Auch wenn – oder gerade weil – der Autor sich mit seinem Roman auf eben jene 150 Seiten beschränkt, ist eine Zusammenfassung des Inhalts nicht einfach. Das liegt zum einen an der Arbeitsweise, mit der HCM den Roman verfasste (er notierte die Geschichte mit Bleistift in ein Notizbuch und überarbeitete sie immer wieder, um sich so besser in seinen Erzähler hineinfühlen zu können – so jedenfalls beschrieb es seine Kollegin Lara Martínez Rafael). Dadurch entstand eine Art der Verdichtung, die nur schwer rückwärts aufzulösen ist. Zum anderen vernetzte HCM „El arma en el hombre“ mit anderen Werken aus seiner Feder, womit deutlich werden soll, dass man seine Verständnisprobleme beim Lesen dieses Buches, manchmal nur durch das Lesen eines anderen seiner Werke beseitigen kann – und umgekehrt. Das macht deutlich, warum es nicht einfach ist, eine einfache Zusammenfassung zu liefern.

 

Aber so wie der Autor sein Werk mit anderen Werken vernetzt, so ist auch die beschriebene Wirklichkeit vernetzt organisiert… insofern bildet schon die Struktur des Romans Wirklichkeit ab, was ihn so eigenartig realistisch erscheinen lässt – wiewohl ich sicher bin, dass sich HCM in seinem Roman nicht sehr weit von der Realität entfernte. Wie schon gesagt, handelt der entlassene Soldat seiner Programmierung entsprechend: Er stiehlt Autos für eine ominöse Schieberbande (an die er durch einen anderen entlassenen Soldaten kommt – und was vermuten lässt, dass es sich bei der Bande auch um ehemalige Soldaten handelt); er erledigt Auftragsmorde für einen ehemaligen Vorgesetzten (der ihm vermittelt, dass der Krieg mit anderen Mitteln weitergeht – in Wirklichkeit wird die Verteilung der Pfründe geregelt); er arbeitet im Auftrag von Drogen-Bossen plötzlich mit eben jenen ehemaligen Guerillas zusammen, die er als ehemaliger Soldat bekämpfte (jenen wurzellosen und zu Gewalt erzogenen Männern geht es ebenso wie ihm – und auch sie merken weder, dass sie kriminelle Täter, noch dass sie missbrauchte Opfer sind).

 

Hinter dem geistigen Horizont des Robocop, sind Netzwerke am Werk, die mit den unterschiedlichsten Intensionen, jedoch mit allen Mittel versuchen, sich in der Nachkriegszeit eine möglichst günstige und unangefochtene Position zu verschaffen. Ehemalige Militärs befehligen Killerkommandos (sog. Todesschwadronen), die Jagt auf ehemalige Guerilleros machen, die nun in politische Ämter – und somit in die Machtbefugnisse, inklusiver der daraus resultierenden Vorteile, gelangt sind, die ehemals eben jenen Militärs „gehörten“. Ehemalige Guerilleros, an das Leben im Untergrund „gewöhnt“, versuchen eben diesen Untergrund zu beherrschen – was den dort „tätigen“ Kriminellen nicht gefallen kann und zu Verteilungskämpfen (Bandenkrieg) führt. International operierende Kriminelle oder auch nur verdeckt agierende Organisationen (z.B. Geheimdienste), die sich natürlicherweise bekämpfen, sichern sich in identischer Weise die Dienste der Killer – und so wird es gleichgültig, ob es um das Geschäft mit Kokain oder um die Kontrolle der Macht geht; letztlich läuft das im Mittelamerika nach dem Bürgerkrieg aufs Gleiche hinaus.

 

Und immer ist der Robocop mitten im Geschehen. Zwar hat er als gerechter  Untergrundkämpfer (so lassen es seine Auftraggeber ihn glauben – um unmenschlich sein zu können, muss man schließlich davon überzeugt sein, es für eine gute Sache zu machen) und im politischen Auftrag agierender Killer, mit der „normalen“ Bevölkerung nichts zu tun… außer, dass er hin und wieder seine Einkünfte dadurch verbessert, in dem er die „normalen“ Bürger überfällt und ausraubt. Das alles ist in diesem Roman, wie schon erwähnt, auf knapp150 Seiten sozusagen im Zeitraffer beschrieben… aber gerade weil es so lakonisch knapp zu lesen ist, entfaltet uns der Text mit beklemmender Genauigkeit die Grausamkeit der Realität und die Realität der Grausamkeit.

 

Ein besonders beängstigendes Detail und geradezu ein Merkmal von Männern vom Schlage Robocops ist die Verschwiegenheit… das Schweigen ist sozusagen der Raum, in dem alles geschehen kann und der dennoch eine Art Schutz ist. Das Aussprechen des Ungeheuerlichen ist schließlich gefährlich; nicht nur für jene, die es aussprechen, sondern auch für jene die zuhören. In diesen Kreisen ist das Schweigen alles… es ist sogar so viel, dass für Gefühle wie Freundschaft und Liebe kein Platz ist. Das geht so weit, dass Robocop den wahrscheinlich einzigen Menschen umbringen muss, weil er ihm zuhörte, als der Killer den Überdruck in seiner Seele dadurch versucht abzubauen, in dem er all das Unbeschreibliche einmal ausspricht. Er vertraut sich Vilma an… und erschießt sie anschließend. Nur wir Leser werden überlebende Mitwisserinnen und Mitwissern.

 

Nun, ich als Mitwisser, will versuchen eine Eindruck der Handlung vermitteln und der Reihe nach ein paar Informationen darüber liefern. Wie schon erwähnt, musste sich Robocop nach der Entlassung aus der Armee nach einer Verdienstmöglichkeit umsehen – der Entlassungsscheck ist schnell verbraucht. Er trifft auf einen ehemaligen Kumpel seiner Einheit, Bruno, der mit anderen „Ehemaligen“ versucht, eine höhere Entschädigung zu erhalten. Da Robocop eh nichts anderes vor hat und wegen seines Geldmangels, nimmt er an der Aktion teil, die aus nichts anderem besteht, als maskiert an einem Sturm auf eine Parlamentsversammlung teilzunehmen… und in einem Desaster endet.

 

Robocop hat während der Militärzeit Waffen „abgezweigt“, mit deren Hilfe er und sein Kumpel an Geld zu kommen wollen. Der erste Überfall auf ein altes Ehepaar endet in einem sinnlosen Massaker. Sie begehen, teils gewaltsam durchgeführte, Autodiebstähle und verkaufen die Luxuskarossen an Brunos Kumpel Néstor, der die gestohlenen Autos im Namen einer obskuren Bande verschiebt. Robocop trifft seinen ehemaligen Mitstreiter Saúl, der ihn und Bruno an einen gewissen Major Linares vermittelt. Linares macht Robocop klar, dass nach Kriegsende, städtische Kommandos der Terroristen – die sich laut Vereinbarung hätten auflösen sollen – entgegen der Abmachungen noch aufrechterhalten werden und er, Linares, habe im Namen der Armee die Aufgabe, diese aufzuspüren und auszulöschen. Robocops erster Auftrag – er soll einen ehemaligen Guerillero umbringen, der jetzt Politiker ist, aber verdeckt eines der geheimen Stadtkommandos leitet. Robocop erschießt ihn kurzerhand vor den Augen seiner dreijährigen Tochter. Als erster Fall dieser Art nach Kriegsende erregt er großes Aufsehen auch beim FBI, so dass Robocop das Land verlassen muss.

 

In Guatemala wird er zum Leibwächter eines Freundes von Linares – in dessen Diensten stehen aber auch ehemalige Gegner, die nun „Kollegen“ sind. Nach ein paar Monaten kehrt Robocop heimlich nach El Salvador zurück – und entdeckt, dass Bruno ihn betrogen hat und er wieder vor dem Nichts steht. Schlimmer noch, die Polizei ist ihm auf die Spur gekommen. Nach einem weiteren spektakulären Mord im Auftrag von Linares, wird er schließlich gefasst und im Gefängnis „verhört“… aber er schweigt und wird von Linares´ Männern scheinbar befreit. Aber offenbar ist Robocop zu einem Sicherheitsrisiko geworden und Linares gibt ausgerechnet seinem Kumpel Saúl den Auftrag ihn umzubringen. Doch Robocop wittert die Falle, erschießt seinerseits seinen Kumpel und flieht.

 

Sein Zufluchtsort ist die Kokaplantage Las Flores, die er zufällig findet. Dort trifft er auf Landsmänner die früher als Terroristen seine Feinde waren, die ihn aber nach langen Verhören in ihre Reihen aufnehmen. Sie arbeiten für „Onkel Pepe“, der offiziell Besitzer von Banken, Zeitungen, Autofirmen und Politiker ist. Dessen größter Gegner wiederum ist Robocops ehemaliger Auftraggeber „Die Bande von Don Toño“, den er für den rechtschaffenen Führer der Untergrund-Armee gehalten hatte… Der Bandenkrieg wird erbittert geführt und Robocop soll den Don liquidieren. Weil er aber im Haus des Don den Major Linares trifft, wird ihm klar was eigentlich vor sich geht – und er tötet den Mann brutal.

 

Robocop schafft den Rückweg nach Las Flores. Kurz danach kommen fünf Mexikanern an, deren Chef, Chato Marín, der – wegen Kokain-Handels – der meistgesuchte Mann Mexikos ist. Weil ihm die US-Amerikaner auf den Fersen sind, sucht er Zuflucht im geheimen Plantagen-Lager seines Freundes Don Pepe. Aber die Amerikaner können den Funk orten und greifen das Lager an… es gibt viele Tote und Robocop gerät schwer verletzt erneut in Gefangenschaft. Als er aus der Narkose erwacht, befindet er sich in einer Klinik in den USA, wo ihm der FBI-Antidrogenagent Johnny einen Handel vorschlägt: Wenn Robocop sich bereit erklärt seine Informationen preiszugeben, wird er nicht nach El Salvador ausgeliefert, sondern zum Agenten für Spezialoperationen in Mittelamerika ausgebildet, um dann mit neuer Identität – aber mit den alten Methoden – bei der Zerschlagung der Drogenkartelle eingesetzt zu werden. Erst das würde ihn dann zu einem „echten Robocop“ machen. Aber so oft er auch die Seiten wechselt, er bleibt – wie Roboter – ein für alle Zwecke brauchbares Werkzeug; nicht mehr.

 

 

Mich hat dieses Buch binnen kürzester Frist für sich eingenommen, obwohl ich von lateinamerikanischer Literatur eigentlich etwas völlig anderes erwarte – erzählt wird nämlich in einer knappen, konzentrierten Sprache und mit hohem Erzähltempo. Aber dieses Tempo ist auch die einzige Möglichkeit, eine Geschichte – für die andere ein paar hundert Seiten Platz brauchen – auf den wenigen Seiten zu erzählen. Natürlich war mir diese unendliche Geschichte des Gewaltrecyclings nicht neu… wer sich nur ein wenig mit der zentralamerikanischen Geschichte befasst hat, den kann der Inhalt des Romans nicht überraschen. Was mich aber dennoch überraschte, ist die naive, quasi vom Täter selber dargestellte, lakonische Art, nach der das alles nichts Besonderes, sondern normaler und notwendiger Überlebenskampf ist.

Mich wundert nach der Lektüre des Romans auch nicht, dass HCM zur Zielscheibe geworden ist… er ist provokant und originell und das ist eine Mischung, die hohe Aufmerksamkeit erlangt. Gerade das aber, kann denjenigen unmöglich in den Kram passen, die im Roman charakterisiert werden – ganz gleich ob es sich dabei um die brutalen Killer selbst oder, umso mehr, wenn es sich um deren Hintermänner handelt. Dabei ist „Der Waffengänger“ bestimmt kein politisches Buch im dem Sinne, dass es irgendeine oder eine bestimmte Ideologie vertritt. Natürlich ist es aber auch kein unpolitisches Buch – weil es die Mechanismen der Machtausübung in den Ländern Zentralamerika und die Nutznießer dieser Machenschaften aufdeckt.

 

Ich weis, dass sehr viele interessante Autoren – überall auf der Welt – sozusagen Exil-Schriftsteller sind. Nur sie sind wohl in der Lage, den berühmten Finger in die berühmten Wunden zu legen – nur sie erfüllen, meines Erachtens, den Anspruch an Literatur, den ich als deren eigentliche Aufgabe sehe. Leider ist diesen Autoren der Erfolg oft völlig versagt, weil Literaturbetriebe national oft zu hermetisch organisiert sind, als dass Ausländer ohne weiteres beachtet werden. HCM hat es zwar geschafft gedruckt zu werden, was aber noch lange nicht bedeutet, dass er auch die Öffentlichkeit findet, die ihm angemessen wäre. In HCM habe ich einen der interessantesten Autoren Mittelamerikas kennen gelernt, der nicht nur über einen wirklich eigenen Stil und ein erstaunliches sprachliches Repertoire verfügt, sondern der es vermag, über eine mit schrecklichen Gestalten bevölkerte Welt so zu schreiben, dass es uns möglich ist, dieser Welt ins Gesicht zu blicken… auch wenn es sich unter Umständen herausstellt, dass er uns einen Spiegel hinhält.

 

 

Wilfried John

 
Der Waffengänger

Horacio Castellanos Moya
160 Seiten – Gebundenes Buch

Verlag: Rotpunktverlag – Aus Januar 2003

ISBN: 3-8586-9249-2

18,50 Euro

Den Roman gibt es mittlerweile auch als Hörbuch. Für diejenigen die sich lieber vorlesen lassen:

 

Der Waffengänger

Horacio Castellanos Moya

Audio CD Verlag: Radioropa Hörbuch;

Auflage: 1 (September 2006)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3866671881

ISBN-13: 978-3866671881

3 Audio-CDs;

Laufzeit 3:17 Stunden;

9,90 Euro