Jean Ziegler „Das Imperium der Schande“

„Um die Menschen zu lieben, muss man sehr stark das hassen, was sie unterdrückt.“ Jean Paul Sartre


Anlässlich eines Artikels mit dem Titel „George W. Bush – Resultat: Verlorene Jahre“, den ich mit Interesse gelesen habe, kam ich auf den Gedanken, in einem kurzen Artikel den Versuch einer Vorschau zu machen; Rückblicke mögen zwar hin und wieder hilfreich sein, aber was zählt sich die Zukunftsperspektiven. Diese Vorbemerkung ist Teil des Artikels. Nun sind die „verlorenen Jahre“, wie die Jahre der Bush-Präsidentschaft im angesprochenen Artikel genannt wurden, vorbei. Im Prinzip stimme ich natürlich sowohl dieser Formulierung als auch dem Kommentar eines Lesers zu, der meinte: „Ja, intelligent war die Politik des George Bush wirklich nicht. Sie war aber im höchsten Maße gefährlich. Religiöser Fanatismus wie ihn dieser Präsident lebte, ist immer nahe am Wahnsinn“. Aber ich bin nicht seiner Meinung – und ich weiß, dass seine Meinung für die Meinung vieler Menschen steht – wenn er sagt, dass die Welt mit der Amteinführung von Obama sicherer wird…

 

Meine Meinung gründet sich auf meiner Sicht auf die wirklichen Ursachen der Krisen in der Welt. Diese Ursachen sind völlig unabhängig davon, wer gerade in den USA oder einem beliebigen anderen Land Präsident oder sonst was ist. Das bedeutet natürlich keineswegs, dass ich etwa glaube diese Ursachen hätten den Rang eines Naturgesetzes; ganz im Gegenteil. Sie sind ausschließlich menschengemacht und daher ohne weiteres veränderbar; insofern dies einflussreiche und beherzte Menschen denn wollen würden. Ich habe bei den Wahlkampfreden die Obama hielt, bei den Interviews die er gab und bei seinen bisherigen Äußerungen als Präsident der USA aufmerksam hingehört – doch (leider) habe ich in diesen Verlautbarungen keinen Hinweis darauf finden können, dass er – als einer der einflussreichsten Menschen der Welt (und vielleicht auch als einer der beherztesten?) – an der Beseitigung der wirklichen Ursachen mitwirken möchte. Ergo, die Welt kann auch mit Obama nicht sicherer werden.

 

Nun, vielleicht ist da ja noch etwas zu ändern. Deswegen widme ich diese Besprechung dem neuen Präsidenten der USA und will versuchen, ihn von meiner Sicht der Dinge zu überzeugen. Das ist natürlich nichts weiter als Rethorik – da ich annehme, dass er keinen Buchstaben dieser Besprechung je lesen wird. Dennoch nehme ich mir diesen Mann als Adressaten; in der Hoffnung, dass vielleicht der eine oder andere Verehrer Obamas die Rezension liest und beginnt etwas klarer zu sehen, etwas kritischer zu denken und auf Alternativen zu schauen. Im Hinterkopf habe ich natürlich auch, dass wir in unserem Land (die Formulierung denke ich im buchstäblichen Sinn) in diesem Jahr auch noch die Wahl haben. Auch hierzulande gibt es mächtige Menschen (sogar die mächtigste Frau der Welt – meint bedauerlicher Weise nur eine Medienumfrage) und so kann man diese Buchbesprechung auch als Beitrag zum Bundestags-Wahlkampf 2009 verstehen – wenn man möchte. Ich fände es gut!

 

Das Buch um das es im Folgenden gehen wird, ist nicht – wie sonst üblich – ein Werk der Belletristik aus der Feder eines Lateinamerikanischen Autors, sondern ein Sachbuch aus Europa (als politischer Raum gedacht – unser Heimatkontinent): „Das Imperium der Schande“ von Jean Ziegler. Gerade angesichts der aktuellen Finanzkrise, die ja auch bereits auf die sog. Real-Wirtschaft durchschlägt, ist das Buch aktuell, auch wenn es bereits im Jahre 2006 hierzulande erschienen ist. Es ist logisch: Gerade weil sich Ziegler um die tiefer liegenden Ursachen von Krisen kümmert, muss es – solange sich an diesen Ursachen nichts ändert – aktuell bleiben. Ich kenne keinen anderen Menschen, der geeigneter wäre uns diese Ursachen zu erklären; ich kenne niemanden, der dermaßen klar formuliert; niemanden, der so überzeugend ist. Wer also ist dieser Mann? Ich möchte meiner Besprechung einen (wirklich) kleinen Einblick in die Biographie dieses Mannes beigeben, weil sie – entsprechend meiner generellen Meinung zum Zusammenhang von Biographie und Werk – sehr anschaulich macht, wie der Autor wurde was er ist und wie sich das auf sein Denken auswirkte:

 

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Der Schweizer promovierte Jurist, Soziologe, Politiker und Sachbuchautor Jean Ziegler wurde am 19. April 1934 als Hans Ziegler in Thun, Schweiz geboren und wuchs in einem konservativ bürgerlichen Haus auf (sein Vater war Amtsrichter). Wie es nun mal oft in Akademiker-Familien üblich ist, sollte er in die Fußstapfen seines Vaters treten, was letztlich auf ein Jura-Studium hinauslief. Während seines Studiums trat er – ganz entsprechend seiner Erziehung – dem schweizerischen Zofingerverein bei und galt als überzeugter Antikommunist. 1953 ging für einige Jahre nach Paris, um dort sein Jura-Studium weiterzuführen. In Paris lernte er, neugierig, selbstbewusst und intelligent wie er nun mal ist, Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir kennen und bekam von ihnen „sein theoretisches Rüstzeug für den Kampf um Gerechtigkeit.“ Er konvertiert zum Sozialismus.

 

1961 bewarb er sich dann für eine Assistentenstelle der UNO im Kongo, der von Belgien gerade in die Unabhängigkeit entlassen worden war. Dort bekam er dann sein praktisches Rüstzeug. Nach eigenen Aussagen wurde er durch seinen zweijährigen Afrika-Aufenthalt als UN-Experte, und das dort gesehene Elend, zu einer radikalen Änderung seiner Grundauffassungen bewegt (kleine Bemerkung des Autors dieser Rezension: was ich mir nicht nur vorstellen kann, sondern was ich im Sahel am eigenen Leib ebenfalls spürte). In seiner Autobiographie steht, dass er sich damals schwor: „Nie mehr – nicht einmal rein zufällig, möchte ich auf der Seite der Henker stehen.“

 

1964 traf er in Genf  auf Che Guevara, der an einer Konferenz teilnahm; Ziegler begleitete ihn während der sechs Wochen der Konferenz und wollte Che schließlich nach Kuba folgen. Doch Che beschied ihm: „Schau Dich um, Juan. All die Banken, Versicherungen, die teuren Hotels, die mächtigen Firmen. Hier bist Du im Gehirn des Ungeheuers! Was willst Du mehr? Dein Schlachtfeld ist hier.“ Jean Ziegler blieb in der Schweiz, studierte fortan Soziologie und verwendete anstelle des Deutschen die französische Sprache.

 

Von 1967 bis 1983 und von 1987 bis 1999 war Jean Ziegler Genfer Abgeordneter im Nationalrat für die Sozialdemokratische Partei (SP) der Schweiz; ab 1977 wurde er Professor der Soziologie an der Uni in Genf, was er bis zu seiner Emeritierung im Mai 2002 bleiben sollte. Zudem war er ständiger Gastprofessor an der Sorbonne in Paris. Seit September 2000 ist Jean Ziegler UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung. In dieser Funktion verfasste er, unter anderem, jährliche allgemeine Berichte und Empfehlungen für die Vereinten Nationen.

 

Jean Ziegler nahm Che beim Wort und den Kampf gegen „das Ungeheuer“ auf. Seine Waffe war immer und ausschließlich das Wort und so schrieb er bis heute schließlich 16 Bücher. Das fünfte Buch, 1976, machte ihn erstmals auch international bekannt. Der Titel „Die Schweiz, über jeden Verdacht erhaben“, wurde ein Bestseller in Millionenauflage. Darin wagte Ziegler auszusprechen, was in der Schweiz noch keiner zuvor gewagt hatte: …dass auch die Schweiz Dreck am Stecken habe. Leichen im Keller. Ziegler schreibt: „Die vielen hundert Millionen Dollar, die alljährlich aus den Ländern der dritten Welt abfließen und die, in Schweizer Franken umgetauscht, in den Ali-Baba-Höhlen unter der Zürcher Bahnhofstraße lagern, sind das Blut der Armen und der Opfer von Kriminellen.“

Das „Ungeheuer“ schlug zurück! Wegen seiner massiven Kritik an schweizerischen Banken, wurde er als „Landesverräter“ angegriffen und von mehreren Instituten, zum Teil erfolgreich, verklagt. Die Verurteilungen zu Schadensersatz brachten ihn wirtschaftlich an den Rand des Ruins. Der Prozess wegen Landesverrats endete allerdings mit einem Freispruch. Dennoch ist seine Kritik – leider – auch heute noch aktuell.

 

Jean Ziegler, 75jährig, gilt heute als scharfzüngiger Globalisierungskritiker und gehört deshalb zur Standartlektüre von z.B. Attac-Aktivisten. Reich an eigenen Erfahrungen – und an Schulden aus unzähligen Verleumdungsklagen – prangert er unermüdlich vor allem das Geschäftsgebaren transnationaler Konzerne an; hält sich mit Kritik aber auch nicht vor politischen Institutionen, politischen Akteuren und dem kapitalistischen System an sich zurück. Besonderes Augenmerk legt er folgerichtig auch auf die eigentlichen Machtapparate im Hintergrund der globalisierten Welt; namentlich Weltbank, IWF und WTO.

 

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Ich hielt mich lange für einen Menschen, der über die weltweiten Machtstrukturen, Gegnerschaften und Verflechtungen Bescheid weiß und war mir sicher, dass das drängenste Problem der Menschheit, die ungleiche Verteilung der Güter sei; ganz in den Denkmustern der Nord-Süd-Debatte. Jean Ziegler zündete mir in „Das Imperium der Schande“ ein Licht an (nicht das einzige): Die Mächtigsten haben gar nichts dagegen, wenn wir in Nord gegen Süd, arm gegen reich denken – das sind sogar die Gegensatzpaare, in denen wir denken sollen. Sie lenken von diesem Fakt ab: Die 500 größten Konzerne kontrollieren 52 Prozent des Weltsozialprodukts, beschäftigen aber nur 1,8 Prozent der Arbeitskräfte der Welt. Dabei sind diese Konzerne längst transnational, im Norden und im Süden (!), ansässig.

 

Und die Politik gebärdet sich machtlos (obwohl sie es nicht zu sein braucht). Was den Norden und den Süden unterscheidet, sind lediglich die Auswirkungen der Politik eben jener transnationalen Konzerne: Im Norden, Vernichtung bzw. Verlagerung von Arbeitsplätzen und im Süden, unentrinnbare Schuldknechtschaft; im Norden, Verschlechterung der Nahrungsmittel-Qualität durch industrielle Produktionsweisen oder Genmanipulationen und im Süden, Hungerkatastrophen. Wer sich schon einmal ganz arglos gefragt hat, wieso es in Afrika trotz all der Entwicklungshilfe eigentlich immer schlimmer wird, dem fallen bei der Lektüre des Buchs „Das Imperium der Schande“ Schuppen der Erkenntnis von allen dafür vorgesehenen Plätzen.

 

Jean Ziegler zeigt auf, wie einzelne Konzerne die ärmeren Länder gezielt mit Hilfe von Verschuldung und Hunger (Ziegler nennt sie Massenvernichtungswaffen) in Abhängigkeit halten und auch die reicheren Länder dabei plündern. Er spricht von wertneutraler Gewinnmaximierung. Denn Werte, wie beispielsweise die Menschenrechte, sind lediglich hinderliche Kostenfaktoren. Die Regulierungskräfte des hochgelobten „freien“ Marktes werden zunehmend eliminiert. In der Folge ist selbst die Demokratie in Gefahr: „Ohne soziale Gerechtigkeit ist die Republik wertlos.“ Als UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung besuchte Jean Ziegler viele Länder. Für seine Argumentation hat er Äthiopien und Brasilien als Beispiele gewählt. Er führt alle relevanten Daten und Fakten auf. Fürchterliche Fakten: „Mehr als 10 Millionen Kinder unter fünf Jahren sterben pro Jahr an Unterernährung, Seuchen und Wasserverschmutzung. Diese Kinder werden nicht von einem objektiven Mangel an Gütern vernichtet, sondern von der ungleichen Verteilung dieser Güter. Also von einem künstlichen Mangel.“

 

Korruption, Ausbeutung und Verelendung sind bittere Realität für die Menschen der Dritten Welt. Ihre Menschenrechte werden mit Füßen getreten und ihre Lebenssituation ist geprägt durch Aussichtslosigkeit, da die Staaten auf Gedeih und Verderb den Strukturanpassungsprogrammen von IWF und Weltbank ausgeliefert sind. Skrupellose, korrupte Diktatoren und Generäle, die in der Vergangenheit über die Aufnahme von Staatskrediten entschieden haben, tragen eine immense Schuld an diesem Elend. Sie haben die exorbitanten Schuldenberge während ihrer Amtszeit angehäuft. Die Aufnahme immer neuer Kredite zur Finanzierung der Schulden und aufgelaufenen Zinsen führen in eine volkswirtschaftliche und soziale Abwärtsspirale.

 

Die Staaten sind aufgrund der Verbindlichkeiten paralysiert und nicht mehr in der Lage ihren Verpflichtungen der Bevölkerung gegenüber gerecht zu werden. Die zutiefst verschuldeten Länder sind nun gezwungen profitable staatliche Bereiche zu privatisieren und ihre Märkte für transnational agierende Konzerne zu öffnen, die nur noch ihren Gewinninteressen verpflichtet sind. Dadurch geraten die Schuldnerländer in einen unentrinnbaren Teufelskreis aus Verarmung und Verschuldung. Die Menschen der Dritten Welt arbeiten unter unwürdigen Bedingungen, weil die Kosmokraten der Konzerne, das Ziel niedriger Produktionskosten sowie niedriger Löhne und die Beseitigung sozialer Hindernisse verfolgen. Auf diese Weise werden die betroffenen Staaten in einen Sog privatwirtschaftlicher und wirtschaftlicher Interessen gezogen, was für die Menschen und das betroffene Land zwangsläufig zu einer unaufhaltsamen Talfahrt führt.
Jean Ziegler beschreibt warum die Konzerne die eigentlichen Herrscher der ausgebeuteten Staaten sind und wie sie langsam die staatliche Ordnung übernehmen, wie die Schuldenberge die Länder lähmen und das Etablieren einer funktionierenden Infrastruktur und eines dringend notwendigen Sozialsystems unmöglich gemacht werden. Wenn er meint: „Es kommt nicht darauf an, den Menschen der Dritten Welt mehr zu geben, sondern ihnen weniger zu stehlen“, dann erklärt das, warum – trotz der sog. der Entwicklungshilfe in der üblichen Form von Geldüberweisungen – z.B. die Afrikanischen Staaten nicht weiterkommen.

Ganz ähnlich wie bei Eduardo Galeano „Die Füße nach oben“ (auch hier bei Ciao vorgestellt), stehen die Menschen im Zentrum seiner Argumentation und der Text gleicht eher einer Erzählung, denn einer Abhandlung. Und alle Menschen, von denen er erzählt, haben Namen. Es geht nicht um eine gesichtslose, unzählbare Masse Armer. Es geht um konkrete Menschen, denen die Lebensgrundlage durch die Profitgier einzelner anderer Menschen entzogen wird. Und um das dahinter stehende System, das das Lebensglück der Menschen in den reicheren Ländern genauso torpediert. Das Buch korrespondiert auch in der Sprache mit oben genanntem Titel – Jean Ziegler verwendet ebenso deutliche Worte; kein Wunder, er ist „Überzeugungstäter“ und möchte verstanden werden: „Heute müssen wir mit ansehen, wie die Welt von neuem feudalisiert wird. Die despotischen Herrscher sind wieder da. Die neuen kapitalistischen Feudalsysteme besitzen nunmehr eine Macht, die kein Kaiser, kein König, kein Papst vor ihnen je besessen hat.“ Und: „In der Welt des Feudalismus, die durch die Abwesenheit von Lohnarbeit definiert wird, unterjocht der Herr seine Leibeigenen durch die Schuld.“ Was nicht nur auf die Menschen des Südens zutrifft (siehe auch “Palast der Pfauen” von Wilson Harris – auch hier bei Ciao vorgestellt).

 

Jean Ziegler tritt vehement für das Menschenrecht auf das Streben nach Glück ein und bezieht sich dabei direkt auf die Werte der Aufklärung, die Französischen Revolution und die Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. Die Regierungen der westlichen Demokratien sind ihrem Souverän, dem Volk, verpflichtet. Dennoch gibt es in zunehmendem Maße eine unheilvolle Verstrickung von Politik und Wirtschaft, so dass die Privatinteressen einzelner zu öffentlichen Interessen erklärt werden: Sozialleistungen werden gekürzt zugunsten von Steuerermäßigungen für große Unternehmen. Die Vereinzelung der Menschen, der sogenannten „Verbraucher“, hilft dabei den gut organisierten Konzernen: Der Bürger schweigt, also hören die Politiker auf die Einflüsterungen der Lobbyisten, sofern sie nicht selbst einen hoch dotierten Posten im Aufsichtsrat innehaben. Aber machtlos sind die Bürger nur, solange sie alleine stehen. Der Autor listet einige Beispiele auf, wie es möglich ist, auch die größten Konzerne in die Knie zu zwingen: mit vereinten Kräften.

 

In der Geschichte der Industrialisierung haben industrielle, technologische und wissenschaftliche Revolutionen eine unglaubliche Steigerung der Produktivkräfte ermöglicht; nie standen der Menschheit mehr Ressourcen zu Verfügung, nie mehr Güter und Lebensmittel. Aber auch – wie nie in der Geschichte der Menschheit – dehnten multinationale Konzerne ihre Macht dermaßen über den Planeten aus, niemals erzielten einzelne Unternehmen dermaßen astronomische Gewinne ein. Und gleichzeitig waren Elend und Hunger nie größer. 100.000 Menschen sterben heute täglich an Hungersnöten und Seuchen, die durchaus vermeidbar wären. Eine neue Klasse von Feudalherrschern, von Kosmokraten (wie Ziegler sie nennt), ist entstanden. Durch Selbstaufgabe ist der Handlungsspielraum der UNO und der einzelnen Staaten geschrumpft.

 

Aber Jean Ziegler wäre nicht Jean Ziegler, wenn er es bei der Aufdeckung von Hintergründen, bei der Nennung von Verantwortlichen und der Anklage belassen würde, sondern er zeigt in seinem Buch auch auf, wie man den Teufelskreis von Verschuldung und Hunger durchbrechen kann. Das lähmende Gefühl der Schande, das wir alle empfinden angesichts von Armut und Hunger, kann umschlagen und zu einer Macht der Veränderung werden. Er beschreibt die Beseitigung von Hunger und Elend nur als eine mitmenschliche Aufgabe, sondern erhebt dies zu einer Art „moralischem Imperativ“ unserer Zeit.

 

Besondere Aufmerksamkeit möchte ich auf die Informationsfülle legen, die Jean Ziegler in seinem Werk verarbeitete. Dabei lässt uns die Menge an Informationen in unserem Lesefluss ungestört, da sie der Autor uns in einem übersichtlichen Fußnotenapparat zur Verfügung stellt. Natürlich nennt er uns die Quellen der von ihm angeführten Daten und Fakten, aber er bietet uns darüber hinaus auch weiterführende Literatur und Links. Wie jedes andere seriöse Sach-Werk auch, verfügt natürlich dieses Buch außerdem über ein aufschlussreiches Personen- und Sachregister.

 

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Mit dem Buch „Das Imperium der Schande“ hielt ich ein aufrüttelndes Plädoyer eines Mannes in Händen, der quasi Anklage in einer öffentlichen Verhandlung vor dem Gericht der Menschlichkeit erhebt. Jean Ziegler will unsere Aufmerksamkeit einmal auf ein anderes heimliches Imperium lenken, nämlich auf das, welches nach seinem Dafürhalten die Welt nach seiner Überzeugung schon längst nach seinen alleinigen Regeln beherrscht: das Imperium der großen, transnationalen Konzerne. Und eben die macht er – für mich sehr plausibel – deshalb auch verantwortlich für die Unterdrückung, die Armut und den Hunger in der Welt.

 

Der Autor geißelt dieses Imperium in der unvergleichlichen Offenheit und dem scharfen Ton, der ihm eben eigen ist und den ich von ihm schon aus seinen vorherigen Veröffentlichungen kenne. Jean Ziegler ist polarisierend und meidet Zwischentöne; er teilt die Welt in Gut und Böse ein. Wer aber denkt, dass auf der bösen Seite allein die Konzerne stünden und auf der guten wir, der irrt. Er zeigt auch auf, inwieweit einfache Menschen an den Machenschaften der Großfinanz beteiligt sind. Natürlich liegt aber sein Hauptaugenmerk auf den Wirtschaftsbossen, nach deren Spielregeln der Weltmarkt heutzutage (noch) funktioniert und die von nichts anderem als ihrer Gier nach Profit getrieben sind: „Der einzige Antrieb dieser neuen Feudalherren ist die Anhäufung größtmöglicher Profite in möglichst kurzer Zeit, die kontinuierliche Ausdehnung ihrer Macht und die Beseitigung jedes sozialen Hindernisses, das sich ihren Dekreten widersetzt.“

 

Natürlich kann man die Frage stellen, ob man dermaßen polemisch formulieren muss, ob man die Verhältnisse dermaßen derb und holzschnittartig zeichnet oder seine Kritik dermaßen ätzend vortragen muss und ob sich der Mann nicht vielleicht selbst keinen Gefallen tut. Doch ich meine, dass man niemals so scharf formulieren, so böse kritisieren kann, wie es das System verdient – angesichts der Schäden die es verursacht, angesichts der Bilder des Leids, die uns um den Schlaf bringen können, empfinde ich Jean Zieglers Sprache als die einzig verwendbare. Aber gleichgültig ob man nun die Ansichten des Autors teilt oder Vorbehalte gegenüber der Art und Weise der vorgebrachten Kritik oder der politischen Positionierung hat, ein Auseinandersetzen mit diesem Buch sollte man sich allemal gönnen.

 

Für diejenigen, die sich eh als Globalisierungskritiker oder gar Globalisierungsgegner verstehen, ist das Buch ist ein Muss. Ich für meine Begriffe, habe darin viel Füllmaterial für den an sich hohlen Begriff „Globalisierung“ gefunden und so eine hervorragende Argumentationshilfe gegen „Wirtschaftsgläubige“ gelesen. Ich schreibe den folgenden Satz nicht gerne, weil er so abgedroschen wirkt; dennoch ist er in diesem Fall angebracht: Das Buch liest sich spannend und flüssig wie ein moderner Roman. Ausnahmsweise habe ich meine Besprechung mit mehr Zitaten versehen als sonst üblich; ich verwendete sie deshalb, weil ich meine, dass man die Sachverhalte einfach nicht besser und eindeutiger formulieren kann.

 

 

Pessoa

 

 

Das Imperium der Schande

Jean Ziegler

320 Seiten – Gebundenes Buch

Verlag: C. Bertelsmann – Aus Juli 2006

ISBN: 3-5700-0878-9

19, 90 Euro

 

 

Das Imperium der Schande

Jean Ziegler

345 Seiten – Broschierte Ausgabe

Verlag: Goldmann – Aus Mai 2008

ISBN: 3-4421-5513-4

9, 95 Euro

 

 

Nachbemerkung: Der zu Beginn angesprochene Artikel „Wer hat Angst vor dem Schwarzen Mann…? Obama und der Amtsantritt“ ist unter http://www.bannjongg.com/cgi-bin/sbb/sbb.cgi?&a=show&forum=69&show=1 nachzulesen.