Jesus Diaz „Die Dolmetscherin“

Leidenschaft und Vernunft

Pro: Leidenschaftlich erzählter Roman

Contra: Leider sein letztes Werk



Leidenschaft. Es gibt Worte, bei denen man meint, genau zu wissen was gemeint ist. Zudem bei diesen Worten, die durch häufigen Gebrauch, im Zusammenhang mit vielen alltäglichen Situationen, sozusagen in aller Ohr sind, eine Deutlichkeit vermutet wird, die bei näherer Betrachtung nichts als Oberflächichkeit ist. Dabei ist Oberflächlichkeit, nicht nur im Umgang mit dem Begriff Leidenschaft, keine sinnvolle Option zum Verständnis von wichtigen und komplexen Zusammenhängen. Wer denkt schon daran, dass es bei diesem Wort um etwas geht, das in die tiefsten Tiefen menschlicher Existenz und die Motivation der meisten philosophischen Betrachtungen berührt: Den Sinn des Lebens.

Leidenschaften werden zum großen Teil von unseren Gefühlen, von Emotionen bestimmt. Selbst wenn man einwenden möchte, dass auch Stimmungen mitbestimmend seien, dann stimmt das natürliche, da Stimmungen eigentlich nichts anderes als so etwas wie übergeordnete Gefühle sind. Gefühle sind darüber hinaus auch die Grundlagen für die meisten unserer Werte, auch wenn das viele Philosophen im Bereich der Vernunft verlagern. Selbst zutiefst menschliche Eigenschaften wie Ehrgeiz und Pflichtgefühl, von Solidarität und Verantwortungsgefühl, Wünsche und Hoffnungen und natürlich vor allem Lust und Liebe gründen im Emotionalen.

Insofern bilden Gefühle und in ihrem Kanon auch Leidenschaften unsere Lebensgrundlagen.

Damit ist natürlich auch eine Gefahr verbunden: Menschen werden an dieser Stelle schutzlos angreifbar! Das erkannten schon sehr früh alle möglichen zynischen Herrscher und Kleriker… und die Anfriffe wurden von den heutigen Medien perfektioniert. Ob Werbung oder Sportberichterstattung, ob Politikerstatement oder Nachrichten, überall wird versucht an unsere Gefühle heranzukommen. Gefühle alsVerkaufsanreiz umgehen elegant den Verstand und fördert den Konsum. Ganz unverhohlen forden Sportreporter das show-mäßige zeigen von Emotinen und weil Gefühle bei allen Menschen gleich sind, kann man sich damit identifizieren… was gut ist für die  Einschaltquoten. Anstatt mit dem Argument oder einer vernünftigen Maßnahme, appellieren populistische Politiker lieber an die Gefühle; Gefühle sind billiger als Vernunft. Gefühle stabilisieren das System… anstatt über wesentliche Vorkommnisse zu informieren, werden kostbare Nachrichtensendezeiten mit Gefühlsduselei verplempert, die das Nachdenken über die wichtigen Dinge verhindert.

Damit ich nicht falsch verstanden werde: Ich rede nicht gegen die Gefühle, sondern gegen den Schindluder der damit getrieben wird. Es sind die Emotionen, die unserer Existenz, unseren sozialen Beziehungen und somit dem persönlichen Selbst eine Grundlage geben. Natürlich spreche ich hier auch nicht gegen die Vernunft, da nur sie in der Lage ist, Gefühle zu analysieren, sie durch Reflexion zu bewerten, sie gedanklich zu durchdringen und sie somit von ihrer Unmittelbarkeit zu befreien… sie also nutzbringend zu leben. Es kommt also darauf an, Fühlen und Denken zu verschmelzen und nicht das eine (künstlich) über das andere zu stellen. Vernunft ohne Gefühl ist kalt und mißachtet einen nicht geringen Teil unseres Seins, Gefühl ohne Vernunft ist schwankend und führt oft nicht zum Wesentlichen, im Sinne des eigenen Interesse.

Ein Schriftsteller der beides, Gefühl und Vernunft, immer zur Grundlage seines Schreibens gemacht hat und darüber hinaus als Dokumentarfilmer in eben der Mischung aus Emotion und Faktischem wirklich Großes geleistet hat, war Jesus Diaz (JD). Ja, leider muss ich mittlerweile WAR schreiben, denn dieser Mann starb im Mai 2002 in seinem spanischen Exil in Madrid. Auch wenn in der Gesamtheit seines Werkes seine Schwerpunkte ehr auf Ernüchterung und den verlorenen Illusionen liegen, trit in seinem letzten Roman, der nun leider das Lebenswerk dieses kubanischen Autors, einer der angesehensten dieses Landes, abschließen wird, seine Fähigkeit gefühlvoll vernünftig und sinnlich verständnisvoll zu sein besonders deutlich hervor,. Deswegen möchte ich mit dieser Besprechung auch eine Würdigung seines schriftstellerischen Schaffens verbinden, auch und insofern da dieser Mann und sein Werk allgemein wenig bekannt ist und sein Lebenslauf und Lebenswerk mir gorßen Respekt abnötigt.

JD wurde am 7. Oktober 1941 in Havvana/Kuba geboren. Er stammte nicht aus ärmsten Verhältnissen, hatte aber schon als Schüler klar vor Augen was es bedeutet, in einem Land zu leben, das von einem äußerst korrupten und brutalen Regime beherrscht wurde und das, nicht nur aus den genannten Gründen, als Batista-Regime in die Geschichte eingehen sollte. JD hat schon in seiner Schul- und Studienzeidafür mit dafür gesorgt… insofern er mit Castros Revolution zusammenarbeitete und im Untergrund gegen die Diktatur kämpfte. Es ist für seinen zukünftigen Lebenslauf sehr wichtig diese Zeit besonders genau zu betrachten. Es sollte sich nämlich positiv auswirken, dass JD auch nach dem Erfolg Castros die Revolution verteidigte… so z.B. 1961, als er an direkten Aktionen gegen die Konterrevolution in den Bergen der Sierra del Escambrey teilnahm.

JD hatte schon sehr früh die Literatur für sich entdeckt und engagierte sich im kubanischen Literaturbetrieb. Anfang der 60er Jahre war er Herausgeber einer Jugend-Zeitschrift in der Debatten über moderne kubanische Literatur geführt wurden. Auch wenn die Zeitschrift im Tenor auf der Seite der Revolution stand, gab es dennoch auch Beiträge, die sich kritisch mit der neuen Situation auseinandersetzten. Auf Geheiß Castros wurden die jungen Schriftsteller mit fadenscheinigen Begründungen aus der Redaktion geworfen. JD fand schon 1966 mit seinem ersten Erzählband große Beachtung und wurde vom renommierten Institut Casa de las Améicas ausgezeichnet. Neben seinen literarischen Arbeiten sorgte JD aber auch immer wieder mit journalistischen Aktivitäten für Aufmerksamkeit. Dokumentarberichte und Interview-Bände förderten seine Popularität… vor allem bei der kubanischen Jugend.

Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre arbeitete JD erneut an einer periodisch erscheinenden Zeitschrift – einer Monatsschrift für Sozialwissenschaften. Mittlerweile war er Dozent am Institut für Philosophie der Universität von Havanna. Auch diese Zeitschrift wurde von den Behörden als zu kritisch eingestuft und in einem Interview berichtete JD selbst, dass die Behörden “1971 beschlossen, nicht nur die Zeitschrift aufzulösen und uns auf die Straße zu setzen, sondern auch das Institut zu schließen und das Gebäude gleich niederzuwalzen”.  In diese Zeit fiel auch seine Arbeit an seinem ersten Roman “Die Initialen der Erde” (1991 in Deutschland erschienen), die 1973 abgeschlossen waren, aber die Zensur verhinderte seine Veröffentlichung. Das Verbot sollte bis 1985 bestehen bleiben.

JD aber, nun wegen der Schließung des Instituts arbeitslos geworden, mußte sich ein gänzlich neues Betätigungsfeld suchen… auch deswegen, weil die ständigen Querelen mit den Behörden ihn in krank gemacht hatten und er wegen psychosomatischer Schwierigkeiten die Literatur aufgeben wollte. Seine früheren Dokumentationen zeigten im einen Ausweg aus der Existenzkriese – er wurde Dokumentarfilmer und das was man einen Filmemacher nennt. Zwei Spielfilme etliche Dokumentarfilme sind das Ergebnis seines Schaffens. Die Dokumentarfilme verschafften ihm Gelegenheit zu reisen… jahrelang hielt er sich im Mittleren Osten, Afrika, Sibirien und Nicaragua auf. Plötzlich durfte er seinen verbotenen Roman veröffentlichen.

Nun, ich glaube zu wissen, dass man als Schriftsteller die Literatur nicht einfach so aufgeben kann… und so war es auch bei JD. Nun, da er den Roman veröffentlichen durfte, gefiel ihm sein eigenes Werk nicht mehr… er setzte sich hin und schrieb ihn zwischen 1985 und 1987 neu. Das Buch erschien nun doch und er wurde ein großer Erfolg… ein Erfolg beim Publikum, nicht aber bei den Mächtigen und die Lage spitzte sich zu. Sein damaliger Kampf für die Revolution rettete ihn bislang vor dem Gefängnis. Aber JD hatte Angst eingesperrt zu werden… und nahm letztlich 1991 ein Stipendium des DAAD für Berlin an. Eigentlich wollte er Kuba nicht ganz verlassen, aber dann kam alles ganz anders. Im Februar 1992 trat er in der Schweiz mit Eduardo Galeano (auch hier bei Ciao besprochen…) auf. Anlässlich dieser Veranstaltung kritisierte er die kubanische Parole „Sozialismus oder Tod“. In einem offenen Brief bezeichnete ihn der kubanische Kulturminister als Vaterlandsverräter. An eine Rückkehr nach Kuba war nicht mehr zu denken und so wurde Berlin sein erster Exilort.

JD begann an der Deutschen Filmakademie in Berlin zu unterrichten und schrieb wieder regelmäßig. Der erste seiner Exil-Romane ist 1992 „Die verlorenen Worte“… ein sehr stark autobiographisch geprägtes Werk, das aber vom Autor nicht nur so verstanden werden will, sondern das auch eine allgemeingültige Anklage gegen Zensur und politische Verfolgung überall. Auch sein Roman „Die Haut und die Masken“ gehört unbedingt genannt, da er in einer direkten Linie zu den Vorgängerwerken steht und vom Autor selbst als Teil eines Zyklus bezeichnet wird, zu dem eben die genannten Bücher gehören.

Eine neue Reihe beginnt mit „Erzähl mir von Kuba“ und setzt sich mit „Die Dolmetscherin“ fort. Es wird noch einen dritten in dieser Reihe geben „Die vier Fluchten Manuels“, der noch der Veröffentlichung harrt. Da seine Werke natürlich erst in spanischer Sprache erschienen (und das seit seinem ersten Roman in Madrid), siedelte er sich dort an. Viel von dem was er sich noch alles vorgenommen hatte, wird er nun nicht mehr realisieren können. Aber er hat uns sozusagen zum Abschied seinen letzten Roman „Die Dolmetscherin“ hinterlassen, um den es im Folgenden gehen soll.

Der junge schwarze kubanische Journalist Barbaro ist der Protagonist dieses Romans. Anfang der 80er Jahre erhält der den Auftrag einer Reportage in Sibirien, wo der große sowjetische Bruder, durch fast 10.000 Kilometer gefrorene Tundradie legendäre Eisenbahnlinie Baikal-Amur-Magistrale baut. Dieser empfindsame junge 25jährige Mann hat, geprägt in der sinnenfrohen karibischen Gesellschaft, das Problem immer noch nicht mit einer Frau geschlafen zu haben. Er legt das Gelübde ab, dass es auf dieser Reise geschehen muss. Aber vor der Erfüllung dieses Selbstversprechens, stehen viele Hindernisse. Das erste Hindernis ist seine Flugangst, das zu überwinden nun mal Voraussetzung dafür ist, ans Ziel seiner Reise zu gelangen.

Die nächsten Hindernisse sind die Schocks, ausgelöst durch die fremde Kultur und das winterliche Klima Russlands, beides gleich hart, für den sonnenverwöhnten Kubaner. Kaum am Zielort Irkutsk angekommen, trifft er auf die ihm zugeteilte Dolmetscherin Nadeschda, die den heißblütigen Kubaner mit ihren Augen fesselt. Aber keine Sorge, JD serviert uns keinen schwülstigen Liebesroman, denn Nadeschda ist treue Sowjetbürgerin und als solche kümmert sie sich um ihre Aufgabe und um sonst nichts… zunächst. Auch wenn der Roman alles andere als ein Liebesroman ist, gewinnt er durch das Werben des jungen Kubaners um die Gunst der Dolmetscherin auch sehr viel Tiefe, da aus den Abwehrversuchen der jungen Frau treten ihre Gründe dafür hervor… und diese Gründe sind bittere Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen, die im Sowjetstaat, der ja auch eine gewisse Vorbildfunktion für Kuba hatte. Insofern kritisiert JD auch Kuba.

Dennoch ist der Roman nicht nur in dieser Weise zu lesen, sondern auch eine sehr sorgfältig und feinsinnig entwickelte Geschichte. JD treibt die Handlung nur sehr vorsichtig weiter. Das Werk ist in vier Kapitel fragmentiert und jedes dieser Kapitel ist nach einem der Elemente benannt: Die Luft, die Erde, das Feuer und das Wasser. Die vier Elemente organisieren auch den Roman in vier Perioden, vier Orte, in denen Barbaro seine Rolle, seinen Stellenwert suchen muss…aber nicht fündig wird. Die Umgebung, das Klima ist feindlich, der latente Rassismus schließt ihn aus und auch wenn die sibirischen Nächte von verblüffender Schönheit sind, es genügt ihm nicht zum Leben.

JD erzählt am Haupt-Handlungsstrang seines Romans entlang wirklich köstliche Episoden, die das Buch auch ästhetisch reizvoll machen. Ein Kubaner in der Sauna, oder die Bahnhofsvorsteherin die mit ihm einen Schneemann bauen will oder das Lagerleben im Bauarbeiter-Camp… streckenweise kommt auch die freiwillige oder unfreiwillige Komik zu ihrem Recht und das Sprachtalent des Autors tut ein Übriges, dieses Buch zu einem Lesegenuss zu machen. Aber JD wäre nicht der JD, wenn das Werk nicht doch seinem dramatischen Höhepunkt zustrebte… und auch wenn Bárbaro letztlich sein Gelübde erfüllen kann, gibt es kein Happyend.

Mir hat dieses Buch nicht einfach nur gefallen… es hat mich teils fasziniert und stellenweise sogar begeistert. Leider habe ich es auch im Bewusstsein lesen müssen, dass es nun kein weiteres Werk von JD geben wird. Mit diesem Roman hat er sein Werk meisterlich beschlossen und stilistisch ist es, meiner Meinung nach, der Beste seiner Romane. Dabei sind seine „Initialen“ oder die „Verlorenen Worte“ wirklich nicht schlecht, aber „Die Dolmetscherin“ ist feiner erzählt und nicht so vordergründig auf Gesellschaftskritik (vornehmlich an der kubanischen Gesellschaft) angelegt. Der Roman entspricht deutet auch die Faszination des Autors für das Werk von Borges hin. Die verschiedenen Ebenen des Romans beruhen aufeinander und entsprechen sich, so dass es, bei aller Komplexität, auch ein Lesegenuss bietet.

Man merkt JD an, dass er uns etwas sagen will… und es ist ihm in einer Art und Weise gelungen, die mich traurig darüber macht, dass er nun seine Stimme nicht mehr erheben kann. In einer Zeit in der so viele schweigen, wird er mir fehlen. Seine leidenschaftlich Erzählweise und seine erzählten Leidenschaften sind ein Licht im Dunkeln… ein Licht das man in sein Fenster stellen sollte, auf dass ein Mensch es sieht. Ich habe nur ein einfach daher kommendes  Buch mit einer einfach daher kommender Geschichte gelesen… aber es war beeindruckender als so manches, das wichtiger tat, als es in seiner Substanz zu nehmen war.

Wilfried John

Die Dolmetscherin

Jesus Diaz

252 Seiten – Gebundenes Buch

Verlag: Piper – Aus dem Jahr 2000

ISBN: 3-4920-4415-8

18,90 €

Weitere wichtige Werke:

Die Initialen der Erde

Die verlorenen Worte

Die Haut und die Maske

Erzähl mir von Kuba