Joao Ubaldo Ribeiro „Brasilien, Brasilien”

Brasilien… das Wort an sich schon, hat eine ganz eigenartige Wirkung auf uns; und damit meine ich eben uns NichtbrasilianerInnen. Dabei kann aber die Wirkung bei verschiedenen Menschen aber eine völlig unterschiedliche sein. Der Satz wäre natürlich eine Binsenwahrheit, begründete ich ihn nicht: Nach meiner Erfahrung lassen sich drei Wirkungen unterscheiden. Meist wird das zuerst das Empfinden der Exotik sein, mit dem der Name Brasilien allgemein besetzt ist. Gleich danach wird wohl der Duft von Abenteuerlichkeit zu schnuppern sein, der mit den landschaftlichen Eigenheiten des Landes in Zusammenhang gebracht wird. Und, seltener, werden dann die sozialen Gesichtspunkte bewusst werden, die im Lande nach landläufiger Meinung herrschen.

Aber auch eine Mischung all jener Wirkungen ist denkbar. Exotik und Abenteuer, Abenteuer und gesellschaftliche Bedingungen oder gesellschaftliche Bedingungen und Exotik. Letzteres fällt dann mit Klischees zusammen, die wir aus dem Bereich der Touristik kennen: Karneval in Rio, Copa Cabana, heißes Klima, üppige Drinks und schöne Mädchen und/oder Jungs, ausgelassene Musik und erregende Tänze. Vielen Menschen ist das Klischee von einem Land mit freizügigen Sitten und lockerem Lebensstil eigen. Da wird dann Brasilien schnell zu einem Traumziel erkoren, zu dem man als Mann oder (seltener) als Frau am liebsten alleine reist.

Aber auch die Bilder von Indios, dem Amazonas sind gleich gegenwärtig. Und das Klischee von einer gewissen Unterentwickeltheit entwickelt Vorstellungen von primitiven Wilden und ihren obskuren Sitten und Gebräuchen… ihren althergebrachten Kulte und Ritualen; je nach Blickwinkel wird dann ängstlich, angewidert oder bedauernd reagiert. – ängstlich bei der Vorstellung von Schrumpfköpfen, angewidert bei der Vorstellung vom Speiseplan und bedauernd beim Gedenken an die Bedrohung des Lebensraums durch Landnahme, Rodung und Rohstoffausbeutung.

Schlussendlich sind uns die vielen Berichte aus den Medien bekannt… jenen, welche von den schlimmen zuständen in den Slums berichten, von den Straßenkindern, von Kriminalität, Gewalt und Prostitution… vom ganzen Elend vieler Menschen, die an den Rand der an sich prosperierenden Gesellschaft gedrängt sind. Es werden vielleicht die vielen Darstellungen von Ausbeutung gegenwärtig sein… der Kinderarbeit, des Menschenhandels oder der Drogenwelt. Und immer ist da auch der Ruch von der Korruption, die allgegenwärtig scheint und die sich wie ein alles verschlingendes Ungeheuer oder Krebsgeschwür über das Land, und alle die ihm zu nahe kommen, hermacht.

Ich möchte den Blick nun auf ein Feld lenken, das sozusagen etwas Übergeordnetes ist: Die brasilianische Literatur. Und hier speziell auf ein Buch und seinen Autoren, das versucht all die Klischees aufzunehmen und ihnen etwas Wahrhaftiges entgegenzusetzen. Gemeint ist das Werk „Brasilien, Brasilien“ von Joao Ubaldo Ribeiro (im Verlauf der Besprechung kurz JUR). Er wurde 1941, auf der Insel Itaparica (Bahia) geboren. Seine Eltern gehörten zur, wenn man so will, privilegierten Schicht… sein Vater war Professor und auch in der Politik tätig. Der junge Joao genoss eine vorzügliche schulische Ausbildung zunächst mit einem Privatdozenten, später dann in einem privaten Institut. Er wurde sehr gefördert… und wollte auch immer einer der Ersten sein; so viel zu einer Charakterisierung. Nach seiner Schulausbildung arbeitete er als Journalist und studierte quasi nebenbei Jura und Politische Wissenschaften. 1964 verlies er nach politischen Unruhen das Land und studierte in Kalifornien weiter und machte seine Abschlüsse. Erst 1983 kehrte er, nach Aufenthalten auch in Europa, in seinen Geburtsort zurück, und widmete sich seiner schriftstellerischen Tätigkeit, die ihn mittlerweile schon zu einem der bekanntesten brasilianischen Schriftstellern hat werden lassen; nun, da Jorge Amado tot ist, muss man ihn wohl den bedeutendsten und populärsten Schriftsteller Brasiliens nennen. Heute lebt er in Rio de Janeiro.

JUR gehört zu einer neuen Generation brasilianischer Schriftsteller, die aus den traditionellen Erzählstrukturen der brasilianischen Literatur heraus wollen und nach einem eigenen Weg in eine „nicht-koloisierte“ Literatur suchen. Dazu gehört es auch, die eigenwillige Geschichte des Landes zu reflektieren und der offiziellen Geschichte eine andere, authentischere entgegen zu setzen. „Brasilien, Brasilien“ ist beredtes Zeichen und Ausdruck dieses Versuchs. In JURs bisher umfangreichstem Buch liegt ein sprachlich eindrucksvolles Werk, sozusagen ein Epos über die Entstehung der brasilianischen Identität (wenn es etwas derartiges gibt… deswegen auch meine ausführliche Einleitung) vor.

Die Insel Itaparica ist der Ort der Handlung… und die Zeit der Handlung sind die Zeiten vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Es werden hunderte Jahre Geschichte erzählt… und das manchmal grausige, manchmal heitere Geschehen spiegelt sich in Geschichten des Alltags, in den Woodoo und Capoeira genauso gehören wie der tägliche Kirchgang. Vor diesem Hintergrund also, entwirft JUR ein Bild des Landes… von den Anfängen der Entdeckung, besser gesagt, der Eroberung, über die Revolte gegen die portugiesische Herrschaft bis zur Selbständigkeit… vom Kannibalismus bis zu den Missionaren, vom Sklaventum und Großgrundbesitz bis zu Kriegen mit den Nachbarn um Gebietsansprüche und Rohstoffquellen.

Im wesentlichen heben sich drei Protagonisten hervor, und anhand der Darstellung ihres Lebens erzählt JUR den Roman. Zuerst möchte ich den „Baron von Pirapuama“ hervor heben. Er ist ein Tyrann und herrscht unerbittlich und mit grausamem Regime über unermessliche Ländereien. Die Grausamkeit ist ihm nicht nur Mittel zum Zweck, nein, er schwelgt auch darin, wenn er Sklavinnen vergewaltigt und ihre männlichen Leidensgenossen kastriert und verstümmelt. Er wird später – sozusagen hochgelobt – zum brasilianischen Nationalhelden erhoben werden und sogar vom Volk gefeiert.

Eine weitere Facette des Romans verkörpert der Mulatte Amleto. Er ist der Protagonist der Finanzwelt. Durch dubiose und undurchsichtige Finanzgeschäfte und Manipulationen, bringt er das zusammen geraffte Vermögen des verstorbenen Barons an sich, was es ihm ermöglicht nun seinerseits eine Dynastie zu gründen, die sich über viele Jahre hinweg und durch alle politischen und gesellschaftlichen Unwägbarkeiten hindurch selbst an die Macht bringt und an der macht hält. Selbst als in der jüngsten Vergangenheit das Militär eine Diktatur errichtet, ist es wieder Amletos Dynastie, welche im Hintergrund die Fäden zieht… und sozusagen die Gewalt des alten Barons wieder aufleben lässt… in anderer Gestalt zwar, aber zum selben Zweck.

Aber es gibt auch eine positive Figur: Die Revolutionärin Maria de Fé. Wie es für lateinamerikanische Literatur typisch ist, verkörpert eine Frau das Volk und der Autor macht keinen Hehl daraus, auf wessen Seite er steht. Maria de Fé ist die Tochter einer von Weißen ermordeten Sklavin… und wird durch ihre Unerschrockenheit und ihren Kampfgeist, aber auch ihrer Herzlichkeit und Großzügigkeit wegen, langsam aber unausweichlich zu einem Volksmythos… und steht somit in direktem Zusammenhang mit dem Baron – wenn man die Verehrung des Volkes für den einen und/oder den anderen „Heiligen“ als Bindeglied sehen möchte; nach dem Motto: es erstaunt, wen ein und dasselbe Volk zu verehren vermag.

JUR hat in diesem monumentalen Werk versucht, die Geschichte seines Landes aus der Perspektive des Volkes zu rekonstruieren… hauptsächlich die Indios, die Schwarzen, die Mestizen und Mulatten kommen zu Wort, da die Weißen IHRE Geschichte schon selbst in die Geschichtsbücher geschrieben haben. Ihm ist es wundervoll gelungen die vielfältigen Wirklichkeiten Brasiliens darzustellen… Er erzählt von Menschen und ihre Taten, ihre Untaten und ihr Kalkül, ihre Leidenschaften und ihre Kraft… die letztlich die Vitalität dieses Landes ausmacht.

Auch wenn ich während des Lesen, ob der erzählten Grausamkeiten, hin und wieder inne halten musste, übertrug sich doch die unglaubliche Spannung dieses fast ekstatisch zu nennenden Epos auf mich. Ich fand mich auch sehr leicht in die vielfältigen Facetten des Humors seines Autors hinein… er beherrscht die Satire ebenso meisterlich, wie er sich der Groteske und der Farce bedienen kann… und nicht selten wollte mir ein lautes Lachen aus dem Herzen brechen, das aber im nächsten Moment durch eine Schilderung mit (schein)dokumentarischem Charakter eingefangen wurde. Die wunderbaren poetischen Beschreibungen haben mich sozusagen innig mit dem Land, den Leuten und ihrer Geschichte verbunden… und mir gezeigt, was Literatur zustande zu bringen in der Lage ist, wenn ihr Autor engagiert genug dafür ist, sich über Klischees hinweg zu setzen und für eine Authentizität einzustehen. Ich glaube, ich habe Brasilien nun etwas besser verstanden…

Wilfried John

Joao Ubaldo Ribeiro
Brasilien, Brasilien
730 Seiten – Taschenbuch
Verlag Suhrkamp von 2000
ISBN 3-518-39598-X
15,24 €