Joao Ubaldo Ribeiro „Das Lächeln der Eidechse“

Urlaub… Müßiggang… ist für mich auch immer eine Zeit des Nachdenkens. Fragen tauchen vor meinem geistigen Auge auf… aktuelle, schon beantwortete, weit entfernt liegende Fragen. Und ich gebe mich ihnen gerne hin… versuche sie zu beantworten. Unlängst ergab sich die Gelegenheit, mir über die Frage, ob das Bestehen auf einer einmal gefundenen Wahrheit nicht doch vielleicht Unflexibilität und Starrsinn wäre, Gedanken zu machen. Nun, ich kann zwar nicht für eine Allgemeinheit antworten, aber ich kann versuchen meine Meinung zu sagen: …wenn eine Wahrheit einmal als solche erkannt ist, nämlich dann, wenn sie mit allen zur Verfügung stehenden Erfahrungen abgeglichen ist und eine Basis ergibt, auf der man weiter aufbauen kannst, dann sollte sie natürlich weiter geprüft und immer angepasst, (Flexibilität…), aber niemals mehr in rigorose, zerstörerische Zweifel gezogen werden. Das ist dann auch bestimmt nicht starrsinnig, da das bessere Argument integrierbar ist… aber eben das Ganze nicht einfach ersetzt wird… Man könnte das dann ruhig Erleuchtung nennen…

Dieser Gedanke hatte natürlich einen Anlass… kein Gedanke erscheint einfach so. Der Anlass war eine Unterhaltung über die Erkrankung des Klon-Schafes Dolly (Arthrose… zu früh für ihr Schaf-Alter) und ein sich daraus ergebender Meinungsaustausch über das Thema Genmanipulation generell. Nun bin ich alles andere als ein Fachmann auf diesem Gebiet und es liegt mir auch sehr fern, mich auf der sach-/ fachlichen Ebene mit diesem Thema zu beschäftigen; selbst die Fachleute wissen im Grunde nichts (genaues). Mich interessiert es aber, das Thema aus ganz anderen Perspektiven zu betrachten… nennen wir es den politisch/moralischen oder aber auch philosophisch/kritischen Blickwinkel; und natürlich aus literarischer Sicht… darum es ja hier gehen soll.

Es soll um den Roman „Das Lächeln der Eidechse“ von Joao Ubaldo Ribeiro (kurz JUR) gehen, der, hierzulande 1994 erschienen, zu seinen größten literarischen Erfolgen zählt und fast immer gleich nach „Brasilien, Brasilien“ (ebenfalls bei Ciao besprochen) mit seinem Namen in Verbindung gebracht wird. Wie in „Brasilien, Brasilien“ (1988), zeigt uns JUR auch im hier angesprochenen Roman, der übrigens – wie man mir in Portugal versicherte – von Karin Schweder-Schreiner glänzend aus dem brasilianischen Portugiesisch übersetzt wurde, in einer packenden, spannenden und ausdrucksstark erzählten Geschichte die vielschichtigen Wirklichkeiten Brasiliens, mit seinen Menschen, ihrer Leidenschaften und Lebensbedrückungen. Kein anderer zeitgenössischer Schriftsteller ist ein kompetenterer Vermittler dieser Lebenswirklichkeiten, denn JUR ist sozusagen fest in brasilianischen Grunde verwurzelt…

Zwecks der Übersicht über seine biographischen Daten, zitiere ich mich ausnahmsweise mal selbst, um „mein Rad“ nicht noch einmal erfinden zu müssen: JUR wurde 1941, auf der Insel Itaparica (Bahia) geboren. Seine Eltern gehörten zur, wenn man so will, privilegierten Schicht… sein Vater war Professor und auch in der Politik tätig. Der junge Joao genoss eine vorzügliche schulische Ausbildung zunächst mit einem Privatdozenten, später dann in einem privaten Institut. Er wurde sehr gefördert… und wollte auch immer einer der Ersten sein; so viel zu einer Charakterisierung. Nach seiner Schulausbildung arbeitete er als Journalist und studierte quasi nebenbei Jura und Politische Wissenschaften. 1964 verlies er nach politischen Unruhen das Land und studierte in Kalifornien weiter und machte seine Abschlüsse. Erst 1983 kehrte er, nach Aufenthalten auch in Europa, in seinen Geburtsort zurück, und widmete sich seiner schriftstellerischen Tätigkeit, die ihn mittlerweile schon zu einem der bekanntesten brasilianischen Schriftstellern hat werden lassen; nun, da Jorge Amado tot ist, muss man ihn wohl den bedeutendsten und populärsten Schriftsteller Brasiliens nennen. Heute lebt JUR in Rio de Janeiro.

Wie viele andere moderne lateinamerikanische Romane auch, ist „Das Lächeln der Eidechse“ immer mehrere Geschichten, die miteinander korrespondieren, sich widersprechen, einander ergänzen oder aber polarisieren. Hier geht es um die Geschichte einer aussichtslos tragischen Liebe, die schließlich tödlich endet, und gleichzeitig wird uns die Geschichte eines politischen Komplotts erzählt, wie er perfider und zynischer nicht ausdenkbar ist; wobei ich leider der Überzeugung bin, dass es in der Wirklichkeit VIELE solcher, wenn nicht noch schlimmerer Affären gibt. Um den Fortbestand des herrschenden Systems und der mächtigen Nomenklatur zu gewährleisten, werden in geheimen Aktionen Genmanipulationen durchgeführt, welche verheerenden Folgen für den Verlauf der gesellschaftlichen Entwicklung zeitigen und alles aus den Fugen geraten lässt, was bislang für gültige moralische Werte erachtet wurde.

Die Hauptperson in diesem Roman ist der (mir sehr sympathische) Biologe Joao Pedroso; früher einmal galt er als sehr begabt, aber Lebensumstände, eigene Schwächen, die vermeintlichen Fluchten aus einer schrecklichen Wirklichkeit haben ihn inzwischen zum Alkoholiker werden lassen. Keine Ahnung ob JUR in seinen Romanen, über das übliches und nicht zu verhindernde Maß hinaus, autobiographische Sequenzen verarbeitet, doch es fiel mir auf, dass dieser Joao Pedroso auf einer tropischen Insel zu hause ist… vielleicht dem Geburtsort des Autors? Wir wissen es nicht… würde ein älterer Herr an anderer Stelle, anlässlich einer nicht mehr im Programm befindlichen Fernsehsendung, sagen.

Selten kommt man in der Beschreibung der Wirklichkeit, selbst oder gerade auch wenn es sich dabei um eine fiktive Roman-Wirklichkeit handelt, ohne die Verarbeitung von Klischees aus, was auch nicht verwundern muss, haben doch gewisse klischeehafte Eigenarten zunächst einmal vorhanden sein müssen, bevor sie zum Klischee „erhoben“ werden konnten; also Klischees haben auch immer ihren Wirklichkeitsbezug. Der Ehemann der Frau, zu der Joao eine heimliche Beziehung unterhält, ist Politiker… selbstverständlich ein korrupter Politiker. Allein dieses Beziehungsgeflecht hätte manchem Autor schon Stoff für einen spannenden Kriminalroman geboten… aber JUR arbeitet in einer anderen Dimension.

Sein Held Joao Pedroso macht eine fürchterliche Entdeckung: Er erfährt von seltsam verunstalteten Lebewesen und sein Verdacht wird zur Gewissheit, dass hier gentechnische Experimente mit MENSCHEN.. an MITmenschen… durchgeführt worden waren. Was dann folgt ist das Glanzstück des Romans… und schließt den Kreis zum vielleicht etwas seltsam anmutenden Beginn dieser Besprechung. JUR erzählt uns die unter dramatischen Umständen zustande kommenden Änderungen im Leben Joao Pedroso. Der Autor beschreibt die möglichen Entwicklungen auf dieser tropischen Insel in der für ihn typischen bilderreichen und eindringlichen Sprache… und es ist wegen dieser Sprache schon fast ans Vergnügen, wenn man vom Leid der Verunstalteten liest.

Aber JUR belässt es nicht beim Erzählen lediglich der Story, er widmet sich auch den Gründen, welche einen Biologen veranlassen, sich dem sogenannten Fortschritt entgegenzustellen. Dabei befasst sich der brillante Text keineswegs mit irgendwelchen wissenschaftlichen Details und – was ich für sehr erwähnenswert halte – er unterteil nicht in gute oder schlechte Anwendungsgebiete, auch beruft er sich nicht auf irgendwelche ethischen Grundsätze. Stattdessen betrachtet er, was aus all dem Guten wurde… es genügt ihm die Verantwortungslosigkeit zu beschreiben, mit der Gentechniker als Vasallen von Profitgeiern und korrupten Politikern über alle Grenzen gehen. Kritik ist unerwünscht… Das Bild vom industriell monopolisierten und vermarkteten Eingriff in alle Aspekte der Reproduktion und Erhaltung des Lebens wird Wirklichkeit… wenn wir nicht scharf aufpassen. JUR´s Roman führt uns den allgegenwärtigen Opportunismus, in all seinen Formen… bis hin zur Korruption, vor Augen. Und sage mir eine/r, das gäbe es eben nur in Brasilien…

In diesem Roman wird uns ja nur eine Geschichte erzählt… und wie sie erzählt wird! Bei all dem „philosophischen Beiwerk“ (das gar nicht so umfangreich ist, wie es bei meiner Besprechung den Anschein haben könnte… aber ich legte auf dieses Thema mein Gewicht), erweist sich der Roman als unglaublich spannend zu lesendes Buch.

Wilfried John

Das Lächeln der Eidechse
Joao Ubaldo Ribeiro
361 Seiten – Taschenbuch
Verlag Suhrkamp – 2001
ISBN 3-518-39748-6
9,- €