João Ubaldo Ribeiro „Sargento Getúlio“

Es sind nunmehr weniger als hundert Tage bis zur wichtigsten politischen Entscheidung dieses Jahres hier in Deutschland, deren Wirkung allerdings weit in die Zukunft reichen wird: Die Bundestagswahl. Schon melden sich alle möglichen Experten zu Wort, die – berufen oder nicht – Meinungen machen wollen. Natürlich schweigen auch die Kandidaten und die sie tragenden Parteien nicht… so fand dieser Tage ein Parteitag einer großen Partei statt, auf welchem ein Programm beschlossen wurde, das dazu geeignet sein soll, die Probleme dieses Landes in den Griff zu bekommen; wobei mir nicht klar ist, ob das was sie alles als Problem bezeichnen, tatsächliche eines ist..

Dass auf dem Parteitag ein dicker, nicht ganz hochdeutsch sprechender Mann redete, der sich bis zum heutigen Tag vorhalten lassen muss die Verfassung gebrochen zu haben, ist das eine… dass da ein rollstuhlfahrender Mann über Europa sprach, der im Verdacht steht einen Meineid geleistet und Schwarzgeld angenommen zu haben, ist die nächste Sache… es ist zwar auch eine Sache, dass da ein Mann auftritt und Minister für Arbeit, Wirtschaft und Soziales werden will, der schon mal wegen Bestechlichkeit (oder wenigstens Vorteilsnahme) aus dem Amt gejagt wurde, der Arbeiter in Ostdeutschland unter Tarif beschäftigte und vom Abschaffen von sozialen Schutzrechten das Wort redet… aber auch das ist nicht das ausschlaggebende.

Dass eine (nach eigenem Selbstverständnis) Volkspartei nach und nach von den Interessen eben jenes Volkes, das sie angeblich vertritt, abrückt und sich ein neoliberales Programm fast reinster Blüte gibt… DAS ist die ernste Sache. Das neoliberale Modell und seine Wirkungen, mit seinen Konzepten zur Bevorzugung der Vermögenden, der Verschärfung der sozialen Spannungen (mehr Armut, mehr Ausgrenzung, mehr Arbeitslosigkeit etc.), ist heute mustergültig im ehemaligen Musterland dieser Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik Argentinien zu beobachten. Auch in unserem eigenen Land ist zu beobachten, wohin wir mit immer mehr Privatisierung, immer mehr Selbstbeteiligung, mit immer weniger Möglichkeiten öffentlicher Institutionen kommen. Schuld sind immer diejenigen, die eh schon Verlierer sind… leere Rentenkassen kommt von den vielen Rentner, leere Stadtkassen kommt von der vielen Sozialhilfeempfängern und die vielen Arbeitslosen haben sich schließlich alle selbst entlassen. Es wird Gefolgschaft für ihre Politik verlangt… um wieder an die Macht zu kommen… an jene Macht, mit der sie sechzehn Jahre nicht umgehen konnte. Es wird von uns Gefolgschaft verlangt, die nur ja nicht kritisch nachfragen soll. Wird uns da vielleicht nur eine Show geboten, die von den wahren Interessen im Hintergrund nur ablenken soll?

Nun, auch wenn die Show von Protagonisten minderer Güte und Leuten mit fragwürdiger Vergangenheit aufgeführt wird, so ist es immer noch ein großer Schritt hin, sich vorstellen zu können, wie in anderen Weltgegenden auch heute noch Politik gemacht wird… in Ländern, in denen sich die selben Interessen, die auch hinter unseren Shows stecken, nicht verbergen müssen oder jedenfalls nicht so vorsichtig agieren müssen. In Ländern wie Kolumbien, Bolivien oder auch Brasilien wird immer noch mit Mitteln des politischen Mordes hantiert… kritische Journalisten, Menschenrechtler und Gewerkschafter werden von Todesschwadronen gejagt. Natürlich benötigt man dafür Leute, die sich für solche Taten hergeben… oder hergeben müssen… Leute, die den Begrifft Gefolgschaft nicht nur dem Worte nach kennen, sondern die diesen Begriff leben… vielleicht leben müssen. Leute, die kritiklos alles was man ihnen sagt auch tun… manchmal schon bevor man´s ihnen sagte.

Und in diesem Kontext steht auch der Roman, um den sich diese Besprechung kümmern will: „Sargento Getúlio“ von Joao Ubaldo Ribeiro (kurz JUR), der im Brasilien der 50. Jahre spielt, aber (leider) dennoch aktuelle Bezüge aufweißt, weswegen das 1971 erstmals erschienene Werk 1994 neu aufgelegt wurde. Mit „Sargento Getulio“ wurde der Autor auch international bekannt. Daheim in Brasilien war er schon seit langem einer der angesehensten Schriftsteller, was zu einem großen Teil auch mit seinem Lebenslauf zusammen hängt.

JUR wurde 1941 auf der brasilianischen Insel Itaparica (Bahia) geboren. Seine Eltern gehörten zur, wenn man so will, privilegierten Schicht… sein Vater war Professor und auch in der Politik tätig. Der junge Joao genoss eine vorzügliche schulische Ausbildung zunächst mit einem Privatdozenten, später dann in einem privaten Institut. Er wurde sehr gefördert… und wollte auch immer einer der Ersten sein; so viel zu einer Charakterisierung. Nach seiner Schulausbildung arbeitete er als Journalist und studierte quasi nebenbei Jura und Politische Wissenschaften. 1964 verlies er nach politischen Unruhen sein Land und studierte in Kalifornien weiter und machte dort seine Abschlüsse. Erst 1983 kehrte er, nach Aufenthalten auch in Europa (er lebte in Lissabon und Berlin), in seinen Geburtsort zurück, und widmete sich seiner schriftstellerischen Tätigkeit, die ihn mittlerweile schon zu einem der bekanntesten brasilianischen Schriftstellern hat werden lassen; nun, da Jorge Amado tot ist, muss man ihn wohl den bedeutendsten und populärsten Schriftsteller Brasiliens nennen. Heute lebt JUR in Rio de Janeiro. Zu seinen großen Erfolgen zählen „Brasilien, Brasilien“ und „Das Lächeln der Eidechse“ (auch hier bei Ciao besprochen).

Der Roman spielt, wie gesagt, im Brasilien der frühen 50. Jahre des letzten Jahrhunderts… also vor etwa fünfzig Jahren… vor nicht mal einem Menschenalter (wenn wir die Maßstäbe der hiesigen Weltgegend anlegen). Es steht die Präsidentschaftswahl an und drei konkurrierende Parteien und deren Kandidaten kämpfen um das höchste Amt in der Bundesrepublik Brasilien. Da ist zunächst die nationalistische Rechte und Konservative UND, die von einem Militaristen vertreten wird; Eduardo Gomes selbst wird mit dem Attribut parteiunabhängig versehen, um auch die Stimmen der Parteienverdrossenen zu buhlen, aber er ist natürlich dennoch nur Marionette der Partei (der Namen dieser Romanfigur hat nichts zu bedeuten… ist aber dennoch ein schöner Zufall). Die Sozialdemokratie will mit Cristiano Machado, einem zwar kritischen aber dennoch gemäßigten Kandidaten, gewinnen; zumal dieser aus der Provinz kommt und mit Machado einen berühmten Namen trägt. Die Linken haben ihre Parteien PTB und PSP auf einen gemeinsamen Kandidaten eingeschworen und Getúlio Vargas wird schließlich für die Arbeiterparteien in den Wahlkampf ziehen.

Dass der Autor alles andere als unkritisch ist was seine Zustimmung zu einer politischen Richtung betrifft, zeigt er wohl im Aufriss der Story: In einer völlig unbedeutenden Stadt im Innern Brasiliens, fasst ein sozialdemokratischer Lokalpolitiker den Entschluss, die günstige politische Großwetterlage auszunutzen und seinen politischen Widersacher von der UND festnehmen und ihn in die Provinzhauptstadt an der Küste verschleppen zu lassen. Diesen Drecksjob soll Sargento Getúlio erledigen… ein Revolvermann, wie man ihn in Brasilien zu Tausenden findet… einer wie man ihn aus Wildwestfilmen kennt: käuflich, brutal, einem seltsamen Ehrgefühl. Dass JUR ihn ausgerechnet aus dem Sertáo kommen lässt, ist schon fast stigmatisierend… sofern man die Zustände in dieser brasilianischen Provinz kennt.

Sargento Getúlio macht die Sache des Auftrags zu seiner persönlichen Sache… ebenso wie er damit den politischen Gefangenen zu einer Sache macht, über die er frei verfügen kann. Er hat es ja auch nicht anders gelernt… aufgewachsen in einer Umgebung, in der Gewalt zur Normalität, ja zur Gewohnheit gehört und wo man bedingungslos Befehle ausführt. Also tut er was man ihm auftrug…auch als sich überraschend die politischen Vorzeichen ändern, die ehemaligen Gegner nun Koalitionäre sind und der Auftrag widerrufen wird. Aber wie eine ins Rollen gekommene Lawine, gleich einer Naturgewalt, ist Sargento Getúlio nicht aufzuhalten. Er versteht nichts von Politik… die verschiedenen Parteien und Programme sind für ihn einerlei… nicht auseinander zu halten. Was für ihn zählt sind seine Aufträge… und einen davon hat er nun mal zu erledigen; und dafür er hält ALLE Mittel für in seinem Sinne legitim.

Das führt natürlich unweigerlich dazu, dass das Opfer, eh schon verdinglicht, schlimmste Misshandlungen erdulden muss; JUR erzählt hier eine entsetzliche Geschichte. Die Lage für den Verschleppten wird noch schlimmer, als nun auch reguläres Militär eingesetzt wird, um Sargento Getúlio von der Fortführung der Verschleppung abzubringen. Natürlich ging es längst nicht mehr darum, den Gefangenen zu befreien, der gefesselt und wie ein Tier mittels eines Seils durch die sengende Hitze des Setáo gezerrt wird, der alle Qualen von Mensch und Natur erleidet… es ging darum, dass weder der Gefangene, noch seine Peiniger jemals in der Hauptstadt ankommen. Aber man hatte die Rechung ohne Sargento Getúlio gemacht…

Das Ausführen des Auftrages ist für ihn immer mehr eine Frage seines selbstgebastelten Ehrenkodex… und seiner Mannhaftigkeit… es ist mehr als eine Frage der Ehre – es geht für ihn um sein Leben. Wer seinem Leben selbst keine Inhalte zu geben in der Lage ist, wer nur immer fremdbestimmt ist, wer nichts Bedeutenderes kennt als eben nur diese kümmerlichen Moralbegriffe… für den sind sie turmhoch und der Verrat dieser, wenn auch noch so geringen, Grundsätze, bedeutet eine Selbstentwertung, das Eingeständnis des Versagens… macht die Wertlosigkeit des eigenen Lebens bewusst – wer könnte das schon ertragen? Also wird Sargento Getúlio sein Vorhaben nicht abbrechen…

Er hat keine Ausbildung in dem Sinne… er kann eben nur quälen, foltern, töten… er ist nun mal Analphabet… liest quasi nur wie ein wildes Tier aus den sich ihm bietenden Bildern… so kann man aber die Zeichen seiner Zeit nicht verstehen. Er schlägt sich eben fast wie ein wildes Tier, scheinbar unaufhaltbar, bis zur Hauptstadt durch… wo allerdings schon alles auf seine Ankunft vorbereitet ist. Unweigerlich läuft Sargento Getúlio in den Hinterhalt einer Militäreinheit… und stirbt, ohne je die Machenschaften seiner Auftraggeber erfasst zu haben… oder ein Bewusstsein davon zu haben, dass es aus machtpolitischen Gründen angezeigt erschien, ihn zu eliminieren… ganz genauso, wie es machtpolitisch angezeigt war ihn zu kaufen… er wusste nie, dass er Spielball der Mächtigen war.

Ich muss zugeben, dass diese Buch mich erschüttert hat… nicht nur deswegen, weil JUR diesen Sargento erzählen lässt, wie sich ein solcher Mensch eben auch wirklich ausdrücken würde, sondern auch der Erkenntnis wegen, dass es offensichtlich immer sehr krasser Bilder bedarf, um eine Wirklichkeit deutlich zu beschreiben; um auf den Anfang zurück zu kommen, so werde ich mir bestimmt nicht von irgendwelchen halbseidenen, vorgestraften oder betrügerischen Politikern sagen lassen, was meine Interessen sind oder zu sein haben. Ich entscheide nach meinen Interessen… was voraussetzt, dass ich sie kenne. Wenn ich alle Vorschläge daraufhin untersuche wem die Umsetzung wohl nützen würde, dann weiß ich auch, was von den Leuten zu halten ist, welche die Vorschläge machten.

Der Autor führte mich in seinem Werk in eine mir zwar nicht gänzlich unbekannte, aber selten so intensiv gefühlte Welt… ja, es war ein körperliches Fühlen, das vom Gelesenen ausging. Der Roman berührte mich mit seiner straff erzählten Geschichte, die eine unglaublich intensive Kraft ausstahlt… was sie vielleicht eben wegen der schnörkellosen Erzählweise tut. Diese grausamen Morde, Foltern und jeder anderen Art von Gewalttaten… im Bewusstsein der völligen Unschuld erzählt… verschlugen mir den Atem. Es war und ist beeindruckend für mich gewesen, dass hier die Idee der Gefolgschaft so grundsätzlich ad absurdum geführt wird, dass es mich kaum noch verwundern kann, warum dieses Buch weltweit so berühmt wurde und nicht nur in Brasilien sein Gültigkeit zu haben scheint. Selbstverständlich gehört dieses Werk inzwischen zu den Klassikern der modernen brasilianischen und lateinamerikanischen Literatur… aber das bedeutet erst mal wenig; ich kenne viele langweilige Klassiker. Hier aber liegt ein außergewöhnlich spannend erzähltes, wortgewaltig daherkommendes, mit quasi plastisch geschilderten Bildern versehenes Buch vor, dass mich von Beginn an in seinen Bann geschlagen hat.
Wilfried John
Nachtrag für Video-Fans: Das Buch wurde 1983 unter dem Originaltitel „Sargento Getúlio“ von dem renommierten brasilianischen Filmemacher Hermano Penna verfilmt.

Sargento Getúlio
João Ubaldo Ribeiro
285 Seiten – Gebundenes Buch
Verlag: Suhrkamp von 1994
ISBN: 3-5184-0661-2

Als Taschenbuch:
ISBN: 3-5181-3336-5