Jorge Amado „Leute aus Bahia“

Liebe Leserinnen und Leser, ein schrecklicher Verlust hat uns ereilt! Jorge Amado ist tot! Schrecklich, dass ich diesen bekanntesten Schriftsteller Lateinamerikas nicht schon früher besprochen habe (wie ich es eigentlich vorhatte) und nun mit einem Nachruf beginne. Jorge Amado ist am letzten Montag im Alter von 88 Jahren in seinem Heimatland gestorben…

Und wenn ich sage Heimatland, dann meine ich das im wahrsten und vielfältigsten Sinne dessen, was das Wort auszudrücken in der Lage ist. Amado war ein Stück verkörpertes Brasilien… oder vielleicht ist auch Brasilien ein Stück verkörperter Jorge Amado… so bedeutend war sein Einfluss auf das kulturelle Leben in Brasilien, dass dieses Anmerkung nicht jeglicher Grundlage entbehrt, im Gegenteil… sie bringt es wahrscheinlich auf den Punkt! Im brasilianischen Bundesstaat Bahía, wo der Autor (fast) sein ganzes Leben lebte, wurde ihm zu Ehren eine dreitägige Trauerzeit angeordnet… Man stelle sich hierzulande den Schriftsteller vor, für den ein ganzes Land trauert! Wer sich über die genaueren Umstände seines Todes informieren möchte, dem sei der Nachruf im Spiegelt empfohlen, der online unter http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,148833,00.html nachzulesen ist.

Schon das Leben dieses Literaturgiganten glich einem seiner Romane… Ein kurzer Lebenslauf gibt einen Eindruck von den Erfahrungswelten, aus denen er später seine Werke schöpfen sollte: Er wurde als Sohn armer Campesinhos (selber ehemals Großgrundbesitzer, nun aber verarmt), auf einer Kakao-Fazenda bei Llhéus/Bahia, Brasilien geboren. Schon als Kind erlebte er die Ungerechtigkeit und die Gewaltbereitschaft der Großgrundbesitzer am eigenen Leibe, als seine Familie von Grund und Boden vertrieben wurde. Seine schulische Ausbildung erhielt Amado in einem Jesuiten-Kolleg. Ab 1927 war er dann Reporter beim „Diáriio da Bahia“, einer regionalen Zeitung, in der er schon lernte „sich unbeliebt zu machen“. Von 1930 bis 1935 studierte er Jura in Rio de Janeiro und begann schon während des Studiums sich politisch zu engagieren. Nach seinem Abschluss trat er der „Alianca Libertadora Nacional bei, die nicht nur als links galt, sondern es auch war! Bei den politischen Verhältnissen im Brasilien jener Zeit und Amados Aktivitäten, konnte es nicht ausbleiben, dass er mehrmals verhaftet wurde und schließlich um zu überleben für ein Jahr ins argentinische Exil musste.

1945 dann, wurde er Abgeordneter in der kommunistischen Fraktion im brasilianischen Bundesparlament… und musste 1948 erneut das Land verlassen. Er lebte bis 1952 teil in Paris, teils in Prag… nun schon politisch weitbekannt und mit dem Lenin-Friedenspreis von 1951 ausgezeichnet. Er kehrte zurück nach Bahia und distanzierte sich von der kommunistischen Partei… brach aber nie mit ihr. Ab 1961 wurde Mitglied der brasilianischen Literaturakademie. Damit will ich zum literarischen Schaffen dieses Mannes kommen, der schon sehr früh mit dem Schreiben begann. Bereits mit 18 nahm er sich ein ehrgeiziges Projekt von: Er wollte eine Romanserie über das Leben in seiner Heimat schreiben… was ihm natürlich auch gelang und sie ist unter der Bezeichnung Bahia-Zyklus sozusagen die Basis all seines Schaffens und seines Ruhms geworden. Er wurde DER berühmteste brasilianische Romancier und wurde schon zu Lebzeiten eine Legende. Mit dem Beinamen „Magier aus Bahia“ schaffte er es, mehr als sechs Jahrzehnte eine unglaubliche Schar von Leserinnen und Lesern in Brasilien und in aller Welt in seinen Bann zu ziehen. Seine Romane sind in fast 50 Sprachen übersetzt und sind in den Bestsellerlisten vieler Länder zu finden. Man sagt, Amado sei immer noch in vielen Ländern, hauptsächlich in Lateinamerika, bekannter ist als die einheimischen Autoren, was vielleicht übertrieben ist, aber wenn ein Werk in 48 Sprachen und in mehr als Millionen Exemplare vorliegt, dann kann man schon zu glauben beginnen, dass an dieser Behauptung etwas dran sein kann.

Zu Beginn meiner Besprechungen von Amado-Titeln will ich (auch der Aktualität geschuldet, da dies der einzige Titel ist, zu dem ich keinen Produktvorschlag habe machen müssen) die beiden unter dem Übertitel „Die Leute von Bahia“ erschienen Kurzromane von 1933 vorstellen. Jorge Amado setzt in diesen beiden kleinen Werken mit einfacher Sprache und viel Gefühl den kleinen Leuten von Bahia ein Denkmal, in dem er genau erzählt was das eigentlich ist, das Leben der „kleinen“ Leute! Sicher erzählt er auch all das, was in unseren Köpfen über brasilianische Slam-Wirklichkeit eh schon vorhanden ist: das Elend. Aber er ist kein Prediger der Hoffnungslosigkeit, er wäre sonst niemals ein solche Instanz für gerade die Hoffnungen der Armen geworden, er war immer ein Visionär, der bessere Zeit kommen sah und so erzählte er auch von den Freuden der „kleinen Leute“, von ihrer Lust am Leben; die sicher nicht ausschließlich ein brasilianisches Moment ist, aber halt in Brasilien so wunderbar zelebriert wird.

Der ersten Teil des Buches mit dem Titel „Im Süden“, spielt auf dem Lande, im brasilianischen Bundesstaat Bahia. Jorge Amado erzählt über das beschwerliche Leben der Arbeiter und ihrer Familien auf einer Kakaopflanzung und natürlich von deren strengen Herren… den Herren Großgrundbesitzer, mit denen Amado ja so seine Erfahrungen hat sammeln können oder müssen. Wie seine Sympathien verteil sind, wird nicht schwer zu erraten sein und wie dieser Roman in seiner Zeit aufgenommen wurde, wird auch keine allzu großen Phantasie erforderlich machen.

Der Schauplatz des zweiten Teils dieses Buches, das wie der erste Teil wieder ein in sich geschlossener Roman ist, diesmal die Stadt Bahia. Genauer gesagt, der Roman spielt in einem Mietshaus in der Hafenstadt Bahia. In einem bunten, oder vielleicht auch eher nicht so bunten, Konglomerat, bevölkern Fabrikarbeiter, Bettler, Dirnen, Diebe und Arbeitslose, Erwachsene, Kinder aller Altersklassen. Zwar sind beide Werke ein Plädoyer Jorge Amados für die Rechte der Armen und Unterprivilegierten, aber in diesem zweiten Roman wird die Schärfe der Situation mehr als deutlich. Wo auf dem Lande noch Nischen für ein wenigstens halbwegs menschenwürdiges Leben vorhanden sind, kann davon in der Stadt und diesem Mietshaus keine Rede mehr davon sein. Aber wie ich eingangs schon gesagt habe, Amado wäre nicht der Amado geworden der er war, wenn er nicht doch ein Schimmer der Hoffnung in diese Beschreibung der Not, die Erzählung von Entbehrungen mit eingeflochten hätte, die einem zwischen allen Seiten, allen Kapitel, zwischen den Zeilen und sogar hinter jedem einzelnen Wort entgegen schimmert und die Hoffnung auf ein besseres Leben nährt.

Mit diesen beiden, in einem Buch zusammengefassten Romanen, setzte Amado seinen Bahia-Zyklus fort, den er mit „Land des Karneval“ begonnen hatte. Leider sind die meisten Romane dieses Zyklus vergriffen und die wenigsten werden diesen Zyklus also vollständig lesen können (eine Chance besteht in guten Stadtbibliotheken). Die weiteren Werke dieses Zyklus sind die Romane „Schweiß“, „Jubiabá“, „Tote See“ und „Die Herren des Strandes“ und ich werde zu einem späteren Zeitpunkt eine Zusammenfassung dieses Zyklus hier der geneigten Leserschaft anbieten. Doch zunächst noch einmal zu „Leute aus Bahia“… Der Roman war für mich, trotz seiner einfachen, harten und anklagenden Sprache (eben der Sprache der Armut), auch ein Werk voller poetischer Schönheit… Man könnte jetzt sagen, dass auch viele volkloristische Elemente darin zu finden sind, was sich weniger künstlerisch, als vielmehr klischeehaft anhören mag, doch ich komme auf den Anfang dieses Beitrags zurück. Sind Amados Romane wie Brasilien… oder ist Brasilien auch etwas wie Amdos Romane?

Wie dem auch sei, mir macht es Freude diesen über die Maßen großartigen Autoren zu lesen. Und wenn er in „Auf großer Fahrt“, seiner Biographie, die er aber nicht so genannt haben will, die er selbst „Notizen für eine Autobiographie, die ich nie schreiben werde“ nennt, sagt: „Ich bin weder geboren, um berühmt zu sein noch illuster, mit derlei Maß messe ich mich nicht, ich habe mich nie für einen wichtigen Schriftsteller, einen bedeutenden Menschen gehalten. Grapiúna-Junge, Bürger der armen Stadt Bahia; wo immer ich bin, gelte ich doch nur als einfacher Brasulianer, der auf der Straße geht, der lebt. Ich wurde gut behütet geboren, das Leben war verschwenderisch zu mir, es gab mir mehr, als ich verlangte und verdient habe. Ich will weder ein Monument errichten, noch will ich mich dem Ruhm hingeben und für die Geschichte posieren. Welchem Ruhm? Pah, ich möchte nur einige Dinge erzählen, manche unterhaltsam, andere melancholisch, so wie das Leben. Das Leben, ach, welch kurze Schiffsreise“. Sie ist nun vollendet… diese Reise…. Danke für alles, Jorge Amado…

Wilfried John

Leute aus Bahia
Jorge Amado
271 Seiten Taschenbuch
Verlag Piper von 1994
ISBN 3-4921-1596-9
14,90 DM