Jorge Volpi / Eloy Urroz / Ignacio Padilla „Drei Skizzen des Bösen“

Das Böse ist allgegenwärtig

Pro: Sehr anspruchsvolle Literatur, sehr gelungenes Konzept, sehr schöne Ausstattung

Contra: Der Verlag hätte uns mehr biographische Informationen zu den Autoren geben können

Das Böse. In Zeiten wie diesen, in denen viel von Moral die rede ist, in denen viel von Religion gesprochen und in denen sogar mit dem Begriff von der Achse des Bösen weltweit Politik gemacht wird, in Zeiten wie diesen also, ist die Frage danach was das Böse denn eigentlich ist, mehr als legitim… vielleicht ist es sogar notwendig, den Begriff des Bösen aus den Elfenbeintürmen der Philosophen zu befreien, damit wir ihn in unserem täglichen Leben lebenspraktisch anwenden können. Vielleicht würde das auch den Hütern der Moral, den bigotten Religionsfürsten, den selbsternannten kriegstreiberischen Guten und den Umdeutern von Begriffen in den Managementetagen großer Konzerne die Definitionsmacht dafür entziehen, zu bestimmen was Gut und Böse ist.

Das Böse, höre ich schon sagen, das ist doch einfach, das ist eben das Gegenteil des Guten. Und obschon diese Aussage stimmig scheint, ist schon fraglich, ob sie tatsächlich auch stimmt. Auch sollte man sich immer vor einfachen Antworten hüten, da sie meistens nicht erklären und man nach einer solchen Antwort ebenso schlau ist wie zuvor. Leider lassen wir uns allzu häufig mit einfachen Antworten abspeisen. So bleiben die Absichten hinter diesen Antworten ebenso häufig weiter im Verborgenen und können oft ungestört – und zum Nachteil vieler Menschen – verwirklicht werden.

Auf Leibnitz geht eine gängige Einteilung zurück, nach der das Böse in verschiedener Hinsicht und in verschiedene Bereiche eingeteilt werden kann: dem moralisch Bösen (also z.B. dem Verstoß gegen gesellschaftliche Regeln), dem physisch Bösen (Leiden, Krankheit usw.) und dem metaphysisch Bösen (dem Unvollkommenen oder Zweckwidrigen schlechthin). Das ist schon mal eine Spur, denn die Einteilung erlaubt zumindest die Frage, wieweit verschiedene Arten des Bösen aufeinander zurückgeführt werden können: Ist das moralisch Böse (also z.B. der Verstoß gegen gesellschaftliche Regeln) nur eine Folge des metaphysisch Bösen (also z.B. der Unvollkommenheit der Erkenntnis)? Oder ist das physisch Böse (also z.B. Leiden und Krankheit) nur eine Folge des moralisch Bösen (also leiden wir weil wir uns falsch verhalten)? Oder ist es vielleicht umgekehrt?

Ein Beispiel für das Böse im Guten oder wie aus gut böse werden kann ist das Genom-Projekt. Genom ist die Gesamtheit aller Erbanlagen eines Lebewesens. Grundsätzlich ist die vollständige Erforschung der menschlichen Gene ethisch vertretbar, rechtlich zulässig und biologisch/medizinisch sinnvoll; diese Forschung bildet die Grundlage für die Behandlung und evtl. Heilung erblich bedingter Krankheiten mit Hilfe der Gentechnik. Aber es gibt keine Erkenntnis, die nicht in ihrem Kern auch die Möglichkeit des Missbrauchs in sich trüge. Da stellt sich z.B. die Frage nach der gesellschaftlichen Kontrolle der gewonnen Daten oder dem Schutz dieser Daten oder,  noch weitergehender, dem Selbstbestimmungsrecht über diese Daten.

Aus der Analyse des Genoms beim Menschen könnte auf seine physische und psychische Belastbarkeit und auf die Eignung für bestimmte Arbeiten geschlossen werden. Kämen bestimmte Arbeitgeber in den Besitz solcher Daten, hätten Menschen, deren Erbanlagen ein bestimmtes Risiko auch nur vermuten lassen, geringe Chancen auf eine Beschäftigung. Kämen Versicherungsgesellschaften in den Besitz solcher Daten aus der Genom-Analyse, könnten sie den Abschluss von Lebens- oder Krankenversicherungen verweigern. Die Anwendung der Genom-Analyse auf Ungeborene könnte zur frühen Selektion durch Schwangerschaftsabbruch und, in der Folge, zu einer generellen Diskriminierung von behinderten Menschen oder von Menschengruppen führen, bei denen auch nur der Verdacht besteht, dass sie einmal behindert werden könnten; obwohl das ebenso gut nie eintreten muss.

Die Aufzählung dieser Möglichkeiten im Konjunktiv, spiegelt leider nicht die Realität wieder; längst sind solche Szenarien Wirklichkeit. Längst ist aus Gut wirklich Böse geworden. Wir haben die gesellschaftlichen Folgen nicht nachdenklich genug überlegt oder haben jenen die Entscheidung überlassen, denen ihr eigenes Wohl über das gesellschaftliche Wohl ging. Wir ließen es zu, dass man uns die Folgen als verantwortbar beschrieb. Es ist heute weit verbreitet, dass Menschen von Versicherungen abgelehnt werden, weil irgendein Test irgendein Gesundheitsrisiko prognostiziert. Behinderte werden ausgegrenzt, weil Versicherungsgesellschaften das Risiko für ihre Profite zu hoch ist. Das ist zwar gegen die Verfassung und gegen Recht und Gesetz… ist aber dennoch alltäglich (siehe auch Anhang 1).

Der Begriff böse ist ein normativer Begriff (ebenso wie der Begriff gut): Er wird also nicht nur beschreibend benutzt, sondern auch wertet und die Benutzer und Benutzerinnen hätten gerne, dass andere ebenso werten und natürlich dann ebenso handeln. Besonders seriös und unstrittig kommt das gut-sein in Kants kategorischem Imperativ zum Vorschein: „Handle stets so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne“. Er meinte aber auch, dass böse Menschen weiterhin die Pflicht hätten gut zu werden und, dass diese Menschen das auch jederzeit könnten. Wir sollten uns also lieber intensiv und lebenspraktisch mit dem alltäglich Bösen beschäftigen, als uns von Floskeln wie „Die Achse des Bösen“ kirre machen zu lassen.

Ich möchte nach diesen Vorbemerkungen, auf ein Buch aufmerksam machen, in dem die Autoren sich das Böse zum Thema genommen haben. Dabei handelt es sich nicht um ein philosophisches Sachbuch oder um eine Essay-Sammlung, sondern um ein glänzend geschriebenes Stück moderner lateinamerikanischer Literatur: „Drei Skizzen des Bösen“. Drei Autoren aus Mexiko widmen sich hier in drei Kurzromanen (alle weniger als 100 Seiten) dem alltäglich gegenwärtigen Bösen und sie versuchen, die dunklen Ecken auszuleuchten in denen es sich verbirgt oder die langen Schatten darzustellen, welche das Böse wirft, das im Lichte der Öffentlichkeit geschieht.

Es handelt sich bei diesen drei Autoren um Vertreter der sog. „Crack-Generation“ mexikanischer Schriftsteller: Jorge Volpi, Eloy Urroz und Ignacio Padilla. Der Begriff „Crack“ meint in diesem Zusammenhang natürlich nicht die Droge, sondern hat die Bedeutung von Bruch; der Begriff steht für einen literarischen Zirkel junger mexikanischer Autoren, eben die literarische Gruppe „Crack“ und es geht um den Bruch mit literarischer Tradition. Wie es nun mal bei Generationswechseln (nicht nur in literarischen Generationswechsel) häuft anzutreffen ist, „rebelliert“ die junge Schriftstellergeneration hauptsächlich gegen die bestimmte Vertreter des Magischen Realismus; einer Literaturrichtung, die hauptsächlich mit Namen wie Alejo Carpentier, Gabriel García Márquez, Carlos Fuentes und Juan Rulfo (auch hier bei Ciao vorgestellt) verbunden ist. Dabei erkannten diese jungen Autoren die Alten durchaus als Vorbilder an… und so wendet sich „Crack“ einerseits scharf gegen die Nachahmer des sog. Magischen Realismus, aber andererseits auch gegen den us-amerikanischen Neorealismus.

Mit ihrem „Manifesto del Crack“ legte die Bewegung ihre stilistischen Vorstellungen dar, wobei sie gleichzeitig einschränkten, dass es deswegen keinen Typ von, gewissermaßen genormter, Erzählung geben sollte, sondern auf der Basis ihrer stilistischen Vorstellungen, viele verschiedene Typen von schriftlicher Produktion geben müsse. Keiner soll die „richtige“ Art von Literatur für sich beanspruchen, so verstehen sie ihre Programmatik eher als Rahmen, da sonst keine Kreativität existieren könne. Die Gruppe „Crack“ schrieb sich also auf die Fahnen, Romane von komplexer Struktur zu schaffen, die aber dennoch weiter ausgreifend und tiefer wirkend sein sollten, als das was ihre Vorbilder als Ziel beschrieben haben. Mindestens zwei dieser Vorbilder sind mir namentlich als Befürworter und Unterstützer der „Crack-Gruppe“ bekannt; Carlos Fuentes und Gabriel Garcia Marquez (auch hier bei Ciao vorgestellt).

Vorgesagtes gilt in besonderem Maße für Jorge Volpi und Ignacio Padilla (Mitbegründer von „Crack“), von denen der große mexikanische Autor Carlos Fuentes öffentlich sagt: „Heute gibt es in meinem Land zwei hervorragende Schriftsteller…“; und zumindest Jorge Volpi konnte das hierzulande schon zweifach in beeindruckender Weise bestätigen (er ist hier bei Ciao mit „Das Klingsor-Paradox“ und „Der Würgeengel“ vorgestellt). Ignacio Padilla und Eloy Urroz sind in Deutschland noch nicht veröffentlich worden und so haben wir, dank dem engagierten Hainholz-Verlag, hier die Gelegenheit, in einem sehr schön gestalteten Buch, zwei weiteren herausragenden Vertretern der „Crack-Gruppe“ erstmalig zu begegnen.

Die Neubegegnung hilft dem Buch und uns Leserinnen und Lesern, die des Spanischen nicht mächtig sind und das Buch nicht in der mexikanischen Originalausgabe haben lesen können, da die Texte nicht mehr – jedenfalls was ihre Konzeption betrifft – so taufrisch sind; das Original erschien schon 1994 unter selbem Titel „Tres Bosquejos del Mal“. Ich möchte den Versuch unternehmen, die drei Autoren, ihre jeweiligen Kurzromane im Einzelnen und im übergeordneten Zusammenhang in der vorliegenden Form zu besprechen. Dazu werde ich natürlich sowohl die Ordnung der Reihenfolge der im Buch aufeinander folgenden Texte ebenso berücksichtigen, wie einige jeweils sehr kurz gehaltene biographische Daten, um dann letztlich einen Gesamtüberblick zu wagen.

Wie schon angedeutet, versteht sich diese Gruppe auch als neue Schriftstellergeneration und, in der Tat, gehören die Beteiligten einer bestimmten Altergruppe an; alle so um die Vierzig und ohne Prophet sein zu müssen kann ich sagen, dass wir hierzulande noch viel von ihnen erwarten können. Ebenso wie bei der Zugehörigkeit zu einer Altersgruppe, verhält es sich mit ihren beruflichen Prägungen und ihrem Werk. Ich möchte in einer sehr kurzen Sequenz die drei Autoren im Einzelnen vorstellen:

Jorge Volpi wurde 1968 in Mexiko-City geboren. Er studierte Jura und Literaturwissenschaft. Er promovierte in Spanischer Philologe, widmete sich aber zunächst seiner juristischen Laufbahn und verdiente seinen Lebensunterhalt als Anwalt und später dann, als Sekretär des mexikanischen Generalstaatsanwaltes. Heute ist Jorge Volpi, neben seinem literarischen Schaffen, als Kulturattaché Mexikos in Paris tätig. Er veröffentliche bisher sechs Romane und einige Essaybände und wurde 1999 in Spanien mit dem angesehenen „Premio Biliotteca Breve“ ausgezeichnet.

Ignacio Padilla wurde 1967 ebenfalls in Mexiko-City geboren. Er studierte ebenfalls Literaturwissenschaft. Neben seinem schriftstellerischen Schaffen, ist er Professor für Literatur an der Universität de las Americas in Mexiko-City. Ignacio Padilla hat drei Romane veröffentlich und ist für seinen bisher letzten Roman „Amphitryon“ im Jahre 2000, mit dem renommierten Literaturpreis „Premio Primavera de Novela“ ausgezeichnet worden.

Eloy Urroz schließlich, wurde 1968 in New York geboren. Auch er studierte die Literaturwissenschaften und arbeitet an der James Madison Universität Virginia als Professor für lateinamerikanische Literatur. Neben wissenschaftlichen Arbeiten, hat er bisher drei Romane veröffentlich.

Jorge Volpi – Dies Irae – Tage des Zorns

Der Inhalt lässt sich grob so zusammenfassen: Der Protagonist, ein Arzt, wird in der Notaufnahme mit einer geheimnisvollen Kranken konfrontiert, die offenbar einen sehr starken Reiz auf ihn ausübt. Natürlich liebt er seine Ehefrau, Carolina – die ihn aber nie bei seinem Namen nennt – und so erfahren wir ihn auch nicht. Zur Nachuntersuchung, besucht er die Geheimnisvolle, die inzwischen aus dem Krankenhaus entlassen worden war, in ihrer Wohnung. Der Besuch dauert – seiner Wahrnehmung nach – nicht sehr lange. Als er jedoch am nächsten Morgen von seiner Frau geweckt wurde, eröffnet sie ihm, dass er erst spät in der Nacht heim gekommen sei; er kann sich jedoch an nichts erinnern.

Langsam beginnt er zu begreifen, dass er offenbar in irgendetwas Geheimnisvolles hineingezogen wird. Die geheimnisvolle Frau steht in offenbar vertrauter Beziehung zu einem Schriftsteller, der einen Roman schreibt, in dem sich der Arzt als Figur wieder erkennt. Als würden sich die Ereignisse verselbständigen und die Wirklichkeiten der im besagten Roman erfundenen und der scheinbar realer Figuren (die natürlich ebenso fiktional sind) vermischen, wird der Arzt in immer diffusere Begebenheiten verwickelt, bis er schließlich am Ende in einen mysteriösen Mord hineingezogen wird…

Dieser Kurzroman gleicht einem sehr intelligenten Spiel mit verschiedenen Möglichkeiten der Wahrnehmung. Vielleicht könnte man Jorge Volpi vorwerfen, dass er mit uns Lesenden seine Spielchen treibt, aber das werden ihm nur Leute vorwerfen, die von einem Autoren erwarten, einen einfach konsumierbaren Text vorgesetzt zu bekommen. Wir anderen können sich auf diese Spielchen mit großem Vergnügen einlassen und so, lesend, zum Bestandteil des Werkes selbst werden, da sich der Text nie vollständig vor aller Augen, sondern hinter jeder einzelnen Stirn entfaltet. Auch wenn Jorge Volpi in dieser Einbeziehung von uns Lesenden das Spiel auf die Spitze treibt und uns manchmal auch einfach fallen lässt und uns in eine Ratlosigkeit stürzt, wie man sie vor einem Wust in Unordnung geratener Seiten eines komplizierten Essays empfinden mag, ist dieser Text dennoch äußerst gelungen.

Der Kurzroman selbst, ist nach der Liturgie der katholischen Totenmesse, dem Requiem, gegliedert und entwickelt sich von Introitus, Kyrie und Offertorium, über Sanctus, Benediktus zum Agnus Die, bis er schließlich über die Lux Altern im Libera Me endet. Einzig es fehlt Dies Irae… aber das ist schließlich auch der Titel beider Romane – jenes Romans, der uns hier physisch vorliegt und eben jenes Romans, von dem im Roman erzählt wird. Jorge Volpi lässt nicht nur die Lesenden am Werk teilnehmen, er spielt auch im Text ein hintergründiges Spiel: Er lässt seine Figuren vor Unwissenheit erschaudern, sich heillos in Vermutungen verstricken und in hellen Momenten auch zum Wissen gelangen. Und wir werden in unseren Wahrnehmungscodes kafkaesk hin und her geworfen.

Eloy Urroz – Stoßgebete des Körpers

Die hier erzählten Ereignisse spielen während eines Zeitraums von vier Tagen… es sind dies keine normalen Tage, sondern die Tage vor der Hochzeit des Protagonisten. Diese Ereignisse werden uns von ihm höchstpersönlich, aus einem großen zeitlichen Abstand heraus erzählt; um genau zu sein, sie liegen sieben Jahre zurück. Freunde holen ihn zu seinem letzten Junggesellenabend ab und versprechen ihm, dass er seinen Spaß haben wird. Es sollte eine große Fete in einem Bordell geben. Nun weiß ich nicht wie solche Junggesellenabende im Allgemeinen ablaufen, in diesem Falle gab es offenbar sehr unterschiedliche Intensionen; der Bräutigam hatte den Eindruck, dass seine Freunde mehr von der Party hatten und mehr mit ihr verbanden als er selbst.

Der Weg ist weit und die Strassen gefährlich… es dauert sehr lange, bis sie an ihrem Ziel sind. Das Erzählen im Rückblick, bietet dem Erzähler die Gelegenheit, nachträgliche Gedanken, gewonnene Erkenntnisse und nebensächliche Ereignisse in den Erzählstrang einzufügen. Die Gesellschaft ist vor dem Etablissement angekommen und Frederico, so der Name des Erzählers, möchte am liebsten davon laufen, da ihn die Situation anekelt; kann es andererseits auch wieder nicht. Die Musik, die etwas schmierige Atmosphäre, die Frauen und die wie aufgeladene Stimmung eines übervollen Lokals umfängt die Gruppe und plötzlich haben sie Bedenken und sie verlassen das Lokal ebenso schnell wie sie gekommen waren.

Im der nächsten Bar hatten sie mehr Glück, es waren nur wenige Leute da. Und unser Protagonist entdeckte eine Frau… die ihn offenbar durchschaut und der er, ebenso offenbar, verfällt. Aber einer seiner Freunde hat dieselbe Frau ebenfalls entdeckt und Frederico verspürt eine absurde grundlose Eifersucht, denn sie hat schon gewählt; wie es immer die Frauen sind die auswählen, auch wenn diese Tatsache den Machos nicht gefallen mag. Die Erinnerungen an diese Ereignisse, führen Jahre später zu weiteren Erinnerungen und wir werden Zeugen, wie der Roman, den wir gerade lesen, entsteht…

Kurzromane im Allgemeinen haben den Vorteil der verdichteten Handlung, was auch in Bezug auf die Lesenden, andererseits gleichzeitig auch ihr größter Nachteil sein kann. Dieser Kurzroman von Eloy Urroz jedoch, findet einen sehr gelungenen Ausgleich zwischen der dichten Handlung und der für ein Lesevergnügen notwendigen Transparenz, da etwas im Mittelpunkt der Erzählung steht, für das der erwachsenen Leserschaft Erfahrungen zur Verfügung stehen: Körperlichkeit und sinnliche Erfahrung. In die Erzählung eingelagert und immer wieder pointiert hervorgehoben, ist – gleichsam essayhaft angelegt – ein Diskurs über das was Fernando Pessoa (auch hier bei Ciao vorgestellt) Erfahrbarkeit des körperlichen Bewusstseins genannt hat.

Den Geschlechter-Konflikt und den damit verbundenen Mangel an qualitativer Kommunikation, scheint der Autor mit dem Begehren auflösen zu wollen; was mir die Geschichte sehr sympathisch macht. Der Kurzroman präsentiert sich als eine Ansammlung von Versuchen der vorgestellten Protagonisten, sich ihrer selbst zu vergewissern, als wollten sie sich auf diese Weise selbst vor der Selbstauflösung retten. Die fragmentarische Erzählweise trägt dem, wie ich meine, in ausgezeichneter Weise Rechnung. Das Ungewöhnliche und das Normale, als zwei Seiten derselben Medaille, werden durch das teilweise Verharren in der Vergangenheit, lediglich als zu unterschiedlichen Zeiten stattfindende Zustände angeboten.

Ignacio Padilla – Unmöglichkeit von Krähen

Der Titel dieses Textes geht auf einen kafkaschen Aphorismus zurück, den der Autor dem Kurzroman quasi als Vorwort voran gestellt hat. Dieser Aphorismus ist natürlich nicht zufällig ausgewählt. Kafka schrieb: „Die Krähen behaupten, eine einzige Krähe könnte den Himmel zerstören. Das ist zweifellos, beweist aber nichts gegen den Himmel, denn Himmel bedeutet eben: Unmöglichkeit von Krähen.“ Da es aber nun mal Krähen gibt, könnte man auf den Gedanken kommen, dass es Zusammenhänge gibt die man zwar herstellen kann, die allerdings mit der Wirklichkeit nicht das Geringste zu tun haben. Oder vielleicht doch nur, dass es noch keine Krähe wirklich versucht hat, den Himmel zu zerstören? Der Kurzroman jedenfalls, spielt mit Vorstellungen und Wirklichkeit ebenso, wie er mit erfundenen oder existierenden Zusammenhängen spielt.

Auch diese Geschichte spielt in einer weit zurück liegenden Vergangenheit. Wir werden schon durch die Überschrift des ersten Kapitels „Erste Stunde der Irrfahrt“ mitten in die Handlung hinein geworfen. Man war offensichtlich auf der Rückfahrt von einem Restauratoren-Kongress und so liegt der Schluss nahe, dass es sich beim Protagonisten eben um einen Restaurator handelt, der freiberuflich für Museen tätig ist. Er reist in Gesellschaft von Kollegen, wovon er mindestens einen nicht sonderlich mag. Diese Rückfahrt allerdings ist eine Flucht. Der zweite Weltkrieg ist eben ausgebrochen und man möchte per Schiff so schnell wie möglich Europa verlassen. Aber man hatte kein Glück, das Schiff wurde von einem U-Boot beschossen.

Die Überschrift des ersten Kapitels legt nahe, dass der ersten Stunde der Irrfahrt weitere Stunden folgen werden; genauer gesagt, werden es zwei weitere Stunden sein. In diesen Stunden geschehen mitunter seltsame Dinge, die – im Kontext der selbst gewählten Programmatik – leider nicht immer sehr originell sind. Es geschieht viel Magisches und natürlich, unvermeidlich, es geschieht Liebe. Die manchmal etwas mangelnde Originalität wird aber durch die glänzende Erzählweise mehr als wettgemacht. Die durch den U-Boot-Beschuss an Bord des Schiffes ausgelöste Explosion verletzte auch den Protagonisten. Die Schwere der Verletzung warf den Mann auf sich selbst zurück und während des Überlebenskampfes, durchdenkt er die Stationen seines Lebens.

So gerät diese Geschichte nach und nach zu einer Suche des Protagonisten nach seinem Selbst. Ihm fallen Gemälde ein die er entweder bearbeitet hat oder hätte gerne bearbeiten wollen, oder, wie er schrieb, „Orte und Personen in meiner Erinnerung zeigten sich mir mit solcher Schärfe, dass sie unmerklich mit der Realität der Landschaft verflossen…“ und es bleibt in der Schwebe, ob diese Landschaften wiederum, nichts anderes als Bilder in seinem Fieber sind. Sein Mentor Zacharias Khune begleitet und diskutiert mit ihm; auch hier bleibt unklar, auf welcher Ebene des Bewusstseins sich das zuträgt. Schließlich findet sich unser Mann auch noch in eine Verschwörung verstrickt, die eine seltsame Bruderschaft initiiert. Alles löst sich dann im Erwachen aus einem Albtraum auf und Zacharias Khune war bei dem Torpedo-Angriff ums Leben gekommen…

Vielleicht hat meine geneigte Leserschaft bereits bemerken können, dass ich die im Buch versammelten Texte, die zwischen 1975 und 1994 entstandenen sind, durchweg für gelungen halte. Wenn nicht, sei es hier noch einmal ausdrücklich betont… wobei meine Zustimmung zu den verschiedenen Texten, auf unterschiedlichen Gründe beruht. Wie ich oben schrieb, möchte ich so etwas wie eine zusammenfassende Betrachtung anstellen. In diesem Buch sind Texte versammelt, die sich in den einzelnen Bestandteilen durch Humor und Spannung, aber auch Desorientierung und der Suche nach Orientierung auszeichnen. Dabei kommen den einzelnen Autoren unterschiedliche Schwerpunktsetzungen zu.

Jorge Volpi ist, meiner Meinung nach, im Wesentlichen für den hintergründigen, sogar schwarzen Humor verantwortlich, Eloy Urroz schreibe ich den Part Desorientierung zu und es ist Ignacio Padilla, der das Spannungselement betont. Das soll aber nicht bedeuten, dass einzelne der genannten Elemente in den Texten der jeweils anderen Autoren fehlten. Das Buch jedenfalls erscheint mir in der Konzeption und der Zusammenarbeit dieser drei Autoren als äußerst gelungen; was mich nicht zu sehr wundert, da sie sich als Mitglieder der „Crack-Gruppe“ programmatisch einig sind.

Die Fortschrittlichkeit der Konzeption erfordert die Bereitschaft der Leserinnen und Leser, sich auf die Absichten der Autoren und ihrer Texte einzulassen. Ich bin ziemlich begeistert davon, wie konsequent sie mich als Leser in ihre Geschichten verwickeln, wie sie mich als Teil des Konstruktionsschemas ihrer Texte einbinden. Immer sind die Leserinnen und Leser aufgefordert mitzudenken und keiner der Kurzromane ist wirklich einfach zu konsumieren. Diese Zeile wird vielleicht Einige davon abhalten sich dieses Buch anzuschaffen, aber ihnen sei gesagt, dass sie sich eines literarischen Vergnügens berauben.

Ich möchte die Leistungen der Herren Urroz und Padilla keineswegs schmälern und doch habe ich natürlich unter diesen drei Autoren einen Favoriten. Den Leserinnen und Lesern die meinen Besprechungen regelmäßig zusprechen, wird es keine Überraschung sein, wenn ich zugebe, dass dieser Favorit Jorge Volpi ist. Das ist er nicht nur weil bekannte Kollegen Lobeshymnen auf ihn singen; z.B. sagt Carlos Fuentes über Jorge Volpi: „Jetzt kann ich mich getrost zur Ruhe setzen, denn nun habe ich meinen Nachfolger gefunden.“ oder der Literatur-Nobelpreisträger Gabriel García Márquez wird mit der Äußerung zitiert: „Ich möchte den einzigen Schriftsteller beglückwünschen, der besser ist als ich.“ Jorge Volpi ist mein Favorit, weile er mir auch in diesem Buch einmal mehr gezeigt hat, was Literatur sein kann.

Wilfried John

Drei Skizzen des Bösen

Jorge Volpi / Eloy Urroz / Ignacio Padilla
279 Seiten – Gebundenes Buch

Verlag: Hainholz Verlag – Aus 2001

ISBN: 3-9326-2280-4

19,40 €

Anhang 1

Wer sich mit dem Thema Behindertenfeindlichkeit und dem, meiner Meinung nach, verfassungsfeindlichen Verhalten von Versicherungskonzernen beschäftigen will oder muss, dem seinen z.B. folgende Adresse ans Herz gelegt:

http://de.wikipedia.org/wiki/Behindertenfeindlichkeit

http://www.behinderte.de/ejmb2003/2003-hermes-benachteiligungen.htm