Jorge Volpi „Zeit der Asche“

Zeit der Asche
Jorge Volpi
512 Seiten – Gebundenes Buch
Verlag: Klett-Cotta – Aus 2009
ISBN 3-6089-3701-3
24,90 Euro

Pro:
Gesellschaftskritisch, wissenschaftskritisch, systemkritisch .  .  .
Kontra:
Das Werk kann einseitig verstanden werden… was es aber nicht ist
Zeit der Entfremdung

Entfremdung. Vielen Menschen in den modernen Gesellschaften beschleicht seit geraumer Zeit das merkwürdige Gefühl, dass mit diesen Gesellschaften etwas nicht stimmt. Angesichts von Ungerechtigkeit, von politischem Versagen gegenüber von Zukunftsaufgaben oder mangelnder Wertschätzung von Lebensleistungen arbeitender Menschen, suchen sie – meist vergebens – nach Antworten auf die subjektiv empfundene Entwertung oder Nichtberücksichtigung ihrer Bedürfnisse. Vielfach verstehen sie nicht, wie politisch Verantwortliche auf der Hand liegende Erfordernisse (Klimawandel, Atomkraft, Militarisierung…) unbearbeitet lassen, und andere Fragen (Zukunft der Arbeit, Armutsbekämpfung, soziale Sicherung) gegen die Mehrheit der Gesellschaften entscheiden.
Daraus entsteht ein Gefühl, das einem die eigene Gesellschaft fremd wird; zurecht. Es wird offenbar massiv darauf hingearbeitet, dass in gesellschaftlicher wie individueller Hinsicht ein Zustand entsteht, in dem die ursprünglichen Beziehungen zwischen Menschen, Menschen und Arbeit, Menschen und dem Produkt ihrer Arbeit aufgehoben, verkehrt oder zerstört werden. Es sollte klar sein, dass das nicht ohne Wirkung auf die einzelnen Menschen bleiben kann und so ist dieser Zustand, für den der Begriff Entfremdung steht, auch dafür verantwortlich, dass auch die Sicht von Menschen auf sich selbst in eine Krise gerät.
Dabei ist Entfremdung kein Naturgesetz, sondern sie ist der gesellschaftlich/politisch voran getriebene und unumkehrbare Prozess der Aneignung der Natur und ihrer materiellen und geistigen Umgestaltung zu Kultur, mitsamt den Institutionen, die fremdbestimmt wirken, sobald sie die Menschen beherrschen und sich ihren individuellen und kollektiven Wünschen entgegenstellen. Wenn also Entfremdung kein Naturgesetz ist, bleibt die Frage, was uns offenbar zwingt diese Entfremdung in Kauf zu nehmen; ganz gleich wohin das führt.
Vielleicht ist ein Blick auf das vorherrschende kapitalistische System hilfreich für das Verständnis solcher Prozesse. Schon Marx (und andere vor ihm) hat Entfremdung als einen der zentralen Kritikpunkte gegenüber dem Kapitalismus benannt. In diesem Kontext wird argumentiert, dass der Mensch – durch die nur an Profit orientierte Produktion – von seinem Produkt, wie auch von sich selbst entfremdet wird. Wenn nun gesellschaftlich alles diesem System untergeordnet wird, kann es einfach nicht wundern, dass die Gesellschaften sind wie sie sind.
Und es kann uns nicht wundern, viele Menschen das Gefühl der Vereinzelung beschleicht. Aber nicht nur das, zunehmend haben wir alle das Gefühl, aus der natürlichen Umwelt heraus gefallen zu sein, weil ausgebeutete Natur nur als Gegenposition des Menschen zur Natur gesehen werden kann; was jeden einzelnen Menschen von allem anderen Seienden abgegrenzt. Da Entfremdung aber menschengemacht ist, ist sie aber auch das selbst verursachte Produkt jedes Individuums, jeder Gesellschaft oder der Menschheit überhaupt… und deswegen auch von jedem, von uns, von der Menschheit revidierbar.
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Mir ist sehr bewusst, dass ich im Sinne dieser Einleitung hohen Anspruch ankündige, wenn es – wie sonst üblich – um ein Werk der Lateinamerikanischen Literatur geht. Nun, ich kann an dieser Stelle schon versprechen, dass das hier vorzustellende Buch, diesen Anspruch voll und ganz zu erfüllen imstande ist. Bei dem Buch das ich vorstellen möchte, handelt es sich diesmal um ein Werk der zeitgenössischen Mexikanischen Literatur, „Zeit der Asche“, von keinem geringeren als dem mittlerweile sehr bekannten Autor Jorge Volpi (JV). Wem das Werk dieses Mannes nur etwas bekannt ist, wird sich bestimmt an den Titel „Das Klingsor-Paradox“ erinnern (auch hier bei Ciao vorgestellt).
Das jedenfalls wäre im Zusammenhang mit „Zeit der Asche“ sehr hilfreich (wenn auch nicht unbedingt erforderlich), denn die beiden Titel stehen in einem direkten Zusammenhang. Keineswegs möchte ich mit dieser Bemerkung andeuten, dass es sich bei „Zeit der Asche“ um so etwas wie den Fortsetzungs-Roman von „Das Klingsor-Paradox“ handelt, doch wer damals diesen Roman gelesen hat, wird kaum umhin kommen, das neuste Werk von JV zu lesen, denn es ist eine grandiose Fortschreibung der kritischen Betrachtung der gesellschaftlichen, wissenschaftlichen und systemimmanenten Prozesse. Während im Roman „Das Klingsor-Paradox“ die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts unter die literarische Lupe nimmt, ist der Blick in „Zeit der Asche“ auf die zweite Hälfte gerichtet.
Es gibt nicht sehr viele Autoren, jedenfalls was die belletristische Literatur betrifft und die ich kenne, die zu einem solchen Projekt fähig sind. Dass JV dazu in der Lage ist, hat er mit seinem Klingsor-Roman schon unter Beweis gestellt; nicht umsonst erntete er damit schlagartig begeisterte Beachtung. Wie ich schon oft behauptet und – wie ich glaube – auch bewiesen habe, ist die Kenntnis der Biographie des Autors für das Verstehen seiner Werke sehr erhellend. So auch in diesem Fall, zeigt sich doch in den biographischen Daten, dass der Mann schlicht und ergreifend weiß wovon er schreibt. Zur Person zitiere ich mich am besten selbst, da ich ja, selbst wenn ich wollte, keinen neuen Lebenslauf erfinden kann:
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JV wurde 1968 in Mexiko-Stadt geboren. Leider ist es mir nicht möglich gewesen, näheres über die Lebensumstände und den Verlauf seiner Kindheit in Erfahrung zu bringen. Es ist mir jedoch bekannt, eine humanistisch geprägte Bildung genoss, unter deren Einfluss er zunächst Philosoph werden wollte. Wir können also davon ausgehen, dass er in gutbürgerlichen Verhältnissen aufwuchs, in denen es ihm, zumindest in materieller Hinsicht, an nichts mangelte. Es ist auch bekannt, dass er schon sehr früh in seiner Jugend an der Lektüre großer mexikanischer Autoren wie Juan Rulfo, Carlos Fuentes (auch hier bei Ciao vorgestellt) und Octavio Paz Gefallen fand.
Zunächst studierte er aber Jura an der Universidad Nacional Autónoma de México und ereichte einen Abschluss in diesem Fach. Ganz nebenbei pflegte er aber auch sein Interesse an Literatur und hörte Vorlesungen an der literaturwissenschaftlichen Fakultät. Diese Studien setzte er später in Spanien fort und promovierte schließlich in spanischer Philologie an der Universität von Salamanca. Beruflich widmete er sich zuerst seiner juristischen Laufbahn und verdiente seinen Lebensunterhalt als Anwalt und später dann, 1992 – 1994, als Sekretär des mexikanischen Generalstaatsanwaltes.
Schon während seines Studiums war klar, dass sich JV irgendwann ganz der Literatur zuwenden würde. So gründete er in den Jahren 1994 –1996, zusammen mit anderen jungen mexikanischen Autoren die literarische Gruppe „Crack“, deren Ziel es sein sollte, zu den literarischen Wurzeln der 68- Generation zurück zu kehren. In diesem Zusammenhang sind natürlich nicht die „europäischen 68er“gemeint, sondern die Autoren des lateinamerikanischen Literatur-Booms, zu denen untrennbar Namen wie Marquez, Cortázar, Carpentier oder auch Amado gehören (auch hier bei Ciao vorgestellt). Die Gruppe „Crack“ schrieb sich auf die Fahnen, Romane von komplexer Struktur zu schaffen, die aber dennoch das weiter tragen sollten, was ihre Vorbilder als Ziel beschrieben haben, nämlich so etwas wie die Komplizenschaft mit den Leserinnen und Lesern. „Crack“ wendet sich einerseits gegen den us-amerikanischen Neorealismus und andererseits gegen die Nachahmer des sog. Magischen Realismus, welchen ihre Vorbilder ja begründet hatten.
JV, als eines der maßgeblichen Mitglieder der Gruppe “Crack“ schrieb bisher sowohl Essays als auch Romane und beabsichtigte, nach eigenen Aussagen, mit seinem Roman „Das Klingsor-Paradox“, beide Gattungen zu vereinen. Wie Cortázar beispielsweise, aber auch andere zeitgenössische Autoren, tritt er für die Auflösung der in der klassischen Literatur gebräuchlichen Genregrenzen ein. Für sein Werk wurde er in Spanien, wo er von 1996 bis 2001 lebte, mit dem Premio Bilioteca Breve ausgezeichnet; andere Preise folgten. Heute ist Jorge Volpi, neben seinem literarischen Schaffen, als Kulturattaché Mexikos in Paris tätig.
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Sicher, JV ist studierter Jurist und Literaturwissenschaftler, doch er hat sozusagen eine heimliche Affäre… mit den Naturwissenschaften. Er gibt zu Protokoll: „Ich habe immer bereut, nicht Physik studiert zu haben. Die Wissenschaft ist zweifellos eine der größten Errungenschaften der Menschheit.” Auch wenn er so von der Wissenschaft spricht, so ist sein Verhältnis zu Wissenschaftlern ambivalent. Das kommt im schon erwähnten Werk „Das Klingsor-Paradox” deutlich zum Vorschein, in dem er berühmte Forscher teils zu Helden und teils zu Bösewichtern macht und einen Physiker und einen Mathematiker auf die Suche nach einem Wissenschaftler schickt, der für die Nationalsozialisten Juden zu Experimenten missbrauchte. Das es der Crack-Gruppe auch um die Überwindung von Genre-Grenzen geht, könnte man zu diesem Roman etwa Wissenschaftsthriller nennen.
Auch „Zeit der Asche“ ist eine solche Mischung aus Historischem Roman und Thriller = Wissenschaftsthriller. Wie oben schon gesagt, ist die Romanzeit die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ja, das Rezept des Romans ist zwar dasselbe, aber natürlich sind die Zutaten gänzlich andere; nach meinem Geschmack sogar bessere, weil griffigere als Quantenphysik. Diesmal es gleich um drei Wissenschaftsgebiete: Gentechnik, Informationstechnik und Ökonomie; wiewohl man darüber trefflich streiten könnte, ob es sich beim letztgenannten überhaupt um Wissenschaft handelt.
Wie man auch immer zu dieser Frage stehen mag, muss man konstatieren, dass diese drei Disziplinen nicht nur für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Rolle spielen, sondern gegenwärtig und zukünftig auf das Leben der Menschheit einwirken. Somit geht es JV wohl auch darum, mit diesem Roman zugleich ein Zeichen für die Zeit nach der Jahrtausendwende zu setzen. Nicht wenige meinen, dass sich aus diesen Disziplinen ein, für die Menschheit schicksalhaftes, Endzeitszenario ergeben könnte. So könnten wir das Werk auch als Menetekel für den Umgang mit der Gentechnik, der Computertechnik und dem Kapitalismus sehen: Gewogen und zu leicht(-fertig) befunden.
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Es ist nicht einfach einen Plot des Roman zu beschreiben und ich möchte das eigentlich auch nicht erst versuchen; teils um zukünftigen Leserinnen und Lesern die Spannung zu nehmen und teils um in gebotener Kürze auf die Hintergründe des Werkes besser eingehen zu können. Im Kern des Romans geht es um die Schicksale von drei Frauen (des vorgesagten entsprechend, eine Biologin, eine Computerwissenschaftlerin und eine Ökonomin), die sich in den Verwerfungen der Weltgeschichte überlagern. Diese Frauen symbolisieren nicht nur die entsprechenden Wissensgebiete, sondern auch die die Romanzeit, denn sie repräsentieren die drei Generationen der entsprechenden Zeit und sie stammen aus den USA, der Sowjetunion und dem heutigen Russland. Neben ihrer persönlichen Geschichte, lässt JV diese drei Frauen alle zeitgeschichtlichen Umbrüche durchleben; ein Themenbogen der es wahrlich in sich hat.
An irgendeinem Morgen soll Irina Nikolajewna Granina in der Pathologie eine Leiche identifizieren… die Leiche ihrer Tochter. Am selben Morgen bereitet sich Jennifer Moore in New York darauf vor, ihrem Neffen den Tod seiner Mutter zu erklären. Und ebenfalls an diesem Morgen urteilt ein Gericht in Rockville über eine Anklage wegen Mordes an Biologin Éva Halász. Gleichzeitig sind die Frauen quasi als Zeuginnen aufgerufen, um gegen allzu entfesselten Fortschrittsglauben auszusagen. Alle drei finden sich im Fadenkreuz eines sonderbaren Söldners wieder; daraus zieht der Wissenschaftsthriller seine Spannung.
Erzählt wird das alles aber aus der Erinnerungs-Perspektive des Söldners; der klar zu Protokoll gibt, dass er seine Erinnerungen als Abrechnung mit einer Epoche verstanden wissen will, in der die Menschen von korrupten Mächtigen vom Leben entfremdet und zu Handlangern ihrer Wissenschaften geworden sind; Stichworte hierzu (und natürlich Inhalt des Romans) sind: Tschernobyl, bakteriologischer Kriegsführung oder Human Genom Projekt.
Der Erzähler berichtet uns aus dem Gefängnis heraus, dass er die Frau die er liebte getötet hat. Einerseits war sie Expertin für künstliches Leben, andererseits unfähig, sich für einen geeigneten Partner zu entscheiden und lebenskluge Entscheidungen zu treffen. So konstruiert JV Lebensläufe, Wissensgebiete und gesellschaftliche Situation zusammen… als Konstellationen aus Intelligenz und Unfähigkeit. Das führt er an einer ganzen Reihe von Figuren vor, deren Biographien über Verwandtschafts- und Bekanntschaftsbeziehungen letztlich alle miteinander verbunden sind. Intelligenz wird fast ausschließlich eingesetzt um Karriere zu machen; selten um Verantwortung zu übernehmen. Die handelnden Personen sind erfolgreiche Forscher, Politiker und Banker. Doch die Abgründe jenseits des Erfolgs sind tief; ganz aktuell, am Beispiel aus dem Milieu der Börsenspekulanten deutlich gemacht.
Mehrfach betont der Erzähler, dass er diese Geschichten nicht gerne vor uns ausbreitet. Auch er ist ein Gebrochener… einst hat er sich mit Enthüllungen über Korruption in Russland einen Namen gemacht, und empfindet sich nun als gescheitert; seine heldenhaften „sowjetischen“ Erinnerungen aus Afghanistan nützen ihm auch nichts mehr.
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Wie nun schon in einer ganzen Reihe meiner Besprechungen ausgeführt habe, benutzen Lateinamerikanische Autoren in den letzten Jahren gerne eine eigentlich „wesensfremdes“ Genre, um es sozusagen als Vehikel der eigentlichen Botschaft zu gebrauchen; in diesem Fall also ein Wissenschaftsthriller. Die Autoren einfach als Kriminalschriftsteller zu bezeichnen, greift bei weitem zu kurz, denn diese Autoren wollen – ganz in der engagierten Tradition der Lateinamerikanischen Literatur – auf die aktuelle Wirklichkeit verbessernd einwirken, in dem sie ihre Sicht der Dinge, ihre Analysen und Lösungsansätze in populäre Form bringen, um sie so einem breiteren Publikum die Wahrheiten hinter den Fassaden der Wirklichkeit näher zu bringen.
JV unternimmt nicht weniger als den Versuch, eine plastische Vorstellung des zwanzigsten Jahrhunderts zu vermitteln und in einem intelligent konstruierten Roman eine politische Anklage gegen inhumane Zustände zu formulieren. Er ist der Überzeugung, dass eine der großen Revolutionen des 20. Jahrhunderts die Emanzipation der Frauen war und er wollte (wie er selbst zu Protokoll gibt), dass dieser Roman über die großen Umwälzungen, die fast alle von Männern vorangetrieben wurden, aus der Sicht einiger sehr unterschiedlicher Frauen erzählt wird. Sowohl Frauen, die diesen Veränderungen zum Opfer fallen, als auch solchen, die sie aktiv gestalten und davon profitieren.
JV ist der Auffassung, dass so wie die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts von der modernen Physik bestimmt war (was schließlich in Hiroshima gipfelte und nach Tschernobyl führte), sei es heute vor allem die Genetik und die Ökonomie, mit der man sich auseinandersetzen müsse. Er führt Themen zusammen, die man so noch nicht oft zusammengeführt sah. Der Fall der Berliner Mauer markierte für ihn den Triumph des egoistischen Individuums; wie es das kapitalistische System postuliert und wie es der Kommunismus zu ändern versuchte. Deshalb bringt er in seinem Roman z.B. das Humangenomprojekt mit dem Ende der Sowjetunion zusammen.
Sein Buch beginnt schlägt einen Spannungsbogen von der Weltwirtschaftskrise 1929 zum Heute. JV erzählt in der – wie ich finde – spannenden Handlung, ganz beiläufig, wie es dem Kapitalismus in den folgenden Jahren gelang, sich neu zu formieren und am Ende sogar die ökonomische und ideologische Oberhand gewinnen konnte. Insofern ist es auch im Hinblick auf die aktuelle Situation sehr interessant. JV gibt zu Protokoll: „Nachdem man zwanzig Jahre lang die Herrschaft freier Märkte behauptet und die Verschlankung des Staates gepredigt hat, befindet sich die Welt wieder in einer erheblichen Krise, und die, die das Ende der Geschichte ausgerufen haben, fordern heute, dass der Staat stärker ins globale Wirtschaftsgeschehen eingreife.“ Es ist nicht klar, ob sich derzeit das Ende Amerikas ankündigt, aber vielleicht sollten wir versuchen, die beiden zentralen Ideen des Sozialismus, auch wenn sie von den Diktaturen so gründlich diskreditiert worden sind, neu zu beleben: die Solidarität und die Brüderlichkeit. es wird sich jedenfalls bald zeigen, ob der Kapitalismus wieder auf die Beine kommt, oder ob es notwendig ist, ein anderes Modell stark zu machen.“
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Für diejenigen die mich kennen und regelmäßig lesen, muss ich sicherlich nicht extra sagen, dass ich – auch wegen der politischen Übereinstimmungen mit dem Autor – dieses Buch als großen Wurf bezeichne. Aber ich möchte es auch denjenigen ans Herz legen, die sich lesend einiges Stunden spannende Unterhaltung angedeihen lassen wollen; die ist nämlich, meiner Ansicht nach, garantiert, denn wir halten eine Kriminalgeschichte, einen Wissenschaftsthriller – eingebettet in ein Panorama der Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts – in Händen.
Ich habe ja schon gestanden, dass ich mit meinem oberflächlichen Wissen von Physik und Wissenschaftsgeschichte beim Klingsor-Projekt ziemlich überfordert gewesen bin. Da es sich bei „Zeit der Asche“ um populärere Wissensgebiete geht, war es mir möglich dem Roman mühelos zu folgen und als Leser, ganz nach den Vorstellungen der Gruppe „Crack“ zum Komplizen des Autors zu werden. Vielleicht muss ich ja gar nicht mehr schreiben… aber ich möchte es dennoch ausdrücklich dokumentieren: Das Buch war einer jener literarischer Glücksmomente, wie man sie (leider) sehr selten erlebt.
Gewiss, ich habe – besonders in der sog. Bürgerlichen Presse – auch die Kritik gelesen, dass „Zeit der Asche“ so etwas wie „The Best of Tagesschau“ sei. Aber nur weil einem der politische Inhalt nicht passt, kann man einen Roman für seine fulminante Erzählweise loben; was ich regelmäßig z.B. bei Mario Vargas Llosa tue (auch hier bei Ciao vorgestellt). Angesichts dessen was JV versucht, kann ich nur sagen, dass dieses gigantische Projekt des Autors vorzüglich gelungen ist. Natürlich ist das kein Buch, das man einfach mal eben liest, aber für diejenigen, die sich leidenschaftlich für gute Literatur begeistern, ist es eben ein Glücksmoment… klug erzählt und äußerst spannend wie ein Krimi bis zum Schluss.
Und wem das noch nicht genügen sollte, dem sei von größeren Geistern als ich es bin, etwas über JV gesagt. Ich möchte zwei von mir sehr verehrte Kollegen (beide hier bei Ciao vorgestellt) zu Wort kommen lassen, deren Werke ich ebenfalls zu diesen Glücksmomenten zähle. Der große Mexikaner Carlos Fuentes sagte über Jorge Volpi: „Jetzt kann ich mich getrost zur Ruhe setzen, denn nun habe ich meinen Nachfolger gefunden.“ Der Träger des Nobelpreises für Literatur, Gabriel García Márquez, wird zitiert: „Ich möchte den einzigen Schriftsteller beglückwünschen, der besser ist als ich.“
Wilfried John