Jose Lezama Lima „Paradiso“

Eine Schöpfung karibischer Phantasie

Toleranz. Ein Wort, das am häufigsten von jenen benutzt wird, denen es ihrerseits gar nicht einfiele selbst Toleranz zu üben… Dabei tappen dann regelmäßig diejenigen Menschen in die Toleranzfalle, die sich nicht wirklich sicher sein können, ob sie den Begriff richtig verstehen und lieber großzügiger „duldsam“ sind, als es gut für sie ist. Duldsamkeit wäre ja auch die korrekte Übersetzung des lateinischen Wortes „tolerare“. Im Sinn ist darunter eigentlich nur die vernunftgeleitete Entschlossenheit zu verstehen, andere Personen und Gruppen gelten zu lassen und sie darüber hinaus ernst zu nehmen.

Dabei kann aber nur jemand tolerant sein, der selbst auch einen eigenen Standpunkt hat. So sind auch durchaus Grenzen für die Toleranz zu ziehen… nämlich dort, wo – wie sich Marcuse ausdrückte – „Zustände geduldet werden, welche die Menschen davon abhalten, wirkliche Interessen zu erkennen.“ Aber auch dort wo man sich Gruppen gegenüber sieht, die den Grundsatz der Toleranz ablehnen, weil sie glauben, im Besitz der Wahrheit zu sein, ist Toleranz nicht angebracht.

Voltaire sagte einmal: „Ich werde Ihre Meinung bis an mein Lebensende bekämpfen, aber ich werde mich mit allen Kräften dafür einsetzen, dass Sie Ihre Meinung haben und aussprechen dürfen.“ Man könnte auch den technischen Begriff der Toleranz bemühen, wonach durch vernünftige Festlegung bestimmt wird, in welchen Grenzen Abweichungen von der Norm noch nicht schädlich sind und ab wann Schaden zu erwarten ist. Oft wird Toleranz auch mit Akzeptanz verwechselt… dabei bleibt diese weit dahinter zurück und aus der Vermischung von Toleranz und Akzeptanz wird dann eine passive Toleranz. Zwar wird etwas als negativ empfunden, aber um des lieben Friedens willen, unterbleibt eine – an sich erforderliche – adäquate Reaktion.

Das ist regelmäßig dann der Fall, wenn Andersdenkende und Menschen mit anderen Lebensentwürfen, wenn Menschen anderer Herkunft und z.B. anderer sexueller Disposition oder körperlicher Handicaps, von Ignoranten drangsaliert werden und niemand diesen Leuten Einhalt gebietet. Zu den Charaktereigenschaften wahrhaft toleranter Menschen gehört es also unbedingt, mit Bestimmtheit Intoleranz nicht zu akzeptieren. Toleranz ohne diese Haltung, verkehrt Toleranz in ihr Gegenteil: Ignoranz. Weil Ignoranz auch Intoleranz duldet, können die beiden Begriffe Toleranz und Ignoranz leider auch verwechselt werden… was hauptsächlich für die Hilfsbedürftigen fatal ist, aber langfristig auch der Gesamtgesellschaft schweren Schaden zufügt.

Jemand der sich damit genauestens auskennt, ist Jose Lezama Lima (kurz JLL), der fast vergessene Dichterfürst, den heute allenfalls noch die Lateinamerikaner kennen. Er hatte das Pech, in der falschen Zeit, am falschen Ort, unter den falschen Leuten zu leben und lediglich die Tatsache, dass er die richtigen Freunde hatte (z.B. Julio Cortazar oder MarioVargas Llosa – auch hier bei Ciao vorgestellt), ließ ihn überleben und sogar unsterblich werden. Er war sehr dick und zog sich daher den (gelinde gesagt) Spott der Mitmenschen zu… er war homosexuell und das in der Machogesellschaft Lateinamerikas… er war katholisch und das in einem Religiosität ablehnenden Staat… und er war künstlerisch seiner Zeit voraus und erlitt das Unverständnis der sog. Sachverständigen. So könnte man sagen, dass Toleranz ihm sein Leben geschenkt hat.

Freunden galt JLL gilt als einer der großen Weisen der Weltliteratur, umfassend gebildet, belesen und schöpferisch. Je bekannter er wurde, galt er aber auch – und vor allem der Nomenklatur – als Querulant, Sonderling und Gegner. Bei Traditionalisten galt er als zweifelhaft, zwiespältig, ja unverständlich, während er bei fortschrittlich orientierten Kunstkennern – spätestens nach dem Erscheinen seines Romans „Paradiso“, den ich hier vorstellen will – als Neuerer und Gestalter der Literatur seines Landes und der Weltliteratur galt. Es gab Zeiten, selbst als JLL schon offizielle Anerkennung erfuhr, da konnte es einem Freund die Arbeitsstelle kosten, wenn man ihn besuchte oder es konnte Repressionen bedeuteten, wenn man sich beim Lesen seiner Werke ertappen ließ.

Meiner Meinung nach ist die Biographie eines Autors allgemein ein wichtiger Indikator für das Verständnis seiner Werke. Speziell für das Verständnis von „Paradiso“ aber, ist es unerlässlich, sich die Biographie seines Schöpfers genauestens zu betrachten. Dennoch möchte ich nicht auf allzu viele Details eingehen und nur die wesentlichen Fakten und die Lebensrichtung bestimmenden Episoden beschreiben, da „Paradiso“ an sich – als stark autobiographisch geprägter Ideen-Roman – wie kaum ein anderes Buch, seinen Autor vorstellt.

JLL wurde am 19. Dezember 1910, als Sohn des Kommandeurs, im Militärlager Columbia, in der Nähe von Havanna/Kuba geboren… und war ein kränkliches Kind, das schon im Alter von sieben Monaten von Asthmaanfällen bedroht wurde. Sein Vater, ein im kubanischen Unabhängigkeitskrieg gestählter Mann, sieht seine Erwartungen an einen Sohn als unerfüllbar an… und verhält sich entsprechend. Die Familie muss aus dienstlichen Gründen nach Florida umziehen, wo der kleine JLL auch (unregelmäßig) zur Schule ging. 1919 stirbt sein Vater und 1920 zieht die Mutter mit ihren drei Kindern (eine ältere und eine jüngere Schwester von JLL) wieder nach Havanna.

JLL ist ein stilles Kind und geht nun in eine sehr angesehene Schule… und er beginnt zu lesen; es wird berichtet, dass er mit neun Jahren den „Don Quijote“ gelesen hat. Nach der erworbenen Hochschulreife, beginnt er ab 1929 – in einer Zeit großer wirtschaftlicher und politischer Krise – mit einem Jurastudium; er möchte seine Neigungen zur Philosophie und zur Literatur (wie er sagt) „nicht zum Broterwerb prostituieren“. Wie viele die Studierenden beteiligt sich auch JLL an sog. studentischen Unruhen, in deren Folge die autoritäre Regierung die Universität für drei Jahre schließt. Das ist für JLL eine Zeit ausführlichster Lektüren.

!932 beginnt er mit dem Schreiben seines berühmt gewordenen Gedichts „Tod des Narziss“, das später von Künstlern seiner Generation als Offenbarung begriffen werden sollte. 1934 nimmt er sein Studium wieder auf, das er 1938 erfolgreich abschließt und sogleich in einer Anwaltskanzlei seine Arbeit aufnimmt. Nebenher gibt er eine Zeitschrift heraus, in der prominente Künstler mitarbeiten. Ab 1940 wird er Angestellter in einer staatlichen Stelle, was ihm umso mehr Zeit gibt, nebenher als Herausgeber tätig zu sein. Nach der Heirat seiner jüngeren Schwester und ihrem Auszug, zieht JLL bei seiner Mutter ein… mit der er ein fast symbiotisches Verhältnis hatte.

1949 erscheint in der von JLL geleiten Zeitschrift das erste Kapitel des Romans „Paradiso“, an dem er seit 1944 arbeitete. Sofort geriet er in die Kritik und es wurde ihm Unverständlichkeit und unsachgemäßen Gebrauch der spanischen Sprache vorgeworfen. Er ließ sich jedoch nicht beirren und arbeitete weiter an seinem Werk und an Übersetzungen von Yeats, Proust, Camus, T. S. Eliot und W. C. Williams. Nach dem Siegt Castros wird JLL in den Nationalen Kulturrat eingestellt, der von seinem Freund Alejo Carpentier (auch hier bei Ciao vorgestellt) geleitet wurde. Ab 1961 wird er Vizepräsident des staatlichen Künstlerverbands.

Außer seiner Mutter, hatte seine ganze Familie Kuba verlassen… und weil auch JLL sich politisch nicht einspannen lassen will, wird er 1963 in eine unbedeutende Bibliothek abgeschoben, was ihm allerdings die Gelegenheit gibt, sich noch intensiver um die Arbeit an „Paradiso“ zu kümmern.

Im September 1964 stirbt seine Mutter und JLL fällt in schwerste Depressionen. Im Dezember heiratet er, auf anraten seiner Mutter und sozusagen als Erfüllung ihres Wunsches, seine Sekretärin, die er selbst als seine beste Freundin und Gefährtin bezeichnete. Seinen Schmerz setzt er in Kreativität um und 1966 ist es endlich soweit – „Paradiso“ erscheint. Die Veröffentlichung dieses Werkes kennzeichnete für JLL einen Wendepunkt in seiner Karriere, was sich aber nicht nur positiv heraus stellen sollte. International wurde der Roman sofort als Meisterwerk erkannt. National jedoch, wurden dem Romans ein Mangel an politischer Verpflichtung gegenüber der kubanischen Revolution, sowie seine freizügigen Beschreibungen der homosexuellen Erotik vorgeworfen. Das brachte JLL in eine prekäre Lage.

1965 hatte das Regime eine systematische „Säuberung“ der Führung eingeleitet, in deren Folge vor allem Homosexuelle entfernt wurden, deren sexuellen Neigungen unter dem Verdacht standen, sich im Gegensatz zur revolutionären Moral zu befinden. Viele wurden in Arbeitslagern gesteckt, die zum Zwecke der Umerziehung von asozialen Elementen und Abweichlern dienten. Sie sollte das richtige revolutionäre Bewusstsein bekommen. JLL hatte Glück… er war international schon zu sehr bekannt und eh schon in jene Bibliothek abgeschoben. Natürlich hatte man versucht das Buch zu verhindern, aber um nicht den letzten Rest internationaler Reputation zu verlieren (wofür die Freunde von JLL sicher gesorgt hätten), druckte man gerade mal viertausend Exemplare; schlechtere Autoren, aber mit dem richtigen Bewusstsein brachen es auf bis zu zwanzigtausender Auflagen. Aber JLL bewahrte immer seine intellektuelle Ehrlichkeit, die Kompromisse nicht zuließ. Besonders während der sog. Padilla-Affäre 1971 zeigte er Haltung und ließ sich auch hier nicht instrumentalisieren. Seine Meinung war bekannt und er entzog sich der öffentlichen Anhörung durch Krankmeldung. Anschließend zog er sich ins Private zurück und es wurde still um ihn. Am 9. August 1976 starb JLL… daheim fast unbeachtet.

Paradiso“ ist, wie ich oben schon anführte, ein stark autobiographisch geprägter Ideenroman und so beginnt JLL seinen Roman in den ersten sieben, der insgesamt vierzehn, Kapiteln mit dem Versuch durch Beschreibungen des Familienzusammenhangs und von Erfahrungen aus der Kindheit, das Werden der Hauptperson Jose Cemí zu erklären; unschwer als das Alter Ego des Autors zu erkennen, da auch Jose Cemi kränkelndes Kind ist, das unter Asthma leidet. Die Romanzeit ist das ausgehende 19. und die ersten drei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts. Aber dieses Werk lediglich als eine romanhafte Biographie zu begreifen griffe sicher zu kurz; Anleihen an Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ sind sicher nicht zufällig, denn schließlich hat JLL Proust übersetzt und eingestanden, dass dieses Werk beispielhaft war. Aber „Paradiso“ ist auch ein ganz eigenständiges sprachliches Kunstwerk, dem man eine barocke, überbordende Poesie bescheinigen kann. Außerdem ist „Paradiso“ ein sehr komplexer Roman, in dem JLL versucht den Sinn der Vergangenheit und die Bedeutung seiner Ursprünge für sich, für die Menschen zu erforschen.

Aber nicht nur Jose Cemi gelten diese Untersuchungen. Mit vielen erzählerischen Ausflügen in die Vergangenheit, wird die Herkunft und der Hintergrund von den in „Paradiso“ auftretenden Personen beleuchtet, die in irgendeiner Weise Einfluss auf die Entwicklung des jungen Jose hatten. So bestimmen die Einflüsse vieler Menschen in der Vergangenheit, die Gegenwart eines jeden Menschen mit und weisen in seine Zukunft. „Paradiso“ beschreibt also, wie sich aus der Summierung all der geschichtlichen Kräfte, die sich durch Raum und Zeit vorwärts bewegen, ein lebendiges Wesen wird. Inhalt und Darstellungstechnik gerade des Romananfangs und die Art wie JLL ihn konstruiert und ausführt, sind von entscheidender Bedeutung. Wir müssen uns als Leserinnen und Leser darauf einlassen, dass die Beschreibungen nicht nur Darstellungen irgendeiner Wirklichkeit sind, sondern dass uns der Roman in einer Art Spiralform kreisförmig in einer fortwährenden Expansionsbewegung auf das Wesen von Menschen hinführt.

Paradiso“ ist auch der erzählerische Versuch, in Person von Jose Cemi, zu einem grundlegenden Verständnis der uns umgebenden Welt zu gelangen. Dabei wird die menschliche Existenz als schmerzvoller Kampf deutlich, einem Kampf, in dem die Verbindung oder die Synthese von Gegensätzlichem gelingen muss, damit das Dasein einen Sinn ergibt. Es ist eine Bewegung von Unbewusstheit zum Bewusstsein, von Vielfalt zur Einheit, von Chaos zu Form und Ordnung und JLL nimmt uns mit und zeigt uns in der Langsamkeit Lesender faszinierende Bilder, die – gleich dem Übereinanderlegen verschiedener Dias – in der Kombination ein neues Gesamtbild ergeben.

Die zweite Hälfte von „Paradiso“ (Kapitel VIII – XIV) beschäftigt sich mit dem Erwachsenwerden Jose Cemís, seinen sexuellen Entdeckungen. Besonders seine speziellen Freunde Fronesis und Foción spielen dabei eine gewichtige Rolle. Hauptsächlich dieses Dreiecksverhältnis strukturiert die zweite Hälfte des Romans. Und im Versuch der Darstellung der Begrifflichkeit der Welt als Idee, kommt die ganze Belesenheit und Bildung des Autors zum Vorschein, z.B. wenn die drei Freunde sich in den endlosen Diskussionen über die Bedeutung des Universums zu verständigen suchen. Die Freunde nehmen aber auch noch eine andere Rolle ein: Sie sind sozusagen der verschlüsselte Versuch des Autors, sich und seine Sexualität hinter den Kunstfiguren zu verbergen. Fronesis (dessen Name auf Griechen „Besonnenheit“ bedeutet) und des Foción (der Chaos und einen Mangel an Bodenständigkeit darstellt), erscheinen als Funktionen, die es so oder so zu wählen gilt.

Der junge Cemí, lernt, die chaotischen Energien in seine Berufung und der Gestaltung seines persönlichen Schicksals umzuleiten. Am Ende synthetisiert Cemí, das von seinen Freunden erlernte in seine künstlerische Begabung. Sachverständige meinen, dass hier vor allem die Konflikte des Autors mit seiner Homosexualität zum Ausdruck kommen. Vor allem im Kapitel VIII, werden eine Anzahl von homosexuellen Zwischenspielen ausdrücklich beschrieben und in den Kapiteln IX und X führen die drei Freunde ausführliche philosophische Diskussionen über die Natur und den Ursprung von Homosexualität. Wie man sich denken kann, gaben vor allem diese Schilderungen in der Macho-Gesellschaft Anlass heftigen Streits und je nach Couleur des Betrachters, wurde JLL unterschoben, er hätte die Homosexualität entweder als negativ, als Verrücktheit, als gefährlichen Abweg oder als positiv, kreative Energie, als Triebfeder seiner Begabung darstellen wollen.

Unabhängig von diesen unterschiedlichen Deutungen, meiner Meinung nach wurden diese Passagen viel zu wichtig genommen und es soll nicht der Eindruck entstehen, es handele sich hier um ein Werk über Homosexualität, wenngleich ich den Eindruck habe, dass es in Schwulenkreisen oft so verstanden wird. Es war halt damals eine Zeit anderer Moralvorstellungen… heute würden solche Betrachtungen niemanden mehr schockieren und insofern sind sie als eine weitere Facette der eigentlichen – wie schon angemerkt stark biographischen – Romanhandlung anzusehen. Diese führt uns zu weiteren Personen, die für das Werk „Paradiso“, wie auch für das weitere Werk des Autors, besonders wichtig sind.

Doch bevor es soweit ist, müssen wir uns noch durch das Kapitel XII arbeiten. In diesem Kapitel sind vier fast in sich geschlossene Geschichten enthalten, die obendrein in einander abwechselnden Segmenten erzählt werden. Das macht es uns nicht gerade einfach, die Abfolge der Romanhandlung im Auge zu behalten. JLL erzählt uns in Reihe die Anfänge dieser vier Geschichten, dann in gleicher Sequenz die zweiten Teile usw.. Die erste Geschichte handelt von einem römischen General im zweiten Jahrhundert vor Christus und die drei anderen spielen wieder in Havanna. Die Geschichten sind so konzipiert, dass sie aus den Betrachtungen über die Vergangenheit und die Erzählung einer phantastischen Welt, sozusagen aus vier Richtungen, auf einen gemeinsamen Punkt zulaufen. Nach den Taten des römischen Generals, lesen wir von einer durch Kindeshand unabsichtlich zerbrochenen Vase. In der dritten Geschichte, wird von unsichtbaren Kräften berichtet und die vierte Erzählung handelt von einem alternden Musikkritiker, den seine Frau durch Hypnose für die Ewigkeit konservieren will. Als diese Frau ihren Erfolg vorführen will, dieses Wunder ausstellt, kommen als Besucher eben jener General, der Erzähler der Geistergeschichte und als sie in den Glaskasten schauen sehen sie nicht den alten Mann, sondern eben jenes Kind, das die Vase zerbrochen hat.

Nach diesem XII. Kapitel, mit seinem bizarr anmutender Inhalt, die aber nur scheinbar nichts mit dem sonstigen Verlauf des Romans zu tun haben, tritt in den Kapiteln XIII und XIV eine weitere, als zentral aufzufassende, Figur auf: Oppiano Licario. Nach dem Tod seines Onkels Alberto, der bei Jose Cemi und seiner Familie große Bestürzung auslöste und den jungen Jose förmlich dazu zwingt, über die Bedeutung des Todes nachzudenken, tritt diese Figur in einem Akt des Zufalls in Erscheinung. In einem öffentlichen Bus, wird Jose Cemi Zeuge eines dreisten Taschendiebstahls. Er stellt den Dieb und gibt die Beute zurück. Der Bestohlene ist kein anderer als eben Oppiano Licario. Oppiano Licario ist natürlich nicht wirklich als Person einzuordnen, sondern ist hauptsächlich als Symbol aufzufassen: er formuliert Antworten auf Joses Fragen, er verbindet die Vergangenheit mit der Zukunft und hilft das Chaos zu ordnen, hilft die Gefahren der Selbstzerstörung zu bannen und führt zu einer lebensbejahenden Weltsicht und sinnvollen Dasein.

So endet das XIII. Kapitel auch mit den Worten: „Dann können wir beginnen.“ Jose ist soweit, seinen eigenen Weg zu gehen. Sein Wissen um sich selbst und sein Verständnis um die schöpferischen Prozesse sind ihm eine große Hilfe, sich der Möglichkeiten der Zukunft zu bedienen. Im diesem letzten Kapitel ist auch von Oppiano Licarios Vergangenheit die Rede und JLL spiegelt am Ende des Romans dessen Anfang wieder, als die Vergangenheit daraufhin untersucht wurde, was sie uns für die Gegenwart und Zukunft sagen kann. In gewisser Weise steht Oppiano Licario auch für das Mythische, für das alte Wissen in kulturellem und historischen Sinne und hat eine gewisse Aura des Geheimnisvollen und Mächtigen, vielleicht Göttlichen.

Beim Lesen half mir, dass ich mich an Dantes „Göttliche Komödie“ erinnerte, darin bot Dante vier mögliche Anleitungen an, wie man einen Text lesen könne. Beginnen könne man mit dem wörtlichen Schriftsinn, also dessen was man als seine Fiktion erkennen kann. Die zweite Lesart ist eine allegorische, um hinter der Oberfläche versteckten Wahrheit zu gelangen. Die dritte Lesart ist die, das Moralische in der Geschichte zu suchen, damit es uns einen Nutzen bringen möge. Und schließlich soll die vierte Lesart eine die enthüllende, um sich die sublimen Bestandteile und somit die geistige Dimension des Textes zu erschließen. Über die erste Lesart, das Autobiographische beschreibende, ist schon genug gesagt. Über die zweite Lesart ist viel gestritten worden: JLL und die Homosexualität, die er weder verteidigt, noch ablehnt (was ja Ursache des dauernden Streites war). Keinesfalls, auch wenn es manchmal – der freizügigen Schilderungen wegen – so scheinen mag, ist „Paradiso“ in diesen Passagen pornographisch. Die moralische, vielleicht besser als sozialkritische, Seite ist sicher vorhanden, aber ist für dieses Werk sich nicht sehr wichtig. Zur vierten Lesart. Das ist die schwierigste und ich möchte hier nicht den Versuch machen, eine Erklärung abzugeben. Lediglich der Hinweis sollte erlaubt sein, dass JLL noch während der Arbeit an „Paradiso“ an einem anderen, auf „Paradiso“ aufbauenden Werk arbeitete. Das bedeutet, dass wir also dieses andere Werk hinzuziehen müssen (diese Rezension folgt), um den Gesamtüberblick zu bekommen; eigentlich – so profunde Kenner – müssten wir sogar das Gesamtwerk zugrunde legen.

Für JLL war Literatur der Ausdruck einer dynamischen und lebenswichtigen Suche nach Wahrheit. Es war diese Suche nach einer verlorenen gegangenen, einheitlichen Grundregel menschlicher Existenz. Es war der Prozess des Schreibens an sich anstatt dessen Endresultat, das ihn am meisten motivierte. Sein Schreiben wird durch ein konstantes Prüfen der Grenzen seines Wissens und seines künstlerischen Ausdruckes gekennzeichnet… Für mich was es als Lesender das genaue Abbild dieser seiner Grundsätze: Seine Suche inspirierte mich dazu nach mir zu suchen. Der Prozess des Lesens von „Paradiso“ war für mich oftmals wichtiger, als das genaue Nachvollziehen der Handlung. Und sein Prüfen des Wissens, führte mich zu kostbarem eigenen Wissen.

Durch „Paradiso“ fühlte ich mich in einen unglaublich großen kreativen Raum versetzt. Der Erfindungsreichtum und die Poesie, den Eindruck einer schier endlosen Ausdehnung der Sprache, diese Ästhetik gewordene harte Arbeit des Autors macht mich nicht satt, sondern steigerten mein Verlangen nach mehr. So wurde mir die Adresse des Hauses in dem er lebte und arbeitete, Trocadero 162, Havanna/Kuba, die ich nie gesehen habe, zu so etwas wie eine geistige Heimat und ich bin froh, dass „Paradiso“ Bestandteil meiner – gemessen an der zehntausend Bände umfassenden Sammlung von JLL – kümmerlichen Bibliothek ist. Der unersättliche Leser JLL, ist auch als Schreiber fast als maßlos zu bezeichnen, denn er hat seine Poesie, angelehnt an die Tradition im Barock des 17. Jahrhunderts, weiterentwickelt und übersetzte die Wirklichkeit mit seiner Sprache in eine dichte labyrinthische Illusion und entzückte mich fast unaufhörlich mit phantasievollen Sprachbildern.

Die Welt die JLL in „Paradiso“ erschaffen hat, hinterließ bei mir einen dauerhaften Eindruck und im Laufe der Zeit, übte der Roman eine fast magnetische Anziehungskraft auf mich aus. Nach der Lektüre hatte die Welt für mich etwas von ihrer Schrecklichkeit verloren, denn er machte mir Mut die Welt in ihren Zusammenhängen zu betrachten und schenkte mir die Einsicht, dass das Leben Sinn und Zweck hat. Ein berühmtes Wort von JLL ist: „nur das Schwierige regt an“, und das sollte uns als so etwas wie eine Vorwarnung für „Paradiso“ sein. Doch keine Sorge, dieser klug durchdachte und komplizierte Roman ist es wert sich der Mühe des Lesens zu unterziehen, um über die Fähigkeit des Autors, uns mit Worten staunen zu machen, zu staunen. Man hat JLL oft mit James Joyces verglichen… doch ich glaube, dass der Vergleich hinkt. Während der eine eher darüber schreibt einen kulturellen Kontext abzulehnen, schreibt JLL wie er sie sich die Welt nach seinen Vorstellungen formt. Insofern ist dieses Buch durch und durch lebensbejahend und optimistisch, wobei ich gestehen will, dass mir dieser Satz nach dem ersten Lesen nicht in den Sinn gekommen wäre.

Pessoa

Nachwort: Wenngleich ich sicher nicht kompetent genug bin um das dezidiert beurteilen zu können, hat mich die Beschäftigung mit Sekundärliteratur zum Leben und Werk Jose Lezama Limas, auf die Probleme der Übertragung des spanischen Originals ins Deutsche aufmerksam gemacht. Ich möchte diese Besprechung nicht beendet haben, ohne auf die hoch gelobte Leistung des Übersetzers Curt Meyer-Clason hingewiesen zu haben.

Paradiso

José Lezama Lima

650 Seiten – Gebundenes Buch

Verlag Suhrkamp, von 1979
ISBN: 3-5180-3539-8

21,89 €

Paradiso

José Lezama Lima

647 Seiten – Taschenbuch – –

Verlag Suhrkamp, von 1997
ISBN: 3-5183-9208-5

12,50 €