José Saramago „Das Evangelium nach Jesus Christus“

Am Anfang war das Wort… so beginnt die Schöpfungsgeschichte in der Bibel. Für die Menschen, die sich einen Gott basteln wollen, ist es der Beleg, dass das ganze Universum allein durch das gesprochene Wort eine allmächtigen Gottes entstanden ist. Nun könnte die Bibel, wie übrigens andere sogenannte heilige Bücher auch, nichts weiter als ein Kompendium des, in der Zeit ihrer Entstehung vorhandenen, Wissens sein, oder ein Text, der gewissermaßen die gesellschaftlichen Regelwerke der damaligen Menschen zusammen fasst, um den damaligen Common Sense zu beschreiben.

Gehen wir einmal davon aus, dass es sich bei der Bibel nicht um ein HEILIGES Buch handelt, sondern um eben dieses Kompendium. Dann könnte der Autor mit dem ersten Satz der Genesis das gemeint haben, was moderne Philosophen erst wieder entdecken mussten: Die Welt besteht aus dem, was wir uns erklären können. Erklärungen sind Worte… somit wäre die Welt für uns Menschen mit unserer Wahrnehmung, mit unseren Vorstellungen davon und unserer Vernunft erst entstanden, respektive in unser Bewusstsein gerückt. Gott wäre dann lediglich als Begriff für einen Prozess in der Natur erfunden worden, der dem damaligen Wissen noch nicht zugänglich, erklärbar war, wofür aber ein Wort gefunden werden musste; so wie man für eine vierbeinige Sitzgelegenheit das Wort Stuhl erfand.

José Saramago – 1922 in einem Dorf in der portugiesischen Provinz Alentejo geboren, entstammt einer Landarbeiterfamilie. Nach dem Besuch des Gymnasiums arbeitete er als Maschinenschlosser, technischer Zeichner und Angestellter. Später war er Mitarbeiter eines Verlages und Journalist bei verschiedenen Zeitungen. Ab 1966 widmete er sich verstärkt der Schriftstellerei. Heute gehört der Romancier, Lyriker Dramatiker und Essayist nicht nur zu den bedeutendsten Autoren seines Landes, sondern, mit der Verleihung des Nobelpreises für Literatur 1998, auch zu den Schriftstellern der Weltliteratur. Außerdem ist er wegen seiner „bekennenden Erklärung seiner Abstammung und Haltung“ eine „Instanz der kleinen Leute“ in Portugal geworden – die Achtung, die man ihm in seinem Land entgegen bringt, sucht hierzulande (und anderswo sicher auch) seines Gleichen; das Wort Elfenbeinturm scheint ihm unbekannt.

Saramago wird möglicherweise einen ganz ähnlichen Gedanken, wie ich ihn oben formulierte, als Idee für sein „Evangelium“ gehabt haben. Der Autor verfuhr in der Komposition seines Romans nach einem für ihn typischen Muster: Er übernimmt eine geschichtlich gesicherte oder, wie in diesem Fall, durch Überlieferung tradierte Tatsache an ihrem Anfang und Ende als gegeben an und erzählt den Ablauf, von diesem Anfang bis hin zu diesem Ende, neu. Das ist sicher nicht verwerflich, denn die kirchlichen Interpreten der Überlieferungen nahmen über die Jahrhunderte hinweg ja auch die sogenannte Frohe Botschaft auf, bogen sie sich ihren Interessen gemäß zurecht, bis sie es schließlich geschafft hatten, dass die wirkliche Geschichte (sollte sie sich im Kern tatsächlich ereignet haben) hinter tausend frommen Dogmen verschwand; wobei natürlich noch zu fragen bleibt, was eine wirkliche Geschichte eigentlich ist und ob Geschichten nicht nur die beschränkte Wahrnehmung eines Erzählers wiederspiegeln können.

Am Anfang seines Buches nahm er es als Gewissheit: Jesus hatte sich als Gottessohn offenbart. In den Evangelien berichten seine Jünger von ihm und seinem Leben – von ihm selbst geschrieben ist kein Wort überliefert. Nun aber lässt José Saramago Jesus selbst zu Wort kommen. Jesus erzählt über sein Leben, seine Haltung als Mensch unter Menschen, seine Gier nach Leben. Neugierig, sinnenfroh und genießerisch, manchmal eben auch ängstlich und unsicher, nimmt er seinen Lebensweg unter die Füße, die feste Bodenhaftung haben, nicht schon überirdisch sind. Also in dem Saramago neue Worte findet, entsteht eine neue Welt.

Also die Heilandsgeschichte ist bekannt… Maria und Josef, der Heilige Geist, die Volkszählung der römischen Besatzer, der Stall zu Bethlehem etc. Der Roman erzählt diese Geschichte auch, aber liefert sie uns eben nicht religiös verbrämt, sondern sozusagen aus der Sicht der Betroffenen, als erzählten sie aus dem Alltag. Dann verändert Saramago unmerklich die Perspektive, verlässt die von den Jüngern nachträglich erzählte Geschichte und Jesus kommt zu Wort.

Jesus fragt sich seit seiner Kindheit in seinen düsteren Träumen – von Schuldgefühlen gequält: Wie viele Neugeborene König Herodes wohl seinetwegen hat umbringen lassen? Auf der Suche nach Antworten, auf der Suche nach dem, was ihm seine Eltern nicht sagen können oder verschweigen, verlässt er als einfacher Tischlerlehrling sein Elternhaus, dient bei Bethlehem vier Jahre lang einem Hirten (später wird er heraus finden, dass es sich beim Hirten um den Teufel handelte, der ihn im Auftrag Gottes erziehen sollte), lebt unter Fischern am See Genezareth. Immer wieder tauchen in der Geschichte Versatzstücke auf, die wir schon aus dem Neuen Testament kennen. So verfolgte Jesus ein verlorenes Lamm in die Wüste… und begegnet einem Omen. Aus einer Rauchsäule heraus wird ihm verkündet: „Du wirst Macht und Ruhm erlangen“. Aber was hat das zu bedeuten hat, wird ihm nicht offenbart. Mit fünfundzwanzig erfährt er endlich den Grund für seine quälende Unrast: Sein bisheriges Leben war eine Prüfung, denn er war von Gott ausgewählt. Und nun hat er sogar die Möglichkeit, sich – während einer rätselhaften Konferenz auf dem See Genezareth… im Beisein des Teufels! – mit Gottvater über seine zukünftigen Erlöserwerke zu unterhalten.

Aber wie wir alle ist auch Jesus in seiner Persönlichkeit das Produkt seiner (irdischen) Erfahrungen, die er reichlich hat sammeln können… das Leben in der damaligen Zeit war hart und gefahrvoll; zumal sein Vater (bzw. der, den er all die Jahre dafür gehalten hat – Josef) die Rebellion gegen die Römer unterstützt und als Freiheitskämpfer am Kreuz starb. Er stellt also seinem göttlichen Vater schroffe und naheliegende Fragen: Ist seine (nicht nur platonische, sondern lustvolle, sinnliche) Liebe zu Maria Magdalena, der ehemaligen Hure, die nun sein Frau ist, wirklich verwerflich? Warum kann er überhaupt Wunder vollbringen und zu was sind sie nütze? Und warum schlägt Gott die Versöhnung mit dem Teufel aus, die ohne weiteres während der Unterhaltung möglich gewesen wäre? Wie ist das lange, alphabetisch geordnete Verzeichnis der Todesarten für Märtyrer (die ja erst noch, wie ihm von Gott offenbart wird, zukünftig mit Bezug auf Jesus sterben sollten), wie ist die Liste von grausamen Foltermethoden der Inquisition (die ebenfalls zukünftig in Jesus´ Namen wirken wird) mit der Lehre von der christlichen Nächstenliebe vereinbar? Warum schließlich zieht Gott nicht selber aus, um dafür zu sorgen, dass die Menschen an ihn und nicht an andere Götter glaubten?

Hier gebärdet sich der liebevolle Vater zum ersten mal als HERR. Er verstrickt sich bei seinen Antwortversuchen in unauflösbare Widersprüche – oder hat einfach keine Antworten. Wir erkennen langsam einen Plan hinter all den Rätseln, Wundern, Konfusionen. In der Konkurrenz mit anderen Göttern dieser Zeit, hat der hier wirkende Gott nichts zu bestellen; zu klein ist das Volk das an ihn glaubt und nur Glaube macht Götter. Andere Götter sind viel mächtiger als er – weil viel mehr Menschen an sie glauben. Das soll sich ändern! Hinter dem irrationalen und konfusen Plan Gottes, in dem die Menschen sozusagen einerseits das Objekt göttlicher Begierde, andererseits aber auch durch Verzicht auf irdischen Glück die Rechnung zu zahlen haben, steckt nichts als despotischer, gänzlich unchristlicher Hunger nach Macht. Und dafür, so meint Jesus mutig und mit lebensbejahendem Instinkt, lohne es nicht, am Kreuz zu sterben.

Saramago bringt es fertig, den bekannten Ereignissen (oder zumindest den Erzählungen von sog. Ereignissen) immer wieder überraschende, phantasievolle Wendungen zu geben und dabei stets glaubwürdig zu bleiben; besser gesagt, genauso glaubwürdig zu sein, wie die Evangelisten selbst. Sein Roman wurde skandalös genannt… Um wie viel skandalöser muss man dann eine Bibel nennen, die von Unmenschlichkeiten nur so strotzt? Er rüttele an den Fundamenten unserer Kultur und stelle mit beeindruckender Radikalität Geschichte, Religion und Legende in Frage, sagte man ihm nach. Nun ja, das tut er… aber kann es denn schaden? Wenn doch alles so richtig ist wie es ist, besteht doch keine Gefahr für die Kultur, die Religion, die Geschichte… und wenn es nicht richtig sein sollte und wir tausend Jahre einem Irrtum nach rannten, so wird uns dieses Rütteln doch enttäuschen… von einer Täuschung befreien. Es kann natürlich nicht verwundern, dass Saramago mit diesem Roman nach seinem Erscheinen in Portugal und anderen katholischen Ländern, heftigste Debatten über die Rolle der Kirche im Staat auslöste, ihm von einem portugiesischen Bischof sogar mit Exkommunikation gedroht wurde.

Die Zeitschrift Latras schrieb: „Das Evangelium nach Jesus Christus“ hat alles, was man von einem großen Roman erwartet: eine in höchstem Masse spannende Handlung, packende Dialoge, Ironie, Tiefe, Subtilität. Saramago wagt sich auf heikles Terrain, und dabei ist sein Jesus Christus menschlicher und christlicher, als er jemals zuvor dargestellt wurde.“ Und ich füge hinzu „und das von einem bekennenden Sozialisten, der Saramago immer war. Seit fast vierzig Jahren lese ich Bücher… meine Bibliothek ist umfangreich – aber selten hat mich ein Buch so berührt, so geärgert, so froh gemacht, so angerührt, so abgeschreckt… José Saramago hat uns in diesem Werk ein überwältigendes Geschenk gemacht, das, so albern es sich anhören mag, seinen Platz nicht in meinem Bücherregal hat, sondern Nacht für Nacht auf meinem Nachttisch ruht.

Wilfried John

Das Evangelium nach Jesus Christus.
Jose Saramago
510 Seiten – gebunden
Verlag Rowohlt von 1997
ISBN: 3-498-06281-6
22,90 DM

Auch als Taschenbuch:
Rowohlt Taschenbuch von 1997
ISBN: 3-499-22306-6
19,90 DM