Jose Saramago „Das Memorial“

Hohe Literatur muss nicht langweilig sein
Die katholische Amtskirche ist ein Fall für sich… In der klerikalen Hierarchie, ab einer gewissen Ebene, ist man offensichtlich so dermaßen der Welt entrückt, dass man dort die Welt nicht mehr zu verstehen scheint. Anders sind gewisse Äußerungen und Handlungen der Kirchenoberen (um nicht zu sagen der Kirchenobristen…) nicht mehr zu erklären. Natürlich meine ich nicht mich in Fragen der katholischen Lehre einmischen zu können, dazu fehlt mir selbst der tiefere Einblick in die gedanklichen Muster, welche dieser Lehre zu Grunde liegen. Ich meine vielmehr jene Seltsamkeiten, die einer Verleugnung der Realität gleich kommen… z.B. die jüngsten Berufsverbote für katholische Priester, die mit evangelischen Pfarrern gemeinsam Messen zelebrierten… oder die Mahnung, Mädchen nicht mehr als Messdienerinnen einzusetzen.

Hier scheint sich ein rückwärts gewandtes kirchliches Establishment im Vatikan häuslich eingerichtet zu haben und über den Kopf eines kranken Papstes hinweg ihr eigenes Süppchen zu kochen. Nicht dass ich diesen Papst für einen fortschrittlichen Mann halte… aber er ist auch nicht gänzlich das Gegenteil von fortschrittlich. Seine Bemühungen um die Aussöhnung der Weltreligionen und religionsübergreifende Debatten um grundsätzliche Fragen der Zeit sind beachtenswert und könnten zu einem echten Fortschritt im Verhältnis von Völkern untereinander bewirken. Aber statt den Prozess auch z.B. der Ökumene weiter zu gestalten, wird er gnadenlos abgewürgt… und so entsteht der Eindruck, dunkle Mächte seien da am Werk und es beginnt so langsam etwas wie Legendenbildung. Zum Thema liegt eine Vielzahl von Büchern vor.

Da ich gerade im Zusammenhang mit Büchern bei dem Begriff der Legende angekommen bin: Manche Bücher werden schon kurz nach ihrem Erscheinen zur Legende und mit diesen Büchern natürlich auch ihre AutorInnen. Allerdings kommt es hin und wieder vor, dass sich der eine oder die andere aus der schreibenden Zunft vehement dagegen wehrt zur Legende zu werden. Nicht vermeiden können die KünstlerInnen allerdings, dass man ihre Werke z.B. in die Schublade Nationale Literatur einsortiert… auch wenn sie in dieser Schublade ihr Dasein neben anderen, manchmal unsäglichen Büchern fristen, welche ein anderer Zeitgeist, mindestens aber ein anderer Geschmack, vormals schon dort einsortierte. Manchmal kommt es aber auch vor, dass sich ein Künstler UND sein Werk par tout nicht schubladisieren lassen wollen… manchmal, selten, verleiht man jenen einen Nobelpreis für Literatur.

José Saramago (JS) ist ein solcher Nobelpreisträger – 1922 in einem Dorf in der portugiesischen Provinz Alentejo geboren, entstammt er einer Landarbeiterfamilie. Nach dem Besuch des Gymnasiums arbeitete er als Maschinenschlosser, technischer Zeichner und Angestellter. Später war er Mitarbeiter eines Verlages und Journalist bei verschiedenen Zeitungen. Ab 1966 widmete er sich verstärkt der Schriftstellerei. Heute gehört der Romancier, Lyriker Dramatiker und Essayist nicht nur zu den bedeutendsten Autoren seines Landes, sondern, mit der Verleihung des Nobelpreises für Literatur 1998, auch zu den Schriftstellern der Weltliteratur. Außerdem ist er wegen seiner „bekennenden Erklärung seiner Abstammung und Haltung“ eine „Instanz der kleinen Leute“ in Portugal geworden – die Achtung, die man ihm in seinem Land entgegen bringt, sucht hierzulande (und anderswo sicher auch) seines Gleichen; das Wort Elfenbeinturm scheint ihm unbekannt… ebenso unbekannt wie Angepasst-Sein… ebenso unbekannt wie Sich-Vor-Irgend-Einen-Karren-Spannen-Lassen – sicherster Beweis dafür, sind seine Aussagen zu den Terroranschlägen in den USA, an denen er den USA selbst eine nicht geringe Mitverantwortung gibt, da sie selbst die Brut erst züchteten…

“Das Memorial” ist ein Roman von JS (in Portugal erschienen 1982, bei uns dann 1986 in einer vorzüglichen Übersetzung von Andreas Klotsch), bei dem es sich, wie anfangs beschrieben, um ein Stück National Literatur handelt – allerdings ein Stück Literatur, das gleichermaßen Weltliteratur und Literatur für die einfachen Leute ist, weil das Buch weder national noch elitär ausgeschlachtet werden kann. Es erzählt Geschichte in einer wundervollen und so subversiven Art, dass es sich sozusagen wie von selbst gegen alle Vereinnahmungsversuche sträubt… die Mächtigen sehen das Buch nicht gerne, können aber nichts machen, da das Volk es liebt… der Klerus würde das Buch am liebsten verbrennen, kann aber auch nichts machen, da sich ihre eigene Geschichte auch nicht bis in alle Ewigkeit verschweigen lässt… die Wissenschaft würde es am liebsten übersehen, kann aber nicht daran vorbei schauen, da sie in ihren Anfängen (und bis auf den heutigen Tag) eben wie beschrieben hin und wieder irrte… Einzig das Volk wird das Buch nie mehr missen wollen, weil es ihm all die Achtung entgegen bringt, die ihm gebührt.

Dreh- und Angelpunkt des Romans ist die Geschichte des Baus eines gigantischen Konvents in Mafra, einem kleinen Dorf in der Nähe Lissabons, im Portugal des frühen 18. Jahrhunderts. Aber „Das Memorial“ ist kein historischer Roman im üblichen Sinne, der sich lediglich auf die literarisch aufbereitete Rekonstruktion und Nacherzählung von geschichtlichen Ereignissen beschränkt. Vielmehr betrachtet es ein geschichtliches Ereignis gleichsam von allen Seiten… wie man etwa einen Kristall betrachtet, den unsere Hand, ihn in die Strahlen der Sonne haltend, vor unseren Augen dreht und wendet. Perspektivenwechsel ist dann auch das passende Wort, mit dem ich die Art des Erzählens beschreiben möchte, die JS einzigartig meisterhaft, künstlerisch vollendet pflegt.

JS ist sich bewusst, dass wir stets nur aus der Vergangenheit lernen können, ja lernen müssen, und es somit erforderlich ist, diese Vergangenheit daraufhin zu untersuchen wie sie denn nun wirklich war… Schon fast Allgemeingut, wird ihm wird ebenso bekannt sein, dass die offizielle Geschichte immer die Geschichte der Sieger ist und er entschied sich einmal mehr zu einem respektlosen Umgang mit dem Vergangenem, was angesichts der portugiesischen Eigenart vergangene Pracht zu verehren, gewagt scheint… aber in dem er dies Vergangene auf dessen mögliche Bedeutung für Gegenwart und Zukunft erkundet, und das vor dem Hintergrund des Existenzkampfes der kleinen Leute, bietet er den Menschen Ersatz für „verlorenen“ Glorienschein der Geschichte.

Im Jahre 1711 n.Chr. – das portugiesische Königspaar João V. und Donna Maria Ana ist, trotz aller Anstrengungen seiner- und auch ihrerseits, bislang kinderlos geblieben… und der Franziskanerorden ist, trotz aller Bemühungen und Machenschaften über hundert und mehr Jahre hinweg, immer noch ohne eigenen Konvent. Da verspricht ein Franziskanermönch für den Fall Nachkommenschaft, wenn der König seinerseits verspricht, einen Konvent bauen zu lassen… Und siehe da, das Wunder geschieht, die Königin bekommt ein Kind. Ob dies Wunder nun in die lange Reihe von Wundern einzureihen ist, die der Erzähler leicht lästerlich in den Erzählablauf einfügt, oder ob der Mönch lediglich ein ihm durch die Beichte der Königin zugegangenes Wissen um ihre Schwangerschaft ausplaudert und zu seinem Vorteil nutzt bleibt offen… Kurzum, der König gab sein Versprechen und hielt es dann auch; nicht gänzlich ohne Eigennutz seinerseits, ist doch der Bau auch Beleg für seine Gottgefälligkeit und Macht.

Den Beschreibungen dieser Machenschaften der Welt des Königshofes und des Klerus, wird von JS dann aber auch die Wirklichkeit des einfachen Volkes gegenübergestellt. Das Volk zur damaligen Zeit lebte völlig anders… eingezwängt in weltlichen und kirchlichen Konventionen, fristeten die Menschen ein meist kümmerliches, karges Leben und mussten als Bauern, Soldaten oder Fronarbeiter den Mächtigen stets zu Willen oder Diensten sein. Meist trugen diese Menschen nichts weiter als die eigne Haut zu Markte… und dumm gehalten, durchschauten sie dennoch, die heuchlerische Welt der Mächtigen… suchten sich Nischen und lebten ihr eigenes Leben – allerdings immer unter dem Risiko der Entdeckung und Bestrafung durch Inquisition und Staat; was in jener Zeit auf das Selbe hinaus lief.

So berichtet uns der Chronist auch, sehr anschaulich beschrieben, von Straßenprozessionen, von Bräuchen und Autodafés, denen beizuwohnen, Anteil an ihnen zu nehmen, dem Volk Pflicht zwar war, der sie aber, sozusagen subversiv, auch ihre eigene Seite abgewannen und ihrer Lust ganz unchristlichen Lauf ließen; ganz exemplarisch wird gezeigt, wie unter jeder Unterdrückung insgeheim auch eine Gegenwelt blüht und die Mächtigen sich ihrer Macht nie sicher sein können.

Hauptpersonen im Roman sind eindeutig nicht die Mächtigen, nicht die Klerikalen, sondern die 19jährige Blimunda und der ehemalige Soldat Baltasar, der in seinem letzten Gefecht eine Hand verloren hat. Sie lernen sich am Rande eines Autodafés kennen, in dessen Verlauf Blimundas Mutter als Hexe verbrannt wird, und verlieben sich ineinander. Später wird das Paar auf einen jungen Pater namens Bartolomeu treffen, der sie ohne die übliche Dogmenstrenge gewähren und für sich arbeiten lässt. Und hier zeichnet sich erneut ein Perspektivenwechsel ab, denn neben der Darstellung des öffentlichen Lebens und des klerikalen Baus, wird hier vom Bau einer Flugmaschine erzählt, die als „Passarola“ ebenso historisch verbrieft ist wie der Bau des Klosters, aber in der offiziellen Geschichtsschreibung ihren Niederschlage eben nicht fand. So stellt JS dieser Art offizieller Geschichtsschreibung die seine gegenüber… und in all der Menschlichkeit die hier zum Ausdruck kommt, klingt sie allemal glaubhafter; auch wenn der Bau zu Mafra auch heute noch existiert, die Maschine aber vielleicht nur eine vage Idee war. Aber sind nicht die Ideen dauerhafter als Stein?

Im „Memorial“ verbindet sich so Geschichte und Phantasie in einer Art und Weise, die an den „Magischen Realismus“ des lateinamerikanischen Romans erinnert. Und JS nimmt auch Anleihen… Domenico Scarlatti, eine weitere Figur im „Memorial“, ist schon in Alejo Carpentiers (den ich hier auch schon beschrieb) Buch „Barock-Konzert“ aufgetreten und symbolisiert auch in Saramagos Roman als Figur den Akt des Erzählens, als „epischen Gesang“, als Hommage an die Musik. Und genau so liest sich auch dies Buch… wie eine Partitur. Man sollte sich das Vergnügen machen und sich hin und wieder selbst daraus vorlesen… oder Menschen größeren Mutes sollten sich vorlesen lassen.

Scarlatti, der Hofkapellmeister des Königs, und Pater Bartolomeu freunden sich an. In ihren Gesprächen entlarven sie, gewollte oder unabsichtlich, die Wiedersprüche der herrschenden Meinungen. Und auch wenn die Beschreibungen über die Herbeischaffung des riesigen Steinquaders, der für die Kanzel der Basilika bestimmt ist (die nach Vorgaben eines königlichen Größenwahns aus einem Stück sein sollte), uns noch so grausam das Los Baltasars und seiner Kameraden vor Augen führt, es ist es ein Lesen wie im Rausch. Bis zu 50 000 Arbeiter zwingt João V. unter das Fron-Joch, wobei viele ihr Leben verloren. Die Geschichte dieses Armee namenloser Helden, wird ausschließlich aus der Sicht der Betroffenen erzählt, wobei JS in seinen Beschreibungen der einfachen Familie Baltasars, die der Dynastie des Königs respektlos gleichstellt.

Zum Schluss des Romans befindet sich alles wie in Auflösung… Die Kirche wird nicht rechtzeitig fertig, Pater Bartolomeu, von der Inquisition verfolgt, stirbt geistig umnachtet in Spanien, Scarlatti verlässt den Hof und Baltasar entschwindet (unabsichtlich) mit der Flugmaschine. Blimunda macht sich auf einen neun Jahre währende Suche und findet ihren Baltasar als Verurteilten bei einem Autodafé wieder; so wie einst ihre Mutter, stirbt nun ihr Geliebter, ohne dass sie, der Gefahr für sich selbst wegen, ihre Stimme dagegen erheben kann. Baltarsar wird neben dem Theaterautor António José da Silva („der Jude“ genannt… eine doppelte Mahnung Saramagos, Kunst und Minderheiten zu schützen) brennen, doch Blimunda fängt seine entweichende Seele ein; sie besitzt die Gabe die Seelen der Menschen zu sehen. Nur wenn sie jeden Morgen auf nüchternen Magen ein Stück trocknes Brot isst, kann sie der Last, welche diese Gabe auch darstellt, entgehen…und es gehört zum Köstlichsten des Werkes, die Beschreibungen ihrer Vermeidungsstrategien zu lesen.

In diesem Buch habe ich so viel gefunden und mich gerne dem Autor für unvergessliche Stunden anvertraut. Bei all der Inhaltsschwere hat er es verstanden, mich mit der seltenen Heiterkeit des Ernsthaften um und um zu wenden… wie ich es oben von jenem Kristall sagte… nur, dass ich dabei mich selbst besehen konnte. Er antwortet der Unterdrückung und dem Zwang mit einem Lachen… er spottet der offiziellen Geschichtsschreibung… er verwebt Wahrheit und Lüge zu Fallschlingen für Mächtige… Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verquirlt er einer neuen Ordnung, die jenseits allen Recht und Ordnung-Fanatismus, eine Ordnung des Unvollkommenen propagiert…

JS arbeitet in diesem Werk ganz ungewohnte Perspektiven eines Blickes auf Geschichte und Geschichtsschreibung heraus. Er stellt einer von Mächtigen sozusagen in Auftrag gegebenen Beschreibung der historischen Abläufe, eine emanzipatorische neue Geschichtsschreibung gegenüber. Diese „möglicher Historie“, die durchaus auch in diesem Werk Bezüge zur jüngsten Vergangenheit herstellt (faschistische Diktatur Salazars, Geheimpolizei, Kolonialkriege, Revolution von 1974 und auch die Verstrickungen der portugiesischen katholischen Kirche), sollte beispielgebend auch auf andere geschichtlich relevanten Situationen angewendet werden. Nun, der Roman gehört für mich zweifellos zu den Höhepunkten portugiesischer Erzählkunst im 20. Jahrhundert und die überwältigende internationale Resonanz zeigt, dass ich mit meiner Meinung wohl nicht alleine bin.

Wilfried John

Nachsatz: Auf freundlichen Hinweis hin, ergänze ich den Bericht um eine Begriffserklärung. Das portugiesische Wort Autodafé bedeutet Glaubensakt und steht als Begriff für ein im Mittelalter gebräuchliches öffentliches Hinrichten durch verbrennen. Die Vollstreckung des Urteils der Inquisition erfolgte meist unter „reger Beteiligung“ des Volkes, das seinen Glauben an Gott durch den Anblick brennender Ketzer oder auch ketzerischer Bücher aufrichten und festigen sollte (musste). Was JS damit, in die Gegenwart übertragen, wohl gemeint haben könnte…?

Das Memorial
Jose Saramago
463 Seiten – Gebundenes Buch
Verlag Rowohlt, Reinbek von 1986
ISBN: 3-4980-6180-1
10,17 €

Taschenbuchausgabe
463 Seiten
Verlag Rowohlt TB-V von 1997
ISBN: 3-4992-2303-1
10,17 €