Jose Saramago „Das Zentrum“

Wem gehört der Fortschritt

Pro: Meisterlich erzählter gesellschaftskritischer Roman

Contra: Gewöhnungsbedürftige Sprache



Fortschritt. Der Gedanke, dass es für die Menschheit eine Entwicklung zu immer besserem, freierem, gerechterem und glücklicherem Leben gibt, ist seit dem Altertum von vielen Philosophen, Pädagogen, Parteiführern und Revolutionären betont worden. Damit wurde aber auch versucht – und wird immer wieder versucht – die jeweiligen Anhänger, Parteigänger oder die Bevölkerung zum Ertragen (vorübergehender?) wirtschaftlicher und  gesellschaftlicher Not oder Unterdrückung zu bewegen.

 

In der Neuzeit fand die Hoffnung auf Fortschritt durch die naturwissenschaftlich-technischen Entdeckungen und Erfindungen eine besondere Stütze. Seit der Zeit der Aufklärung, gehört der optimistische Fortschrittsglaube zur politisch-sozialen Weltanschauung des Bürgertums. Gerade unser Jahrhundert gibt Anlass, dieser politischen und gesellschaftlichen Haltung besonders kritisch gegenüberzustehen: Welt- und andere Kriege, Barbarei von Faschismus und Ethnischer Säuberung, Rüstungswettlauf und Hungerflüchtlinge, Kontrollmacht von Staat und Unternehmen.

 

Die Fortschritte in Naturwissenschaft (Physik, Chemie…), Technik (Atom- , Kommunikations- oder Gentechnik) und Medizin (Transplantations-, Reproduktions- oder Intensivmedizin) sind außerordentlich groß. Andererseits sind es gerade diese Entdeckungen, Erfindungen und Entwicklungen, welche die Freiheit und das Leben der Menschen erheblich beeinträchtigen: atomare, chemische, biologische Waffen, radioaktive Umweltvergiftung, Verkehrskollaps und Überwachung, Tierversuche, Menschenversuche, Klonschafe.

 

Für fortschrittliche Entwicklungen im sozialen und politischen Bereich der meisten Gesellschaften bestehen günstige Voraussetzungen, wenn auch konservative Kräfte immer wieder als Hemmnisse auftreten. Die Entwicklung verläuft jedoch nicht zwangsläufig in die Fortschritts-Richtung. Seitdem die Menschheit die Möglichkeit zur Selbstzerstörung besitzt, besteht umso mehr Anlass zur Befürchtung, dass Rückschritte ebenso möglich sind.

 

Fortschritt ist heute zu einem politischen Schlagwort geworden (verkommen?). Verschiedenste Interessengruppen erklären meist Meinungen und Taten, die (ausschließlich ihren eigenen Zielen dienen) schon als Fortschritt und jede Opposition oder Kritik als rückschrittlich. Es ist nicht einfach zu beurteilen, was der Menschheit zu größerer Gerechtigkeit und mehr Wohlstand, zu Chancengleichheit, Freiheit und Glück dient. Im Sinne der Aufklärung, ist jede Theorie und jede Handlung, die behauptet, dem gesellschaftlichen Fortschritt zu dienen, daran zu messen, ob dadurch das Ziel „Steigerung der Selbstbestimmung des Menschen“ erreicht werden kann.

 

Das gilt – und vielleicht darf ich das gerade hier bei Ciao umso dringlicher sagen – besonders für den Bereich des Konsums, den Glücksversprechungen der Shopping-Meilen, den Reizsetzungen durch sog. Schnäppchen… des völlig unkritischen Umgangs mit Ressourcen, welche für unsinnige Produkte verschwendet werden. Dabei ist der Überflusskonsum lediglich ein Symptom für ein System, das die Gesellschaft, und vor allem die Menschen in ihr, für ihr Profitstreben auf eine Kalkulationsgröße reduziert.

 

Der Literatur-Nobelpreisträger José Saramago (JS) beleuchtete in seinen letzten Romanen die Situation des modernen Menschen und schreibt in diesen seinen Romanen düstere Szenen, welche die menschliche Verblendung zum Inhalt haben. Ob in „Alle Namen“ oder in „Die Stadt der Blinden“ prangert er Haltungen an, die man leicht mit geistiger Umnachtung Einzelner oder ganzer Gesellschaften umschreiben könnte. Nach JS ist der moderne Mensch blind wie die Bewohner aus Platons Höhlengleichnis. Und er sagt wörtlich: „Wir lebten niemals tiefer in der Höhle als heutzutage“, und fügte an, dass dieses Schattenreich der schlafenden Vernunft heutzutage die Shopping-Mall geworden sei. Das wird er uns exemplarisch in seinem neuen Roman zeigen, der hierzulande „Das Zentrum“ heißt… im portugiesischen Original von ihm aber (den Bezug zum Höhlengleichnis Platons deutlich machend) „A Caverna“ genannt wurde.

 

Wer ist nun dieser JS, der nicht nur ob des verliehenen Nobelpreises international für Aufsehen gesorgt hat, sondern der vor allem nie ein bequemer Zeitgenosse war und dem sog. Zeitgeist regelmäßig gegen den Stachel löckt: z.B. als er die us-amerikanische Kriegspolitik nach dem 11. September als Unrecht anprangerte? Hier füge ich die, aus einer meiner früheren Besprechung entnommene, Biographie Saramagos ein  –  JS ist Jahrgang 1922 und wurde in einem Dorf in der portugiesischen Provinz Alentejo geboren. Er entstammt einer einfachen Landarbeiterfamilie. Nach dem Besuch des Gymnasiums arbeitete er als Maschinenschlosser, technischer Zeichner und Angestellter. Später war er Mitarbeiter eines Verlages und Journalist bei verschiedenen Zeitungen.

 

Ab 1966 widmete er sich verstärkt der Schriftstellerei. Heute gehört der Romancier, Lyriker Dramatiker und Essayist nicht nur zu den bedeutendsten Autoren seines Landes, sondern, mit der Verleihung des Nobelpreises für Literatur 1998, auch zu den Schriftstellern der Weltliteratur. Außerdem ist er wegen seiner „bekennenden Erklärung seiner Abstammung und Haltung“ eine „Instanz der kleinen Leute“ in Portugal geworden – die Achtung, die man ihm in seinem Land entgegen bringt, sucht hierzulande (und anderswo sicher auch) seines Gleichen; das Wort Elfenbeinturm scheint ihm unbekannt.

 

In seinem letzten Roman „Das Zentrum“ nun, geht es um eben die Frage, welchen Stellenwert die Menschen in diesem System wirklich haben und ob dieses Menschenbild auch das spiegelt, was die Menschen selbst von sich wahrnehmen (können und wollen). Hauptperson ist ein Töpfer namens Cipriano Algor, der – zusammen mit seiner Tochter Marta – in irgendeinem portugiesischen Dorf nahe einer großen Stadt eine kleine Töpferei betreibt. Diese Stadt und die umliegenden Landstriche werden von einem riesenhaften Einkaufszentrum beherrscht. Die Töpferei ist Zulieferer für traditionelles portugiesisches irdenes Geschirr und Das Zentrum ist der einzige Abnehmer – sieht man von Gelegenheitsverkäufen einzelne Menschen im Dorf einmal ab.

 

Eines Tages, einem Freitag dem Dreizehnten, teilt ihm ein Angestellter des Zentrums mit, dass der Liefervertrag gekündigt sei. Doch so leicht will sich der Töpfer nicht mit seinem Los abfinden und überlegt, welches neue Produkt er seinem Fachwissen gemäß herstellen könnte, um nicht seiner Existenzgrundlage beraubt zu sein. Marta und er entwickeln Nippesfiguren, wie man sie in vielen portugiesischen Haushalten finden kann. Das Zentrum bestellt dann tatsächlich eine erste Lieferung, will sich aber nicht dauerhaft festlegen, sondern mittels einer Kundenbefragung den Bedarf erforschen – doch erst einmal müssen sich die Beiden in die Arbeit stürzen.

 

Im Roman allerdings ist das Zentrum mehr als nur ein Einkaufszentrum – für die Beschäftigten ist es auch Wohnanlage, in der man zu wohnen hat, wenn man „etwas werden will“. Des Töpfers Schwiegersohn ist Wachmann im Zentrum und möchte gerne etwas werden. Dazu muss er natürlich von der Töpferei ins Zentrum umziehen… was er, ebenfalls natürlich, ohne seine schwangere Frau nicht möchte. Marta ist in einem Dilemma… sie will bei ihrem Mann sein, aber sie weiß auch, dass ihr Vater ohne ihre Hilfe nicht weiter töpfern kann und die seit Generationen in Familienbesitz betriebene Töpferei für immer aufgeben muss.

 

Cipriano seinerseits will nicht in dieses Zentrum, das immer mehr zu einem Moloch wird. Auch das Argument, dass dort für die Beschäftigten und deren Familien die beste medizinische Versorgung geboten wird (angesichts der Schwangerschaft seiner Tochter kein schwaches Argument), will nicht recht ziehen, da er sich ein Leben in diesem Ungetüm von Bauwerk, ohne Außenfenster, nicht vorstellen kann. Diese Stadt in der Stadt ist ein Konstrukt das Kafka und Orwell in Gemeinschaftsarbeit entworfen haben könnte – es wird alles von einer anonymen Macht gesteuert und lückenlos überwacht. Das Zentrum ist auch eine Parabel auf eine lediglich auf Konsum orientierte Gesellschaft – auf einem gigantischen Plakat auf der fensterlosen Außenwand steht der zynische Satz: „Wir würden Ihnen alles verkaufen, was Sie brauchen, wenn es uns nicht lieber wäre, Sie würden alles brauchen, was wir Ihnen verkaufen können“.

 

Zwei andere Ebenen werden parallel zur Handlungsebene Zentrum erzählt. Das ist zum einen eine wundervolle Liebesgeschichte zweier älterer Menschen, die beide den Verlust ihres Lebensgefährten zu beklagen hatten. Wie zart sind diese Annäherungsversuche, wie stark wirken Konventionen gegen diese Liebe, wie tief unsicher ist der Töpfer dieser Frau gegenüber, wie widerstreitend die Gefühle von einerseits der Verantwortung für die Töpferei, der Tochter, des Schwiegersohns und der Arbeit gegenüber und andererseits des Hingezogenseins zu dieser Frau.

 

Eine weitere Ebene ist die Figur des Hundes – der ihm eines Tages zuläuft, bzw. der auf seinem Weg beschloss bei diesem Töpfer zu bleiben. Diesen Hund habe ich quasi als Fabelwesen gelesen, der sehr viele menschliche Qualitäten auf sich vereinigt und sozusagen als Symbol für die Freiheit steht… aber nicht einer egoistischen, selbstsüchtigen, falschen Freiheit, sondern einer wahren Freiheit, die ohne Gemeinschaft nicht auskommen kann. Auch ist diese Figur ein Vermittler zwischen den Personen der Handlung und somit Zusammenhalt von einem literarisch brillant gestalteten Beziehungsgeflechtes. Außerdem scheint er einen fast metaphorischen Sinn zu haben… als Sinnbild für die Natur selbst, die uns im Grunde wohlgesonnen ist.

 

Für mich ist dieser Roman, der erste übrigens nach der Verleihung des Nobelpreises und der letzte in der Trilogie über den modernen Menschen in der Gesellschaft des 20. Jahrhunderts (die anderen Titel nannte ich schon), ein weiteres Meisterwerk. Alle Erzählstränge werden fast unmerklich zu einem komplexen Ganzen zusammen geführt und vereinigen somit in einer flüssig lesbaren Handlung all das, was den Autor umtreibt: Eine Kritik an einer Zivilisation, die die eigene Zerstörung sehenden Auges in kauf nimmt, eine Kritik an den herrschenden Zuständen, in denen Arbeitsergebnisse lieber vernichtet werden, anstatt der Gesellschaft von Nutzen zu sein, und letztendlich eine Kritik am kapitalistischen System mit seiner alles zu verschlingen scheinenden Globalisierung.

 

Aber das allein würde nicht für meine Einschätzung, dass es sich hier um ein Meisterwerk handelt, reichen. JS ist es ein weiteres Mal gelungen, uns Lesenden eine Tür zu öffnen, auf dass wir mühelos in seine Geschichten eintreten können, dass wir uns mühelos an die Personen der Handlung wenden können und mit ihnen Wünsche und Hoffnungen zu teilen, ebenso wie ihre Zweifel und Ängste quasi am eigenen Leib zu spüren. Diese Figuren sind zutiefst menschlich… was ihren Autor auszeichnet, ohne dass er selbst es fordern würde. Er ist auch als Erzähler in seinem Werk präsent und führt mit detailverliebten Beschreibungen oder Analysen der Handlungen seiner Figuren durch den Roman (was gelegentlich von Kollegen kritisiert wird… ich las auch schon mal in diesem Zusammenhang von Unlesbarkeit dieses Romans – was ich für Unsinn halte).

 

Natürlich ist es etwas gewohnheitsbedürftig JS zu lesen – sein komplexer Erzählstil, sehr wenig wörtliche Rede, lange absatzlose Romansequenzen. Aber wer schon einmal JS gelesen hat wird wissen, dass man sich seinem Erzählen in kurzer Zeit nicht mehr entziehen kann… jene, die JS noch nicht gelesen haben, sollten sich einfach trauen und nicht vor dem Unsinn der Unlesbarkeit abschrecken lassen. In Portugal ist dieser Roman schon in mehreren Auflagen verkauft worden… und selbst einfach Menschen haben mir von diesem Buch erzählt.

 

Für mich war es ein Genuss dieses Buch in der Heimat des Autors zu lesen (vor mir auf dem Tisch irdenes Geschirr… viele Bilder, die mit der alltäglichen Realität in Einklang standen… die Charaktere konnte man auf der Strasse treffen etc.). Aber nicht nur wegen derlei Gründen gefiel mir der Roman… JS ist es gelungen, mir die Gefühle seiner Figuren sinnlich erfahrbar zu machen. Dabei hatte ich nie das Gefühl, diesen Mann dafür bewundern zu müssen. Er verteilt zwar seine Sympathien deutlich erkennbar (was von seiner Biographie her sehr verständlich ist), was aber bei mir nie dazu geführt hat, zu meinen mich auf dieselbe Seite schlagen zu MÜSSEN.

 

Mich faszinierte, dass JS mir nie schablonenhaft oder gar „schwarz/weiß“ kam – nach dem Motto: hier die Guten da die Bösen. Er schilderte mir seine Personen auch in ihren Schwächen, in ihrer Unentschiedenheit, ja sogar in ihren Widersprüchen und überließ es mir, mir ein Bild zu machen. Dabei kommen überraschende Wendungen ebenso zur Geltung, wie vorhersehbare Konsequenzen. Schuldfragen werden nicht gestellt. Zwar bleibt der Erzähler immer skeptisch, aber sein Klassenbewusstsein macht ihn nicht blind. Und die Fäden der Handlung werden zu einem Roman mit viel Tiefe verwoben. Nicht zuletzt deshalb weil ich mich politisch mit JS verbunden fühle und seine Ansichten über den Zustand der Gesellschaft teile, hat mich der Roman tief befriedigt – weil es ihm sehr ernsthaft gelungen ist, dieser Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten.

 

 

Wilfried John

 

 

Das Zentrum

José Saramago

395 Seiten – Gebundenes Buch

Verlag: Rowohlt, Reinbek – aus 2002

ISBN: 3-4980-6351-0

22,90 €

 

auch als

 

400 Seiten – Taschenbuch

Verlag: Rowohlt Tb. – aus 2003
 ISBN: 3-4992-3330-4

9,90 €

 

Nachsatz: Unter der folgenden Adresse ist ein sehr bezeichnendes Interview mit dem Autor zu finden http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/0/0,1872,2001696,00.html