José Saramago „Eine Zeit ohne Tod“

Die Macht der Lebenden, ist die Angst vor dem Tod

 

Jugend. Es gibt Worte, denen wohnt scheinbar ein Zauber inne… und der, je nachdem wer die Worte vernimmt oder denkt, mitunter völlig unterschiedlich wirkt. Eines jener Worte ist eben das Wort Jugend: Denken oder hören es Alte, wirkt ein (mitunter verklärender) Erinnerungszauber; hören es Junge (die denken das Wort eher nicht), wirkt ein (mitunter als Überschätzung daher kommender) Kraftmeierzauber; und denken oder hören es die Menschen zwischen den Alten und den Jungen, wirkt ein (mitunter Angst schürender) Vergänglichkeitszauber. Natürlich könnte es auch Mischungen aus allen genannten Formen, bei den jeweils anderen, nicht von mir in Verbindung gebrachten Menschen geben.

 

Diese Zauberkraft ist nichts Mystisches, schon gar nicht etwas Natürliches (da Worte eben Menschenwerk sind), sondern das ist das Ergebnis einer langen Zeit der Konditionierung unserer Auffassungen. Ganz nüchtern betrachtet, ist die Bezeichnung Jugend nichts anderes als die Bezeichnung eines Lebensabschnitts zwischen der Kindheit und dem Erwachsensein; etwa zwischen 13. und 25. Lebensjahr eines Menschen. Aber eben wegen der angesprochenen Konditionierung unserer Auffassungen, ist die Bezeichnung, hauptsächlich bei Erwachsenen, der Inbegriff von Lebenskraft, Schönheit und Gesundheit. Bemühen wir jedoch noch einmal die nüchterne Betrachtungsweise, dann werden wir schnell feststellen, dass nichts daran völlig richtig ist:

 

Eine statistisch noch lang andauernde Lebenszeit, wird zur Lebenskraft umgewidmet…doch können es Jugendliche an Lebenskraft nicht mit einem Menschen in der Mitte seines Lebens aufnehmen; Schieres Hübschsein wird zur Schönheit umgedeutet… doch kann es in Sachen Schönheit kein junges Mädchen mit einer erwachsenen Frau aufnehmen; Schließlich wird die Abwesenheit von Krankheit zur Gesundheit… doch Gesundheit ist mehr als Abwesenheit von Krankheit (die Weltgesundheitsorganisation der UN definiert Gesundheit als vollständiges Wohlbefinden in körperlicher, seelischer und sozialer Hinsicht – welcher Mensch, wenn nicht ein Erwachsener, könne, wenn überhaupt, damit schon aufwarten?).

 

Trotzdem es keines besonders talentierten Philosophen bedarf, hinter die Begrifflichkeiten zu kommen… die Konditionierung gibt es. Offensichtlich hat sie einen Zweck, denn sonst würde sie nicht schon so lange gut gepflegt und wäre vielleicht gar nicht entstanden. Auch hier wieder lässt sich die Frage nach dem Zweck mit einer Gegenfrage, und der Antwort auf diese Gegenfrage, klären:  Wem nützt das? Nun, viele setzen auf Jugend (also auf Lebenskraft, Schönheit und Gesundheit) – allen voran natürlich die Unternehmen (nicht nur die der Modeindustrie) bis hin zu den Parteien. Nun könnte man anführen, dass dort doch womöglich die Verursacher der Konditionierung sitzen und auch die nüchtere Betrachtungsweise gepflegt wird. Ja, da kann man sie vermuten… aber offenbar sind sie sich selbst auf den Leim gegangen. Diesem Leim liegt die Überzeugung zu Grunde, dass in einer dynamischer gewordenen Welt allein die Jugend in der Lage sei, mit den Anforderungen der Zeit fertig zu werden.

 

Wie jede Medaille, hat auch diese eine zweite Seite… und die ist leider nicht so strahlend blank geputzt und wird auch eher selten hergezeigt. Die (fast) ausschließliche Fokussierung  auf die Jugend und die oben angesprochene Konditionierung, erzeugten, wegen der Übertriebenheit mit der da gewirtschaftet wurde, neben einem gewissen Jugendlichkeitswahn auch Ängste vor dem Älterwerden. Die wachsende Angst vor dem Altwerden ist eigentlich mit nichts zu begründen, dennoch scheint mir, dass mehr und mehr jüngere Menschen (30+) davon befallen sind. Diese Angst setzt sich in Resignation und Fatalismus um und diejenigen die davon befallen sind, glauben die altersbedingten Veränderungen an sich selbst nicht akzeptieren zu können und, dass ihr Wissen und ihre Lebenserfahrung weniger gefragt sind; und das gilt beileibe nicht nur für die Berufswelt, sondern auch generell für die Gesellschaft, in der normative Verhaltensweisen sehr schnell als altmodisch und für das Fortkommen hinderlich abgetan werden. Oder diese Angst setzt sich in krampfhaftes Klammern an die Attribute der Jugend um, denen Ältere – mit allen Mitteln – nachjagen.

 

Das wird zusätzlich durch eine Vielzahl einschlägiger Medien der Bewusstseinsindustrie vertieft, die via Werbung und entsprechende Berichterstattung (z.B. die Lügenstatistiken der Demographiedebatte) das Gefühl vermitteln, dass ihre Sehnsüchte oder Begierden nichts zählen. Das ist nicht nur eine völlig falsche und zynische Einstufung, sondern auch eine durch nichts zu rechtfertigende Herabsetzung – welche das Ich des einzelnen Individuums anfrisst  und den Zusammenhalt zwischen den Generationen zerstört; das ist eine der Absichten, die dahinter stehen. Uns wird z.B. suggeriert, dass das Rentensystem unbezahlbar sei und, dass es de facto nötig wäre den Generationenvertrag aufzukündigen. Bei Lichte gesehen jedoch stellt sich heraus, dass dem nicht zu sein bräuchte, würden sich die Unternehmen ihrer sozialen Verantwortung nicht entziehen und statt gebetmühlenartig das Lohnnebenkosten-Argument herbeten, etwas weniger auf den Profit schielten und sich an den Kosten beteiligten.

 

Man hat eine Ego-Gesellschaft geschaffen, in der Konkurrenz miteinander und Neid aufeinander alltäglich geworden sind und Solidarität auf der Strecke bleibt. In sehr kurzer Zeit wird sich zeigen müssen, ob unsere Gesellschaft zu einem ausgeglichenen Verhältnis der Generationen zurückfindet. Es macht aber keinen Sinn, dass Ältere den Jüngeren (oder umgekehrt) die Schuld für die Zustände in die Schuhe schieben… so wird doch nur die Entsolidarisierung aufrecht gehalten. Zur Lösung gehören einerseits natürlich Verständnis der Älteren für die Lebensplanung der jüngeren Generation ebenso, wie Verantwortung der Jungen für den Lebensabend der Älteren, andererseits aber auch eine Änderung der Politik in dem Sinne, solidarische Rahmenbedingungen dafür wieder herzustellen und den Generationenvertrag zu erneuern. Wir sollten mal gut Acht geben, wer in diesem Sinne im nächsten Jahr zur Bundestagswahl antritt… und denen dann – ungeachtet vielleicht althergebrachten Wahlverhaltens – die Stimmen geben. Wenn das nicht auf einen akzeptablen Nenner gebracht wird, dann stehen uns noch Konflikte erheblichen Ausmaßes bevor.

 

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Vielleicht wird man sich fragen, was Anlass respektive auslösendes Moment für eine solche Einleitung gewesen sein mag. Nun, es waren die zwei einleitenden Zitate, die Jose Saramago (kurz JS) seinem neuen Roman „Eine Zeit ohne Tod“ voran gestellt hat. JS zitiert zunächst aus der Bibel: „Wir werden bald immer weniger wissen, was ein Mensch ist“, bevor er mit Wittgensteins Worten „Denk z.B. mehr an den Tod – es wäre doch sonderbar, wenn Du nicht dadurch neue Vorstellungen, neue Gebiete der Sprache, kennen lernen solltest“ das Fenster der Imagination weit, weit aufstieß… 1998 begründete das Nobelpreis-Komitee die Verleihung des Literatur-Nobelpreises an JS damit, dass der Autor „mit Gleichnissen, getragen von Phantasie, Mitgefühl und Ironie, ständig aufs Neue eine entfliehende Wirklichkeit greifbar“ mache; und so schien mir eine solche Einleitung angemessen.

 

JS ist hierzulande der wohl bekannteste Schriftsteller seines Landes und vor allem mit seinen beiden letzten Werken äußerst erfolgreich gewesen. Mit „Eine Zeit ohne Tod“ setzt er nicht nur seine in „Die Stadt der Blinden“ und „Die Stadt der Sehenden“ (auch hier bei Ciao vorgestellt) begonnenen Gedanken-Experimente mit philosophisch-sozialen Fragen fort, sondern treibt sie sozusagen thematisch auf die Spitze. Aber sowenig die beiden angesprochenen Bücher Fortsetzungsgeschichten beinhalten (auch wenn einige Protagonisten in beiden Titeln vorkommen), ist „Eine Zeit ohne Tod“ nur ein weiteres Buch in dieser Reihe. Es ist ein völlig eigenständiges Werk, das eines Nobelpreisträgers würdig ist und das obendrein nicht vermuten lässt, dass es von einem 86jährigen veröffentlicht wurde; aus diesem Grund möchte ich die Gelegenheit nutzen und diesen außergewöhnlichen Menschen etwas ausführlicher vorstellen (quasi auch würdigen):

 

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JS wurde am 16.11.1922 wurde in Azinhaga, einem unbedeutenden Dorf in der portugiesischen Provinz Ribatejo geboren. Seine Eltern waren Landarbeiter in den Latifundien der Großgrundbesitzer. JS eigentlicher Name wäre heute José de Sousa, hätte nicht der Standesbeamte auf eigene Initiative den Beinamen Saramago, mit dem die Familie seines Vaters im Dorf bekannt war, seinem Namen hinzugefügt. Saramago ist eine wilde Pflanze aus der Familie der Kreuzblütler und diente den Armen in Portugal als Nahrung, ähnlich der wilden Rauke in früheren Zeiten in Deutschland. Erst als JS sieben Jahre alt war und in der Grundschule einen Ausweis vorlegen musste, bemerkte die Familie, dass sein voller Name José de Sousa Saramago lautete; was ein bezeichnendes Schlaglicht sowohl auf die Herkunft als auch auf die herrschenden Verhältnisse wirft.

 

Als JS drei Jahre alt war, trieb die Not seine Familie nach Lissabon, wo sein Vater schließlich als Polizist arbeitete. JS war ein sehr guter Schüler, aber trotz exzellenter Zeugnisse ihres Sohnes, konnte sich seine Familie den weiteren Besuch eines Gymnasiums nicht leisten. Es blieben JS nicht viele Möglichkeiten… und so ging er auf eine technische Fachschule und wurde Mechaniker, um danach zwei Jahre in einer Kfz-Werkstatt zu arbeiten. Während des Besuches der technischen Fachschule kam er zum ersten Mal in Kontakt mit der portugiesischen Literatur. Seine Mutter, so wird berichtet, kaufte dem wissbegierigen Sohn das erste Buch, obwohl sie selbst bis an ihr Lebensende selbst nie lesen lernte. Mehrere Jahre besuchte JS eifrig die öffentlichen Bibliotheken Lissabons, wo er autodidaktische Studien betrieb, die es ihm bald ermöglichten, in Verlagen und für Zeitungen zu arbeiten.

 

Später wurde JS Angestellter bei der portugiesischen Sozialwohlfahrt und heiratete schließlich 1944. In diese Zeit fiel auch der Beginn seines literarischen Schaffens und als 1947 sein einziges Kind, seine Tochter Violante, geboren wurde, veröffentlichte er auch sein erstes Werk (eine Novelle mit Titel Terra do Pecado) uns schrieb eine weitere, die er nicht veröffentlichte. Aber offensichtlich war seine Zeit noch nicht reif und er gab zu Protokoll, dass er damals dachte, er habe „… nichts Lohnendes zu sagen…“ Bis 1966 sollte er bei dieser Meinung bleiben. 1949 wurde JS aus politischen Gründen entlassen; die genauen Umstände sind mir nicht bekannt. Er arbeitete in verschiedenen Jobs, bis er ab 1955 als Übersetzer, wieder mit Literatur in Berührung kam. Ende der 1950er begann er, als Produzent für einen Verlag zu arbeiten, so dass er viele wichtige portugiesische Schriftsteller kennen lernte und sich mit einigen befreundete.

 

1966 schließlich, sollte er literarisch wieder etwas Lohnendes zu sagen haben und veröffentlichte seinen ersten Gedichtband mit dem Titel „Os Poemas Possíveis“ (1970 einen zweiten unter dem Titel „Provavelmente Alegria“); nicht sonderlich erfolgreich zwar, aber ein literarisches Lebenszeichen. Etwa ab 1967 arbeitete er, zusätzlich zu seinem Job im Verlag, als Literaturkritiker; seine gesammelten Kritiken wurden – allerdings nur in Portugal – auch in Buchform veröffentlicht. Ein entscheidendes Datum sollte das Jahre 1969 sein: JS schloss er sich der, damals verbotenen, Kommunistischen Partei Portugals an… Seine Haltung zu den gesellschaftlichen Verhältnissen seiner Heimat, in der faschistisch/klärikale Diktatur herrschte, wurde immer kritischer und JS engagierte sich für die im Untergrund tätige KP bis zur Revolution 1974.

 

Nach der sog. Nelkenrevolution schien Portugal eine kurze Zeit zum Kommunismus zu tendieren. Von April bis November 1975 arbeitete JS als stellvertretender Leiter der Tageszeitung Diário de Nóticias. Nach einer gescheiterten Rebellion kommunistischer Armeeangehöriger ging das bürgerliche Lager als Sieger aus der Revolution hervor; JS verlor seinen Posten. In vielen biographischen Notizen ist davon die rede, dass JS sich JS 1976 entschlossen habe, als freier Schriftsteller zu arbeiten. Sicher, er hat diesen Entschluss gefasst, aber er war auch eine Reaktion auf ein quasi Berufsverbot… was sollte er ohne Hoffnung auf eine Anstellung anderes machen als sich ganz der Literatur zu widmen.

 

1980 hatte JS seinen nationalen Durchbruch mit dem Roman „Hoffnung im Alentejo“ und kurze Zeit später, 1982, erzielte er seinen internationalen Durchbruch wundervollen Roman „Das Memorial“ Der große Erfolg dieser beiden Romane bei der Leserschaft ermöglichte ihm die finanzielle Unabhängigkeit als Schriftsteller… und seine Unabhängigkeit als Querdenker, der nicht ruhte, dem Zeitgeist gegen den Strich zu bürsten und als ungerecht empfundene Zustände zu kritisieren; spektakulär war etwa seine Ablehnung des portugiesischen EG-Beitritts, den das neoliberal eingestellte bürgerliche Lager haben wollte und versuchte mit viel Propaganda bei den Menschen Akzeptanz zu erzeugen. Das blieb nicht ohne Folgen…

 

1991 veröffentlichte JS den Roman „Das Evangelium nach Jesus Christus“. Die katholische Kirche erklärte den Roman für blasphemisch und der damalige Kulturstaatssekretär der konservativen Regierung, strich 1992 den Namen Saramagos von der Liste der Kandidaten für den Europäischen Literaturpreis, was quasi  einer staatlichen Verweigerung der Teilnahme gleichkam. Aus Protest verlegte JS, der mittlerweile mit einer Spanierin verheiratet war, seinen Wohnsitz auf die kanarische Insel Lanzarote. All das konnte JS jedoch nicht von seiner Haltung abbringen, seine gesellschaftskritischen Ansichten ändern oder ihn gar ruhig stellen; er meldet sich regelmäßig auch politisch zu Wort; er kandidierte sogar bei denEuropawahlen 2004 für die Kommunistische Partei Portugals.  JS erhielt viele portugiesische und internationale Literaturpreise, so 1998 den Nobelpreis für Literatur. Er besitzt die Ehrendoktortitel der Universitäten von Turin (Italien), Sevilla(Spanien), Manchester (Großbritannien) und Coimbra (Portugal).

 

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Die Geschichte seines neusten Romans folgt dem Muster seiner beiden vorangegangenen Meisterwerke: In einem nicht näher bezeichneten Land, das sich aber mühelos als Portugal identifizieren lässt, geschieht etwas – oder besser gesagt, geschieht etwas nicht – wofür es kein Beispiel in der Geschichte gibt: Ab dem Neujahrstag 0 Uhr stirbt niemand mehr. Selbst sonst todgeweihte Unfallopfer oder jene Menschen, die noch Silvester 23.59 und 59 Sekunden kurz vor dem Tod standen, verharren im Sterben. Feuerwehrmänner ziehen Sterbende aus brennenden Häusern, doch die atmen einfach weiter, über Tage, Wochen, Monate. Die anderen Mitmenschen in diesem Land dagegen werden euphorisch, weil sie offenbar die Chance auf das ewige Leben sehen. Die Kirchenvertreter fallen aus all den Wolken, die sie über Jahrtausende unter Verwendung von viel Weihrauch selbst produzierten und sind ratlos… sie fürchten, plötzlich den theologischen Kern ihrer Glaubenssätze zu verlieren, denn wo kein Tod, da keine Auferstehung. Die gewerbsmäßig mit dem Tod beschäftigten Handwerker und Dienstleister richten Hilferufe an den Staat, ganz zu schweigen von den Versicherungsunternehmern.

 

Die Regierung ist entschlossen, den sich anbahnenden organisatorischen, rechtlichen und demografischen Problemen zu stellen und reagiert, wie es ihre Art ist: zu Lasten der Menschen. Nach anfänglicher allgemeiner Euphorie, spaltet sich die Gesellschaft: einerseits die Hoffnung, ewig zu leben, andererseits der Schrecken, nie zu sterben. Eines Tages findet der Direktor des nationalen Fernsehens einen Brief auf dem Tisch (der Umschlag ist violett, offenbar von einer Frau beschriftet), von dessen Inhalt er umgehend den Ministerpräsidenten in Kenntnis setzt… der Tod hat sein Wirken, bis auf weiteres, eingestellt.

 

Der ausbleibende Tod hat immense Auswirkungen auf jedwede Infrastruktur… und die Situation wächst sich zu einer Art nationaler Katastrophe aus. Die Ideen der imaginären Regierung kommen einem seltsam bekannt vor… Rückzug aus der sozialen Verantwortung, Propaganda für mehr Eigenverantwortung und Selbsthilfe, Abschieben der Last auf die Menschen. Dann kommen die Leute auf die Idee, ihre halbtoten Verwandten über die Grenze ins Nachbarland zu tragen, wo der Tod noch arbeitet; sie sterben einfach und man nimmt sie anschließend tot mit nach hause zurück. Das wirft die Frage auf, ob das nun Mord oder legale Sterbehilfe ist. Die Nachbarländer betrachten das unheimliche Treiben äußerst skeptisch. Offizielle Verhandlungen auf Regierungsebene scheitern… dunkle Geschäfte blühen.

 

Nach einem Jahr schließlich meldet sich der Tod erneut und teilt brieflich mit, dass ab Neujahr wieder „normal“ gestorben werde. Er erklärt, dass es sich bei der Aktion um eine Art Lektion handelte, die er den Menschen zu erteilen gedachte. Die „kostenlose Probephase“ sei aber nun vorbei. Der Tod räumte ein, dass sein früheres Wirken doch etwas grob gewesen sei… die Art, die Leute so mir nichts dir nichts wegzuraffen, habe er jetzt aufgegeben und informiere künftig jeden Menschen eine Woche vor Ablauf der Lebensfrist, damit sich niemand mehr überrumpelt fühlen muss und Zeit habe, seine Dinge zu ordnen. So wird dann auch verfahren.

 

Ein Mensch aber wird schlicht vergessen – eine banale Unachtsamkeit in der Buchhaltung, die jedoch zu ungeahnten Konsequenzen führt… die uns zum Anfang des Buches zurück bringen; es endet mit dem selben Satz, mit dem es begann.

 

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Wie ich oben schon schrieb, steht das Werk in einer Reihe mit „Die Stadt der Blinden“ und „Die Stadt der Sehenden“. Es steht aber auch generell für die Art Romane, die JS Stil ausmachen: Es sind gedankliche Experimente, mit denen er Möglichkeiten auslotet und die er quasi zu Gleichnissen verarbeitet. Auch in „Eine Zeit ohne Tod“ will uns der Nobelpreisträger etwas lehren, jedoch ist er klug genug uns den erhobenen Zeigefinger zu ersparen. Satt dessen liefert er ein – eines Literatur-Nobelpreisträgers würdiges – literarisches Kabinettstück, das es den Lesenden überlässt, sich die entsprechenden Gedanken zu machen. Diesmal geht es, ganz grob gesagt, um die aktuelle Debatte um das Demographie-Problem.

 

Dabei arbeitet JS mit erprobten Stilmitteln: Eine ins Allgemeingültige gerichtete Parabel, ein durch paradoxe Zuspitzung gewonnener surrealistischer Stoff, knochentrockener Humor gegen Institutionen, entlarvende Dialoge und Spott (JS verspottet für sein Leben gern die weltliche und die geistliche Obrigkeit samt ihren Heilsversprechen). Auch wenn das Rezept erprobt scheint, so kann man für „Eine Zeit ohne Tod“ dennoch und durchaus sagen, dass JS mit diesem Werk einen Roman vorlegt, der über seine letzten Romane stilistisch und im Ausdruck hinausgeht. Es ist zum einen ein Roman wechselnder Perspektiven und zum anderen auch ein mit unterschiedlichen Tonlagen und Klangfarben erzähltes Stück hochklassige Literatur; wie man es natürlich auch von ihm erwarten kann.

 

Die erste Ebene ist sozusagen allgemeiner Natur und mit gebremsten Schaum erzählt; JS sichtet, sozusagen aus der Vogelperspektive, das unüberschaubare Ausmaß seiner Idee, was denn passieren würde, wenn… wie denn, abgeleitet vom derzeitigen politischen Grundlinien, Regierungen reagieren könnten… was wird mit den Menschen. JS scheut sich nicht, aus der souveränen Distanz des genialen Erzählers heraus, auch philosophische Fragen anzusprechen und sich den Antworten zu stellen. Natürlich müssen wir Lesenden uns auf dieses Gedankenexperiment „Eine Zeit ohne Tod“ einlassen wollen, so sehen wir über die weißen Stellen in der Argumentation und der Handlung hinweg. Wir werden aber mit einem Brillantfeuerwerk der Erzählkunst dafür entschädigt.

 

Der allgemeinen sozusagen totalen Ebene folgt die Naheinstellung, der Blick auf das Einzelschicksal. JS versucht in seinen Romanen schon immer diesen Blick. Er kann auf das Einzelschicksal abstellen ohne etwas zu riskierten, weil er in seinem langen Leben gelernt hat was das bedeutet. Dabei geht es weniger um das billige Mittel Mitleid zu erwecken, vielmehr geht es darum zu zeigen, dass man nicht über die großen Lösungen, die Probleme der Kleinen vergessen darf. Das verleiht allen seinen Romanen die Menschlichkeit, um die es diesem Autor geht, der schon so viel Unmenschlichkeit selbst erfahren hat. Aber JS nimmt auf dieser Ebene nicht nur das Einzelschicksal der Menschen in den Blick, sondern er gibt dem Tod eine Identität; der Tod wird zu einer Figur, von der man etwas erzählen kann. Auch die Klangfarbe des Erzählten ändert sich; JS erzählt geradezu herzlich.

Noch auf dieser Ebene, wechselt JS die Perspektive. Mit der Idee, den Tod das Sterben ankündigen zu lassen, verlässt er die aktuellen politischen Themen vollständig und geht ins reine Fabulieren über. Der Tod hat jetzt nichts mehr Erschreckendes, sondern kämpft seinerseits mit den Schrecken der eigenen Bürokratie. Der Tod wird vervielfältig… jedes Land einen eigenen Tod für die einzelnen Menschen, dazu noch einen Tod für die Welten und vielleicht auch einen für das Universum (oder wie viele auch immer). Der hier vorgestellte Tod ist auf einen einfachen Buchhalter des Sterbens reduziert, zur ausführenden Gewalt einer Organisation, die normalerweise zuverlässig tötet; die Unterhaltungen mit seiner Sense, gehören zum Köstlichsten in diesem Buch.

Zum Schluss wandelt sich das Bild des Todes ein weiteres Mal. Der Tod wird sozusagen seines Inkognitos beraubt; aus dem Tod wird die kleine „dame tod“, die eine anziehende Erscheinung ist, jedoch unerkannt bleiben will und die ihre ganz eigenen Sorgen hat. An dieser Stelle kann ich getrost meine Betrachtungen abbrechen… denn weitere Ebenen sind am Ende eines Buches keine mehr zu entdecken und ich will auch niemandem das Vergnügen rauben, sich an diesem Kapitel lesend zu ergötzen.

 

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Für mich ist „Eine Zeit ohne Tod“ einerseits natürlich eines der Großen der Weltliteratur würdig; keine Frage. Andererseits fehlt diesem Roman das Überraschungsmoment eines Buches wie „Die Stadt der Blinden“. Einerseits ist das Werk für mich, ein weiteres in der langen Reihe der JS-Romane; die alle per se lesenswert sind. Andererseits will mir scheinen, hat uns JS mit diesem Buch ein wundervolles Geschenk gemacht; vielleicht sein letztes. Wenn ich schon zu seinem Werk „Memorial“ (auch hier bei Ciao vorgestellt) schrieb, ist das Lesen auch dieses Buch, wie einer jener Kristalle zu betrachten, den unsere Hand, ihn in die Strahlen der Sonne haltend, vor unseren Augen dreht und wendet und der uns alle Farben des Spektrums zeigt… nur, dass ich mich beim Lesen von „Eine Zeit ohne Tod“ selbst dabei mich besehen konnte.

 

Ich las zwar ein memento mori… das aber die Ernsthaftigkeit des Themas spielerisch bricht, das quasi mit dem Sterben versöhnt. Vielleicht hatte JS sich selbst dabei im Blick, vielleicht auch nicht, jedenfalls ist das Haupt-Motiv, der Tod, so vermenschlicht erzählt, dass von ihm kein Schrecken mehr ausgeht. Vielleicht wird auch dieses Werk auf den Index der Kirche gesetzt, nicht weil es blasphemisch an irgend einem Gott zweifelt, sondern deswegen, weil JS dem Tod jenes Unheimlich-Unsichere nimmt, das die Kirche immer schon instrumentalisierte, um auf dem Feuerchen der Angst vor dem Ungewissen, ihr Süppchen zu kochen.

 

Es ist eigentlich überflüssig zu sagen, dass mir des Autors politische Ansichten zur aktuellen Debatte um Überalterung und demographische Probleme, die er selbstverständlich hat einfließen lassen, sehr sympathisch sind, ja auch dem Herzen sprechen. Dennoch sei erwähnt, dass das Werk ein weiteres Mal eine großartig vorgetragene Anklage gegen konservative Ordnungssysteme und falsch verstandene Demokratie ist. Und trotzdem ist es JS einmal mehr gelungen, dass man das seinem Roman nicht auf den ersten Blick anmerkt und ich will mich hüten, ihn kommentierend in diese Richtung zu schicken. JS ist ein zu großer Könner, als dass man seinen Roman so kategorisieren könnte. Aber er ist auch ein leidenschaftlicher  Provokateur und kluger Pädagoge, der mit diesem Buch dem Anti-Aging-Wahn den Kampf ansagt. Wie kaum ein anderer Dichter und Denker stellt sich der Portugiese den existenziellen und existenzbedrohenden Fragen unserer Gesellschaft.

Ich habe bisher alle seine in Deutsch erschienen Romane lesend sehr genossen, doch dieser Roman übertrifft das bisher Gelesene. Diese zwischen den Zeilen aufscheinende Lebenslust, die sich in eine Lust zum Fabulieren übersetzt, diese federleichte und leicht federnde Art des Erzählens, diese Lust am Denken und Ausdenken im Wenden des Erzähl-Kaleidoskops, das zum Nachvollziehen dieser eigentlich absurden Geschichte einlädt, habe ich noch selten lesend erfahren können. Als Schluss der Besprechung nun doch eine Anleihe: Als „tot“ im Haus desjenigen angekommen war, den sie vergessen hatte sterben zu lassen (einem Cellisten), fand sie ein aufgeschlagenes Notenheft, es war die Suite Nummer sechs, Opus tausendzwölf in D-Dur von Johann Sebastian Bach. Sie brauchte nicht Musik studiert zu haben, um zu wissen, dass diese Suite, ebenso wie Beethovens Neunte Symphonie, in der Tonart der Freude, der Einigkeit unter den Menschen, der Freundschaft und Liebe geschrieben war… Mein Eindruck: Das gilt auch für dieses Buch.

 
Wilfried John

 

 

Eine Zeit ohne Tod

Jose Saramago

256 Seiten – Gebundene Ausgabe

Verlag: Rowohlt, Reinbek – Aus Sept. 2007

ISBN: 3-4980-6389-8

19,90 Euro