José Saramago „Geschichte der Belagerung von Lissabon“

Um zu verstehen was in der Welt vorgeht, ist es erforderlich sich um die Geschichte zu kümmern… allerdings muss es nicht immer trocken und staubig dabei zugehen; will sagen, es kann auch Spaß machen, unterhaltsam sein und anregend, wenn man die richtigen Quellen findet, aus denen Geschichte lebendig sprudelt. Ein aktuelles Problem unserer Tage ist das Terror-Thema und die damit verbundenen Randerscheinungen, die sich vor allem an den unterschiedlichen Kulturen festmachen (wollen). Aber was ist das eigentlich unsere Kultur… wichtiger noch, was ist das eigentlich diese ANDERE Kultur? Die Wurzeln unserer Kultur liegen weit in der Vergangenheit… und wenn man es genau betrachtet, liegen die Gründe für die Vorbehalte gegenüber der anderen Kultur, die Rede ist von der islamischen, in der gleichen Vergangenheit… dort wo in der Zeit sich unsere Kultur an der Bekämpfung der anderen Kultur abmühte zu entstehen.

Welche Kultur hätten wir, wenn es kein Abmühen, sondern ein Kooperieren gegeben hätte? Welcher Natur wären unsere heutige Beziehungen zum Islam, wenn nicht die uralte Wunde der Kreuzzüge heute noch schmerzte? Wie wäre die Welt bestellt, wenn man sich gegenseitig geachtet statt bekämpft hätte und sich so eine Kultur der Friedensliebe statt einer Lebensart der Gewaltbereitschaft herausbilden hätte können? Fragen über Fragen… und nun? Antworten hat José Saramago auch nicht, aber er gibt zu denken… er gibt uns Geschichten, in denen das Andere gleichberechtigt neben dem Unseren steht und in denen durch ein Weniges der Verschiebung der erzählten Blickrichtung, quasi wie bei einer leichten, manchmal unbewussten Drehung eines Kaleidoskops, ein anderes Bild zum Vorschein kommt, das uns plötzlich ebenso selbstverständlich scheint, wie das vorherige uns erschienen ist.

Wer ist dieser José Saramago? Ich zitiere mich ausnahmsweise selbst, um ein und dieselbe Biographie nicht ständig neu erfinden zu müssen: 1922 in einem Dorf in der portugiesischen Provinz Alentejo geboren, entstammt Saramago einer Landarbeiterfamilie. Nach dem Besuch des Gymnasiums arbeitete er als Maschinenschlosser, technischer Zeichner und Angestellter. Später war er Mitarbeiter eines Verlages und Journalist bei verschiedenen Zeitungen. Ab 1966 widmete sich José Saramago verstärkt der Schriftstellerei. Heute gehört der Romancier, Lyriker Dramatiker und Essayist nicht nur zu den bedeutendsten Autoren seines Landes, sondern, mit der Verleihung des Nobelpreises für Literatur 1998, auch zu den Schriftstellern der Weltliteratur. Außerdem ist er wegen seiner „bekennenden Erklärung seiner Abstammung und Haltung“ eine „Instanz der kleinen Leute“ in Portugal geworden – die Achtung, die man ihm in seinem Land entgegen bringt, sucht hierzulande (und anderswo sicher auch) seines Gleichen; das Wort Elfenbeinturm scheint ihm unbekannt… ebenso unbekannt wie Angepasst-Sein… ebenso unbekannt wie Sich-Vor-Irgend-Einen-Karren-Spannen-Lassen. – sicherster Beweis dafür, ist seine jüngste Aussage zu den Terroranschlägen in den USA, an denen er den USA selbst eine nicht geringe Mitverantwortung gibt, da sie selbst die Brut erst züchteten…

„Die Geschichte der Belagerung von Lissabon“ ist 1989 in Portugal erschienen und eingeschlagen wie der Blitz… als das Werk 1992 bei uns hier erschienen ist, konnten sich die meisten Menschen hierzulande die Aufgeregtheit der PortugiesInnen nicht erklären. Dabei handelt es sich hier um ein Buch, das einmal mehr offenbart, wie zerbrechlich das ist, was wir so leichtgläubig als unsere unveränderbare Geschichte begreifen, dabei ist das nur eine erzählte Variante einer Vergangenheit, die zwar insgesamt unabänderlich ist, aber auch so komplex, dass verschiedene Geschichten entstehen können, wenn auch nur ein einziges Wörtchen aus zwei Buchstaben anders gesprochen… oder vielleicht auch nur anders verstanden worden wäre. José Saramago ist ein Spezialist für „anders erzählte Geschichte“. Auch in diesem Werk sollte er einmal mehr eine „feststehende historische Begebenheit“ als Grundlage für einen überwältigenden Roman nehmen; eben jene Befreiung Lissabons von den Mauren.

Seine Kunst ist es, nicht nur eine Handlung in dieser Zeit anzusiedeln und sie irgendwie mit dem Geschehnissen in Verbindung zu bringen, sondern sein Kunst ist es zu verdeutlichen, dass die (historische) Geschichte nur eine (erzählte) Geschichte ist, die sich auch ganz anders zugetragen haben könnte; wobei der Ausgangspunkt, sowie das Ende der Saramago-Geschichte immer auch mit den Begebnissen der Historie zusammenfällt – er schreibt also die Geschichte nicht um, sondern erzählt sie anders. Aus der Haltung der Portugiesen zu ihrer Geschichte speiste sich die oben genannte Aufregung… aber auch die Erregung, die entstand, als Saramago diesen anderen Geschichtsentwurf präsentierte und es ist daher für uns kaum zu verstehen, da wir nicht über die Wurzeln verfügen, aus der diese Haltung entstand; Wurzeln, die auch maurische Wurzeln sind. Saramago beschreibt, wie sich die Gegner von einst gegenseitig beeinflussten… wie sie sich aneinander anglichen… wie aus der Gegnerschaft langsam Gemeinsamkeiten erwachsen, wie sie immer entstehen, wenn sich zwei Parteien jahrhundertelang miteinander „beschäftigen“.

Im Jahre 711 begann die maurische Invasion von Afrika her und vertrieb die Westgoten aus dem heutigen Portugal. Damit begannen sieben Jahrhunderte islamischer Herrschaft. In Córdoba/Spanien und Silves im Algarve (der Name kommt aus dem Arabischen Al Garp = der Westen) bildeten sich wissenschaftliche und kulturelle Zentren der Mauren. Die maurische Kultur brachte bedeutende Wissenschaftler, Philosophen und Schriftsteller hervor, während der christliche Norden in kleine Königreiche unterteilt war und unter der Barbarei der Inquisition und ähnlichem litt. Die hervorragenden Bewässerungssysteme der Mauren machten aus dem trockenen Land eine Gartenlandschaft, die noch heute besteht. Die Mauren bauten die alten römischen Städte im arabischen Stil wieder auf, mit anmutigen Palästen und riesigen Moscheen. Die Metallbearbeitung, die Seiden- und Lederwaren waren genauso gut wie die orientalischen Originale. Schlussendlich beruhen die Grundlagen des späteren portugiesischen Weltreichs auf den mathematischen, nautischen und technischen Erkenntnissen der Mauren, die immer frei, nie von christlichen Dogmen behindert, forschen und lehren konnten – der berühmte Heinrich, genannt der Seefahrer, lauschte ihnen ihre Geheimnisse ab. Somit sind die Errungenschaften der europäischen Kultur – und damit die der gesamten westlichen Welt – islamischen, maurischen Ursprungs; das sollte uns zu denken geben.

Saramagos Protagonist im Roman „Die Geschichte der Belagerung von Lissabon“ ist Raimundo Silva… von ihm wird die Geschichte verbogen. Raimundo ist Lektor in einem Lissaboner Verlag und macht seinen Job äußerst gewissenhaft und genau.. Dabei ist er aber auch ein leidenschaftlicher, sozusagen von seiner Aufgabe erfüllter Mensch. Dieser Mensch bekommt nun den Auftrage, ein Buch über die Belagerung des maurischen Lissabon durch das Heer des portugiesischen Königs und die darauf folgende „Befreiung“ der Stadt, zu korrigieren. Offensichtlich langweilt es den guten Raimundo, immer und immer wieder Bücher bearbeiten zu müssen, die nie etwas Neues erzählen, die immer und immer wieder, ein und die selbe Geschichte verkünden und plötzlich interessierte es Raimundo nicht mehr Orthographie und Gramatik zu prüfen, sondern seine Gedanken schweiften ab…

Je länger er über diesem Buch sitzt, je ausführlicher er sich mit Nachschlagewerken oder Lexika beschäftigt, je tiefer er also in eine stumm gewordene Geschichte eindringt, desto lebendiger scheint die Geschichte in den Strassen, auf den Plätzen, an den Mauern und Türmen der Stadt, in der er lebt und zuhause ist, zu werden – Lissabon. Raimundos Wanderungen in seiner Stadt sind eine Reise in eine ferne Vergangenheit… und es ist eine Lust mit ihm über die Straßen und Plätze, zur alten königlichen Burg oder an der Stadtmauer entlang zu wandern (so ist der Roman auch ein Stadtführer der ganz besonderen Art). Er bemerkt die Abwesenheit von Geschichte… wenn er vergeblich die Moschee sucht, die es in einem maurischen Lissabon gegeben haben muss (auf ihren Fundamenten wurde die Kathedrale errichtet). Er beginnt sich zu fragen, wie man wohl am Beginn des 12. Jahrhundert in Lissabon gelebt hat… und von einer bis dahin selbst nicht gekannten Einbildungskraft getrieben, begeht Raimundo das Kardinal-Delikt der Lektoren: Er verändert den Sinn des ihm zur Korrektur vorgelegten Textes.

Während eben der König 1147 Lissabon belagerte, ging in der Tejo-Mündung eine Flotte vor Anker, welche ein Kreuzfahrerheer nach Jerusalem bringen sollte. Der Historie nach, bat der portugiesische König die Kreuzfahrer um Hilfe… wofür er ihnen als Gegenleistung Ländereien, Einfluss und Macht versprach. Die Kreuzritter willigten ein… so ein kleines Geschäft m Rande nimmt man doch gerne mit. Raimundo lässt nun die Kreuzritter auf die Frage des Königs nicht mit dem historisch gewordenen Ja antworten, sondern er lässt sie ein Nein sagen… Ich möchte hier nicht ausführlicher werden, die Verwirrungen die aus solchem Tun folgen, sind leicht vorstellbar.

Raimundo wird in den Verlag zitiert… kaum, dass sein Vergehen offenbar wird; es sah nicht gut aus für Raimundo… Aus einem peinlichen Verhör heraus entwickelt sich eine Überraschung… Maria Sara ist seit Neuestem die Chefin der Lektoren und sie Raimundos Rettung. Sie macht einen überraschenden Vorschlag: Raimundo soll dieses andere Buch über die Belagerung von Lissabon schreiben… soll den Gedanken weiterspinnen, was wohl gewesen wäre, wenn statt des Ja der Kreuzritter ein Nein gekommen wäre… Maria Sara und Raimundo… aber das ist eine Geschichte für sich; ein Kritiker sagte, dass die Geschichte der beiden „…zum Schönsten gehört, was seit langem über das unerschöpflichste, aber auch schwierigste Thema zu lesen war“.

Ich möchte das noch erweitern: Der ganze Roman ist mit das Schönste, was ich zum Thema Geschichte jemals gelesen habe – und das ganz in dem Sinne wie ich es anfangs gesagt habe; unterhaltsam, anregend und Freude machend. Das kommt sowohl aus den sensibel gezeichneten Charakteren von Raimundo und Maria Sara, aber auch aller anderen im Roman auftretenden Personen… und wenn es auch nur der Kellner im Frühstückslokal des Raimundo ist. Ebenfalls ist der Umgang mit Sprache, sowohl als schnödes Material, als auch sinnstiftendes Medium, eine literarische Köstlichkeit ersten Ranges. Saramago versteht es meisterhaft diese portugiesische Eigenart einer verschmitzten Traurigkeit, einer schmunzelnden Hoffnungslosigkeit, einer ironischen Sehnsucht, einer sympathischen Melancholie zu vermitteln; und ich, als viellesender und mit vielen literarischen Wassern gewaschener Mensch, konnte mich nicht davor bewahren mit dem Buch zu verschmelzen, mit den Figuren gedanklich zu reden und so mancher kleinen Figur am Rande der Handlung mein Herz zu schenken… Es würde mich innig freuen, wenn der eine oder die andere LeserIn, angeregt durch diese Besprechung, sich lesend selber auf die Suche nach diesen kleinen Figuren machen würde… und mir vielleicht einen Kommentar schreibt, welche es für sie/ihn war, der das Herz zuflog.

Wilfried John

Geschichte der Belagerung von Lissabon
José Saramago
424 Seiten – Gebundenes Buch
Verlag Rowohlt, Reinbek von 1992
ISBN 3-4980-624-9
11,71 €

Taschenbuchausgabe

424 Seiten
Verlag Rowohlt TB-V. von 1995
ISBN: 3-4992-2307-4
8,54 €