Juan Filloy „Op Oloop“

Keine falsche Bewegung

Das Leben vieler Menschen in der so genannten modernen Zivilisation verläuft in geregelten Bahnen – fast schon könnte man es eine Ritualisierung der Lebensabläufe zu nennen. Ob diesen Menschen immer bewusst ist, dass sie diese „geregelten Bahnen“ zum überwiegenden Teil nach irgendwelchen Sachzwängen ausrichten, lässt sich zumindest bezweifeln – es ist, wenn man ihren Verlautbarungen Glauben schenkt, vielmehr so, dass diese Menschen meinen, sie richteten sich ausschließlich nach ihrem eigenen Willen.

Den Begriff „geregelte Bahnen“ jedoch kann man aber auch, wenn man kritisch sein möchte, in „Einbindung in Arbeitszeitsysteme“ oder „Terminkalender“ nennen. Man könnte, wenn man wohlwollend ist, auch die Bezeichnungen „Pflichten“, „liebe Gewohnheiten“ oder „vermeintliche Bedürfnisse“ verwenden – und wenn man nicht so wohlwollend sein mag, sagt man auch schon mal „Marotten“ oder „Schrullen“. Im Prinzip kann man wohl festhalten, dass sich viele Menschen in ein engmaschiges Netz von Konventionen (moralischer, gesellschaftlicher und sozialer Natur) eingebunden sehen, aus dem sie vermeintlich nicht heraus kommen können. Doch Vorsicht: Keine falsche Bewegung… sie könnte Dein Leben auf den Kopf stellen.

Wenn es sich auch tatsächlich so verhalten mag, dass sie aus eigener Kraft aus diesem Geflecht der Konventionen nicht heraus finden, so kann doch ein Zufall, eine unvermutete Ablenkung oder eine jener kleinen Alltagskatastrophen dazu führen, dass das Netz zerreißt – das den Menschen wohl auch ( trotz des negativen Beigeschmacks, welchen ich dem Thema bisher gab ) ein Gefühl von Sicherheit gibt, das wohl zu den Grundbedürfnissen des Menschen zu zählen ist.

Das Buch, das zu besprechen ich im Titel ankündigte, ist ein Meisterwerk, ein Muster, geradezu ein Klassiker über die winzigen Wendungen in festgelegten Tagesabläufen, die genügen ( die lineare Kausalität verlassend, nach der kleine Ursachen nur kleine Folgen zeitigen ) um die Lebensverhältnisse eines Menschen, der sogar willentlich ein streng reglementiertes Leben führte, völlig zu zerrütten. Um „Op Oloop“ von Juan Filloy (JF) soll es nun gehen – um einen Roman der schon fast siebzig Jahre alt ist, von einem Schriftsteller, der nur „im Verborgenen blühte“, der in der Weltliteratur nicht den Klang hat, den andere, gewiss weniger talentierte Kollegen seiner Heimat haben. In seiner Heimat Argentinien allerdings gilt er als „geheimer Klassiker“. Doch wer ist JF?

Er wurde am 1. August 1894 in Cordoba/Argentinien geboren. Seine Eltern sind Einwanderer aus dem spanischen Galizien, die einen Gemischtwarenladen betrieben. Er war etwas aus der Art geschlagen… denn er beschäftigte sich nicht – wie seine drei Geschwister – im elterlichen Laden, sondern verbrachte viele Stunden Bibliotheken. Jugend und Schulzeit verliefen offenbar ruhig und erfolgreich… jedenfalls nahm er schließlich ein Jura-Studium auf. JF war vielleicht schon in seiner frühen Zeit ein alles bedenkender Mensch – die Berufswahl, meinte er, entsprach seinem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Dass er später auch Schriftsteller wurde, bezeichnete er als „Revanche gegen so viele Jahrhunderte des Analphabetismus in meiner Familie“.

Sein erstes Buch „Periplo“ (eine Sammlung von Reiseerzählungen) erschien 1931 als kleine Privatedition – wie er es später immer halten sollte, da er zum einen seine Bücher mit persönlichen Widmungen an ausgewählte Leser oder Schriftstellerkollegen verschickte und zum anderen Konsequenzen in seiner Tätigkeit als Staatsanwalt befürchtete, was auch vielleicht ein Hinweis darauf ist, warum JF erst sehr spät Beachtung fand. Ein Satz aus diesem Buch soll das Selbstbewusstsein und die Selbsteinschätzung bezeichnen, das JF in jener Zeit schon hatte. In einer Notiz über eine Ägyptenreise schrieb er: „Die Pyramiden haben mich gesehen.“

Falsche Bescheidenheit oder Zweifel an seinem eigenen Schaffen sind ihm fremd – in seinem ersten Roman „¡Estefan!“, in dem die Abenteuer eines Betrügers im Gefängnis beschrieben werden, kam nur der Staatsanwalt (!) gut weg… und Filloy erklärte nicht nur einmal öffentlich, dass Bücher wie z.B. „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ im Vergleich zu „¡Estefan!“ langweilig und tröge wären – Thomas Mann hätte aus der Figur viel mehr machen können. 1934 veröffentlichte JF seinen „Op Oloop“ in einer Privatausgabe, da er die damals leider übliche Zensur in Argentinien befürchtete. Dennoch waren die 30er Jahre seine goldene Zeit… er publizierte neben den bereits genannten Werken noch zwei weitere Romane und zwei Gedichtbände; insgesamt also sieben Bücher. Sieben ist auch die Zahl der Buchstaben seiner Buchtitel…

Mittlerweile war JF ins Amt des Richters gekommen… was ihn wohl so beanspruchte, dass er lange Zeit nichts veröffentlichte; was natürlich nicht bedeutet, dass er das schreiben eingestellt hätte. 1949, in der Regierungszeit Perons, wurde er gezwungen in den Ruhestand zu gehen, weil er sich weigerte, willfährig Urteile nach Gusto der Parteiführung zu sprechen. Erst 1955, nach der politischen Gegenbewegung nahm er sein Amt wieder auf und wurde, bis zu seiner Pensionierung 1964, sogar Präsident der argentinischen Bundeskammer für Berufungen. In der langen Zeit seines Zwangsruhestandes beschäftigte er sich mit Akribie seinem schriftstellerischen Schaffen; insgesamt über 40 Titel geben davon Zeugnis.

JF ist aber auch sonst sehr „beschäftigt“ Er gründete einen Fußball- und einen Golfclub, das Museum für Schöne Künste, den Schriftstellerverband, war Schiedsrichter bei Boxkämpfen… und das, obwohl er sich selbst immer als Einzelgänger bezeichnete und angab, am liebsten zu lesen oder zu schwimmen. Und er hatte eine besondere Leidenschaft: Er schrieb Palindrome – es sind mehrere tausend (!) dieser vor- und rückwärts lesbaren Worte und Sätze sind dokumentiert; er dürfte damit der Weltrekordhalter in dieser Disziplin sein. Er könnte auch mühelos diesen Titel im Vielschreiben beanspruchen… sein Werk ist bisher noch immer nicht vollständig veröffentlicht.

1976 geriet JF, der aus seinen Meinungen nie einen Hehl machte und Gerechtigkeit nicht nur für eine Floskel hielt, in Schwierigkeiten… in seinem neuen Roman hatte er über die Zustände beim Militär hergezogen und sozusagen den Militärputsch ankündigte/voraussagte, der 1976 traurige, dramatische, grausame Wirklichkeit wurden und zunächst Evita beseitigte und dann nach und nach alle demokratischen, zivilisierten Strukturen… und dessen Auswirkungen noch bis heute bittere argentinische Realität sind. Es gelang dem schon über Achtzigjährigen den Kopf aus der Schlinge zu ziehen… vielleicht haben die Putschisten geglaubt, dass der Alte eh bald stirbt.

Doch er überlebte die meisten seiner Schergen und schrieb sich auch noch über die Millenniumsgrenze hinweg. Er meinte, dass der Wortreichtum und eine gewisse Geschwätzigkeit das wertvollste Erbe sei, das die spanischen Eroberer hinterlassen hätte, was den ehemaligen Kolonialherrn nicht sonderlich gut gefiel; vielleicht ist deswegen keines seiner Werke in je in Spanien verlegt worden, geschweige denn, dass er dort – im Gegensatz zu Italien oder Frankreich – geehrt worden wäre. Aber gerade diese unbeugsame, eigensinnige, unopportunistische Haltung des Autors macht ihn für mich zu einem Vorbild. Im Juli 2000 starb JF kurz vor seinem 106. Geburtstag in Cordoba/Argentinien – und erreichte damit sein selbst erklärtes Ziel: „Ich möchte ein Schriftsteller dreier Jahrhunderte sein.“

Mit „Op Oloop“ hat der ambitionierte Kölner Tropen-Verlag erstmals einen Roman von Juan Filloy auf Deutsch zugänglich gemacht – und er offenbart uns damit ein Stück Weltliteratur, das meiner Meinung nach im gleichen Atemzug mit den Werken moderner Klassiker wie Mann oder Musil, aber auch denen der ganz großen lateinamerikanischen Schriftstellern genannt werden. An dieser Stelle möchte ich auch einmal die finanzielle Unterstützung bei der Übersetzung des Originals durch das Auswärtige Amt der BRD, und die Leistung der „Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika“ hervorheben. Ohne diese „Stille Arbeit im Verborgenen“ dieser Institutionen wären viele Werke aus den genannten Kulturkreisen bei uns nicht zugänglich.

JF Protagonist ist Op Oloop. Er ist ein Exzentriker, der sich dem Kampf gegen den Zufall verschrieben zu haben scheint und nach strengen methodischen Regeln lebt. Alles wird geplant, alles terminiert, alle Wahrscheinlichkeiten werden statistisch untersucht und das Verhalten danach ausgerichtet. Dabei ist Op Oloops Leben nicht so langweilig wie man es sich zunächst denken wird… im Gegenteil! Vergnügungen aller Art stehen ebenfalls „auf dem Plan“: Teure Restaurants, türkisches Dampfbad und Bordellbesuche. Dabei beobachtet er sich permanent quasi selbst und führt (für uns – die geneigte Leserschaft) ein Protokoll seines „geheimen Dramas“ – wie er sein Leben beschreibt, in dem er der „Henker jeglicher Spontaneität“ sein will.

Der zeitliche Ausgangspunkt seines Romans ist die Schilderung eines ganz besonderen Tages im Leben Op Oloop. Alles ist perfekt für seine Verlobung vorbereitet… und vorher sollte der 1000. Bordellbesuch stattfinden. Aber hauptsächlich geht es dem Meister des Rationalen und dem Priester der Selbstbeherrschung an den Kragen… er verliebt sich. Diese „Irritationen“ erschüttern ihn schwer… er notiert: „Das Wunder der Liebe hat die definitive Sabotage meines Geistes organisiert.“ Und wir erleben die Folgen, sozusagen die Auswirkungen dieses Erdbebens. Der Antrittsbesuch bei seinem Brautvater endet in einem Desaster, er kommt verspätet zu Verabredungen… alles Dinge, die er wenige Stunden zuvor weit von sich gewiesen hätte… und die ihn umso mehr schocken.

Op Oloop erlebt in den beschrieben Stunden alle Höhen und Tiefen des menschlichen Geistes: Mal philosophiert er mit brillanter Rhetorik über Gott und die Welt, begeistert seine Zuhörer mit seinen Erinnerungen und Geschichten, um im nächsten Moment, überwältigt von abstrusen, trüben Gefühlen, völlig in sich versunken, nur noch sich selbst wahrnehmen. Nach einem ausschweifenden Bankett mit seinen Freunden geht er zu später Stunde in sein Stamm-Bordell… und hier erhält er den entscheidenden Stoß, der ihm den Rest seiner mühsam aufrecht erhaltenen Balance zerstört… bis hin zu einem bitteren Ende – seines Selbstmordes.

Das Buch von JF ist sprachlich das köstlichste, das ich seit langer Zeit gelesen habe… die Virtuosität des Autors wird auch nicht durch Übersetzerin Silke Kleemann gestört; will sagen, dass sie hier eine hervorragende Arbeit abgeliefert hat. Auch möchte ich auf ihr Nachwort aufmerksam machen, ohne dass es mir kaum möglich gewesen wäre, hier die Biographie des Autors zu verarbeiten. Sehr ausführlich und viel umfangreicher weist sie auf Leben und Werk des Schriftstellers hin.

Ich möchte die Lesenden ein wenig warnen: Das Buch ist beileibe alles andere als leichte Unterhaltung. Auf mich wirkte jede Figur, jeder Dialog, jede Szene stilisiert und künstlerisch aufgeladen. Dennoch, als ich mich erst einmal darauf eingelassen hatte, fand ich so manche komische, tragische – vor allem aber – ästhetische Überraschung: Ob es die peinlichst notierten 999 Bordellbesuche, oder politische Betrachtungen betrifft, die der Autor über den kommunistischen respektive kaiserlichen Terror seiner finnischen Heimat zu Beginn des 20. Jahrhunderts anstellt. Dialogsicher, geistreich, voller Witz und wundervollen Metaphern macht der Roman letztlich wirklich Spaß. Da der Schriftsteller über den Protagonisten seines Romans selber sagte: „Oloop ist zu achtzig Prozent Filloy“, wird hinter der Fassade des Romans der Autor sehr plastisch erfahrbar, dessen restliches Werk ich gerne auch lesen möchte… wer weiß wie viele Hochkaräter da noch im Verborgenen schlummern.

Wilfried John

Op Oloop
Juan Filloy
Roman
285 Seiten – Gebundene Ausgabe
Verlag: Tropen Verlag – aus 3/2002
ISBN: 3-9321-7051-2
19,80 €