Julio Cortázar „Der Verfolger“

Jazz in Schriftform

Pro: Authentizität, meisterhaft erzählt, Liebeserklärung an den Jazz

Contra: Der Verlag hätte sich mit der Ausstattung mehr Mühe machen können



Jazz. Dieser Tage findet in meiner Stadt das, fast schon zu einer Tradition gewordene, Jazzfestival statt und so haben Fans zum 17. Mal die Gelegenheit, im Rahmen des einmaligen Ambientes der alten Stadt, im Universum dieser Musik zu schwelgen. Ich bin seit langer Zeit dieser Musik zugetan und kann oft nur mit offenem Munde staunen, was die Künstlerinnen und Künstler zu leisten imstande sind und was ihre Musik mit mir macht. Weit abseits von kommerzialisierter Musik, die als Massenware das Gehör und den Geist eher beleidigt als ihn zu anzuregen, sind die Jazz-Musiker/innen eher Idealisten;  Individualisten, die dem Anspruch Künstler zu sein näher sind, als die sog. Stars und erst recht die Sternchen des Massen-Pop.

 

Mag sein, dass man mir aus dem letzten Satz den Vorwurf des Elitären macht, aber so sollte der Satz gar nicht gemeint sein. Aus Vorwürfen spricht immer auch die Haltung des Vorwerfenden. Und aus dem Vorwurf Jazz sei elitär, spricht die weit verbreitete Haltung derjenigen, die mit der Musik nicht viel anfangen können, da sie – aus welchen Gründen auch immer – nie einem Zugang zu dieser Musik fanden. Es ist halt wie bei anderen Künsten auch: es ist erforderlich, dass man ein paar mal erklärt bekommen muss, was ein moderner Maler oder Bildhauer zum Ausdruck bringen will, ehe man selbstständig damit beginnt, ihre Werke zu interpretieren. So auch beim Jazz; wobei man vielleicht erst einmal damit beginnen sollte, nachzufragen was eigentlich gemeint ist.

 

Genau wie man mit dem verallgemeinernden Begriff „Klassik“ wenig anfangen kann, bevor man geklärt bekommen hat, ob eine Oper, Kantate oder Symphonie gemeint ist, genau so wenig kann der Oberbegriff „Jazz“ etwas erklären. Jazz und Klassische Musik unterscheiden sich aber in einigen Punkten grundlegend: Eine allgemein gültige Definition des Jazz gibt es nicht und somit gibt es nicht mal bei den scheinbar klar umschriebenen Stilrichtungen (völlig anders als bei der klassischen Musik) endgültige Festlegungen. Die Musik wird auch nicht genauestens aufgeschrieben; es gibt zwar Partituren, diese sind aber nur so etwas wie der rote Faden, der die Musiker durch den scheinbaren Irrgarten ihrer Improvisationen führt.

 

Natürlich möchte ich hier keine Musikgeschichte schreiben, doch ein kleiner Rückblick ist, auch im Hinblick auf das Buch das ich hier vorstellen möchte, dennoch ratsam: Nach der Zeit der großen Big Bands Ende der 30er Jahre, begann die Zeit der Modernisierung. In dieser Zeit haben ein paar herausragende Musiker einige wenige Merkmale entwickelt, die mit Einschränkungen als verbindend angesehen werden; Improvisation, Swing sowie Tonbildung und Phrasierung. Aber es ist noch etwas komplizierter, denn bei verschiedenen Stilen und Musikern, haben diese verbindlichen Merkmale unterschiedliche Bedeutungen. Was mich am Jazz besonders interessiert, vielleicht weil es so sehr meiner eigenen Persönlichkeit entspricht, ist die Individualität im Rahmen eines kollektiven Stils. Im Jazz fallen Komposition und Interpretation nicht auseinander… diese Musiker sind authentisch und die wirklich bedeutenden Jazzmusiker, sind nach wenigen Takten an ihrer Spielweise und Art der Improvisation zu erkennen.

 

Das Buch auf das ich eben schon hinwies, ist mitnichten ein Sachbuch über Jazz… aber es ist eine Hommage auf einen der berühmtesten Vertreter dieser Musik, eine subtile Vorstellung eines Künstlers durch einen anderen Künstler, der nicht nur – wie ich – den Jazz mochte, sondern dessen Schreiben Jazz war: Julio Cortázar (JC). Anlässlich des Erscheinens eines der wirklich hörenswertesten Hörbücher, möchte ich eine Meistererzählung JC vorstellen: „Der Verfolger“. Eingefleischte JC-Fans werden vermutlich im Besitz von „Die Erzählungen“ sein (auch hier bei Ciao vorgestellt), einem Buch, in dem diese Erzählung natürlich enthalten ist. Aber vielleicht gelingt es mir mit dieser Besprechung, ein paar Menschen die JC nicht kennen, neugierig auf ihn und sein Werk zu machen. Wie üblich, möchte ich dazu den Künstler vorstellen. Dazu verwende ich meine Ausführungen, die ich bei der schon erwähnten Sammlung notierte:

 

Julio Cortázar wurde am 26. August 1914 in Brüssel als Sohn argentinischer Eltern geboren, die später mit dem gerade mal vier Jahre alten Sohn, der Kriegswirren in Europa wegen, nach Argentinien zurück kehrten. Seine Kindheit verbrachte er in einem Vorort von Buenos Aires namens Bánfield, wo er auch zur Schule ging. Nach seinem Schulabschluss nahm er an der Universität von Buenos Aires ein Philologie-Studium auf, das er allerdings wegen finanzieller Schwierigkeiten seiner Eltern aufgeben musste. Er unterrichtete dann aber trotzdem an verschiedenen argentinischen Oberschulen, bis er 1944 einen Lehrstuhl für französische Literatur an der Universität von Mendoza erhielt, den er aber aus Protest gegen den Wahlsieg Perons 1946 niederlegte.

 

Er wurde Bibliothekar in der argentinischen Nationalbibliothek. 1951 verließ er Argentinien mit einem Stipendium des französischen Staates in der Tasche und lebte fortan für lange Zeit in Paris. Bis 1974 ist er in der Funktion eines Übersetzers als freier Mitarbeiter für die UNESCO tätig gewesen und war ständig inner- und außerhalb Europas unterwegs. Er setzte sich offen und engagiert für den antiimperialistischen Kampf lateinamerikanischer Länder wie Kuba, Chile und Nicaragua ein.

 

Schon im Jahr 1938 begann sein literarischer Lebenslauf. Er veröffentlichte, unter dem Pseudonym Julio Denis, eine Sammlung von Sonetten unter dem Titel „Presencia“. 1949 erschien dann sein dramatisches Werk „Die Könige“. Beides waren aber höchstens Vorstufen, Übungen, Suche nach der richtigen Form seines Ausdrucks, zu dem er, ohne zu ahnen wohin ihn das bringen würde, 1945 den Grundstock gelegt hatte, als nämlich „Das andere Ufer“ erschienen war – der erste einer Reihe von Erzählbänden, für die er später weltbekannt werden sollte. Aber bereits wenige Jahre später, genauer 1951, kam „Bestiarium“ – dieses

Buch war dann endlich der Aufsehen erregende, große literarische Wurf! Fortan erschienen in regelmäßigen Abständen von zwei, drei, vier Jahren weitere Bände mit Erzählungen, die sich, sehr zum Verdruss der Kritik, bis über seinen Tod hinaus in kein bestimmtes Genre einordnen ließen.

 

Für Cortázar war die kürzere oder längere Erzählung so etwas wie seine natürliche Form des Ausdrucks geworden, die er virtuos, wie es nur ein Meister seines Faches kann, zelebrierte. Seine Erzählungen sind Ausdruck subtilster Wahrnehmungen psychischer Abgründe des menschlichen Seins, sprachliche Sichtbarmachung gehütetster Geheimnisse, Beschreibungen des unheimlichen, das langsam und unmerklich in eine (immer nur scheinbar) gewöhnliche, alltägliche Welt eindringt und dort, mitten in unseren Herzen, Beklemmung verursacht. Seine Personen sind meist Ausgelieferte, fast wie bei Kafka, einem mysteriösen Geschehen ausgelieferte Menschen, die am Ende nie mehr das sind, was sie einmal gewesen waren, oft genug sind sie in ihrer Persönlichkeit ganz zerstört. Ständig wird Vernunft und Wirklichkeit in Frage gestellt und, laut Cortázar selbst, „auf eine geheimnisvolle und schwer mitzuteilende Ordnung verwiesen, die für ihn selbst eine Befreiung von Obsessionen und Ängsten bedeute“.

 

Das Phantastische war für Julio Cortázar nie etwas Jenseitiges, Imaginäres, Unwirkliches – es war für ihn immer ein Stück der Realität, seiner Wahrnehmung. Und er war einer jener (Hexen-)Meister, der das Befremdliche, Beunruhigende, das Irritierende in unsere Vorstellungen bringt, ohne dass wir uns fürchten müssten. Im Gegenteil! Mit einer spielerischen Leichtigkeit, ja Heiterkeit erzählt er uns diese phantastischen Dinge, erotischen Vorstellungen, seelischen Zustände, dass kein Geringerer als der Literatur-Nobelpreisträger Octavio Paz sagte (und da ich das nicht wundervoller sagen kann, zitiere ich ihn): „Das Alltägliche und das Unerhörte verbindet sich im Werk Cortázars mit der Natürlichkeit und der Zwangsläufigkeit, mit der die Pflanzen wachsen, die Sterne glänzen und kreisen, das Blut in unseren Adern pulst. Eine Prosa, die die Sprache hüpfen, tanzen und fliegen lässt“. Julio Cortázar verstarb nach langem, schmerzhaftem Todeskampf 1984.

 

Das Buch um das es hier gehen soll, ist ein Beleg für eine weitere Fassette seiner Persönlichkeit, die ich bisher nur andeutete, als ich sein Schreiben quasi als Jazz bezeichnete. In „Der Verfolger“ kommt seine Liebe zum Jazz literarisch zum Ausdruck… Motiv und Variation, immer neue Improvisationen formen die Wirklichkeit um zum Phantastischen, schaffen so neue Wirklichkeiten, um dann vielleicht angekündigt, vielleicht überraschender weise, mit der Erzählung an einem Ort jenseits jeglicher Realität zu landen, den er allerdings durch seine Phantasier erreichbar für uns Leserinnen und Leser gemacht hat, ebenso wie einer der berühmtesten Jazzmusiker aller Zeiten, Charly Parker (ein Idol Cortázars), seine Zuhörer in entrückende Klangwelten versetzte. Unschwer ist der Erzählung zu entnehmen, dass dieser Charly Parker die Hauptperson und der Gegenstand in „Der Verfolger“ ist, obwohl der darin beschriebene Protagonist mit dem Namen Johnny Carter bezeichnet wird.

 

Die Erzählung ist der literarische Versuch, ein paar Monate des Alltags dieses musikalischen Revolutionärs einzufangen, der damals in Paris lebte. Gleichzeitig, fast parallel, schreibt JC auch über einen sog. Gutbürgerlichen, der den Künstler zwar bewunderte und als Kritiker von ihm zehrte, der ihn am Ende aber mit einer gut geschrieben Biographie zu beerdigen, ohne sich ihm je wirklich genähert zu haben. JC hat sich diesem Menschen Charly Parker nicht nur genähert, er hat diesen Schöpfer des modernen Jazz, der zwischen den Mühlsteinen von künstlerischer Größe und menschlicher Banalität gerieben wurde und litt, verehrt.

 

Natürlich konnte auch JC keine andere Biographie erfinden und so kommen all die Anekdoten eines Musikerlebens zum Vorschein; inklusive der reichen Gönnerin oder von zerstörten Beziehungen. Als der Saxofonist Johnny Carter (also Charly Parker) das Album „Amorous“ (also „Lover Man“) im Studio aufnimmt, will er die Aufnahme anschließend wegen seiner Unvollkommenheit sofort wieder löschen… er ist in seiner Musik eben der rücksichtslose Verfolger des Absoluten; das es bekanntlich in menschlicher Hinsicht nicht geben kann.  Das Publikum aber hält es für das Schlüsselwerk des Künstlers, das es endlich möglich macht, wegen der musikalisch hörbar gemachten menschlichen Brüche des Musikers, in der Hermetik seiner Musik einen Zugang zu finden.

 

Der bereits oben angesprochene Musikkritiker, verfolgt seinerseits den vielfältig gebrochenen, in Drogenexzessen und Depressionen gefangenen Künstler. Er will so authentisch wie eben möglich, das Leben und die Ansichten von Johnny Carter dokumentieren und für den eigenen Ruhm zu verbreiten; er ist sozusagen ein Parasit der Kunst. Mir ist zwar nicht bekannt wie JC über Kritikern im Allgemeinen und seine im Besonderen dachte, aber ich glaube, dass er keinen persönlichen Grund hatte, sie allgemein als Parasiten darzustellen. Es ist übrigens auch, aus nahe liegenden Gründen, nicht meine Meinung. Aber vielleicht überzeichne ich ja auch die Figur und die zweifelnde Bewunderung ist nichts anderes als die Distanz des Autors zu seinem Lieblingsmusiker und sie ist erforderlich, damit die Authentizität der Erzählung erhalten bleibt.

 

Auch die zeitliche Nähe dieser Erzählung, die 1958 erstmals veröffentlicht wurde, zu Charly Parker spricht für diese Authentizität, doch wird man der Erzählung allein mit der Erwähnung dieser Authentizität nicht gerecht. JC spielt auch in diesem Werk sein literarisches Spiel mit. Er sagte einmal: „Was hörst und siehst du wirklich, und wie verändert sich die Wahrheit, wenn du aus dem Zimmer gehst?“ Man kann das Werk natürlich auch als eine Abhandlung über den (bedauerlichen) Abstand zwischen dem was man unser Leben nennt und der Kunst zu betrachten. In jedem Fall ist „Der Verfolger“ ist eine mitreißende, einfühlsame und sehr berührende Erzählungen über eine Musik und einen ihrer herausragendsten Protagonisten, bei der man sich den Genuss allenfalls durch allzu schnelles Lesen dieses sehr schmalen, nur 99 Seiten umfassenden, Bändchens, verderben kann.

 

Für mich ist Julio Cortázar mein Lieblingsautor (wenn ich das so sagen darf). Natürlich gibt es viele Autorinnen und Autoren die ich gerne lese, die mir Vergnügen bereiten, die Nachdenklichkeit erzeugen, die Staunen machen, die Horizonte öffnen, die Hintergründe beleuchten, die aufrütteln, besänftigen, ermuntern, ernüchtern etc. Aber es gibt nur einen für mich, der das alles zusammen kann… Julio Cortázar. Wer es nicht glaubt, sei noch ein letztes Zitat mit auf den Weg gegeben. Kein Geringerer als der Literatur- Nobelpreisträger und mein Lieblingsdichter Pablo Neruda sagte über die Erzählungen von JC: „Wer diese Erzählungen nicht liest, ist verloren. Sie nicht zu lesen ist eine schwere, schleichende Krankheit, die mit der Zeit schreckliche Folgen haben kann. Ähnlich wie jemand, der nie einen Pfirsich gekostet hat. Er würde langsam melancholisch werden und immer blasser, vielleicht würden ihm nach und nach die Haare ausfallen“. Nun, wissen wir aber, dass Dichter gerne zu Übertreibungen neigen… aber manchmal auch zur Hellseherei – was nun hier zutrifft? Nun ja… wer weiß!

 

 

Wilfried John

 

 

Der Verfolger

Julio Cortázar

99 Seiten – Gebundenes Buch

Verlag: Bibliothek Suhrkamp – Aus 1993

ISBN: 3-5180-1999-6

Antiquarisch

 

 

Nachsatz: Das Hörbuch ist erschienen bei Gugis Hörbücher, enthält 3 CD´s von insgesamt 255 Min. Länge und kostet 24,90 €. Dem Hörbuch ist eine CD beigelegt, auf der uns des  Live-Mitschnitt eines Konzertes des Saxofonisten Charlie Mariano und des Bassisten Peter Ilg zu Gehör gebracht wird, das die Musiker den Stücken und dem Werk Charly Parkers gewidmet haben. Für mich ist das die ideale Begleitmusik hinter dem Lesen der Erzählungen von JC…

 

Informationen zum Jazzfestival in Worms, unter: http://www.worms.de/deutsch/tourismus/highlights/jazzfestival/jazzfestival.php und hier bei Ciao unter: http://musik.ciao.de/Worms_Jazz_Joy__Test_1893755