Julio Cortázar „Die Erzählungen“

Das Selbstportrait eines Menschen ganz allgemein, wird niemals das ergeben, was man gemeinhin ein objektives Bild nennt… Dieser Satz wird im besonderen dann gelten, wenn der Mensch einer der größten und phantasiebegabtesten Schriftsteller des vergangenen Jahrhunderts ist… Noch spezieller, wenn es sich bei dem nun schon mehrfach angesprochenen Menschen um Joulio Cortázar handelt, der eben gerade wegen seiner überbordenden Phantasie und seiner Themenwahl, genauso wie für seinen Stil, alle Rahmen sprengte.

Mit dieser Vorbemerkung eingeleitet, möchte ich ein paar wenige Stichworte anführen, die uns Julio Cartázar, als Kategorisierungshilfe seiner Person und seines Genre, selbst gegeben hat. Folgende, von ihm selbst geäußerte, Vorstellungen ergeben sozusagen sein Persönlichkeits-Extrakt: Horror vor dem Berufsschriftstellertum; die frühe und dauerhafte Lektion der Improvisationskunst des Jazz; Ablehnung der Originalität zugunsten der Natürlichkeit; Suche nach dem Phantastischen, wobei jedoch der Mensch und seine Geschichte das eigentliche Mysterium bleiben; Vorliebe für Marginalisiertes gegenüber dem Kathegorischen; humoristische und spielerische Distanzierung; Verteidigung der sozialistischen Perspektive für Lateinamerika…

Julio Cortázar wurde am 26. August 1914 in Brüssel als Sohn argentinischer Eltern geboren, die später mit dem gerade mal vier Jahre alten Sohn, der Kriegswirren in Europa wegen, nach Argentinien zurück kehrten. Seine Kindheit verbrachte er in einem Vorort von Buenos Aires namens Bánfield, wo er auch zur Schule ging. Nach seinem Schulabschluss nahm er an der Universität von Buenos Aires ein Philologie-Studium auf, das er allerdings wegen finanzieller Schwierigkeiten seiner Eltern aufgeben musste. Er unterrichtete dann aber trotzdem an verschiedenen argentinischen Oberschulen, bis er 1944 einen Lehrstuhl für französische Literatur an der Universität von Mendoza erhielt, den er aber aus Protest gegen den Wahlsieg Perons 1946 niederlegte.

Er wurde Bibliothekar in der argentinischen Nationalbibliothek. 1951 verließ er Argentinien mit einem Stipendium des französischen Staates in der Tasche und lebte fortan für lange Zeit in Paris. Bis 1974 ist er in der Funktion eines Übersetzers als freier Mitarbeiter für die UNESCO tätig gewesen und war ständig inner- und außerhalb Europas unterwegs. Er setzte sich offen und engagiert für den antiimperialistischen Kampf lateinamerikanischer Länder wie Kuba, Chile und Nicaragua ein.

Schon im Jahr 1938 begann sein literarischer Lebenslauf. Er veröffentlichte, unter dem Pseudonym Julio Denis, eine Sammlung von Sonetten unter dem Titel „Presencia“. 1949 erschien dann sein dramatisches Werk „Die Könige“. Beides waren aber höchstens Vorstufen, Übungen, Suche nach der richtigen Form seines Ausdrucks, zu dem er, ohne zu ahnen wohin ihn das bringen würde, 1945 den Grundstock gelegt hatte, als nämlich „Das andere Ufer“ erschienen war – der erste von einer Reihe von Erzählbänden, für die er später weltbekannt werden sollte. Aber bereits wenige Jahre später, genauer 1951 kam „Bestiarium“ – dieses
Buch war dann endlich der aufsehenserregende, große literarische Wurf! Fortan erschienen in regelmäßigen Abständen von zwei, drei, vier Jahren weitere Bände mit Erzählungen, die sich, sehr zum Verdruss der Kritik, bis über seinen Tod hinaus in kein bestimmtes Genre einordnen ließen. Julio Cortázar verstarb nach langem, schmerzhaften Todeskampf 1984.

!998 gab der Suhrkampverlag, der Cortázars Werk in deutscher Sprache über all die Jahre heraus gebracht hat, einen Sammelband heraus, der die bislang auf deutsch erschienen Erzählbände, die zum großen Teil vergriffen sind, zusammenfasst. Aber nicht genug… dieser oben erwähnte Erzählband „Das andere Ufer“ war bislang noch nicht übersetzt und liegt somit quasi als posthume Neuerscheinung erstmals vor. Auf dieses Buch möchte ich im Folgenden etwas näher eingehen.

Für Cortázar war die kürzere oder längere Erzählung so etwas wie seine natürliche Form des Ausdrucks geworden, die er virtuos, wie es nur ein Meister seines Faches kann, zelebrierte. Seine Erzählungen sind Ausdruck subtilster Wahrnehmungen psychischer Abgründe des menschlichen Seins, sprachliche Sichtbarmachung gehütetster Geheimnisse, Beschreibungen des unheimlichen, das langsam und unmerklich in eine (immer nur scheinbar) gewöhnliche, alltägliche Welt eindringt und dort, mitten in unseren Herzen, Beklemmung verursacht.

Seine Personen sind meist Ausgelieferte, fast wie bei Kafka, einem mysteriösen Geschehen ausgelieferte Menschen, die am Ende nie mehr das sind, was sie einmal gewesen waren, oft genug sind sie in ihrer Persönlichkeit ganz zerstört. Ständig wird Vernunft und Wirklichkeit in Frage gestellt und, laut Cortázar selbst, „auf eine geheimnisvolle und schwer mitzuteilende Ordnung verwiesen, die für ihn selbst eine Befreiung von Obsessionen und Ängsten bedeute“.

Hier kommt seine Liebe zum Jazz literarisch zum Ausdruck… Motiv und Variation, immer neue Improvisationen formen die Wirklichkeit um zum Phantastischen, schaffen so neue Wirklichkeiten, um dann vielleicht angekündigt, vielleicht überraschender weise, mit der Erzählung an einem Ort jenseits jeglicher Realität zu landen, den er allerdings durch seine Phantasier erreichbar für uns Leserinnen und Leser gemacht hat, ebenso wie Charly Parker (ein Idol Cortázars) seine Zuhörer in entrückende Klangwelten versetzte.

Das Phantastische war für Julio Cortázar nie etwas jenseitiges, imaginäres, unwirkliches – es war für ihn immer ein Stück der Realität, seiner Wahrnehmung. Und er war der (Hexen-) Meister, der das Befremdliche, Beunruhigende, das Irritierende in unsere Vorstellungen bringt, ohne dass wir uns fürchten müssten. Im Gegenteil! Mit einer spielerischen Leichtigkeit, ja Heiterkeit erzählt er uns diese phantastischen Dinge, erotischen Vorstellungen, seelischen Zustände, dass kein geringerer als der Literatur-Nobelpreisträger Octavio Paz sagte (und da ich das nicht wundervoller sagen kann, zitiere ich ihn): „Das Alltägliche und das Unerhörte verbindet sich im Werk Cortázars mit der Natürlichkeit und der Zwangsläufigkeit, mit der die Pflanzen wachsen, die Sterne glänzen und kreisen, das Blut in unseren Adern pulst. Eine Prosa, die die Sprache hüpfen, tanzen und fliegen lässt“.

Den Anfang in der chronologisch gegliederten Sammlung macht das bereits mehrfach erwähnte „Das andere Ufer“, also jener Band, der die frühen, bisher nicht in deutscher Sprache veröffentlichten Erzählungen beinhaltet. Ich erspare es Euch und mir (nun ja, eigentlich in umgekehrter Reihenfolge), die darin enthaltenen Titel im Einzelnen aufzuzählen. Stattdessen möchte ich den Meister einmal mehr zitieren: „Obgleich diese Erzählungen zu ganz verschiedenen Zeiten geschrieben wurden – zwischen 1937 und 1945 -, versammle ich sie heute in der Hoffnung, dass sie in ihrer zerbrechlichen Struktur das Gleichnis von den Weidenruten veranschaulichen. Jedesmal, wenn sie mir in ihren respektiven Heften unter die Augen kamen, war ich sicher, dass sie einander brauchten, dass ihr Alleinsein ihnen abträglich war. Vielleicht verdienen sie versammelt zu sein, weil sie aus der Ernüchterung nach Beendigung einer jeden Erzählung der Wunsch erwuchs, die nächste zu schreiben. Ich lege sie in einem Band vor, um einen Zyklus abzuschließen und einem neuen, weniger ungelenken, entgegenzusehen. Ein Buch mehr ist ein Buch weniger; eine Annäherung an das letzte, schließlich vollkommene, das auf dem Gipfel wartet:“

Und so sieht der Weg zum Gipfel, mit Titeln markiert, aus (die Jahreszahlen entsprechen dem Erscheinungsdatum der jeweiligen Originale in spanischer Sprache): 1951 – das bereits erwähnte „Bestiarium“; 1956 – „Ende des Spiels“; 1959 – „Die geheimen Waffen“; 1962 – „Geschichten der Cronopien und Famen“; 1966 – „Das Feuer aller Feuer“; 1967 – „Reise um den Tag in 80 Welten“ (mein persönlicher Lieblingsband); 1969 – „Letzte Runde“; 1974 – „Oktaeder“; 1977 – „Passatwinde“; 1979 – „Ein gewisser Lukas“; 1980 – „Alle lieben Glenda“; 1983 – „Unzeiten“.

Aber wie es das Schicksal so will, hat er den Gipfel seiner Literatur nicht mit den Erzählungen erreicht, sondern mit etwas völlig anderem… und das ist eine andere Geschichte, die ich wahrscheinlich auch noch erzählen werde. Wer glaubt, dass es in der Literatur nichts mehr Neues gäbe, hat wahrscheinlich nicht sehr unrecht. Aber warum sollte es immer etwas Neues geben, wenn das Alte so wunderbar frisch und immer noch so unglaublich modern ist? Julio Cortázars Kurzgeschichten, in diesem schweren 1300-Seiten-Buch zu lesen, ist immer wieder neu.

Was soll man auch anderes von einem Menschen erwarten, der das sagt (und ich zitiere ihn ein letztes mal): „Ich stelle mir den Menschen als eine Amöbe vor, die Pseudopoden ausgeklappt, um ihre Nahrung zu erlangen und zu fassen. Es gibt lange und kurze Pseudopoden, Bewegungen, Streifzüge. Eines Tages dann rastet das ein (und man nennt es Reife, der-erwachsene-Mensch). Einerseits bringt er es weit, andererseits übersieht er eine Lampe auf zwei Schritte Entfernung. Und dann ist nichts mehr zu machen, wie die Häftlinge sagen, der eine ist für dies, der andere ist für das. Auf diese Weise lebt der Mensch in der schönen Überzeugung, dass ihm nichts interessantes entgeht, bis ein unerwartetes Abbröckeln auf irgendeiner Seite ihm für die Dauer eines Augenblicks etwas zeigt, leider ohne ihm Zeit zu lassen, zu erfahren, was es ist, es zeigt ihm sein zerstückeltes Sein, […]“

Vielleicht ist es aus dem Text hervor gegangen, vielleicht auch nicht: Für mich ist Julio Cortázar mein Lieblingsautor (wenn ich das so sagen darf). Natürlich gibt es viele Autorinnen und Autoren die ich gerne lese, die mir Vergnügen bereiten, die Nachdenklichkeit erzeugen, die Staunen machen, die Horizonte öffnen, die Hintergründe beleuchten, die aufrütteln, besänftigen, ermuntern, ernüchtern etc. Aber es gibt nur einen für mich, der das alles zusammen kann… Julio Cortázar. Wer es nicht glaubt, sei noch ein letztes Zitat mit auf den Weg gegeben. Ein weiterer Nobelpreisträger und mein Lieblingsdichter Pablo Neruda sagte: „Wer diese Erzählungen nicht liest, ist verloren. Sie nicht zu lesen ist eine schwere, schleichende Krankheit, die mit der Zeit schreckliche Folgen haben kann. Ähnlich wie jemand, der nie einen Pfirsich gekostet hat. Er würde langsam melancholisch werden und immer blasser, vielleicht würden ihm nach und nach die Haare ausfallen“. Nun wissen wir aber, dass Dichter gerne zu Übertreibungen neigen… aber manchmal auch zur Hellseherei – was nun hier zutrifft? Nun ja… wer weiß!

Wilfried John

Die Erzählungen.
Julio Cortázar
1301 Seiten – Gebundene Ausgabe
Verlag Suhrkamp von 1998
ISBN: 3-518-40970-0
128,- DM.

Als Taschenbuch

Die Erzählungen 1 bis 4.
Julio Cortazar
Pro Band 329 Seiten
Verlag Suhrkamp von 1998
ISBN: 3-5180-6534-3
68,00 DM

Sowie in Einzelbänden zu je 19, 80 DM – Näheres sagt Euch bestimmt der Buchladen Eures Vertrauens.