Julio Cortazar „Die Gewinner“

Was einen Menschen etwas angeht und was nicht, kann jeweils mit den selben Argumenten, wenn auch von verschiedenen Standpunkten aus, erklärt werden. Hinter diesen Satz zurück zu gehen könnte bedeuten, dass es dann ebenso, mit den selben Argumenten begründet, möglich ist, jemanden zu sagen was ihn etwas anzugehen hat und was nicht. Nun, ich werde mittlerweile schon bekannt dafür sein, dass ich für mich entschieden habe, dass mich Lateinamerika etwas angeht… außerdem lasse ich keinen Zweifel daran, dass ich mir das nicht, von wem auch immer, ausreden lasse.

Ganz besonders dann nicht, wenn dort offensichtlich etwas geschieht, das einer zweiten (oder wievielten auch immer…) Conquista gleichkommt. Und Menschen, die es offensichtlich ganz gern hätten, dass mich etwas nichts angeht, das sie selbst angerichtet haben, können mir erst recht nicht sagen, was mich etwas angehen darf und was nicht… und in dem sie den Versuch machen mir so etwas zu sagen, schärfen sie eher noch meine Aufmerksamkeit, besonders dann wenn sie auch noch so zynisch sind, die ins Elend gestoßenen Menschen, um die es mir geht, der Gestalt zu verhöhnen, sie seinen selbst an allem schuld.

Argentinien im 21. Jahrhundert… die glorreiche Neoliberalistische Ideen, mit denen der InternationaleWährungsFonds die vom Militärregime heruntergewirtschaftete Volkswirtschaft heilen wollte, ist – wie es zu erwarten war – sang- und klanglos gescheitert; das ist bemerkenswert, da man doch Argentinien geradezu als ein Musterland dieser Form des Wirtschaftens gepriesen hat und auch Politiker hierzulande Abschaffung von Schutzrechten, schwachen Staat und Steuergeschenke für Unternehmer in ihr Wahlprogramm für die diesjährige Bundestagswahl schreiben. Viele Menschen haben fast alles verloren; und wenn ich viele Menschen sage, meine ich nicht die vielen Geschäftleute und Unternehmer, die ihre Kohle rechtzeitig ins sichere (wahrscheinlich steuergünstige) Ausland verschoben haben. Nein, ich meine die vielen kleinen Leute, die arbeitende Bevölkerung, die Rentner, die nach einem langen Berufsleben, um alles was sie sich erarbeitet hatten gebracht wurden. Besonders den kleinen Leuten dort… und den kleinen Leuten überall auf der Welt (auch hier im von neoliberaler Politik beherrschten Deutschland), widme ich diese Besprechung: Über „Die Gewinner“ von Julio Cortazar.

Cortazar, selber Argentinier, sollte man eigentlich nicht mehr groß vorstellen müssen. Dennoch möchte ich es sehr gerne tun, da in dieser Vorstellung schon ein wesentliches Moment für das Verständnis des Roman liegt, um den es hier gehen soll. Ich bemühe eine früher von mir anderweitig verwandte biographische Beschreibung von und über Cortazar. Die sein Schreiben und Leben formenden Gedanken seinen, sagt Cortazar: „Horror vor dem Berufsschriftstellertum; die frühe und dauerhafte Lektion der Improvisationskunst des Jazz; Ablehnung der Originalität zugunsten der Natürlichkeit; Suche nach dem Phantastischen, wobei jedoch der Mensch und seine Geschichte das eigentliche Mysterium bleiben; Vorliebe für Marginalisiertes gegenüber dem Kathegorischen; humoristische und spielerische Distanzierung; Verteidigung der sozialistischen Perspektive für Lateinamerika…“ Und gerade wegen der oben beschriebenen Zustände in Argentinien, fiel mir Cortazar just wieder ein.

Julio Cortázar wurde am 26. August 1914 in Brüssel als Sohn argentinischer Eltern geboren, die später mit dem gerade mal vier Jahre alten Sohn, der Kriegswirren in Europa wegen, nach Argentinien zurück kehrten. Seine Kindheit verbrachte er in einem Vorort von Buenos Aires namens Bánfield, wo er auch zur Schule ging. Nach seinem Schulabschluss nahm er an der Universität von Buenos Aires ein Philologie-Studium auf, das er allerdings wegen finanzieller Schwierigkeiten seiner Eltern aufgeben musste. Er unterrichtete dann aber trotzdem an verschiedenen argentinischen Oberschulen, bis er 1944 einen Lehrstuhl für französische Literatur an der Universität von Mendoza erhielt, den er aber aus Protest gegen den Machtantritt Perons 1946 niederlegte.

Er wurde danach Bibliothekar in der argentinischen Nationalbibliothek. 1951 verließ er Argentinien mit einem Stipendium des französischen Staates in der Tasche und lebte fortan für lange Zeit in Paris. Bis 1974 ist er in der Funktion eines Übersetzers, als freier Mitarbeiter für die UNESCO tätig gewesen und war ständig inner- und außerhalb Europas unterwegs. Er setzte sich offen und engagiert für den antiimperialistischen Kampf lateinamerikanischer Länder wie Kuba, Chile und Nicaragua ein.

Schon im Jahr 1938 begann sein literarischer Lebenslauf. Er veröffentlichte, unter dem Pseudonym Julio Denis, eine Sammlung von Sonetten unter dem Titel „Presencia“. 1949 erschien dann sein dramatisches Werk „Die Könige“. Beides waren aber höchstens Vorstufen, Übungen, Suche nach der richtigen Form seines Ausdrucks, zu dem er, ohne zu ahnen wohin ihn das bringen würde, 1945 den Grundstock gelegt hatte, als nämlich „Das andere Ufer“ erschienen war – der erste von einer Reihe von Erzählbänden, für die er später weltbekannt werden sollte. Aber bereits wenige Jahre später, genauer 1951 kam „Bestiarium“ – dieses Buch war dann endlich der aufsehenserregende, große literarische Wurf! 1960 dann, nun schon als bekannter Schriftsteller, der er nie recht sein wollte, erschien der erste seiner Romane „Die Gewinner“. Julio Cortázar verstarb nach langem, schmerzhaften Todeskampf 1984.

Ganz entgegen seiner literarischen Experimente in seinen Erzählungen, nahm er für diesen Roman das sogenannte Bestseller-Rezept: Man nehme als Grundlage ein paar einander zunächst völlig fremde Menschen, lasse sie dann an einem geheimnisvollen Ort, von dem sie sich nicht ohne weiteres wegbewegen können, zusammen kommen und lasse sie dann in seltsame Umstände geraten. In diesem Falle: Zwanzig Leute, aus völlig unterschiedlicher sozialer Herkunft, gewinnen in einer nationalen Lotterie eine Kreuzfahrt und gehen im Hafen von Buenos Aires an Bord eines Luxusschiffs.

Doch schon die Umstände WIE sie an Bord gebracht werden sind sehr seltsam… aber alle lassen sich auf das Abenteuer ein. Auf dem Schiff herrscht eine sehr gespannte Stimmung, welche die Passagiere schon fast als feinselig empfinden. Das Schiff hat schon den Hafen verlassen, als sie bemerken müssen, dass die komplette Mannschaft nur finnisch spricht und versteht. Niemand weiß auch zu sagen wer eigentlich der Kapitän ist… und erst recht nicht, wohin denn die Reise gehen wird. Aus völlig unerfindlichen Gründen bleibt auch ein Teil des Schiffes für die Reisenden unzugänglich und erst nach langem Fragen, gibt ein Schiffsoffizier eine wenig überzeugende Auskunft über den Zweck dieser Absperrung: Es seien zwei Fälle einer sehr ansteckenden Krankheit dort aufgetreten.

Nun entfaltet der Roman seine Dynamik… Cortazar beginnt in ausgefeilter Dramaturgie die Reaktionen der verschiedenen Charaktere zu zeigen. Wie reagiert der eine Passagier, wie der andere auf die Situation? Wer verbündet sich mit wem, um die Situation zu überstehen? Welche Kräfte stecken in solchen gruppendynamischen Prozessen? Ist Verhandeln oder Gewalt der bessere Lösungsansatz? Und was entsteht in diesen Konfrontationen… jeweils die der Menschen untereinander und die mit den mysteriösen, unerklärlichen, allen angstmachenden Vorgängen? Erzähltechnisch verfügt Cortazar natürlich meisterhaft über alle Mittel eines Krimi-Autors… und man kann das Buch natürlich durchaus genau so lesen. Aber ebenso natürlich darf man sich dann bei Cortazar keinen Action-Krimi erwarten, sondern einen subtil ausgearbeiteten, erzählerisch zelebrierten Plot, der mit einer raffinierten, spannenden Handlung unter die Haut geht.

Wer sich aber mit der oberflächlichen Betrachtung (die der Autor durchaus für adäquat hält… gegen die er nicht das mindeste hat) NICHT zufrieden gibt, wird unter der Oberfläche ein Buch finden, das es einem schwer machen wird, es wieder aus der Hand zu legen. Mindestens zwei Ebenen tief ist das Untergeschoss: Einmal gibt es hier die symbolistische Ebene, auf der Cortazar auf die politische Realität in seinem Land (oder auch in jedem anderen Land) bezug nimmt. Er beschreibt dabei (verschlüsselt zwar, aber durchaus entzifferbar…) all die soziologischen, psychologischen, politischen und sozialen Grundmuster so exakt, dass man das Buch für eine Ankündigung jüngster argentinischen Geschichte lesen kann, die sowohl ins Chaos abgleiten, aber auch in faschistische Tendenzen münden kann; und Argentinien ist, wenigstens ein bisschen, überall.

In der dritten Ebene erschließt sich der geneigten Leserschaft, das Denken von Cortazar und seine Sicht auf die Wirklichkeit, sowie seine Auseinandersetzungen damit. Eine der im Roman handelnden Personen, ein gewisser Persio, ist mit seinen Monologen sozusagen das Sprachrohr des Autors. In dem Cortazar versucht uns zu zeigen, dass unser Realitätsbegriff allenfalls nur ein (schwaches) Hilfsmittel zum Verständnis der uns umgebenden Wirklichkeit ist und in dem der Autor versucht, erzähltechnisch die herkömmlichen Kausalitäten auf den Kopf zu stellen, gibt er den Blick dafür frei, dass wir oft nicht in der Lage zu sein scheinen, die eigentlich wirkenden Zusammenhänge zu begreifen. Also die Monologe des Persio sind auch eine Einführung in die Person des Autors, sind Hinweise, wie wir Leserinnen und Leser Julio Cortazar verstehen können.

Meiner Meinung nach, ist es Julio Cortazar gelungen, mit „Die Gewinner“, einen sehr unterhaltsames, teilweise sogar sehr leicht und locker zu lesendes Buch zu schreiben, das ohne Minderung des Lesevergnügens, quasi fast unmerklich, in immer tiefere Bereiche unseres Verständnisses für ihn, für seine Überzeugungen, für aktuelle politische Probleme und Zusammenhänge vordringt. Ohne mich allzu weit vorzuwagen kann ich sagen, dass dieses Stück Weltliteratur für mich eine Leseköstlichkeit gewesen ist, das amüsant und anregend zugleich auf mich wirkte… ganz so wie der Genuss eines wundervollen alten Cognacs und einer Zigarre nach einem besonders feinen Mahl. Wer beginnen möchte Julio Cortazar zu lesen, sollte das mit diesem Buch tun, anstatt sich mit z.B. dem am wenigsten in der üblichen Erzähltradition von Romanen geschriebenen Roman, „Rayuela – Himmel und Hölle“ (auch hier bei Ciao besprochen), abzumühen. „Die Gewinner“ ist ein wundervoller Beginn einer (Lese-)Freundschaft mit einem der bedeutendsten und großartigsten Romanciers mindestens der argentinischen, wenn nicht gar der gesamten lateinamerikanischen oder weltweiten Literatur.
Wilfried John
Die Gewinner
Julio Cortazar
411 Seiten – Gebundenes Buch
Verlag: Suhrkamp – von 1988
ISBN: 3-5180-2294-6
22,80 €
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