Julio Cortazar „Rayuela – Himmel und Hölle“

Meine letzte Buchbesprechung befasste sich mit dem argentinischen Schriftsteller Julio Cortázar… wobei es aus mehreren Gründen nicht so ganz richtig ist, ihn argentinisch zu nennen. Der erste Grund ist sein Lebenslauf, den ich hier noch einmal kurz gefasst wiedergeben möchte, da er im letzten Bericht ausführlicher geraten war: Julio Cortázar wurde am 26. August 1914 in Brüssel als Sohn argentinischer Eltern geboren, die später mit dem gerade mal vier Jahre alten Sohn, der Kriegswirren in Europa wegen, nach Argentinien zurück kehrten. Bis 1951 lebte und arbeitete er in Argentinien, das er dann, mit einem Stipendium des französischen Staates ausgestattet, verließ, um lebte fortan für lange Zeit in Paris zu leben. Bis 1974 ist er in der Funktion eines Übersetzers als freier Mitarbeiter für die UNESCO tätig gewesen und war ständig inner- und außerhalb Europas unterwegs. Er setzte sich offen und engagiert für den antiimperialistischen Kampf lateinamerikanischer Länder wie Kuba, Chile und Nicaragua ein.

Dieses Leben und Arbeiten in Europa, die Beteiligung am Kulturbetrieb, das Erleben der künstlerischen Aufbruchsstimmung jener Zeit – das alles prägte ihn sehr europäisch. Natürlich zählte er sich Lateinamerika zugehörig, aber er war doch kulturell vielleicht mehr Europäer geworden, als ihm persönlich lieb war; jedoch nicht zum Schaden auch für die lateinamerikanische Literatur, ja der Weltliteratur, zu deren hervorragendsten Vertretern Julio Cortázar gezählt werden muss. Ich möchte hier an meinen vorigen Bericht anknüpfen, in dem ich angedeutet habe, dass ich die Geschichte seines literarischen Gipfels erzählen möchte. Nur noch einmal ganz kurz seinen literarischen Lebenslauf für alle diejenigen, die jenen Bericht nicht kennen:

Diese Vita begann schon 1938. Ziemlich unbeachtet und Pseudonym erschien eine Sammlung von Sonetten unter dem Titel „Presencia“, dem, nach weiteren Versuchen, 1945 ein band Erzählungen folgte. Bereits wenige Jahre später, genauer 1951 kam „Bestiarium“ – dieses Buch war dann endlich der aufsehenserregende, große literarische Wurf! Fortan erschienen in regelmäßigen Abständen von zwei, drei, vier Jahren weitere Bände mit Erzählungen. Doch sein größtes Werk sollte noch folgen. Obschon er bereits sehr erfolgreich und anerkannt war, blieb er immer ein Suchender, der Grenzen aufsuchte um dahinter zu gelangen. Hinter eine dieser Grenzen, gelangte er 1963 mit seinem Anti-Roman „Rayuela“. Wir, die des Spanischen nicht in dem Maße mächtig sind, wie es für die Lektüre dieses Werkes erforderlich ist, mussten allerdings bis 1981 warten, ehe es ein Übersetzer schaffte es ins Deutsche zu übertragen. An dieser Stelle sei allgemein auf die unglaublich schwierige Arbeit dieser Menschen hingewiesen und aufmerksam gemacht, und speziell die Arbeit von Fritz Rudolf Fries gelobt, der dieses Werk Cortázars meisterhaft übersetzte.

Rayuela ist die im argentinischen Spanisch gebräuchliche Bezeichnung für das Himmel-und-Hölle-Spiel, ein wohl auf uralten Ritualen beruhendes Kinderspiel, in dessen Verlauf es darum geht, einem geworfenen Stein hinterher springend, durch verschiedene, auf den Boden, die Straße aufgemalte Felder, von der „Hölle in den Himmel“ und zurück zu gelangen. Und wie ein Spiel ist auch dieses Werk… es enthält zwar eine Handlung (wie jeder andere Roman auch), aber diese Handlung wird sozusagen einer Beschreibung des schöpferischen Aktes an sich untergeordnet. Als seinen alle früheren Werke Cortázars eben nur Studien gewesen, versammeln sich diese nun in diesem Roman. Die phantastischen Kurzerzählungen ebenso wie die längeren Erzählungen, welche ich in meiner letzten Besprechung schon beleuchtete, bringen diese geheimnisvolle Ordnung der Dinge ein, die den Leserinnen und Lesern zur Infragestellung der Ordnung ihrer Lebenswirklichkeit einladen und anregen will; eine Einladung, wenn man so will, sich mit dem Autor auf die Suche nach „etwas Anderem“ zu machen.
Cortazár selbst hat den Roman (wie auch seine Erzählungen) einmal als „metaphysische Ohrfeige im Sinne der Zen-Methode“ genannt, bei dem aber erfolgt „anstatt des Schlags auf den Kopf ein absolut antiromanhafter Roman, mit nachfolgendem Skandal und Schock, und vielleicht mit einer Öffnung für die Hellsichtigsten“. Julio Cortázar treibt das Credo der meisten lateinamerikanischen Autoren, die sich die LeserInnen als Komplizen wünschen, auf die Spitze und lehnt, wie er es formuliert, deshalb das „Leser-Weibchen“ ab und fordert über die lesende Komplizenschaft den „Leser-Komplizen“, der lesend mitarbeiten soll. Wir sollen, falls wir als Komplizen dazu bereit sind, ihm durch das Labyrinth seiner Einfälle, seines Schöpfungsprozesses folgen, die immer wieder den Handlungsstrang begleiten und/oder unterbrechen, um immer wieder andere Ebenen, andere Felder des Himmel-und-Hölle-Spiels (um im Bilde zu bleiben) zu erreichen.

Die Mitarbeit besteht aber auch darin, sich einen Lese-Weg durch die in unterschiedlichen Weise kombinierbaren Kapitel des Roman zu suchen. Cortázar schlägt dabei zwei Leseweisen vor: Die lineare Methode von Kapitel 1 bis 56, unter Verzicht auf die „Kapitel, die man getrost beiseite lassen kann“ (er meint damit die Kapitel 57 bis 155) und eine in der „Rayuela-Methode“, also eine springende, überspringende Lesart, die zwischen die Kapitel 1 bis 54 und 56, welche die von ihm sog. „verzichtbaren Kapitel“ einschiebt und (Zitat) „in einem Perpetuum Mobile wechselseitiger Verweisung endet“. Cortázar überlässt es den aktiven Leserinnen und Lesern, weitere Möglichkeiten zu suchen, die zwei vorgeschlagenen Methoden sind nur eine Spur, ein Anhaltspunkt).

Das Buch ist in drei Teile gegliedert, die zwei Schauplätze und einen Anti-Schauplatz haben (an dieser Stelle sei noch einmal die Vita des Autors in Erinnerung gerufen): Das erste Szenarium ist Paris, das zweite ist Buenos Aires… das dritte Szenarium sind als entbehrlich bezeichneten Kapitel 57 bis 155, bei denen es sich um zusätzlich angebotene Situationen oder auch intellektuelle Gedankenspiele etc handelt. Hauptperson in diesem Roman ist der völlig desillusionierte Argentinier Oliveira, ein Intellektueller, der ständig auf einer Suche ist, von deren Ziel er keine rechte Vorstellung hat. Er will sein absurdes Dasein überwinden, scheitert aber an seiner Handlungsunfähigkeit. Er möchte sich gern festlegen (anders als „Der Mann ohne Eigenschaften“), hat aber Angst genau dadurch seine Freiheit zu verlieren; er wird entweder wahnsinnig oder bringt sich um. Im ersten Teil des Buches, ist Oliveiras ständige Begleiterin und Geliebte eine Ungarin namens La Maga, die zwar mit ihm durch die Bars von Saint-Germain tingelt, sich aber nicht recht an den Diskussionen der intellektuellen Bohème um Literatur, Jazz, Kunst und Philosophie beteiligt. Sie ist für Oliveira so etwas wie der Kontakt zur Wirklichkeit, zum Sein an sich.

Im zweiten Teil treten dann weitere Hauptfiguren auf den Plan: Oliveira trifft in Buenos Aires seinen alten Freund Traveler wieder… dessen Frau Talita, im Gegensatz zu La Maga ihm weit über seine intellektuellen Grenzen hinaus zu treiben in der Lage ist. Wenn man so will, sind die beiden Frauen eben auch Himmel und Hölle. Es geht hauptsächlich um die Frage, ob das Absurde in etwas enthalten ist, das man das Normale nennt, oder ob es in etwas anderem enthalten ist… etwa in einem wie auch immer gearteten Absoluten (wahrscheinlich göttlichem). In verschiedenen Tätigkeiten sucht Oliveira Fuß zu fassen. Er arbeit im Zirkus, dann in einer psychiatrischen Klink… und schließlich schafft er es nicht mehr nur aus seinem eigenen Zimmer heraus zu kommen. Er ist verwirrt und desorientiert… hat Halluzinationen und kann irgendwann nur noch aus dem Fenster auf die im Hof aufgemalten Kreidestriche des Himmel-und-Hölle-Spiel schauen. Im dritten Teil lernen wir dann noch einen erfolglosen und schrulligen Schriftsteller namens Morelli kennen. Er ist nicht schwer als ein Alter Ego von Julio Cortázar zu identifizieren, wenn er seine Ansichten über die Weiterentwicklung der Literatur reflektiert, einer Literatur, die alte Ordnungen aufbrechen soll, die er aber selbst nicht schreiben könne, da angesichts des Unvermögens der Sprache, eine existenzielle Krise wie den Krieg zu verhindern. Aber es gibt in diesem dritten Teil auch jede Menge Fragmente, bestehend aus Zeitungsmeldungen, Zitaten, Gedichten, Gesprächsfetzen, die in Teil eins oder zwei verweisen und die wir Komplizen zur freien Verfügung haben, um sie gleich einen Puzzle ohne Rahmen, hier und dort selbstständig in den Handlungsstrang des Romans einzufügen. Später, in einem anderen Buch, wird Cortázar auch dieses Puzzlespiel noch auf die Spitze treiben… doch das ist eine andere Geschichte. Mal sehen, vielleicht erzähle ich die hier auch noch…
Rayuela ist, wie der Name schon sagt, immer ein Spiel. Aber das Werk ist auch viel mehr – es gleicht einem Experiment, das sowohl uns als Lesende, als auch Cortázar als Autor einschließt. Ein Kritiker hat es einmal so formuliert: …Experiment das den ganzen Menschen angeht, das lateinamerikanische Identitätssuche mit europäischem Unbehagen an der Kultur verbindet und letztlich zwar keine Lösung, aber dennoch so etwas wie Hoffnung anbietet, in der Feststellung, dass die Sehnsucht nach dem Paradies (…) im Menschen unausrottbar ist.“ Für mich ist Rayuela ein Buch, das mir wie das Eintauchen in eine andere Welt erscheint… eine andere Form von „Tausend und eine Nacht“, ein Rauschmittel und ein Lebenselixier gleichermaßen. Rayuela ist der Inbegriff dessen was lesen sein kann… in einer Reklame der von mir sehr geschätzten Büchergilde Gutenberg hieß es einmal, lesen sei reisen im Kopf – und wie wahr das hier in diesem Falle ist!

Wilfried John

Rayuela – Himmel und Hölle
Julio Cortazar
636 Seiten – Taschenbuch
Verlag Suhrkamp von 1987
ISBN 3-51837-962-3
13,75 €