Konrad Lorenz „Das sogenannte Böse. Zur Naturgeschichte der Aggression.“

Aus welchen Gründen auch immer, scheint es heutzutage wieder modern zu sein, sich (populär-)wissenschaftlich mit Vererbung, Verhalten und Sozialisation zu beschäftigen. Immer öfter werden solche Werke auch von jungen Leuten verlangt, was mich dazu bringt ein Standartwerk zu besprechen, das sehr oft verharmlost wurde, sich aber heute in gewissen Kreisen sehr gut als Bestätigung ihrer inhumanen Ansichten eignet. „Das sogenannte Böse“, erschienen 1963 und zeichnet sich durch einen muntere Erzählweise und durch einen von Humor getragenen Stil aus. Das Buch besteht zu großen Teilen aus treffsicheren Schilderungen, welche den Autor gewiss als großartigen Tierbeobachter ausweisen, aber mit Hilfe vieler Anekdoten über Tiere und Menschen zielt er auch auf unser zustimmendes, kritikloses Schmunzeln. Ob seines hohen Unterhaltungswertes wegen, oder aus anderen Gründen, auf die ich später noch eingehen möchte, Buch wurde schnell ein Bestseller und international bekannt. So um 1970 gehörte es zu einer guten Allgemeinbildung dieses Buch, wenigstens der groben Inhaltsangabe nach, zu kennen. Aber so humorig wie es daher kommt ist das Buch nicht! Was vordergründig unterhaltsam, eingängig und lustig erscheint, ist in Wahrheit ein wirklich brisanter Text, ein Text, der die großen Aggressionsneigungen des Menschen (die Weltkriege und den Holocaust eingeschlossen) auf das sogenannte tierische Erbe in uns, auf einen sogenannten Aggressionstrieb zurückführen will und die Einflüsse der Kultur (als Begriff für alle Lebensäußerungen von Menschen und von Gesellschaften zu verstehen) stark vernachlässigt.

Nach Lorenz verdankt das Buch seine Entstehung keinem geplanten, zielgerichteten Forschen, sondern einem zufälligen Zusammentreffen zweier Umstände: Zum einem begegnete er während seiner Vortragstätigkeit in den USA vielen Psychoanalytikern, mit denen er in Diskussionen immer wieder über Freuds Aggressionslehre und sein Begriff des Todestriebes, den Lorenz ablehnte, sprach. Zum zweiten hatte er während dieser Zeit die Gelegenheit, in den Korallenriffen Floridas eine Hypothese über Kampffische zu prüfen. Lorenz leitete aus diesen seinen Beobachtungen von Aggressionen, ganz generell einen auf den Artgenossen gerichteten Kampftrieb bzw. Kampfinstinkt bei vielen Tierarten und dem Menschen ab. Für das Tierreich bringt er eindrucksvoll erscheinende, jedoch scheinbar wahllos herausgegriffene Beispiele… für die Menschheit jedoch reicht es allenfalls zu Anekdoten. Was schon ein populärwissenschaftliches Werk auszeichnet (und für seriöse Werke ganz selbstverständlich ist), findet man in diesem Buch nicht: Es gibt zwar ein Register mit Tiernamen, aber keine einzige Literaturangabe; statt Hinweise auf empirisch gesicherte Fakten, Zitate aus Goethes und Schillers Werken und aus der Bibel; Begriffserläuterungen finden nicht statt; stattdessen werden sogenannte Rückschlüsse von Buntbarschen und Graugänsen auf den Menschen gezogen.
Wozu ist nun Aggression – „das Böse“ – gut, fragte er. Dass er mit dieser Fragestellung gleich zweierlei beabsichtigt oder zumindest in Kauf nimmt ist auffällig: Zum einen erklärt er Aggression so mir nichts dir nichts zum Bösen an sich und zum anderen erklärt er das Böse dann auch noch zu etwas natürlichem, das doch auch sein Gutes hätte. Aber das perfide an einer solchen Fragestellung, ist die mögliche Antwort, die darauf folgen kann und wird. Hat man den Haken der Frage erst mal geschluckt, dann wird einem die Antwort plausibel erscheinen müssen: Durch den Aggressionstrieb werden die Tiere einer Art möglichst weit über den Lebensraum verteilt; doch führt der Autor an(und bezweifelt so seine eigene Theorie selbst), dass dies bei manchen Tierarten auch anders erreicht werden kann. Durch Aggressionen würden außerdem die „besten und stärksten Tiere“ zur Fortpflanzung kommen; über Klugheit, Lernfähigkeit, Abstraktionsvermögen in dem Zusammenhang, scheint Lorenz keine Gedanken gemacht zu haben. Aggressionen schafften, unter anderem, auch eine Rangordnung unter Tieren; jedes Tier wisse, „welches andere stärker und schwächer ist als es selbst“. Hier wird eine Art „Führerprinzip“ als biologisch sinnvoll und gegeben unterstellt, und bald folgt auch ein Bekenntnis zu einer Altmännerherrschaft, das von Demokratie wenig „angekränkelt“ ist (so Lorenz wörtlich).
Seine Thesen sind oberflächlich vorgebracht und halten einer wissenschaftlichen Prüfung nicht stand. Selbst ich weiß, dass z.B. Löwenmännchen Löwenbabys die nicht von ihnen selbst sind töten, wenn sie in ihrem Clan das Sagen kriegen (keine Ahnung ob das jetzt hundertprozentig richtig ausgedrückt ist…) Bei Lorenz aber heißt es, dass die Vernichtung eines Artgenossen niemals Ziel einer Aggression sei. Dann schwingt er sich zum Gipfel wenn er schließlich behauptet, es sei seine Überzeugung, dass aus der Aggression schließlich Freundschaft und Liebe sprießen werden; so wird fürwahr Böses zum Quell des Guten. Eine perverse Kernaussage des Buches, es gebe keine Liebe ohne Aggression, wird später noch mehrfach, mit immer suggestiveren Worten und immer ohne den geringsten Beleg, wiederholt. Was zu beweisen wäre, wird immer wieder als Behauptung aufgestellt: Der Mensch habe nun mal einen Aggressionstrieb…, der müsse nun mal befriedigt werden…., sonst käme es nun mal zu einem Aggressionsstau und zu Leerlaufreaktionen (Konrad´sche Wortschöpfung für Aggressionen, die ohne hinreichenden Reiz ablaufen… als Metapher wohl von einem leerlaufenden Gefäß abgeleitet)… Dann kommt der unwiderlegbare Beweis für ein solches im Menschen angelegten Triebes: Eine bei seiner „verwitweten Tante“ (so schreibt es Lorenz ) alle acht bis zehn Monate erkennbare Aggressionsneigung gegen „Dienstmädchen“!
Erst sehr spät im Buch taucht die beiläufig schon oft angesprochene Frage erneut auf, um nun allgemeingültig beantwortet zu werden: Alles Behauptete gelte auch für den Menschen. Der habe von den ersten Werkzeugen an seine Intelligenz u. a. dazu genutzt, seinen „Bruder totzuschlagen und zu braten“ (Lorenz ). Solche Sätze kennzeichnen den Autor. So mühelos und selbstverständlich er Kannibalismus an den Anfang der Kulturentwicklung stellt, so selbstverständlich leugnet er, dass nicht der Mord, sondern die Kooperation das erfolgreichere Konzept (als Symbiosen überall in der Natur zu finden) am Anfang der Kulturentwicklung war.
Schon der Faustkeil ermöglicht, laut Lorenz, ein so leichtes und rasches Töten, dass unsere Aggressionshemmungen dagegen nicht mehr ausreichen. Der einmal schwer am Kopf getroffene Mensch kann nicht mehr schreien oder anderweitig Hemmungen beim Gegner wachrufen. Doch die Entwicklung blieb auf diesem Niveau nicht stehen: Extrem sei das Ungleichgewicht zwischen Tötungsfähigkeit und Hemmung durch die modernen Waffen geworden: „Familienväter haben Bombenteppiche gelegt“ (Lorenz ). Nur zur Erinnerung: Lorenz führt das alles letztlich auf unseren Instinkt zurück, doch drängt sich gerade bei diesem Beispiel die Dressur zum Gehorsam als Erklärung auf. Menschen, die es so gelernt haben (und in der militärischen Ausbildung gibt es dafür den letzten Schliff) führen jeden Befehl aus. Nur eine Minderheit handelt anders; es gibt auch sie, doch ist ihr Verhalten eher aus ihrer Erziehung als aus ihren Genen ableitbar. Das Buch endet mit einem Glaubensbekenntnis an die „Macht der Selektion“: Sie werde eines Tages die „größte und schönste Forderung wahren Menschentums“ (Lorenz) erfüllen und es uns ermöglichen, alle „Menschenbrüder“ zu lieben (Lorenz); über die Schwestern schweigt Lorenz.
Ein Buch hat großen Erfolg, wenn es Bedürfnisse einer potentiellen Leserschaft in hohem Maße befriedigen kann. Der Wunsch nach guter Unterhaltung reicht zur Erklärung kaum aus. Vielleicht wiederhole ich eine Spekulation, die für mich früher schon plausibel war: Im Erscheinungsjahr des Buches schwiegen große Teile der Welt immer noch zu den Schrecken der NS-Diktatur und des Zweiten Weltkriegs. Dank des Buches von Lorenz konnten sich die Leserinnen und (vor allem) Leser nun fast gänzlich für ihre eigenen Aggressionen entschuldigt fühlen. Vor allem den Beteiligten an nationalsozialistischen Verbrechen bot es Entlastung, denn solche Täter durften sich von Lorenz in ihrer besonderen „Menschlichkeit“ bestätigt sehen. Auch die Amerikaner, die als Ankläger gegen deutsche Kriegsverbrecher auftraten, waren von ihm begeistert – genau zu der Zeit, als viele Angehörige ihres Volkes in Vietnam übelste Kriegsverbrechen begingen. Diese zu entschuldigen, war sicher nicht die Absicht des Autors, aber sein Text war dafür dienlich. Vielleicht wollte Lorenz sich auch selbst entlasten?

Konrad Zacharias Lorenz wurde am 7. Nov. 1903 in Wien als Sohn des Orthopäden Dr. Adolf Lorenz und seiner Frau Emma geboren. Nach Abschluss des Schottengymnasium Wien studierte er Medizin in New York und Wien. 1927 heiratete er Dr. Med. Margarethe Gebhardt. Von 1928-33 studierte er Zoologie in Wien. Währenddessen war er Assistent am II. Anatomischen Institut der Universität Wien und später Privatdozent für vergleichende Anatomie und vergleichende Tierpsychologie an der Universität Wien. 1941-44 war er Arzt im Kriegsdienst. 1944-48 Arzt in russischer Gefangenschaft.

1949 gründete er das Institut für Vergleichende Verhaltensforschung in Altenberg und wurde 1951 an das Max-Planck-Institut berufen. Er wird zum Honorarprofessor der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster und kurz darauf zum Honorarprofessor der Ludwig-Maximilians-Universität München ernannt. Von 1961-73 war er Direktor am Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie in Seewiesen bei Starnberg. 1973 wurde ihm, zusammen mit Karl von Frisch und Nikolaas Tinbergen, der Nobelpreis für Medizin und Physiologie zuerkannt. Die Max-Planck-Gesellschaft schuf für ihn dann die Forschungsstation in Grünau im Almtal, wo er im Rahmen des Instituts für Vergleichende Verhaltensforschung der österr. Akademie der Wissenschafter seine Forschungen fortsetzte. Konrad Lorenz starb am 27.02.1989.

Konrad Lorenz ist einer der Begründer der Vergleichenden Verhaltenskunde, der Ethologie. Die Ethologie hat im Laufe der letzten Jahrzehnte gewaltige Fortschritte gemacht, nicht nur in wissenschaftlichen Erkenntnissen, sondern auch hinsichtlich der Würdigung, die ihre Ergebnisse in der öffentlichen Meinung gefunden haben. Im Zusammenhang damit hat die Zahl der Forscher, die sich mit ihr beschäftigen, gewaltig zugenommen. Die Arbeit dieser jungen Wissenschaft hat mit der Erforschung verhältnismäßig niedriger Lebewesen begonnen, um später zu höheren Organismen überzugehen und schließlich auch den Menschen in das Blickfeld ihrer Betrachtung einzubeziehen.

Doch es gibt auch die dunkle, undurchsichtige Seite des Konrad Lorenz – Fleißiger Mitstreiter im Rassenwahn der Nazis war ein junger Arzt und Verhaltensforscher aus Österreich: Konrad Lorenz. Im Sinne der Nazi-Ideologie forderte er eine „noch schärfere Ausmerzung ethisch Minderwertiger“. In der Dissertation „Biologen in der NS-Zeit“ wird auf die Mitwirkung Lorenz´ bei der Erstellung von Testbatterien hingewiesen, nach deren Kriterien Menschen nach „rassischen“ Merkmalen bewertet werden. Zwar konnte nie festgestellt werden, wie weit Lorenz von der Anwendung seines „Tests“ in „der Praxis“ gewusst hatte, aber es lassen sich sowohl auf die Art seiner Wissenschaft wie auch auf Menschenbild und Ideologie Rückschlüsse treffen. Seine Rolle im Nazi-Deutschland ist also nicht hinreichend so aufgeklärt, dass man ihn völlig frei sprechen könnte, da er, wie gesagt, im NS-Staat die NS-„Rassenhygiene“ „wissenschaftlich“ unterstützt hat und auch noch nach 1945 zu seinen „Arbeiten“ stand (Äußerungen aus dieser Zeit, werden unten im Text dargelegt und die Quellen genannt).

Auch in der neueren Geschichte, findet man Verbindungen zu rechtsextremen Zirkeln; vor allem in Österreich (hierzu ein Gerichtsurteil, das erging weil Freunde verhindern wollten, dass dies veröffentlicht wird: http://www.awadalla.at/el/vpm-urteil.html ). Auch in seinem Namen und unter Rückgriff auf seine Theorien, wurden (vor allem) in Österreich rechte und faschistische Kreise, aber allen voran (man ist versucht natürlich zu sagen) Haiders FPÖ theoretisch munitioniert (dazu siehe: http://www.prairie.at/002/1/002_1_naturfpoe.php3 oder auch in vielen anderen Quellen wie z.B. http://www.prairie.at/002/1/002_1_naturfpoe.php3 ). Aber auch in Deutschland sind die Lorenz´schen Thesen in rechtsextremen Kreisen nicht unbekannt; man beruft sich sogar ausdrücklich darauf. Die sogenannte „Neue Rechte“ schreibt das sogar in ihre „theoretischen Grundlagen“ (siehe unter: http://www.comlink.de/cl-hh/m.blumentritt/agr23.htm ).

Die Zeit ist über die Aggressionstheorie von Konrad Lorenz hinweggegangen. Heute interessiert sich wissenschaftlich niemand mehr ernsthaft für das Werk… Aber es wird in rechten Kreisen immer noch gehandelt und hochgelobt. Es hat auch viele Kinder bekommen: geistesverwandte Lehren z.B. Soziobiologie. Diesen Begriff hier bei Ciao lesen zu müssen, hat mich auf die Idee gebracht über Lorenz zu schreiben. Wissenschaftlich werden diese Sachen nicht sehr ernst genommen… aber das ist auch nicht mein Punkt. Ich hoffe, dass derlei Thesen generell nicht mehr ganz so ernst genommen werden.

Wilfried John

„Das sogenannte Böse. Zur Naturgeschichte der Aggression.“
Konrad Lorenz
Taschenbuch – 261 Seiten – DTV von 1983
ISBN: 3423330171
Preis: DM 17,50