Leonardo Padura „Der Mann, der Hunde liebte“

Der Mann, der Hunde liebte
Leonardo Padura
730 Seiten – Gebundenes Buch
Verlag: Unionsverlag – Aus 2011
ISBN: 978-3-293-00425-2
28,90 €uro
Broschierte Ausgabe
ISBN: 978-3-293-20579-6
14,95 €uro
Antiquarisch billiger

Das Zeitalter der Extreme

Pro:
Großartiger, fulminanter und wichtiger Historischer Roman
Kontra:
Geschichtskenntnisse hilfreich

Zeitalter. Für mich als geschichtsinteressierten Menschen gibt es Begriffe, die fast „magnetisch“ auf mich wirken. Für das Vorwort einer Besprechung allerdings, empfiehlt es sich jedoch, etwas nüchterner mit dem Begriff umzugehen. So betrachtet, ist ein Zeitalter ein längerer oder kürzerer Abschnitt der Geschichte, der durch übereinstimmende oder sich ähnelnde Merkmale definiert werden kann. Für den etwas altmodischen und pathetisch daher kommenden Ausdruck, wird synonym oft der Ausdruck Epoche gebraucht, wohl auch weil damit kürzere geschichtliche Perioden besser bezeichnet werden können.
Gemessen an der Menschheitsgeschichte – und nur die können wir annehmen, da es vor dem Menschen keine Geschichte gab – ist zu realisieren, dass die zeitliche Dauer von Zeitaltern immer kürzer zu werden scheint, je näher sie an unsere Gegenwart heranreichen. Außerdem gingen und gehen die historischen Entwicklungen in einzelnen Weltregionen u.U. völlig unterschiedlich vonstatten und erst seit Ende des 18. Jahrhunderts kann man weltweit wohl von einem einheitlichen Geschichtsraum sprechen; auch wenn wohl seit Jahrtausenden bestimmte materielle Interdependenzen und geistiger Austausch (als Beispiele: Weihrauch- und Seidenstraße, Jakobsweg,) vorhanden waren.

Man möge mir verziehen, dass ich als Titel für diese Besprechung einen Buchtitel von Eric Hobsbawm verwendete. Aber genau dieser Titel, sowohl als Überschrift für diese Rezension als auch zur Bezeichnung des Romanstoffs, ist dermaßen passend, dass ich mich gar nicht erst bemühte etwas anderes – letztlich doch schlechteres – zu erfinden. Der Hinweis auf den Historiker Eric Hobsbawm ist auch im Hinblick auf meine Bemerkung zu dem Kontra zu werten: Ohne eben jenes Buch mit dem Titel „Das Zeitalter der Extreme“ von eben jenem kritischen Historiker Eric Hobsbawm, hätte ich diese Besprechung vielleicht nicht geschrieben, da ich nur über Sachen schreibe, von denen ich glaube etwas zu verstehen.

Eric Hobsbawm prägte den Begriff „Das kurze 20. Jahrhundert“ wohl um der Tatsache Rechnung zu tragen, dass ein Jahrhunderte als Einteilung historischer Epochen an sich ungeeignet ist, da sich historische Ereignisse nicht an Jahreszahlen halten. Das 20. Jahrhundert wird in diesem Zusammenhang als „kurz“ bezeichnet, da die Zeit bis zum Ersten Weltkrieg dem 19. Jahrhundert noch sehr ähnelte, während der 1. Weltkrieg und noch mehr die politischen Umstürze am Ende des Krieges (Revolutionen in Russland 1917, in Deutschland und Österreich 1918) eine neue Gesellschafts- und Weltordnung schufen. Andererseits ging, mit dem Ende der Sowjetunion 1991 und der bereits seit 1989 erfolgten Öffnung vieler Länder des sog. Ostblocks dem Westen gegenüber, der die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts bestimmende Ost-West-Konflikt scheinbar zu Ende, so dass die bürgerlichen Historiker davon ausgehen, als habe mit diesem Zeitpunkt wieder eine neue Epoche begonnen.

Mit Verlaub, ihr bürgerlichen Historiker, ihr irrt! Nicht nur meiner bescheidenen Meinung nach, ist die Epoche des „Kurzen 20. Jahrhunderts“ eben noch nicht vorüber – was wir in den 1990er und 2000er Jahren an Um- und Zusammenbrüchen sowie Konflikten erlebten und aktuell noch erleben, gehört unmittelbar zu eben diesem „Kurzen 20. Jahrhundert“. Das Heute zu verstehen setzt voraus, dass man das Gestern verstanden hat… und das ist umso schwieriger, je komplizierter dieses Gestern gewesen ist. Und angesichts der oben genannten materiellen Interdependenzen braucht man einen genauen Kompass, damit man sich in den reichlich vorhandenen Richtungen nicht verirrt.
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Genau vor dem Hintergrund dieses 20.Jahrhunderts spielt der hier zu besprechende Roman. Dabei handelt es sich bei diesem Werk um einen echten Historischen Roman. Das Genre der Historischen Romane hat offenbar gerade Hochkonjunktur, obwohl es sich aber bei den meisten dieser Werke gar nicht um Historische Romane handelt. Streng genommen entspricht das Genre des Historischen Romans solchen Werken, in denen die Protagonisten tatsächliche Personen der Geschichte sind und nicht einfach die Romanzeit ins Mittelalter oder in irgendein anderes Zeitalter gelegt wurde.

Wie man sich bei einer meinen Rezensionen wohl denken wird, handelt sie von einem Stück Lateinamerikanischer Literatur. Es geht um den Roman „Der Mann, der Hunde liebte“ von Leonardo Padura (LP). Hierzulande ist LP in den letzten Jahren mit seinen unverwechselbaren, hintergründigen und sozialkritischen Krimis bekannt geworden. Seine Geschichten spielen allesamt auf Kuba, speziell in Havanna. Er wurde so zu einer wichtigen zeitgenössischen Quelle von Informationen aus dem „Landesinneren“ dieses (immer noch) verschlossenen Landes.
In dem hier zu besprechenden Werk ist Kuba zwar ein wichtiger, aber eben nur einer der verarbeiteten Romaneorte und die Gegenwart nur eine der Romanzeiten. LP legte uns einen Roman vor, der letztlich das „Kurze Jahrhundert“ als Romanzeit und die Heimat- und Exil-Länder der handelnden Personen als Romanorte hernimmt: Spanien, die Sowjet¬union, Türkei, Mexiko, Frankreich, Norwegen und – natürlich – Kuba. LP schrieb aber nicht nur trockene historische Fakten zusammen, sondern stellt sie inmitten einer fiktiven Geschichte vor, die wohl – wie bei ihm üblich – auch starke autobiographische (Be-)Züge trägt.
Ohne allzu pathetisch klingen zu wollen: Mit diesem Roman hat der Autor sein Meisterstück geliefert. Es handelt sich dabei um die (auf Befehl Stalins durchgeführte) Ermordung des bolschewistischen Revolutionärs Leo Trotzki. Zur groben Beschreibung des Inhalts eignet es sich, einen weiteren Buchtitel zu zitieren: Die Chronik eines angekündigten Todes, da es wohl Allgemeingut ist, dass und wie der Mord geschieht, fest steht wer der Mörder ist und er gefasst und verurteilt wurde. Mit der Nennung dieses Titels rekurriere ich durchaus absichtlich auf Gabriel Garcia Marquez (auch hier bei Ciao vorgestellt), da LP das Kunststück vollbrachte, den Erzählstoff ebenso vielschichtig wie meisterhaft zu erzählen und zu einem fesselnden, großartigen Roman zu verarbeiten, wie man es sonst vom Nobelpreisträger erwartet.
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Wie es sich gehört, will ich diesen Mann vorstellen. Dazu zitiere ich ausnahmsweise mal mich selbst, da ich ihm ja keinen anderen Lebenslauf schreiben kann als den, den ich in der Besprechung zu „Ein perfektes Leben“ (auch hier bei Ciao vorgestellt) verwendet habe: LP ist Kubaner, 1955 in Havanna geboren… mitten hinein in die Zeit des Guerilla-Kriegs der kubanischen Revolution gegen den Diktator Battista. Als die Revolution siegt, ist LP vier Jahre alt. Eine der ersten Maßnahmen der Revolution war die Alphabetisierungs-Kampagne von 1961 und die Errichtung eines flächendeckenden, kostenlosen Schulsystems, in dessen Genuss LP kommt. Er selbst gibt zu Protokoll, dass er zwar die gesamte Schulzeit über, einen einseitigen Blick auf die Wirklichkeit beigebracht bekam, aber auch, dass er eine ausgezeichnete fachliche Ausbildung genoss.
Nach der Grundschule besuchte er die Oberstufe und erlangte die Hochschulreife. Seine ersten Schreibversuche, von denen er selbst sagt, dass sie eine schreckliche Erzählung hervor gebracht hätten, datieren schon in diese Schulzeit. Aber in der Oberstufe entdeckte er die Literatur für sich und so begann er ein Philologie-Studium, das er 1980 als diplomierter Philologe abschloss. Kurz nach seinem Abschluss, begann er als Journalist bei der berühmten Zeitschrift „El caimán barbud“. Die Arbeit gefällt ihm und er bezeichnete die Redaktion als Paradies… in dem man allerdings ständig kontrolliert und zensiert wurde. Offenbar war er nicht bereit, der Macht nach dem Munde zu schreiben und so wurde er zum Magazin „Juventud rebelde“ strafversetzt. 1989 wurde er Chefredakteur von La Gaceta de Cuba und begann Kriminalromane zu schreiben, für die er in Spanien Verleger und Anerkennung fand. LP verfasste neben seinen bekannten Krimis, literaturwissenschaftliche Essays, Erzählungen und weitere Romane. Er lebt und arbeitet weiterhin in Havanna.
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Den Roman „Der Mann, der Hunde liebte“ zusammenzufassen, gestaltet sich nicht nur wegen seines Umfangs von 730 Seiten schwierig. Oben hatte ich ja schon erwähnt, dass er – grob gesagt – die Geschichte des Attentats auf Leo Trotzki durch den spanischen Kommunisten Ramon Mercader beinhaltet. LP erzählt den Stoff jedoch in weiten, umfangreichen Schleifen aus drei verschiedenen Perspektiven: Natürlich ist zuvorderst jene Perspektive zu nennen, aus der LP das Leben Leo Trotzkis in Gefangenschaft und im Exil beschreibt, doch gleichgewichtig daneben – quasi parallel zur ersten Perspektive – entwickelt LP den Weg, den der Attentäter Ramon Mercader nahm, um überhaupt zu der historischen Person zu werden, die er nun eben mal gewesen ist.
Die dritte Perspektive ist die eines fiktiven Erzählers, des vom Leben und den politischen Verhältnissen auf Kuba schwer gebeutelten, an sich gescheiterten, Schriftstellers Ivan Maturell. Ihm begegnet an einem Strand auf Kuba Der Mann, der Hunde liebte… unschwer ist dieser Mann als alternder, kranker Roman Mercader identifizierbar (diese Begegnung hätte auch wirklich stattfinden können, denn der Trotzki-Mörder hat tatsächlich bis zu seinem Krebs-Tod 1978 unter falschem Namen in Havanna gelebt). Die Begegnung hat ungeahnte Folgen: Mercader beginnt eine Geschichte zu erzählen, von der er behauptet, dass sie nicht weiter erzählt werden dürfe. Der Roman beginnt quasi in der schmerzlichen Gegenwart Ivans, dessen geliebte Frau Ana im Sterben liegt und der er nach Jahrzehnten der angstvollen Verschwiegenheit, nun die Geschichte doch erzählte.
Nun, einmal ganz von der fiktiven Person Ivans abgesehen, dessen Erlebnisse des Alltags auf Kuba zweifellos autobiographische Aspekte des realen Autors LP aufweisen, und von dem LP sagt: Ivan lebt in der Zeit, in der ich auch lebe, ein Mann wie Du und ich (was uns glauben machen kann, dass diese Figur dem Autor wenig Arbeit machte), führen bei den beiden anderen Hauptpersonen des Roman völlig verschiedene Umstände der Rekonstruktionsmöglichkeiten ihrer historischen Dimensionen, zu einem fast unmenschlichen Aufwand des Autor. Das gilt nicht so sehr für Trotzki – LP konnte bei ihm „aus dem Vollen schöpfen“… so hört es sich zumindest an, wenn er selbst sagt: „Jede Minute seines Lebens ist aufgezeichnet, sein Denken und seine Gedankenwelt hatte er Zeit seines Lebens selbst protokolliert. Hier musste ich also wenig erfinden.“ Aber natürlich musste LP sehr viel Recherchearbeit investieren – nicht umsonst dauerte die Arbeit an diesem Werk drei Jahre.
Wie LP selbst zu Protokoll gibt, bestand vor allem bei der Person des Attentäters die Situation, dass es sehr wenige gesicherte Informationen über ihn gibt. LP musste also – ausgehende von dem wenigen was man von ihm weiß – eine Geschichte, ein Leben, eine Persönlichkeit um ihn herum erfinden, wie er sagte und weiter: “ Ich musste manchmal Ereignisse einfügen, von denen niemand sicher weiß, ob sie wirklich stattgefunden haben oder nicht. Gleiches gilt für seine Gedankenwelt, von der mir keiner sagen kann, ob die Gedanken, die ich ihm zuschreibe, seine waren oder nicht. Im Ganzen glaube ich, ist mir ein ziemlich genaues Abbild von Mercaders Leben gelungen. Ich sage ohne falsche Eitelkeit, dass ich zwischendurch sicher mehr über sein Leben gewusst habe, als er selbst.“
Und er hat es nicht nur gewusst, sondern hat das großartig zu Papier gebracht. Die Erzählstruktur ist sicher keine Neuentwicklung, doch die Virtuosität mit der LP erzählt ist genial. Gleich zu Beginn werden der Leserschaft – mit unterschiedlichen Mitteln – die Protagonisten vorgestellt. Während die Ermordung des Marxisten und russischen Revolutionärs Lew Dawidowitsch Bronstein, besser bekannt unter seinem Pseudonym Leo Trotzki, durch die entsprechende (dürre) Meldung der Nachrichtenagentur TASS erfolgt, wird Ramon Mercader über ein Protokoll eingeführt, welches über sein Verhör durch den mexikanischen Geheimdienstchef Oberst Leandro Sanchez Salazar angefertigt wurde. Ivan lernen wir auf den Friedhof kennen… wie schon gesagt, war seine Frau gestorben und Ivan beginnt rückblickend zu erzählen.
Was ich bei Gabriel Garcia Marquez (auch hier bei Ciao vorgestellt) immer bewundert habe und oft genug Erzählkunst in Vollendung nannte, begegnet uns nun in diesem Roman: LP erzählt uns – wenn man so will – drei Romane in einem (das Material wäre auch wirklich umfangreich genug dafür). Abwechselnd nimmt LP die roten (?) Fäden dreier so überaus unterschiedlicher Lebensgeschichten auf und erzählt uns, wie es dazu kommen konnte, dass drei so unterschiedliche Menschen durch die Historische Geschichte verbunden sind, ohne dass sie von vorn herein je etwas davon geahnt hätten.
Die drei Männer haben etwas gemeinsam, das sie letztlich sogar zueinander führt: Sie ihre Liebe zu Hunden; eigentlich sind alle drei „Der Mann, der Hunde liebte“; keine Ahnung, ob der Autor diese Lesart im Sinn hatte. Ivan mag Tiere allgemein und Hunde besonders, arbeitet bei einer Veterinärzeitschrift und weiß was Borsois sind… solche besitzt Mercader und diese Borsois sind es, die ihn am Strand von Havanna mit Iván zusammenbringen. Auch Trotzki favorisierte ehedem diese Rasse. Als Mercaders Mutter inmitten der Wirren des Spanischen Bürgerkriegs den Hund ihres Sohnes erschoss um ihm klarzumachen, dass seine Liebe nur der Revolution und Stalin zu gelten habe, konnte man noch nicht ahnen, dass damit das Schicksal jener Drei seinen Lauf nahm, denn Mercader stimmt daraufhin zu, dem russischen Geheimdienst beizutreten und sich auf Trotzkis Ermordung vorzubereiten.
Die Geschichte Trotzkis setzt 1929 ein, mit dessen Aufbruch in die von Stalin verfügte Verbannung, die ihn von einem sibirischen Lager zunächst in die Türkei führt. Er zeichnet Trotzkis verzweifelte Versuche nach, im Exil eine Opposition gegen Stalin zu organisieren, obwohl Stalin viele seiner Anhänger zum Verrat zwingt oder ermorden lässt. Opfer stalinistischer Bündnispolitik, muss Trotzki erst die Türkei und dann Norwegen und Frankreich verlassen, bis schließlich nur noch Mexiko ihm Asyl gewährt. Der Erzähler begleitet einen früh gealterten Mann, der sich immer wieder gegen den Stalinismus aufbäumt. Nicht zuletzt, weil er erkennt, dass er mitverantwortlich ist für das System, das Stalin unumschränkte Macht gewährt. Trotzki ist nicht nur ein Opfer, er ist auch Täter.
Ramón Mercaders Biographie, wie dieser sie Iván in mehreren Begegnungen am Strand zu Protokoll gegeben hat, zeugt vom umgekehrten Verlauf der Sache: Er ist nicht nur der vom Geheimdienst geschickte eiskalte Mörder, sondern auch ein von einem enthemmt unmenschlichen System Verführter, Verblendeter… ein missbrauchter Idealist. Letztlich ist auch jener Ivan eine gebrochene Figur: Ihn hat das kubanische Regime gebrochen, denn er wurde getreu stalinistischer Tradition dazu gezwungen, wegen angeblicher konterevolutionärer Verwirrung seine Schriftstellerkarriere aufzugeben, sich ins sog. Innere Exil zurückzuziehen und als Redakteur einer Veterinärzeitschrift zu arbeiten, der mit dem Impfen von Hunden sein karges Salär aufbessert.
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LP erzählt uns die Protagonisten seines Werkes, die Begleitumstände, die Handlung, die Nebenfiguren so lebendig, einfühlsam, sorgfältig, ja geradezu mitfühlend, dass ich mich mühelos in diesem Konglomerat zurechtfinden und sogar so manches nachempfinden konnte. Ich ertappte mich dabei, dass ich hin und wieder wünschte, der Verlauf der Geschichte würde ein anderer werden (können)… was natürlich ausgeschlossen bleiben muss. In diesem (und nur in diesem) Zusammenhang fühlte ich mich an die großen Historischen Romane des Literatur-Nobelpreisträgers Jose Saramagos erinnert (auch hier bei Ciao vorgestellt), bei denen mir das regelmäßig ebenso erging.
LP hält sich an die geschichtlichen Fakten des 20. Jahrhunderts und bildet aus ihnen den übergroßen Rahmen, den auszufüllen er jedoch meisterlich vollbringt. Alles, die Orte des jeweiligen Geschehens, die dramatischen Ereignisse im Europa des 20. Jahrhunderts, die handelnden Personen, stimmen mit den Geschichtsbüchern überein… die von ihm erzählte Geschichte jedoch hat man aber so bestimmt noch nie gelesen oder gehört. Teilweise war das was ich da las, für mich als geschichtsinteressierten Menschen, auch ein Ärgernis, denn die Analysen des alten Revolutionärs Trotzki – die zu politischen Prognosen führten – zeugten davon, dass viele Menschen von all den schrecklichen Dingen wussten: Stalins Schauprozesse zur Beseitigung von Freund und Feind, das Erstarken des Faschismus, der Spanische Bürgerkrieg, der politische Verrat an der Spanischen Republik aus politischem Kalkül, das Treiben der Nazis, das politische Paktieren der Sowjets mit Hitler, die Lager, die Folter, das Verschwindenlassen und vieles mehr; Menschen die heute immer noch so tun, als hätte man es nicht kommen sehen (können).
LP bringt es zustande, dass ich zu Protokoll geben muss, in einem Roman noch nie derart tiefgründige psychologische Profile der Protagonisten gefunden zu haben und man könnte fast Mitleid mit ihnen haben. Aber LP macht auch deutlich, dass sie eben auch Fanatiker (außer Ivan) waren, die im Namen einer Idee zu allem bereit gewesen sind… auch wenn sie doch gleichzeitig auch betrogen und verraten worden sind. LP gibt in einem Interview zu Protokoll, dass „sein“ Mercader auch mehr als eine Metapher auf den heutigen Fundamentalismus sei. „Wäre er noch am Leben, wäre Mercader ein lebendes Beispiel für den modernen Fundamentalisten. Er handelt genauso wie ein Fundamentalist. Wie ein Selbstmordattentäter, der in den Supermarkt geht und sich dort in die Luft sprengt, geht Mercader in Trotzkis Haus, wohl wissend, dass er da nicht mehr lebend rauskommt.“
Dieser Roman ist das Beste was ich seit langer langer Zeit gelesen habe. Dabei sind es nicht nur der Plot und die Erzählkunst, sondern auch die Überlegungen zu Themen wie Freiheit, Rassismus, Unterdrückung, den Völkermord, die das Buch überaus wertvoll machen… es ist „die bedrückende Anwesenheit der Zeitgeschichte auf jeder einzelnen Seite“, wie LP im Nachwort schreibt. Das Buch ist auch als eine Abrechnung mit der Verfolgung politisch unliebsamer Personen in Zeiten diktatorischer Herrschaft und der Verfehlungen des Staatssozialismus zu lesen. LP versteht es außerdem meisterhaft, die Pervertierung der großen Utopie einer gerechteren Gesellschaft spannend zu vermitteln, ohne die Idee an sich zu diffamieren, die nach wie vor eine große Utopie bleibt.
Bei aller Güte und dem überaus hohen Unterhaltungswert (den dieser Roman obendrein besitzt!) ist „Der Mann, der Hunde liebte“ auch ein beklemmendes Werk von erschreckender Aktualität, mit dem sich der Autor unter die großen Erzähler Lateinamerikas einreiht. Der Heraldo de Aragón schrieb: „Wer diesen mitreißenden, faszinierenden und ernüchternden Roman gelesen hat, versteht die Geschehnisse, die das 20. Jahrhundert geprägt haben, besser. Unweigerlich verfällt man diesem Werk.“ Dem ist lediglich hinzuzufügen, dass man nicht nur das 20. Jahrhundert besser verstehen lernt, sondern auch das Hier und Heute, das schließlich daraus gewachsen ist.

Wilfried John

Wer sich einen geschichtlich fundierten Überblick über die Romanzeit verschaffen möchte, dem empfehle ich das im Titel dieser Besprechung genannte Werk:

Das Zeitalter der Extreme
Eric Hobsbawm
750 Seiten – Gebundenes Buch
Verlag: Carl Hanser – Aus 1995
ISBN: 3-7632-4508-1
Antiquarisch ab ca. 8,50 €uro