Manuel Vargas „Die Heimstatt des Tio“

Die Geheime Provinz
Wenn man sich mit gewissen Dingen nicht aus beruflichen oder sonstigen derartigen Gründen beschäftigt, dann fallen diese Dinge eben nicht weiter auf… es sei denn, sie wären in dieser nach Sensationen gierenden Medienwelt eine schlechte Nachricht wert. Dann sind diese Dinge plötzlich und ganz unvermittelt den Blicken einer staunenden, entsetzten oder gar belustigten Öffentlichkeit ausgesetzt. Zu einem dieser Dinge, wenn ich ein ganzes Land mitsamt seinen Menschen einmal als Ding bezeichnen darf, gehört Bolivien.

Nahm noch vor kurzem kaum jemand Notiz von diesem Land hinter den hohen Bergen der Anden, so hat sich das – für das große Publikum plötzlich – nun geändert. Fragt man heute Zeitung lesende oder Nachrichten verfolgende Menschen nach Bolivien, dann wird die Antwort wohl etwas mit den jüngsten Massenprotesten in den großen Städten des Landes und dem faktischen Sturz des alten Staatspräsidenten und der Flucht zu seinen Bankkonten in die USA zu tun.

Da ist von Korruption und von undurchsichtigen Geschäften mit Chile die Rede… und sofort ist den meisten Leuten klar, dass das kein Wunder ist in Lateinamerika, wo doch – dem Klischee zufolge – die meisten Länder Bananenrepubliken sind. Dass aber hier der „lange Schatten“ einer kolonialen und gewalttätigen Vergangenheit die Sonne des einstigen Inkalandes verdunkelte und wir im „alten Europa“ ein gerüttelt Maß an Verantwortung haben, das fällt den so genannten Berichterstattern nicht auf. Ich bin davon überzeugt, dass den wenigsten dieser jungen, dynamischen Reporterchen der Begriff Salpeterkrieg (zwischen 1879 und 1884) völlig unbekannt ist.

Für mich ist aber Bolivien nicht nur das Land das aktuell in Unruhe ist und vor dem unsere Regierung sagt, dass man von Besuchen die nicht unbedingt erforderlich sind absehen sollte, Bolivien ist für mich vor allem „die geheime Provinz“ der lateinamerikanischen Literatur, da selbst im Zuge des sog. „Booms“ (also der quasi schlagartigen Entdeckung und Verbreitung lateinamerikanischen Literatur ab Mitte der 60ger Jahre des 20. Jahrhunderts), nur sehr wenige Autoren ins Deutsche übersetzt und veröffentlicht wurden. Das bedeutet allerdings nicht, dass es dort keine entdeckenswerte Literatur gäbe… es bedeutet, dass es dort noch eine Menge unentdeckter Kostbarkeiten zu finden gibt.

Das Buch das ich hier vorstellen will, ist an sich schon eine dieser Kostbarkeiten… enthält es doch 44 Kleinode der Bolivianischen Literatur der letzten 50 Jahre – in Kategorien des Abenteuerromans könnte man dieses Buch als Schatzkarte bezeichnen, auf welcher der Weg hin zu einer überwältigenden Pracht beschrieben ist, die von einer ganzen Generation bolivianischer Autorinnen und Autoren vor unseren lesenden Augen ausgebreitet wird. Zu verdanken haben wir diese Schatzkarte vor allem zwei Menschen, die hier namentlich genannt sein sollen: Franz Hohler, einem schweizerischen Schriftsteller, der sozusagen der Entdecker vor Ort war, und Manuel Vargas einem bolivianischen Schriftsteller, der für die Auswahl der Kurzgeschichten sorgte. Aber das Zustandekommen dieses Buches ist auch ein Verdienst des Rotpunktverlags aus Zürich, der das verlegerische Wagnis einging und des Instituts PRO HELVETIA, das dieses Buchprojekt finanziell unterstützte.

Da ich nun schon einmal beim Loben bin, fahre ich einfach damit fort… denn es gibt sehr viel zu loben an diesem Buch. Ob es die Ausstattung ist (fester Einband, gutes Papier, Lesebändchen…) oder ob es die Gestaltung (Aufbau, Gliederung oder Illustrationen des Malers Diego Morales Barrera) ist, das Buch ist einfach schön. Ich erspare es mir seine Schönheit in irgendeinen Vergleich zu zwängen, denn ich will ja nicht über eine schöne Frau, sondern nur über ein Buch schwärmen. An dieser Stelle sollte ich wieder nüchterner werden und die vier Übersetzerinnen und Übersetzer erwähnen, die ihre Arbeit – nach meiner unmaßgeblichen Einschätzung – hervorragend machten: Karin Schmidt, Marianne Guyer, Reiner Kronberger und Christoph Seitz.

Nun, was finden wir, wenn wir der Schatzkarte folgen? Zunächst führen uns die zwei bereits erwähnen Schriftsteller quasi in den Gebrauch ein… in Form von zwei Einleitungstexten, Vorworten werden wir gewahr, was es zu finden gibt und es wird trefflich darüber nachgedacht, warum es bisher mit dem Entdecken bolivianischer Literatur noch nicht geklappt haben könnte. Nun, ich könnte ohne diese Vorworte auch mein Vergnügen an diesem Buch haben… fühle mich aber auch nicht sonderlich durch sie gestört; will sagen, dass sie nicht besonders wichtig sind.

Viel wichtiger, sogar ganz und gar unverzichtbar sind die Anhänge. Dabei handelt es sich zuerst um ein sehr gut gemachtes Glossar, das die in den Texten vorkommenden spanischen Ausdrücke oder Bezeichnungen, die – aus Gründen der Schwerübersetzbarkeit oder weil es Eigennamen sind – nicht übersetzt wurden, sehr anschaulich und informativ erklärt. Gefolgt wird das Glossar von einem Quellennachweis, der angibt aus welchen Werken im einzelnen die Texte stammen und wo diese Texte veröffentlicht sind… wichtig für Menschen, die – wie ich – antiquarische Bücher sammeln. Und letztlich gibt es noch 44 Kurzvorstellungen aller im Buch vertretenen Autorinnen und Autoren, inklusive ihrer ebenfalls kurzen Werkübersichten (ich verweise an dieser Stelle gleich darauf, dass ich die sonst in meinen Besprechungen zu findende ausführliche Biographie der AutorInnen aus Gründen der Übersichtlichkeit hier nicht einbringen kann – ich werde den Namen lediglich einige biographische Daten zuordnen, die ich aus den angesprochenen Kurzbiographien zitiere).

Das Herz des Buches sind die Geschichten… wer sich beim Begriff lateinamerikanische Literatur ausschließlich auf Mystik und Exotik einstellt, wird sehr schnell merken, dass dieses Buch viel mehr als das für uns bereithält. Die Themen unterscheiden sich gar nicht so sehr von den Themen welche auch hier zulande zu finden sind: Kindheit, Jugend, Liebe, Alter, Tod. Da es sich bei diesem Buch auch um eine Übersicht des Schaffens bolivianischer Autorinnen und Autoren der letzten 50 Jahre handelt, haben die Herausgeber die versammelten Texte in eine chronologische Folge gebracht, sozusagen in chronologische Kapitel eingeteilt. Jedem dieser drei Kapitel ist ein kurzer landesgeschichtlicher Exkurs vorangestellt, der die jeweiligen Bedingungen beschreibt, unter denen die einzelnen Werke entstehen durften… oder mussten. Natürlich will auch ich mich an die hervorragende Idee der inneren Chronologie des Buches halten… alles andere käme ja sonst einem Versuch gleich, das Rad neu zu erfinden.

Drei Vorläufer – Die fünfziger Jahre

Oscar Cerruto – geb.1912 / gest. 1981 in La Paz
Meeresvergnügen – Hier wird von den Abenteuern eines Jungen in erzählt, die sich aber auch sonst irgendwo auf der Welt ereignet haben könnten… nicht nur im Bolivien der 50ger Jahre… und eben auch nicht nur in den 50ger Jahren. Es geht eine erschreckende Aktualität aus diesem Text hervor, der von Gruppendynamik in Jugendbanden, Außenseitertum und der Wirkungen von Spott und Ablehnung handelt.

Augusto Céspedes – geb. 1904 in Cochabamba
Die Paraguayerin – Im so manchem Klischee ist eine Spur Wahrheit… und ein typisch lateinamerikanisches Klischee ist das Bild von der Militärjunta. Nun, ein Schriftsteller in einer Gesellschaft, die sich eben von solcher Militärherrschaft befreit hat, wird die Armee in einer seiner Erzählungen nicht sonderlich gut wegkommen lassen. Hier geht es um die Sinnlosigkeit von Kriegen im Allgemeinen und dem Chaco-Krieg im Besonderen, dargestellt am Beispiel der Sehnsucht eines bolivianischen Leutnants nach einer Frau aus dem verfeindeten Land und nach einem menschenwürdigen Leben.

Jaime Sáenz – geb. 1921 / gest. 1986 in La Paz
Über das Entsetzen in den Gärten bei Regen – Offenbar war es die Absicht des Herausgebers, gleich zu Beginn der Anthologie, in den ersten drei Texten so etwas wie eine Bestandsaufnahme der Möglichkeiten oder, anders gesagt, die Bandbreite der literarischen Ausdrucksformen anzudeuten, die eben diese Sammlung ausmacht. In diesem Text geht es um etwas absurdes… nämlich eine Henne, die sich vorgenommen hat, ihr Ei erst dann zu legen, wenn es zu regnen aufgehört hat und um die Empfindungen des Eies selbst. Ein wundervoller Text, der – frei interpretierbar – auch auf unsere menschlichen Möglichkeiten sensibler Wahrnehmung aufmerksam machen kann.

Zwischen dem „Boom“ und der Guerilla – Die sechziger Jahre

Néstor Taboada Terán – geb 1929 in La Paz
Sweet and sexy – Ein (leider nicht nur in Lateinamerika…) immer aktuelles Thema ist die fast überall latent spürbare Gewalt oder zumindest eine latente Gewaltbereitschaft. Der Autor hat diese Gewalt auch zu spüren bekommen… er musste nicht umsonst lange Zeit ins argentinische Exil. In dieser Geschichte kommt das Thema sehr überspitzt zur Darstellung.

Jorge Suárez – geb. 1932 in La Paz
Die Fragen – Es geht hier um die Art der Kinder Fragen zu stellen…allerdings wird darüber nicht in der Erwachsenenperspektive philosophiert, sondern es wird uns quasi aus der Sicht eines Kindes erklärt, wie die Fragen überhaupt zustande kommen. Der Autor liefert uns sozusagen eine Bestandsaufnahme der kindlichen Wahrnehmung… die zu verstehen es uns Großen möglich macht, gelassener und geduldiger mit den mitunter seltsam anmutenden Kinderfragen umzugehen.

Marcello Quiroga Santa Cruz – geb. 1931 in Cochabamba
Schon wieder März – Diese Geschichte ist natürlich so ausgezeichnet, dass sie völlig zu Recht in dieser Sammlung aufgenommen wurde… mehr noch, diese Sammlung wäre unvollständig, fehlte dieser Text. Aber die Aufnahme in diese Anthologie ist auch eine Hommage an den 1980 vom Militär ermordeten Autor. In diesem sehr anspruchsvollen Text verknüpft der Autor die Bilder eines Hahnenkampfes mit Erinnerungen an militärische Einsätze – dabei kam eine bitterböse Satire heraus, die das abgrundtiefe Misstrauen (eine mir äußerst sympathische Haltung) zu allem Militärischen zum Ausdruck bringt. Wie recht er daran tat dem Militär zu misstrauen und wie wenig es nützt wenn man das als Einzelner tut, hat er schließlich am eigenen Leib erfahren: Da er als junger Minister die Papiere unterschrieben hatte, welche die Verstaatlichung der us-amerikanischen Gulf Oil Company besiegelten, wurde er als einer der ersten beim Staatsstreich des Generals Luis Garcia Meza von der putschenden Armee erschossen.

Grover Suárez Garcia – geb. 1929 in Cochabamba
Die Tonmaske – Seit undenklichen Zeiten… bekannt zumindest seit den Zeiten der Inkas… ist das Leben sehr vieler Menschen in Bolivien mit der Arbeit in den Bergwerken verbunden. Unzählige Geschichten ranken sich um dieses Thema… so auch diese hier (ich werde auf das Thema später noch etwas näher eingehen). Die Hauptperson in dieser Geschichte ist ein Bergmann, wobei es nicht gänzlich klar wird, ob von der Person und den Lebensumständen eines lebenden oder toten Menschen berichtet wird. Jedenfalls wird aber sehr eindrucksvoll berichtet…

Rolando Costa Arduz – geb. 1932 in La Paz
Der Tanz – Ein im Grunde sehr bedrückender Text für jene Zeitgenossen, die sich über den Tod und das Sterben noch nie Gedanken machten. Der im Titel erwähnte Tanz ist nämlich der Totentanz… einem Reigen, der nur vordergründig wie ein Tanz aussieht, da es sich in Wirklichkeit um ein Ringen auf aussichtsloser Position handelt. Die Protagonistin ist eine alte Dame die den Tod erwartet, eine weitere Hauptfigur ist ein Pfleger, der die Aufgabe hat, sie medizinisch so zu versorgen, dass der Tod eben nicht eintritt…

Edmundo Camargo Ferreira – geb. 1936 in Sucre
Die Treppe – In dieser sehr intensiv erzählten Geschichte geht es eigentlich nicht um eine Treppe… die taucht nur in der Schlusssequenz kurz auf und erscheint als Symbol für ein Abwärts… einem Abwärts bis in den Tod. In diesem Fall ist von einem alten Mann die Rede, der ein Buch geschrieben hat und auf die Veröffentlichung desselben wartet. Eigentlich handelt die ganze Geschichte davon, wie Andere, Geschäftemacher, Mächtige mit den Früchten des Lebenswerks Abhängiger umgehen und es ihnen nichts ausmacht, wenn da ein Leben vergebens gelebt wurde… es war ja nicht ihres. Dabei kann die ganze Geschichte sozusagen vom Einzelnen weg, auf eine ganze Gesellschaft transponiert werden und Bezug auf Wirklichkeiten nehmen, wie sie in den Ländern Lateinamerikas an der Tagesordnung zu sein scheinen.

Renato Prada Oropeza – geb. 1937 in Potosi
Niemand wartet mehr auf den Mann – Gastarbeiterschicksal… könnte man das Thema dieser Erzählung nennen. Und in der Tat erinnert einiges in diesem Text an bekannte Tatsachen, welche davon berichten, dass einer der sich lange in der Fremde aufhielt, schließlich in der eigentlichen Heimat auch fremd wird. Und so fällt die hier beschriebene Rückkehr fürchterlich und desillusionierend aus.

Adolfo Cáceres Romero – geb. 1937 in Oruro
Die Engel des Spiegels – Hier kommen jene Leserinnen und Leser zu ihrem Recht, welche sich an Geschichten aus der Sphäre des Okkulten erfreuen können.

Enrique Rocha Monroy – geb. 1932 in Tarija
Sonntag der Dienstmädchen – In dieser Geschichte, der wohl schönsten in dieser Sammlung, geht es um ein wunderschönes Portrait nicht einer Frau, sondern all jener jungen Frauen, die vom Land in die Stadt kamen, um sich als Dienstmädchen oder Hausangestellte ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Man könnte sich vorstellen, dass sich diese jungen Frauen danach sehnen zurückzukehren… aber nichts dergleichen. Es war schließlich kein Idyll das sie verlassen haben, im Gegenteil, diese Herkunft hat sie in die Stadt getrieben. Von Rückkehr ist also keine Rede.

Jesús Urzagasti Aguilera – geb. 1941 in Gran Chaco
Das Patenkind – In dieser Geschichte wird von einer gottverlassenen Gegend dieser Welt berichtet, so gottverlassen ist diese Gegend, dass sie in Bolivien selbst eine vergessene Provinz ist. Aber es leben Menschen dort… kümmerlich zwar aus unsrer Sicht, aber eben doch irgendwie auskömmlich in ihren Augen. Es gehen wilde Gerüchte um… es herrschen raue Sitten… und beinahe ist man an eine Situation im so genannten Wilden Westen Nordamerikas erinnert. Eine Bande Viehdiebe macht die Gegend unsicher. Ein junger Bursche aber, besitzt ein sehr kostbares Tier, das er von seinem Compadre geschenkt bekam. Nun, es ist bekannt, dass es wirklich gute und schlechte Scherze gibt… und diese Geschichte berichtet, wie aus einem schlechten Scherz bitterer, tödlicher Ernst werden kann, dem letztendlich sogar der Gute in der Geschichte zu Opfer fällt…

Raúl Teixidó – geb. 1943 in Sucre
Ein Mann vom Dorf – Hier geht es um die Innenansicht einer dörflichen Existenz… aber nicht um irgendeine Existenz, sondern um die Existenz des Kommissars, quasi des Bürgermeisters. Er schaut aus dem Fenster seines Kommissariats und beschreibt uns die Trostlosigkeit dieses Provinzdorfes und in einem Selbstgespräch philosophiert er gleichzeitig über scheinbar verpasste Gelegenheiten, als Politiker in die Hauptstadt zu gehen und reich zu werden… Aber er ist eben ein Mann vom Dorf und eigentlich hat er gar keine Gelegenheiten verpasst, eigentlich wollte er nie etwas anderes sein als er eben ist.

Alfredo Medrano – geb. 1944 in Cochabamba
Wenn das Licht verlöscht – In einer fast schmerzlich präzisen Beschreibung des Unheils, geht es in dieser Kurzgeschichte um das (leider immer noch aktuelle und nicht auf Lateinamerika beschränkte) Thema Inzest.

Oscar Ichazo González – Geb.datum und Geb.ort unbekannt
Alma y Lazo – Viele, eigentlich oberflächliche, Betrachtungen, die hierzulande über die Ureinwohner Südamerikas – die sog. Indios – verbreitet sind, zeichnen doch eher ein romantisches Bild dieser Menschen… oder aber sie werden, holzschnittartig grob, als Opfer dargestellt, die in einer unmenschlichen Lebenswirklichkeit ihr Dasein fristen. Der Autor dieser Geschichte unternimmt den Versuch unter die Oberfläche zu gehen und diese Indio-Romantik zu durchleuchten. Was dabei heraus kommt ist die Bestätigung, dass es nie nur eine Seite der Medaille gibt… der Autor entdeckt etwas, das man getrost auch als erbarmungslosen Indio-Fundamentalismus bezeichnen kann.

César Verduguez Gómez – geb. 1941 in La Paz
Es ist nichts in meinen Augen – Das Geheimnis verschlossener Türen… die Menschen der Erwachsenenwelt treten fast wie eine feindliche Macht auf.

Unter dem Zeichen der Diktatur – Die siebziger und achtziger Jahre

Jaime Nisttahuz Parrilla – geb. 1942 in La Paz
Silberhochzeit – Die Erzählung beschreibt uns die großen und kleinen Missgeschicke einer etwas ärmeren mittelständischen Familie… eine einfache Geschichte aus ach so bekannten Borniertheiten. Die Kurzgeschichte hat es aber auch in sich – sie ist ein blank geputzter Spiegel.

René Poppe – geb. 1943 in La Paz
Die Heimat des Tio – Wie ich schon einmal sagte, ist das Leben sehr vieler Menschen in Bolivien mit der Arbeit in den Bergwerken verbunden. Deshalb durfte auch eine Geschichte dieses Autors, der selbst in den Minen gearbeitet und gelitten hat, in dieser Sammlung nicht fehlen… er weiß einfach wovon er schreibt, wenn er die Geschichte vom Tio, dem Gott der Mine, schreibt, der zur Hilfe kommen oder der alles noch schlimmer machen kann als es ohnehin schon ist. Es kommt auch nicht von ungefähr, dass die Sammlung insgesamt, mit dem Titel dieser Kurzgeschichte überschrieben ist – das zeigt vielleicht, welches Verhältnis die Menschen Boliviens zu diesem Teil ihrer historischen und aktuellen Lebenswirklichkeit haben.

Hugo Murillo Bénich – geb. 1941 in Oruro
Das Wallallu-Reich – Vielleicht deutet es der seltsame Titel schon ein wenig an… es geht um einen an historische Bezüge angelehnten Text. Genauer, es geht hier um eine Geschichte (aus einer Vielzahl von ähnlichen bolivianischen Geschichten ausgewählt), die sich mit der vorkolumbianischen Zeit, den Eroberungen durch die Spanier und der nachfolgenden Besatzungszeit beschäftigt.

Germán Aráuz Crespo – geb. 1941 in La Paz
Der Pakt – Es geht um Freundschaft und Prüfungen denen sie unter Umständen ausgesetzt sein kann. Es geht um Werte und um Wertigkeiten… vielleicht einmal Anlass dafür zu fragen, ob man selbst auch Freundschaft halten würde, wenn unter umständen etwas materiell sehr wertvolles sowohl einem selbst, aber auch dem Freund alleine zufallen könnte?

Felix Salazar González – geb. 1948 in Vilazón
Carmen, dein Lächeln – Wieder geht es um die Welt der Bergwerke… in der es Rohheit zuhauf gibt, aber in der man auch zur Liebe fähig ist. Diese Geschichte ist eine Geste… eine Liebesgeste, in einer ansonsten anderen Wirklichkeit.

Juan Simoni Rocha – geb. 1946 in Charagua
Das Bohrloch – Es geht und ging in den Camps von Ölbohrgesellschaften, dem Vernehmen nach, nie gesittet oder gar moralisch zu. Umso erstaunlicher ist die Erzählung von dieser Expedition… denn in ihr wird der Natur, wird der Erde quasi eine Person zugebilligt, die einen eigenen Willen hat und eigentlich bestimmt, wer, wann. wo bohrt. Es wird ausgiebig der lateinamerikanische Machismo „gepflegt“, der Beweis von Männlichkeit ist hier noch von der erfolgten oder nicht erfolgten Erektion abhängig – und letztlich wird das Ganze vortrefflich persifliert.

Carlos Condarco Santillán – geb. 1946 in Oruro
Der Stier – Die Geschichte erzählt davon, wie verletzbar und bedroht Kinder im Allgemeinen und Kinder in Lateinamerika im Besonderen sind. Gleichnishaft hindert ein wilder Stier zwei kleine Kinder daran ihre Hütte zu verlassen. Sie können sich weder Nahrung noch Wasser beschaffen, da der Stier sie mit dem Tode bedroht. Fast beiläufig wird zu Beginn der Kurzgeschichte erwähnt, dass es ein Busunglück gab und ein dramatisches Element in der Geschichte ist das Warten der Kinder auf die Rückkehr ihres Vaters, die ihnen letztlich Hilfe und Befreiung bedeutet. Aber der Vater kommt nicht…

Ramón Rocha Monroy – geb. 1950 in Cochabamba
Das Pendel – Man wird, wie ich vermute, den Titel dieser Erzählung für makaber halten, wenn man die Geschichte zu ende gelesen hat… Kindliche Vorstellungen und mysteriöse Realitäten, die in bloßen Andeutungen halbwegs erkennbar scheinen… alltägliche Vorkommnisse und das Fremde, das fremd bleibt, obschon es doch in unmittelbarer Nähe existiert und uns sogar Gutes tut… die nicht gestellten Fragen und die stattdessen angestellten Vermutungen und dann die Erschütterung, wenn sich das Pendel als etwas herausstellt, das man dann als makaber bezeichnen kann.

Alfonso Gumucio Dagrón – geb. 1950 in Buenos Aires
Die Sandale – Eine lateinamerikanische „Spezialität“ – die man aber dort keineswegs allein gepachtet hat – sind die Todesschwadronen und die Übergriffe der Armee auf die Zivilbevölkerung, die einzig und allein der Angstmacherei und Einschüchterung dienen. Eine sehr erschütternde Geschichte…

René Bascopé Aspiazu – geb. 1951 in La Paz
Angelas Bild aus dem Dunkel – Handelt von einem kleinen buckligen Mädchen, das von der Mutter in einem fast immer verschlossenen Zimmer „gehalten“ wird, damit man es nicht sieht und es von den Blicken nicht verletzt wird… Aber es hat einen Blick auf das Draußen erhascht und die dabei gewonnenen flüchtigen Eindrücke werden mehr und mehr Ziel einer Sehnsucht, welche im Gegenzug immer schlimmer unterdrückt wird… bis letztlich an der Tür ein Vorhängeschloss angebracht ist.

Gustavo Soto Santiestéban – geb. 1954 in Cochabamba
Der Tarnmantel des Mörders – Mit den Klischees des Kriminalromans ist diese Erzählung ausgestattet. Es geht um einen Exzentriker namens Menes. Allerdings hat sich seine Exzentrik durch allzu häufige Zurschaustellung bereits so abgeschliffen, dass er eigentlich von niemandem mehr wahrgenommen wird, oder, anders gesagt, er ist so selbstverständlich wahrzunehmen, wie die immer gleiche Straßenecke, an der er lehnt. Aber es geht auch darum, wie ein Autor die Wirklichkeit aufnimmt und zu einem Krimi verarbeitet. Es geschehen Morde… es herrscht Unruhe, weil der Mörder nicht gefasst wird… und da kommt einer wie Menes gerade recht. Blöd ist, dass der letzte Zeuge auch tot aufgefunden wird… und dass der Polizeichef quasi am Ertrag der Krimis mitbeteiligt ist…

Manuel Vargas Severiche – geb. 1952 in Huasacanada
Melino – Das Thema Aufbruch zu neuen, unbekannten Ufern und eine wie auch immer gestaltete Heimkehr ist in dieser Geschichte verarbeitet. Ein leicht beschränkter Bauernbursche hat sich entschieden, der besseren Lebenschancen wegen, vom Land in die große Stadt zu gehen; auch diese Erzählung könnte in fast jedem Land der Erde spielen, in dem es ein starkes Gefälle von Stadt und Land gibt. Dieser Junge kommt aber gar nicht so weit… er scheitert schon in der nächst größeren Ortschaft.

Roberto Laserna R. – geb. 1953 in Cochabamba
Filho Dadá – Das Thema ist, wenn man an den Funken Wahrheit in jedem Klischee glaubt, das vielleicht typischste lateinamerikanische Thema. Ganz recht, es geht um Folter… aber in diesem Fall nicht um die Praktiken als solche, sondern um den Folterer selbst, der obendrein auch noch in einer sehr speziellen Situation steckt: Er ist invalide und arbeitslos… er ist einer der „außenseitigsten Außenseiter“ die man sich vorstellen kann. Fast könnte man meinen, als Junge sei er die Hauptfigur aus „Meeresvergnügen“ gewesen.

Die neuen Zeiten – Die neunziger Jahre

Adolfo Cárdenas Franco – geb. 1951 in LaPaz
Chacharcomani – Diese Erzählung entführt uns in abgelegene Welten… in Verstecken von Menschen, welche aus allen möglichen Gründen Verstecke brauchen. Es geht um das Vertrauen und das Misstrauen, die beide gleichzeitig nötig sind, damit man überleben kann. Es geht um scheinbaren und tatsächlichen Verrat… und die in beiden Fällen gleichen Konsequenzen, welche im einen Fall zur schreienden Ungerechtigkeit, im anderen Fall zu einer Normsetzung im ansonsten rechtlosen Raum führt. Und es wird angedeutet, was ein solches Leben aus den Menschen macht.

Juan C. Rodriguez – geb. 1953 in Santa Cruz
Das Heim – In dieser Kurzgeschichte wird eine Situation geschildert, die einigen unter uns wohl bekannt sein dürfte: Nachbarn bespitzeln jemanden, der neu in der Gegend ist, der nicht „dazu gehört“, der Konkurrent sein könnte, der eben irgendwie immer verdächtig ist… oder bei dem es gut wäre, wenn man ihn zum Verdächtigen machen könnte, damit man ihn schneller wieder los ist. Aber nicht nur diese Seite der Medaille wird erzählt, es kommt auch die andere Seite zu Wort. Dies ist die Seite des Opfers… und was die Bespitzelung mit ihm macht. Von einer Angst-Psychose bis hin zur Gewaltbereitschaft gegen die Spitzel, ist die Bandbreite…

Freddy Estremadoiro Romero – geb. 1953 in Santa Cruz
Itaiqué oder die Söhne des Sutó – Auch hier geht es um ein Thema, das überall in den so genannten Entwicklungs- oder auch Schwellenländer gibt; es soll es sogar in so genannten zivilisierten Staaten hin und wieder gegeben haben… sagt man: Landflucht. Ein junger Indio namens Itaiqué macht sich per Bahn als „blinder Passagier“ auf dem Weg. Er erreicht auch das Ziel seiner Wünsche… jedenfalls was die schieren räumlichen Koordinaten betrifft. Leider lässt sich der Viehwagen, in dem er „gereist“ war, nicht öffnen und er bleibt darin eingesperrt

Gonzalo Lema Vargas – geb. 1959 in Tarija
Flügel der Sonne – Der Prozess des Erwachsenwerdens ist ein Thema, das sicher so vielfältig ist, wie es verschiedene Jugendliche gibt, die erwachsen werden müssen… und ich schreibe vielleicht mal den ersten Teil des ersten Satzes dieser Kurzgeschichte auf: „Schwierig zu erklären, warum etwas zu Ende ging oder wie etwas hätte zu Ende gehen können, das gar keinen Anfang hatte, das begann und sich in Nebel auflöste…“

Blanca Elena Paz – geb. 1953 in Santa Cruz
Die drei Regen – Fast ebenso klischeehaft typisch lateinamerikanisch wie das Bild der Militärjunta, oder vielleicht sogar noch typischer, ist das Bild von Revolutionen… Hin und wieder wird einem politisch engagierten und sozial eingestellten Menschen auch schon mal der romantische Gedanke an die heroischen Revolutionäre Lateinamerikas gekommen sein… Aber wie viel Unglück die Auflehnung gegen die Staatsgewalt und gegen große soziale Ungerechtigkeit tatsächlich mit sich bringen und was es letztlich bedeutet ein Leben im Untergrund führen zu müssen, das deutet diese Geschichte an.

Oscar Barbery Suárez – geb. 1954 in Santa Cruz
Jungenstreiche – Wie schon „Sweet and sexy“ geht es auch hier um gesellschaftliche und zwischenmenschlich herrschende Gewalt, die immer irgendwie in der Schwebe ist, doch dann zu einem erschreckenden Ernst ausartet… Dem Autor gelingt es ausgezeichnet die ganze Sinnlosigkeit solcher Situationen darzustellen und Umstände anzuprangern, ohne deklamatorisch zu werden oder zu polemisieren.

Marcela Gutiérez – geb. 1954 in La Paz
Zwillinge im Tierkreis – Eine der wenigen wirklichen Frauengeschichten… wenn es diese Kategorie überhaupt gibt (ich tendiere eher zu der Auffassung, dass es sie nicht gibt – verwende allerdings dennoch, der dadurch angezeigten Tendenz des Inhalts der Geschichte wegen, den Begriff). Die Autorin beschreibt einen Traum von einer tiefen und bedingungslosen Liebe einer Frau zu einer Frau.

Homero Carvalho Oliva – geb. 1957 in Santa Ana
Epigraf – Achtung, bitte ganz genüsslich lesen… es handelt sich hier um ein Kleinod innerhalb dieser erlesenen Sammlung aus wirklichen literarischen Schätzen. Es geschieht nicht viel, es gibt kein Problem, es wird keine dramatische Spannung erzeugt… Der Autor beschreibt lediglich die Menschen auf einem Foto… aber wie er das tut ist äußerst lesenswert.

Victor Montoya Lora – geb. 1958 in La Paz
Alptraum II – Was der eine darf, darf der andere noch lange nicht… besonders wenn die Geschichte in Lateinamerika, oder auch sonst wo auf der Welt, spielt und ebenfalls besonders, wenn es sich bei den beiden Personen um Mann und Frau handelt. Während der Mann für sich in Anspruch nahm auf einer Reise fremdgehen zu dürfen, durfte das seine Frau, daheim geblieben, aus seiner Sicht noch lange nicht… Der Ausgang der Geschichte ist gewalttätig – der Mann ersticht das ertappte Paar. Das ist aus meiner Sicht aber auch nur eine Metapher für die ganz „normale“ Gewalt in Beziehungen… und auch die gibt es wohl leider überall auf der Welt.

Ricardo Serrano Herbas – geb.1963 in Santa Cruz
Serafin Feliz – In die gleiche Kategorie wie „Alptraum II“ ist auch diese Story einzuordnen. Diesmal allerdings geht es um Konkurrenz. Ein Mann will das „Mordsweib“ eines anderen Mannes. Aus dieser Konkurrenz wird dann tatsächlich ein Mord…

Gustavo Cárdenas Ayad – geb. 1961 in Vallegrande
Die Guerillera – Genau wie in „Die drei Regen“ setzt sich diese Kurzgeschichte mit der Auflehnung gegen die Staatsgewalt und gegen große soziale Ungerechtigkeit auseinander. Vielleicht könnte man auf die Unterschiede zwischen männlicher und weiblicher Sicht auf das Problem zu sprechen kommen… und ein Augenmerk auf den nun doch sehr typisch lateinamerikanischen Machismo legen.

Paz Padilla Osinaga – geb. 1961 in Pampa Grande
Der Theo – Eine weitere Geschichte um die Eifersucht und ihrer Auswirkungen… diesmal aus der Sicht einer Frau und von einer Frau erzählt. Ob das dann besser oder schlechter ausgeht als bei den anderen Geschichten ist nicht die Frage… auch am Ende dieser Geschichte ist ein Mensch tot; diesmal allerdings der Mann.

Virginia Ruiz Prado – geb. 1964 in La Paz
Lichtveränderungen – Dies ist eine der schönsten Geschichten in diesem Buch. Es geht einmal mehr um die Wahrnehmungen eines Kindes und die Vorstellungen die es sich daraus ableitet. Bei all den großen und kleinen Katastrophen welche dieses Kind verursacht… letztlich geschehen sie aus einem Grunde: Das Kind ahmt die Erwachsenen nach…

Edmundo Paz Soldán – geb. 1967 in Cochabamba
Bild einer Frau mit Blick auf die Fahne – Nach dem doch außergewöhnlich langen Titel folgt der kürzeste Text dieser Sammlung. Es handelt sich dabei um eine rigorose Absage gegenüber jeglichen Ansprüchen des Staates an den einzelnen Menschen… einer Haltung, die man – eingedenk des staatlichen Handelns in vielen Ländern Lateinamerikas – nachvollziehen kann, die man aber inhaltlich nicht teilen muss, um den Text mit Vergnügen zu lesen.

Ich glaube, dass ich schon ganz zu Beginn dieser Besprechung den Eindruck vermittelte, dass ich von diesem Buch komplett begeistert bin – da die Besprechung aus diesem Grunde etwas ausführlicher geworden ist, möchte ich das zum Schluss noch einmal wiederholen und vielleicht noch ein wenig konkretisieren. Dass mir die 44 Kleinode der Bolivianischen Literatur der letzten 50 Jahre, jedes für sich, eine wirkliche Lesefreude waren, werde ich nicht noch ausführlicher begründen müssen. Dass es sich bei diesem Buch um ein sehr schönes Buch handelt habe ich auch schon gesagt… und schon aus diesem Grunde halte ich es gern in Händen.

Vielleicht ist es mir ja gelungen, die im Buch versammelte unglaubliche Vielfalt der Themen und Ausdrucksmöglichen zu beschreiben. Was aber die Kurzgeschichten mit mir machten, werde ich in der noch so ausführlichsten Auflistung nicht zum Ausdruck bringen können. Vielleicht kann ich schreiben, dass mich das Buch manchmal erschüttert, hin und wieder gegruselt, das eine oder andere mal lachen gemacht, oft informiert, mithin auch gebildet, aber auch nachdenklich, ja auch glücklich, auch mal traurig, vielfach sehnsüchtig und vor allem neugierig gemacht hat… zusammengefasst: Es hat mich sehr gut unterhalten.

Wilfried John

Die Heimstatt des Tio
Vargas, Manuel (Hrsg.)
Anthologie
Kurzgeschichten aus Bolivien
350 Seiten – gebundenes Buch
Verlag: Rotpunktverlag, Zürich – aus 1995
ISBN: 3-8586-9121-6
7,- €