Michael Roes „Der Coup der Berdache“

Wie ich schon in meiner ersten „Roes-Besprechung“ sagte, wollte ich mich „an anderer Stelle“ mit dem auseinandersetzen, was Roes in der Folge seines Amerikaaufenthaltes geschrieben hat. Nun, die angesprochene andere Stelle ist genau hier. Noch einmal zur Erinnerung… oder auch für diejenigen, die Roes noch nicht kennen (was den Lebenslauf betrifft, zitiere ich mich ausnahmsweise einmal selbst): Michael Roes ist einer, der nicht gerne in die Garde der sogenannten „Jungen Autoren“ eingereiht wird… er selbst würde das wahrscheinlich auch gar nicht zulassen. Dazu ist er einfach zu gut! Er wurde 1960 am Niederrhein geboren und ist heute Berliner; weiteres aus seinem frühen Leben ist mir nicht bekannt. Später studierte er Psychologie, Philosophie und Germanistik und schloss 1985 sein Studium mit einer Arbeit über das Thema „Randgruppen als Fremder“ ab; das zeigt schon ein wenig von der Intension, die er beim Schreiben des „Leeren Viertel“ gehabt haben mag.

Schließlich arbeitete er zwei Jahre als Regie- und Dramaturgieassistent an der Schaubühne Berlin. Während einer Israel-Reise, lernte er in einem Stammes-Lager in der Wüste Negev das Leben der Beduinen kennen. Dort schrieb er auch seine Dissertation über das Thema „Sohnesopfer“, die 1992 in Deutschland unter dem Titel „Jizchak erschienen ist. Nach ein paar literarischen Gehversuchen, bei denen mit „Aufriss“ (1992) und „Cham“ (1993) zwei nicht wenig beachtete Theaterstücke heraus kamen, gelang ihm dann 1996 mit seinem Roman „Rub’al-Khali, Leeres Viertel“ der sog. Durchbruch… (es hat mir noch niemand je erklären können, durch was da eigentlich gebrochen wird… oder ist es etwa ein aus dem militärischen Fachchinesisch entnommen… etwa wie Front machen/Front durchbrechen?). Dafür, also für sein Werk, nicht für den Durchbruch, wurde er mit dem Bremer Literaturpreis ausgezeichnet.

Mit „Madschnun al-Malik, Der Narr des Königs“ hatte er dann 1998 am Theater in Düsseldorf schon einen etwas größeren Erfolg am Theater… wie es eben immer so ist; die ersten Stücke sind nicht minder gut, aber der Autor muss erst „was sein“. Lobend erwähnen möchte ich noch das schmale Bändchen Lyrik (war auch von mir nicht anders zu erwarten), das er 1998 unter dem Titel „Durus Arabij. Arabische Lektionen“ veröffentlichte. Danach folgten ausgedehnte Forschungsreisen in Nord-Amerika… und ein Ausfluss dieser Reise ist das Buch von dem ich heute berichten möchte: „Der Coup der Berdache“.

Als ich das Werk zum ersten mal vor mir sah, stimmte er mich das Wort Coup im Titel, eingedenk so bekannter Titel wie etwa „Der große Coup“, irgendwie auf einen Krimi ein… Vielleicht spielte ja der Autor mit eben diesen Assoziationen um uns auf genau diese Fährte zu locken… aber ich greife vor. Zunächst möchte ich den etwas komplizierten Roman, der auf drei Erzählebenen spielt und nur im eigenen intellektuellen Zusammenführen der Erzählstränge funktioniert, kurz zusammen fassen: Michael Roes lässt den Roman in einem fiktiven New Leyden/USA spielen, das aber in Wirklichkeit New York City ist, und erzählt uns die Story des schwarzen Polizeipsychologen Thor Voelcker. Sei neuster Fall: Eine Skalpierung in einem verrufenen Club. Kaum in das Buch eingetaucht, schon hatte mich Roes verwundert… es ist also wirklich ein Krimi, dachte ich mir. Aber ich möchte es schon gleich vorweg sagen: Das Buches ist nur auf eine Kriminalgeschichte hin angelegt, ganz ähnlich wie ich das auch schon von dem Wort Coup im Titel sagte, der zu seiner Assoziation auch noch das neugierig machende Wort „Berdache“ enthält… Und hier kommen wir der Sache schon näher.

Aber noch einmal zurück zur Handlung. Thor Voelcker soll das Täterprofil einer verdächtigen Person erstellen, die im oben erwähnten Nachtclub den FBI-Agenten Van Couvering skalpiert hat. Ich sagen absichtlich Person, weil nicht klar ist, welchen Geschlechts diese Person ist… wahrscheinlich handelte es sich um einen Mann in Frauenkleidern. Bei seinen Nachforschungen findet er sich an einem Scheideweg. Zur kriminologischen Betrachtung des Falles, kommen noch andere Blickwinkel in frage, da es sich auch um eine rituelle oder um eine dem Milieu zuzurechnende Tat handeln könnte. Er wendet sich also mögliche Informanten: Zum einen bittet die indianische Ethnologin Joan Bayou (des skalpierens wegen), ihr Wissen über die Rituale ihrer Nation (auch unter dem Aspekt des Geschlechterwechsels) aufzuschreiben, zum andere bemüht er Elektra, die im Milieu arbeitet, in dem er sie bittet, ihre Erfahrungen als Drag Queen auf Tonband zu dokumentieren. Als die Ethnologin Joan Bayou den Psychologen Thor Voelcker besuchen will, wird sie in der Wohnung Thor, der verschwunden scheint, Zeugin eines Mordes. Joan Bayou berichtet dies Elektra und beide machen sich auf die Suche nach ihrem Auftraggeber. Dabei kommen sie einer Verschwörung des FBI auf die Spur. Wie man sieht, es werden einige Klischees bedient und dennoch nutzt Roes nur das Genre des Thrillers nur als Larve, um tiefergehenden Betrachtungen Raum zu geben, um sozusagen uns quasi im Trojanischen Pferd des Krimis ganz andere Inhalte zu vermitteln, als es eine Entlarvungs-Story im allgemeinen tut.

Roes‘ Roman ist, wie gesagt, ziemlich kompliziert. Und wie jetzt schon mehrfach gesagt, der klassische Krimi ist es definitiv nicht! Beachten wir also dieses andere Wort im Titel… das von dem ich sagte, dass es mich neugierig gemacht hat: „Berdache“. Was mag das sein, dachte ich mir, ich hatte das Wort noch nie gehört oder gelesen? Roes ist, wie der sein „Leeres Viertel“ ja auch belegt, auch auf dem Gebiet der Ethnologie zu hause und die Erklärung gegen Ende des Buches, ist eine diesem Gebiet entstammende: Berdache bedeutet in der Sprache einiger indianischer Völker „Halbmann-Halbfrau“, aber in einem viel weitergehenden Sinn, als es z.B. im Zusammenhang mit Transsexualität… etwa wie die Beschreibung eines weiteren (oder weiterer) Geschlechtes.

Und schon sind wir wieder bei dem Roes, den ich kenne und schätze. Das Buch ist also nur in der Fassade ein Thriller (als den man das Buch sicher auch lesen kann) und die skurrile Sex-Geschichte nur Aufhänger , tiefer unter der Oberfläche, handelt sein Buch von Rassismus, von sexuellen Vorurteilen und moralischer Korruption in dieser Vielvölkergesellschaft, die, wie gesagt, zwar mit New York symbolisiert wird, aber sich nicht nur auf NY beschränken lässt. Es geht um die ureigensten Probleme der USA: Ihre auf Völkermord und Sklaverei gegründete Geschichte und deren Nachwirkungen bis in die heutige Zeit. Michael Roes lenkt in seinem Buch unseren Blick auf etwas, dass wir (und vor allem die US-Amerikaner) selten sehen: Darauf nämlich, dass die Geschichte des Kontinents nicht mit den Europäern begann.

Roes´ Sprache im Romans ist, aus meiner Sicht, wieder exzellent ausgeführt, das Tempo allerdings, das ich erwartet hatte, konnte ich nicht durchgängig finden. Und hier mache ich auch meinen Einwand geltend: Das Ganze Buch ist prall voll mit Exkursen über Tötungs-, Folter- und Verstümmelungsriten. Zwar mokierte sich Roes empört darüber (weil ihm das, wie es sich leicht denken lässt, nicht nur von mir vorgehalten wurde), was der „weiße Blick“ den „Naturvölkern“ an Grausamkeiten unterstellt, aber ein Etwas Weniger hätte nicht nur diesen Eindruck vermieden, sondern wäre auch gut für die Erzählstruktur des Buches gewesen, und letztlich, wer weiß, wäre womöglich noch ein richtiger Lesespaß daraus geworden. Aber so geriet es etwas zu intellektuell, didaktisch, technisch… mithin etwas zu steif… aber immer noch weit besser, als was uns sonst von der Jungen Garde des deutschen Literaturbetriebs geboten wird und allemal das lesen wert; auch wenn ich gestehen muss, dass der Roman an die Güte des „Leeren Viertels“ nicht heran reicht.

Wilfried John

Michael Roes
„Der Coup der Berdache“
491 Seiten gebunden
Berlin Verlag von 1999
44,- DM