Pablo de Santis „Die sechste Laterne“

Die sechste Laterne
Pablo de Santis
244 Seiten – Gebundenes Buch
Verlag: Unionsverlag – Aus 2007
ISBN: 9783-2932-0450-8
19,80 €
Antiquarisch ab ca. 3,- €

Geheimnisvoll und skrupellos

Pro:
Phantastische Literatur in bester argentinischer Tradition
Kontra:
Das Bild der Geheimbündelei scheint vielleicht mir etwas überstrapaziert
Skrupel. Manchmal scheinen Moral und Ethik miteinander zu konkurrieren: Mit den Erfordernissen des Strebens nach dem persönlichen Glück begründen manche Leute, ihre Missachtung moralischer Regeln. Für sie heiligt der persönliche Zweck schon die Mittel. Auch wenn es uns Schwarz auf Weiß vor Augen steht und wir so in den beiden kurzen Sätzen den blanken Zynismus bemerken, werden doch auch zustimmende innere Reaktionen bemerkbar sein, weil wir doch mitunter auch schon die kleinen oder größeren Sünden begingen, die eine oder andere Lüge benutzten (oft schamhaft zur Notlüge erklärt) oder durch Untätigkeit in Kauf genommen haben, dass andere Menschen größere oder kleinere Schäden erlitten.
Etymologisch kommt das Wort vom lateinischen scrupulum oder scrupulus her; scrupulum als Bezeichnung der Währung und scrupulus als Bezeichnung für scharfe, spitze Steinchen die offenbar einen Wert (wahrscheinlich als Werkzeug) besessen haben. Jedenfalls waren Skrupel etwas wert, weil sie einen daran hindern Böses zu tun. Skrupellosigkeit dagegen bedeutet, dass jemand den Wert eines anderen nicht achtet. Eigentlich eine Sinnverschiebung dadurch, dass jemand, welcher ohne Skrupel war (im Sinne der Währung) eben gelegentlich genötigt war, die Werte anderer zu missachten und sich anzueignen, was dieser Jemand eben zum Leben brauchte. Diese Rohheit hat man dann offenbar auch auf das Verhalten Anderer übertragen, welche nicht direkt mit Diebstahl, Raub und Mord zusammenhängen, sondern einfach nicht darauf achten, was die Interessen dessen sind, den sie bei der Verfolgung eigener Interessen beschädigen bzw. unberücksichtigt lassen.
Mir kommt die Bezeichnung Schlitzohr in den Sinn. Es handelt sich dabei ursprünglich um die Bezeichnung eines Menschen, der die Schandtat des Verrats an einem Genossen begangen hatte und die bei den Wandergesellen gebräuchlich war. Diese Gesellen trugen traditionell Ohrringe… und einem Verräter wurde der Ohrring aus dem lebenden Fleisch gerissen, so dass er fortan als Schlitzohr ehrlos blieb. Ganz ähnlich wie sich der Begriff des Schlitzohrs bis in die heutige Zeit erhalten hat und nach und nach vom absolut negativen zum nicht ganz positiven Image gewandelt wurde, verhält es sich mit den Skrupeln, die man sich angeblich nicht leisten kann, wenn man Erfolg haben will; das wollen viele… am besten auch noch mühelos und nicht zu eigenen Kosten.
Gewisse Moralkritiker behaupten, es bestünden Spannungen oder sogar Widersprüche innerhalb des moralischen Systems und innerhalb des ethischen Denkens. Indem sie diese scheinbaren Konflikte aufzeigen, stellen sie die Rationalität moralischer Prinzipien und ethischer Urteile insgesamt in Frage und sie ebnen so einer gewissen Erosion der moralischen Werte den Weg. Ich möchte niemanden falsch beschuldigen, doch in einer kapitalistischen Gesellschaft geht es bei allem zuerst um die Verwertung; auch Lehrstühle müssen bezahlt werden und wer bezahlt, möchte nicht zu kurz kommen…
Für die Verwertungsinteressen im kapitalistischen System ist es vorteilhaft, wenn sich aus dem konstruierten Wiederspruch heraus eine Doppelmoral entwickelt: Skrupel für die einen (die Verwerteten), Skrupellosigkeit für die anderen (die Verwerter). Ohne mit einem dieser unerträglichen Moralapostel (die sie uns obendrein auch noch auf den Hals gehetzt haben) verwechselt werden zu wollen, möchte ich folgenden Gedanken aussprechen: Indem wir jene Skrupellosen bewundern (klammheimlich oder offen), arbeiten wir insgesamt gegen unsere eigenen Interessen.
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Um Verwertung, um Interessen und Moral geht es auch in dem Buch, das ich mit dieser Besprechung vorstellen möchte: „Die sechste Laterne“ von Pablo de Santis. Es handelt sich dabei um ein Werk aus der sog. Phantastischen Literatur aus Lateinamerika. Sie zeichnet sich – laut des argentinischen Autors Adolfo Bioy Casares, einem der vornehmsten Vertreter dieser Literatur-Gattung – durch logische und unmögliche Entwürfe aus, die Abenteuer der philosophischen Imagination sind. Besser ist der sechste Roman seines Landsmanns Pablo de Santis kaum zu charakterisieren.
Dass das, was folgt, ein solcher „unmöglicher Entwurf“ sein wird, offenbart Pablo de Santis gleich im ersten Satz einer scheinbaren Einleitung, die dem Roman vorangestellt scheint, in der er schreibt: „Noch immer herrscht vielerorts der Irrglaube, die großen Architekten wären jene, die ihr Leben dem Bauen gewidmet hätten. Wir aber verfolgen die Spuren all derer, die nach ihrem Tod lediglich Pläne und Zeichnungen zurückgelassen haben.“ Wenn wir uns erst einmal auf diesen Entwurf eingelassen haben, sind wir schon im Netz, welches der Autor geschickt und dicht knüpfte, gefangen. Die Phantastische Literatur stellt also erst die Behauptung dessen auf, was sie später wie die Realität präsentieren will.
Die Romane des Autors werden oft als spannende, zuweilen etwas bizarre, sprachlich außergewöhnlich raffinierte und klug konzipierte Werke charakterisiert; Sprache und Kommunikation sind zwei seiner bevorzugten Themen und auch in „Die sechste Laterne“ wichtiger Bestandteil des Plots. Wie in allen Romanen dieses Autors wird auch in diesem Werk unterschwellig ein philosophischer Diskurs geführt; diesmal um die Frage, welche transzendente Aussagekraft die Kunstform Architektur haben kann und sollte. Das Buch ist quasi ein Musterbeispiel der Phantastischen Literatur.
Und Pablo de Santis (kurz PdS) ist ein Meister dieser Zunft, die sich seit langem (nicht nur) in der Argentinischen Literatur sehr großer Beliebtheit erfreut und mit großen Namen der Weltliteratur (Franz Kafka oder Fernando Pessoa – auch hier bei Ciao vorgestellt) in Verbindung gebracht werden muss. Es lohnt sich also, sich die biographischen Daten des Autors ein wenig genauer zu betrachten:
PdS wurde 27. Februar von 1963 in Buenos Aires/Argentinien in eine sehr unruhige Zeit hinein geboren. Kurz vorher hatte das Militär geputscht und Argentinien war in dieser Zeit, und in den darauf folgenden 20 Jahren, ein äußerst unsicheres Pflaster. Ein weiterer Putsch, Gegenterror, Peron, Wirtschaftskrise und noch mehr Terror aus dem politischen Untergrund, wieder Putsch, Todeskommandos, „Verschwundene“, Folter, Falkland-Krieg… bis dann 1983 die sog. Demokratisierung wieder freie Wahlen ermöglichte…
Freie Wahlen in einem Land, das durch Misswirtschaft und Selbstbereicherung der Generäle zerrüttet war und das man getrost den Demokraten überlassen konnte. Die würden wenigstens frisches Geld von der Weltbank reinholen… deren Wirtschafts-Rezepte (ähnliche übrigens, wie sie auch hierzulande gängige politische Mode sind) weitere zwanzig Jahre später allerdings dieselbe Wirkung hatten wie ein Raubüberfall oder ein Militärputsch.
In dieser Zeit wuchs PdS auf – und, man staune, er begann schon im Alter von 11 Jahren erfolgreich mit dem Schreiben von SF-Storys. Es scheint schon sehr früh klar gewesen zu sein, was später aus dem klugen Jungen werden würde. Folgerichtig fokussierte sich seine Ausbildung auf diesen Punkt: Er studierte Literatur. Sein Geld verdient er sich schon früh selbst – anfangs als Texter für Comics, später dann – selbst noch ein Jugendlicher – als Autor von Jugendbüchern. Einem breiten argentinischen Publikum wird er durch seine eigentlich weniger rühmliche Drehbucharbeit fürs Fernsehen bekannt, für das er Serien schrieb, die mit einer Mischung aus Akte X und Astrologie die Zuschauer verwirrten… vielleicht wollten das die Zuschauer, der noch schlechteren Realität müde, halt sehen.
Ihm wird spätestens durch sein Studium und seine Drehbucharbeit bekannt geworden sein, auf welch einem Boden literarischer Traditionen er sich in Argentinien bewegte; um nur die Namen Borges, Bioy Casares und Cortazar (alle auch hier bei Ciao besprochen) zu nennen. Schon 1987 erschien sein erster großer Roman und dann in rascher Folge weitere Romane und Essays. Sehr schnell wird er im gesamten spanischen Sprachraum (und der ist bekanntlich sehr groß) bekannt. Erst im Jahre 2000 wird er als DIE Entdeckung im deutschen Sprachraum gefeiert, als sein Buch „Die Übersetzung“ (auch hier bei Ciao vorgestellt) beim Unionsverlag erschien.
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In der oben erwähnten Einleitung, gibt sich eine „Gesellschaft für utopische Architektur“ zu erkennen, die es sich offenbar zur Lebensaufgabe gemacht hat, den Protagonisten dieses Romans (den sie für den größten Architekten aller Zeiten halten) zu verehren und sein Andenken zu fördern. Dieser Mann ist der Architekt Silvio Balestri; ein in die USA eingewanderter Italiener. Er entstammt einer bekannten Römischen Bildhauer-Familie und soll – nach dem Willen des Vaters – das erfolgreiche Familienunternehmen einst weiterführen. Doch es kam anders.
Anstatt Bildhauer und Unternehmer wird Silvio Architekt. Schon während seiner Architektur-Studienjahre in Rom, entwickelte Silvio einen Hang zum Monumentalismus; er setzte sich in den Kopf, einen zweiten Turmbau zu Babel ins Werk zu setzen. Es gehört zu den köstlichsten Lese-Momenten dieses Romans, die Debatten Silvios und Pollaks, seinem wichtigsten Wegbegleiter in dieser Zeit, zu folgen. Pollak forderte und inspirierte Silvio durch langwierige und harte Wortgefechte und wir können schon ahnen, dass aus Pollak nichts werden kann; zwar sehr klug, aber zu einseitig festgelegt, zu streng zu sich selbst, zu Detailversessen.
Der erste Weltkrieg trennt ihre Wege, Pollak meldet sich zur österreichischen Armee, Balestri flieht in die neue Welt, nach New York. Wie viele Einwanderer findet er zunächst keine Arbeit. Er streift durch die fremde Stadt und entdeckt ein seltsames Museum und freundet sich mit dessen Betreiber Caylus an, bei dem es sich offenbar um einen Seelenverwandten handelt; das Museum stellt Modelle nie gebauter architektonischer Entwürfe aus. Der Italiener wird das imposanteste Stück dieser Sammlung erschaffen: Zikkurat, ein monumentales Bauwerk, nach dem Vorbild des berühmten Turms zu Babel. Niemand wird das Model je sehen, denn nie kommt jemand in dieses Museum… und schon in der bereits erwähnten Einleitung erfahren wir, dass das Museum während eines Brandes vollständig vernichtet wurde.
Durch die fremde Sprache eingeschränkt, arbeitet der Architekt zunächst als Kellner, ehe er im renommierten Architekturbüro Moran Morley und Mactran als Kopist angestellt wird, der nichts weiter zu tun hat, als die Zeichnung der Architekten zu vervielfältigen. Er ist tüchtig und strebsam; was ihm nicht unbedingt die ungeteilte Zustimmung seiner Kollegen einbringt.
Das Bürohochhaus, mit seiner strengen hierarchisch gegliederten Aufteilung von Funktionen, von Stockwerk zu Stockwerk aufsteigend, gleicht einem Gesellschaftsentwurf… oder aber einen umgedrehten, nach oben sich zuspitzenden Entwurf von Dantes Höllenkreisen (dazu auch „Gezählte Wirklichkeiten“ von Wilfried John). Balestri kennt in dieser Zeit nur ein Ziel, er will vom Keller in die vorletzte Etage, in die Riege der Architekten aufsteigen; er sollte auch noch nach ganz oben gelangen.
Dazu verhilft im schließlich ein seltsamer Auftrag. Die New Yorker Architekturbüros stehen in gnadenloser Konkurrenz um den höchsten und modernsten Wolkenkratzer der Welt. Aber jede neue Idee wird sofort den Mitbewerbern in die Hände gespielt. Die Geschäftsleitung ist nicht in der Lage das Leck zu finden, da sie die Sprache der Architekten nicht versteht, ihren fachspezifischen Subtext nicht entschlüsseln kann. Balestri soll herausfinden, welcher der drei Kollegen der Konkurrenz die geheimen Pläne mit den architektonischen Details zuspielt. Auf der Suche nach der undichten Stelle, gerät Balestri in ein schier unentwirrbares Geflecht aus Intrigen und führt schließlich zum Kontakt mit dem Geheimbund der „Die sechsten Laterne“
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Die Werke von PdS werden – meiner bescheidenen Meinung nach – oft missverstanden und in die Schublade mit dem Etikett „Kriminalromane“ einsortiert. Daraus ergibt sich eine meist negative Bewertung der Qualität des Werkes an sich, weil es die Erwartungen der Krimi-Leser natürlich nicht erfüllt. In „Die sechste Laterne“ gibt es eben keinen jener klassischen Ermittler, dessen Ermittlung dieses oder jenes zutage fördern. Wenn hier jemand ermittelt, dann sind es die Lesenden – frei nach dem Prinzip vieler Lateinamerikanischen Autoren, die sich ihre Leserinnen und Leser als Komplizen vorstellen.
Nun, ich habe dafür Verständnis, dass viele Kollegen die „Krimi-Schublade“ aufmachen, denn die Literatur von PdS ist wirklich schwer zu fassen. Wie ich oben schon schrieb, ist sie sicher unter dem Oberbegriff Phantastische Literatur zu führen… und wenn man es etwas genauer spezifizieren möchte, schlage ich den Begriff vor, den ich – in Abwandlung des für die Lateinamerikanische Literatur immer noch synonym stehenden Begriffs Magischer Realismus – in meiner Besprechung zu „Die Übersetzung“ (auch hier bei Ciao) erstmals verwendete: Magischer Krimi.
Wie das Hochhaus von Moran Morley und Mactran viele Etagen hat und natürlich ein Untergeschoss, so hat auch dieses Werk mehrere Ebenen. Eine für die Argentinische Literatur wichtige Ebene ist das Thema Migration – gerade Italiener sind nach 1945 massenhaft nach Argentinien gekommen und so ist der Roman durchaus auch als exemplarische Chronologie eines Werdegangs, als eine mögliche Biografie eines Einwanderers zu lesen. Der oben schon angedeutete Diskurs über Architektur ist darüber hinaus eine durchaus kritische Auseinandersetzung mit dem städtischen Leben seit der industriellen Revolution, mit der Unwirtlichkeit unserer Städte, mit dem Bauen als Selbstdarstellung (siehe Protzbauten der Faschisten) oder der Entfremdung der Arbeit im marx´schen Sinne.
Meine Erwartungen an dieses Werk sind voll und ganz erfüllt und ich möchte zu Protokoll geben, dass die Beschreibung dessen, was nach Adolfo Bioy Casares (auch hier bei Ciao vorgestellt) Phantastische Literatur sein soll, voll auf „Die sechste Laterne“ anwendbar ist. Schon die Erzählperspektive ist phantastisch konstruiert: Der Roman wird von einem Mitglied der anfangs genannten „Gesellschaft für utopische Architektur“ erzählt; dabei werden wir nie gewahr, wer genau das eigentlich ist; ich glaube, man benutzt an solchen Stellen gerne das Wort kafkaesk.
Ein weiterer literarischer Leckerbissen ist die Biographie des Protagonisten… sie ist so wunderbar erfunden, dass sie wie die Nacherzählung eines tatsächlichen Lebenslaufs erscheint. Dabei besticht der Erzählstil des Autors durch eine klare, ästhetisch schöne Sprache, die es zum Vergnügen macht, sich lesend dem Werk zu überlassen – und das gilt sicher nicht nur für Fans der Literaturgattung oder eingeschworene Kafka-Experten.
„Die sechste Laterne“ ist eben wirklich ein Abenteuer der philosophischen Imagination. Der Roman steht zwar in der argentinischen Tradition dieses Genres, doch dass dem Autor ein Stück universeller Literatur geglückt ist, beweist nicht zuletzt das Votum einer Jury aus Literaturwissenschaftlern, Literaturkritikern und Autoren, die den Roman zu einem der hundert wichtigsten Romane Spanischer Sprache der letzten 25 Jahre wählten.
Wilfried John