Pablo de Santis „Die Übersetzung“

Das Wort als Waffe

Pro: Brillant, humorvoll, spannungsreich

Contra: Viel zu kurz…

Sprache. Zu erklären was Sprache ist wird vielen von uns vorkommen, wie Eulen nach Athen… oder wie man bei uns daheim in ähnlichen Fällen zu sagen pflegte, wie Wasser in den Rhein zu tragen. Schließlich verwenden wir mindestens gesprochene Sprache doch jeden Tag – es sollen auch Fälle von solchen Menschen bekannt geworden sein, die Sprache jeden Tag schriftlich gebrauchen. Nun, ich möchte jetzt nicht – wie man vielleicht mit Schaudern vermuten könnte – von der Sprachlehre anfangen (die in der Tat für sehr viele Menschen erklärungsbedürftig ist), sondern ich möchte dieser Buchbesprechung Bemerkungen grundsätzlicherer Art voran stellen; nämlich darüber was Sprache eigentlich ist.

 

Zwei Wissenschaftszweige, die sich mit derlei Phänomenen beschäftigen (die Semiotiker und die Informationstheoretiker), beschreiben Sprache als ein konventionelles System von Zeichen zu Kommunikationszwecken. Natürliche Sprache ist der Ausdruck menschlichen Denkens, Fühlens und Wollens. Dabei leuchtet unmittelbar ein, dass sowohl beim Sprechenden/Schreibenden als auch beim Hörenden/Lesenden die Kenntnis der verwendeten Zeichen (also der verwendeten Worte) und das Wissen um deren Zusammenhang mit dem Bezeichneten (also der außersprachlichen Wirklichkeit) zusammen kommen muss, damit die Sprache ihren Zweck erfüllt.

 

Wie wir wissen könnten, kann dieselbe Wirklichkeit völlig unterschiedlich bezeichnet werden… woraus sich logisch ergibt, dass die verwendeten Zeichen eben nicht der notwendige oder gar natürliche Ausdruck der Wirklichkeit sind; was leider aber vielen Menschen gewollt oder ungewollt nicht geläufig zu sein scheint. Wir Menschen müssen uns also auf bestimmte Zeichen zur Benennung von bestimmten Dingen einigen; was natürlich nur mittels Sprache möglich ist. Wie viele Missverständnisse wären vermeidbar, würden Menschen darauf verzichten ihre Maulfaulheit, ihre Vulgärsprache und ihre Denkfaulheit zu pflegen…

 

Es soll aber auch schon vorgekommen sein, dass mit völlig identischen Zeichen zwei gänzlich unterschiedlichen Wirklichkeiten beschrieben wurden, was z.B. dazu führt, dass sich Renten-, Gesundheits-, Arbeits-, Steuer-, Militär-, Bildungs- und Finanzminister mit den Menschen, welche sie vertreten sollen, nicht mehr verstehen. Das aber hat völlig andere Ursachen, als die im vorigen Absatz beschrieben. Voltaire sagte in seinem „Dialoque du Chapon et de la Poularde“ von den Menschen (und hatte – ganz im Sinne der Aufklärung – gewiss die herrschende Klasse im Blick): „Sie gebrauchen ihren Verstand nur, um ihr Unrecht zu rechtfertigen, und ihre Sprache allein, um ihre Gedanken zu verbergen.“

 

Alle Sprachen haben sich im Laufe der Zeit verändert – manchmal sogar in sehr kurzer Zeit sehr stark (z.B. Amerikanismen, Medien-/Politikersprache…). Diese Veränderungen gehen immer von einzelnen Menschen oder Gruppen von Menschen aus – und verbreiten sich manchmal nur durch gedankenloses Nachplappern. Optimisten gehen davon aus, dass es auf das gesellschaftliche Ansehen von Einzelnen oder Gruppen ankäme, ob und wie weit sich veränderter Wortgebrauch durchsetze… allein mir fehlt der Glaube. Auch soziale Differenzierung (andere Bezeichnung für Gettoisierung, schlechtes Bildungsniveau, Arbeitslosigkeit oder ähnliches) und sprachliche Ausdrucksverhalten stehen in unmittelbarem Zusammenhang (boa eh… wat en Fuck-Satz).

 

Dabei habe ich die Überlegungen zur Kommunikation mit Angehörigen anderer Sprachgemeinschaften bisher noch ganz außer Acht gelassen… erst recht die Überlegungen zu den Möglichkeiten, fremde lebende oder gar tote Sprachen zu übersetzen. Diese Überlegungen überlasse ich lieber jemandem, der sich besser damit auskennt: Pablo de Santis. Er, respektive der Unionsverlag, hat im Jahre 2000 ein Buch vorgelegt, das mich zu dieser langen Vorbemerkung anregte und die zu schreiben mir zum Verständnis des Buches das ich hier vorstellen möchte wichtig erschien, da es darin um Sprache geht. Dabei handelt es sicht nicht – wie man nun vielleicht denken mag – um ein Sachbuch (keine Sorge), sondern es geht um „Die Übersetzung“, einem brillant konstruierten, humorvollen, spannungsreichen, literarisch anspruchsvollen, geheimnisvollen… ja magischen Krimi.

 

Pablo de Santis (kurz PdS) wurde 1963 in Buenos Aires/Argentinien in eine sehr unruhige Zeit hinein geboren. Kurz vorher hatte das Militär geputscht und Argentinien war in dieser Zeit, und in den darauf folgenden 20 Jahren, ein äußerst unsicheres Pflaster. Noch ein Putsch, Gegenterror, Peron, Wirtschaftskrise und noch mehr Terror aus dem politischen Untergrund, wieder Putsch, Todeskommandos, „Verschwundene“, Folter, Falkland-Krieg… bis dann 1983 die sog. Demokratisierung wieder freie Wahlen ermöglichte… freie Wahlen in einem Land, das durch Misswirtschaft und Selbstbereicherung der Generäle zerrüttet war und das man getrost den Demokraten überlassen konnte. Die würden wenigstens frisches Geld von der Weltbank reinholen… deren Wirtschafts-Rezepte (ähnliche übrigens, wie sie auch hierzulande gängige politische Mode sind) weitere zwanzig Jahre später allerdings dieselbe Wirkung hatten wie ein Raubüberfall oder ein Militärputsch.

 

In dieser Zeit wuchs PsD auf – und, man staune, begann schon im Alter von 11 Jahren erfolgreich mit dem Schreiben von SF-Storys. Es scheint schon sehr früh klar gewesen zu sein, was später aus dem klugen Jungen werden würde. Folgerichtig fokussierte sich seine Ausbildung auf diesen Punkt: Er studierte Literatur. Sein Geld verdient er sich schon früh selbst – anfangs als Texter für Comics, später dann – selbst noch ein Jugendlicher – als Autor von Jugendbüchern. Einem breiten argentinischen Publikum wird er durch seine eigentlich weniger rühmliche Drehbucharbeit fürs Fernsehen bekannt, für das er Serien schrieb, die mit einer Mischung aus Akte X und Astrologie die Zuschauer verwirrten… vielleicht wollten das die Zuschauer, der noch schlechteren Realität müde, halt sehen.

 

Ihm wird spätestens durch sein Studium und seine Drehbucharbeit bekannt geworden sein, auf welch einem Boden literarischer Traditionen er sich in Argentinien bewegte; um nur die Namen J.L.Borges, B. Casares und J.Cortazar (auch hier bei Ciao besprochen) zu nennen. Schon 1987 erschien sein erster großer Roman und dann in rascher Folge weitere Romane und Essays. Sehr schnell wird er im gesamten spanischen Sprachraum (und der ist bekanntlich sehr groß) bekannt. Erst im Jahre 2000 wird er als DIE Entdeckung im deutschen Sprachraum gefeiert, als sein Buch „Die Übersetzung“ beim Unionsverlag erschien.

 

Bei diesem Buch versagt eigentlich die konventionelle Klassifizierung. Es ist vordergründig sowohl eine äußerst gelungene Mischung aus Krimi und Fantasie-Roman, aber zugleich ist es auch eine höchst intellektuelles Buch über die Sprache. Darin eingelagert gibt es noch eine Liebesgeschichte und, wenn man die Landschaftsbeschreibungen so sehen möchte, ein Reisebericht, der sehnsüchtig nach einem Land macht, das man noch nicht sah. Dabei schreibt PdS eine klare Sprache, erzählt straff ohne Abschweifungen und ist dazu noch so unglaublich humorvoll, dass es ein wahrer Genuss ist, der sehr intelligent konstruierten Handlung zu folgen.

 

Der Protagonist und Ich-Erzähler Miguel De Blast hat viel zu tun und möchte eigentlich nicht  zu einem Übersetzerkongress fahren, zu dem obendrein – als Stargast sozusagen – ein alter Rivale namens Naum, der als Neurologe und Übersetzer Karriere gemacht hat, geladen ist. Nur die Aussicht dort seine Jugendliebe Ana (welche er an eben genannten Naum verloren hatte) wieder zu sehen, ist das den Ausschlag gebende Argument, das ihn doch anreisen lässt. PdS hält sich nicht lange mit Vorreden auf und gibt der Geschichte gleich ordentlich Schwung.

 

Kurz nach der Ankunft des Protagonisten in jenem abgelegenen Städtchen an der argentinischen Atlantikküste, das der Austragungsort des Kongresses ist und mit Purto Esfinge (Hafen der Sphinx) einen bezeichneten Namen trägt, trifft Miguel seine Ana und sie machen einen Spaziergang am Strand. Dabei entdecken sie eine Anzahl toter Seehunde, deren Felle unverständliche Zeichen aufzuweisen. Zurück am Hotel erfahren sie vom Tod eines Kollegen… er ist vom Dach des Hotels gestürzt. Dieser Kollege namens Valner hatte sich vornehmlich mit alten Sprachen beschäftigt, die sich auch unter den Begriffen Geheimsprachen oder ausgestorbene Sprachen versammeln lassen… er soll sogar profundes Wissen von solchen Sprachen gehabt haben, deren Existenz von Fachleuten nur vermutet wird. Der ermittelnde Kommissar meint es wäre Selbstmord gewesen, doch Miguel de Blast kommt das Ganze merkwürdig vor… er sieht einen Zusammenhang mit den toten Seehunden.

 

Von diesem Todesfall überschattet, kommt der Kongress nicht recht in die Gänge, nicht zuletzt auch deswegen, weil sich der Stargast verspätet. Der hat aber offenbar die Verspätung nur als spannungshebendes Element eingebaut, weil er den Teilnehmenden mit einer Überraschung aufwarten wollte: Er hat einen seiner Patienten mitgebracht. Durch einen Schuss in den Kopf des ehemaligen Bauarbeiters wurde dessen Gehirn verletzt. Seitdem kann er fremde Sprachen, auch wenn er noch nie von ihnen hörte, übersetzen. Die Zuhörer sind beeindruckt… und legen ihm fremdsprachliche Texte vor, die er ohne weiteres übersetzt. Jedoch als einer der Übersetzer ihm einen seltsamen Satz zu wirft, verstummt er entsetzt. Wenig später verunglückt ein weiterer Übersetzer, der sich – wie der erste – auch mit toten Sprachen beschäftigt hatte…

 

In welchem Zusammenhang steht der seltsame Satz mit der mysteriösen Todesfällen? Birgt der verlassene, den Gezeiten des Atlantik trotzende, Leuchtturm ein Geheimnis? Steht er symbolisch für den Turm zu Babel, an dem sich bekanntlich die Sprachverwirrung zugetragen haben soll? Was bedeuten die alten Münzen unter der Zunge der Toten? Es zeichnet sich rasch ab, dass die Polizei mit ihren konventionellen Ermittlungsmethoden zu keinem Ergebnis kommen wird. Miguel De Blast stößt auf die Spur eines in einer magischen, vergessenen Sprache verfassten, uralten Fluchs… Worte werden immer wichtiger und scheinen Zeichen zu sein. Verwirrend ist, dass mit diesen Zeichen etwas nicht zu stimmen scheint. Mal scheinen sie wirkungslos, mal haben sie große Macht, mal haben sie nichts zu bedeuten, mal bedeuten sie sehr viel… Ich zähle mich zwar nicht zu den „notorischen“ Krimilesern, doch glaube ich dennoch eine gut funktionierende Kombinationsgabe zu besitzen… aber mir ist es bis zum Schluss nicht gelungen, hinter den wahren Sachverhalt zu kommen – den ich an dieser Stelle natürlich nicht ausplaudern werde.

 

PdS legt uns hier einen Roman vor, der auf dem Boden gleich mehrerer Traditionen steht: Zunächst möchte ich sagen, dass mich die Geschichte an die phantastischen Geschichten eines Jorge Luis Borges (wahrscheinlich nicht nur zufällig Landsmann von PdS) erinnert, wobei der Autor nie so sehr ins Ir- oder Surreale abdriftet, als dass wir Lesenden die Verbindungen zum erzählten Realen verlören. Die zweite Tradition ist die des Kriminalromans englischer Prägung. Der Protagonist fungiert gleichsam auch als Detektiv, der die Hinweise, Spuren und Indizien sichert und zu enträtseln versucht. Dabei sind diese Zeichen aus einem völlig seltsamen Material: Der Sprache an sich… also der Zeichen an sich.

 

Dieses Buch ist aber auch das was man einen Ideenroman nennt. In die laufende Handlung sind immer wieder Sequenzen eingebunden, die für sich selbst, fast selbstständig eine kleine literarische Kostbarkeit ergeben. Dabei verzichtet PdS konsequent auf literarische Verschnörkelungen und bleibt bei einer klaren, kurzen  Sprache, die eine Verbindung zur Esoterik nicht aufkommen lässt; was ihm hin und wieder vorgeworfen wurde. Aber PdS hat damit nichts im Sinne… es sei denn, man will solche literarisch wertvolle Kriminalliteratur, angereichert mit Elementen des phantastischen Romans, generell schon in diese Schublade einsortieren.

 

Dieses Buch hat mir über alle Maßen Freude bereitet! Es hat mich unglaublich gut unterhalten, ohne mich sozusagen in jedem Satz an den Nerven zu kitzeln. Hin und wieder hat mich der Roman verwirrt… und auch das eine oder andere mal in Zweifel gestürzt… überraschende Deutungen und Bedeutungen fließen in einander über… aber auch das steigert nur den Unterhaltungswert. Die oft sehr unterschiedlichen Szenen bilden im Zusammenhang wieder ein Ganzes, das man wie ein schönes Gemälde betrachten kann. PdS spielt mit der Sprache, mit Begriffen und schafft einen wundervollen Spannungsbogen, der an keiner Stelle abreißt.

 

Dabei ist es PdS obendrein gelungen ein sehr humorvolles Buch zu schreiben, das – wie schon gesagt – beste Unterhaltungsliteratur ist, das mich aber auch nach dem Lesen noch beschäftigen stark beschäftigt hat… wie man an dieser Besprechung unschwer erkennen wird. Ein Kriminalroman als Gedankenspiel – als ein lustvolles Gedankenspiel. Ein Kollege fasste zusammen: Ein Stück fantastische Literatur und ein fantastisches Stück Literatur. Dem ist nicht hinzu zu fügen.

 

 

Wilfried John

 

 

 

Die Übersetzung

Pablo de Santis

156 Seiten – Gebundenes Buch

Verlag: Unionsverlag – aus 2000
ISBN: 3-2930-0272-2

7,9o €