Pablo Neruda „Liebesgedichte“

Liebe… welch ein Wort!

Pro: Dichtkunst in höchster Vollendung

Contra: Sie zeigen nicht den ganzen Pablo Neruda


Liebe. Bücher über das Thema füllen ganze Bibliotheken, die Schlager- und Pop-Industrie lebt sehr gut davon, viele intime Gespräche unter Freunden drehen sich darum und in vielen Predigten ist davon die Rede. Gerade der ständige Gebrauch dieses Wortes in religiösen Zusammenhängen und die Versuche dieses Gefühl romantisch zu überhöhen, ließen diese Emotion gar umgangssprachlich zu einem „göttlichen Gefühl“ werden. Unzweifelhaft ist es ein Genuss dieses Gefühl zu empfinden, ja es zählt zweifellos auch zu den höchsten Genüssen… weswegen die Umschreibung göttlich sicher angebracht ist.

Ich möchte diese Buchbesprechung nicht gänzlich zu einer Abhandlung über die Liebe werden lassen (wenngleich das Buch letztlich ein Buch über die Liebe ist) und mich für den Moment auf ein paar meiner Gedanken über die Grundprinzipien eines der schönsten aller Gefühle beschränken. Liebe konzentriert sich, im Unterschied etwa zur Freude, auf Menschen; und nur auf Menschen. Sie ist deshalb nur bei Menschen vorstellbar, weil sie auf einer gleichberechtigten Gegenseitigkeit beruht und gleichermaßen gegeben wie erwidert werden muss. Sie umfasst vieles (sogar eine ganze Ideologie darüber, wie die Realität beschaffen sein sollte) und, das ist ihr eigentliches Wesen, setzt sie sich entschlossen für das Glück und Wohlergehen anderer Menschen ein, anstatt sich nur um die eigene Selbstzufriedenheit zu kümmern.

Vieles was als Liebe gilt ist gar keine – besonders gilt der Satz für Abhängigkeitsverhältnisse, für das Flehen nach Wärme und Sicherheit in Bindungen, die bloß fesseln, die nicht fördern, die gegeneinander aufbringen ohne sich einander anzunähern. Liebe im eigentlichen Sinne von Nähe, Miteinander, Vertrauen und Achtung ist ein Ideal. Doch wie alle Idealzustände ist auch dieser schwer, wenn nicht gar unmöglich zu erreichen, da es absolut schwierig ist, sich offen und verletzbar zu geben, der Versuchung von Überlegenheits-Vorstellungen zu widerstehen oder seine erfolgreichen Abwehr-Strategien abzulegen.

 

Viele Menschen, und ich schließe mich ganz sicher nicht gänzlich aus, wählten/wählen daher eine Liebe, die nur den Rahmen für ganz andersartige Gefühle hergibt: Eifersucht, Habgier, Ressentiment, sogar Ärger und Hass, die sich in vorgetäuschter Zärtlichkeit und Fürsorge äußern. Echte Liebe verlangt etwas ganz seltenes: vertrauensvolle Nähe, Achtung und Bewunderung bei gegenseitiger Unabhängigkeit und Autonomie, keine Habgier, sondern wohlwollende Begierde.

Die grundsätzliche Bewunderung des Anderen, verbunden mit einem eigenen positiven Selbstgefühl, ist die Grundlage. Ist das nicht gegeben, kann man sein Glück nicht im Glück des Anderen finden. Schwäche kennt keine Liebe. Unsicherheit und Abwehr schließen Liebe ganz aus – Liebe braucht Stärke. Einen unerreichbaren Menschen zu begehren ist auch keine Liebe, egal wie leidenschaftlich und/oder romantisch verklärt sich dieses Begehren auch gibt. Liebe beginnt erst, wenn das Bedürfnis nach Besitz aufgehört hat – Geilsein hat auch nichts mit Liebe zu tun.

Liebe hat immer nur etwas mit gleichberechtigter Erwiderung zu tun – deswegen ist Liebe zutiefst menschlich und hat mit göttlichem Anspruch nichts zu tun – einen strafenden Gott kann ich nicht lieben, einen gnadenvollen Gott auch nicht, einen Herrscher ebenso wenig; Gegenstände, Pflanzen und Tiere kann ich auch nicht lieben… ich kann mich an ihnen freuen, sie achten, aber nicht lieben.

Weil Liebe zutiefst menschlich ist, ist sie ebenso vergänglich wie die Menschen an sich – sie endet mit dem Tod. Ich bin mir dessen bewusst, dass ich jetzt eine (in vieler Menschen Augen) Ungeheuerlichkeit sage: Meinen toten Partner kann ich nicht mehr lieben – er ist zu einem mir nicht mehr antwortenden Gegenstand geworden. Ich kann sein Andenken wahren und ehren.

Ein Mensch der zu Lebzeiten von vielen Menschen geliebt wurde, der wie kaum ein anderer die Menschen liebte und dessen Andenken (glücklicherweise nicht nur) in seiner Heimat geehrt wird, hätte am 12. Juli 2004 seinen hundersten Geburtstag feiern können… und ich möchte ihm, der vieles von dem verkörperte was für mich überragenden Wert hat, meine Ehrerbietung erbringen: Neftalí Ricardo Reyes Basoalto… Ich höre quasi schon die Frage: Wer? Wen meint er? Wer soll das denn sein?!

Zugegeben, die Nennung seines bürgerlichen Namens ist vielleicht etwas hinterhältig gewesen, kaum jemand kennt ihn. Sein Künstlername jedoch ist weltberühmt und wird jedem/jeder einigermaßen literarisch interessierten Leser und Leserin geläufig sein: Pablo Neruda (PN). Er wurde am 12. Juli 1904, in Parral/Chile in einfachen Verhältnisse geboren. Sein Vater war ein Bahnangestellter und seine Mutter eine Lehrerin, die allerdings kurz nach seiner Geburt starb und ihm seine frühe Kindheit sicher nicht einfacher machte. Zwei Jahre später heiratete sein Vater wieder und zog mit Frau und Kind nach Temuco um. Der junge PN verbrachte dort seine weitere Kindheit und Jugend. Eine folgenschwere Begegnung fällt in diese Zeit und an diesen Ort – er lernt Gabriela Mistral (sie erhielt 1945 den Literatur-Nobelpreis – eine der wenigen Frauen, die den Preis erhalten sollten) kennen, die als Lehrerin dort tätig war und sich um den Jungen kümmerte und ihm die großen Romane der russischen Literatur näher brachte.

Sein Französisch-Lehrer machte den Jungen mit Baudelaire, Rimbaud und anderen Dichtern vertraut und scheint die Weichen in die richtige Richtung gestellt zu haben. PN war ca. dreizehn Jahre alt, als er begann, einige Artikel in der örtlichen Tageszeitung „La Mañana“ zu veröffentlichen – unter anderem erschien hier auch sein erstes Gedicht. Kurz danach entstand sein Künstlername, der mehr zu seinem Namen werden, als es sein Taufname je war. Schon 1920 wurde er Mitarbeiter in einem bekannten literarischen Journal „Austral Selva“ und er unterschrieb seine Beiträge mit  Pablo Neruda, im Gedenken an den tschechoslowakischen Dichters Jan Neruda, den er bewunderte.

!921 zog PN in die Hauptstadt und schloss sich einem Kreis avantgardistischer Künstler an, die sich selbst „Verdammte Dichter“ nannten. Diese Leute fielen weniger durch gute Literatur, dafür mehr durch ihren exzessiven Lebenswandel auf. Neben seinen literarischen Tätigkeiten studierte PN an der Universität von Santiago de Chile Französisch und Pädagogik. Im Gegensatz zu seinen Künstlerfreunden, war PN kein Blender und auch kein Dilettant; und er schrieb lieber statt zu saufen. 1923 erschien sein erster Gedichtband, den er noch auf eigene Kosten herausbrachte und 1924 erschien sein zweites Buch „Zwanzig Liebesgedichte und ein Lied der Verzweiflung“, das wohl das populärste lyrische Buch ganz Lateinamerikas werden sollte und das gewissermaßen der Grundstock zu dem Buch ist, um das es hier gehen soll.

PN begann sich in Chile mehr und mehr eingeengt zu fühlen und sehnte sich nach Europa, wo sich beträchtliche literarische Entwicklungen zeigten, von denen er sich abgeschnitten sah. Wohl aus diesem Grund nahm er ein Angebot der Regierung an, die ihn als Konsul einsetzen wollte. Allerdings führte sein Weg zwischen 1927 und 1933 nicht nach Europa, sondern nach Birma, Ceylon, Java, Singapur. In dieser Zeit schreibt er „Aufenthalt auf Erden“ Von 1933 bis 1934 arbeitet er in Buenos Aires, wo er eine weitere folgenschwere Begegnung macht – er lernt Frederico Garcia Lorca kennen. 1934 endlich kommt er nach Europa und er selbst berichtete, dass er sich die ersten Jahre in Barcelona und Madrid sehr wohl gefühlt habe. Doch dann geschah ein Mord… sein Freund Garcia Lorca wurde von den Faschisten Francos getötet.

Der spanische Bürgerkrieg beeinflussten PN stark, sein Schreiben wurde politisch. Er schloss sich der republikanischen Bewegung an und kämpfte gegen die Faschisten. Seine Waffe war das Wort … nachlesbar in „Spanien im Herzen“ 1939 wurde PN als Konsul für die spanische Emigration ernannt und in Paris stationiert, er rettete über zweitausend spanische Republikaner vor dem sicheren Tod, bis er selbst vor den Nazis fliehen musste und als er kurze Zeit später Generalkonsul in Mexiko wurde, erschien sein Gesang für Stalingrad, ein Gedicht, das ihn zum Volksheld werden ließ.

1943 ging Neruda nach Chile zurück und engagierte sich politisch. 1945 wurde er zum
Senator der Republik gewählt und trat der kommunistischen Partei Chiles bei. 1948 ändert der chilenische Präsidenten González Videlas, der auch von PN gestützt wird, unter massiver Einflussnahme der USA seine politische Richtung und verbietet die kommunistische Partei… PN ergeht es wie vielen lateinamerikanischen Intellektuellen und sieht sich staatlicher Repression und Gewalt ausgesetzt. Er muss zuerst im eigenen Land in den Untergrund, später reist er ruhelos über den Erdball. Er ist zwar überall bekannt, aber nicht überall willkommen. Aus Italien soll er 1951 sogar ausgewiesen werden, aber ein Kollege stellt ihm sein Haus auf Capri zur Verfügung, wo er mit seiner großen Liebe Matilde Urrutia bis zum Frühjahr 1952 lebte. Hier entstanden „Die Verse des Kapitän“, die ebenfalls in das hier vorzustellende Buch einflossen.

1952 kam er nach Hause zurück. In Chile ist PN bereits ein Nationalheld. Er gilt nicht nur als unerschrockener Kämpfer für die Gerechtigkeit und gegen Unterdrückung, sondern er wird von den Menschen seiner Menschlichkeit wegen geliebt und weltweit geachtet. Das führte bis zu seiner Kandidatur zum Präsidentenamt. Er, der Kommunist, trat zugunsten von Salvador Allende, dem Sozialisten, von dieser Kandidatur zurück, um die Linke nicht zu spalten und sich gemeinsam mit Allende für seine Vision eines gerechten und sozialistischen Staates zu engagieren. Mit dem Wahlsieg Allendes und der Unidad Popular von 1970, schien sein Traum von einem glücklichen Chile in Erfüllung zu gehen. Doch dann kam der 11. September 1973… Pinochet putschte mit us-amerikanischer Hilfe. Kurze Zeit später, am 24. September 1973, starb PN in seinem Haus auf der Isla Negra. Chile versank in Gewalt, aber in den Gedichten von PN war Liebe und Menschlichkeit manifestiert.

PN gehört mit seinem Werk ohne Zweifel mit zu dem Bedeutendsten was die Weltliteratur ausmacht und er bekam dafür 1971 den Literatur-Nobelpreis; was nicht vielen Lyrikern vergönnt war und ist. Der politische PN ist, wenn vielleicht auch nur lyrikinteressierten Leserinnen und Lesern, bekannt. Doch es gibt da noch den leidenschaftlichen Dichter, den erotischen Poeten, den romantischen Lyriker. Der chilenische Botschafter Mario Fernández schrieb einmal: „Generationen chilenischer Jungen als sichere Formulierungshilfe für eine Liebeserklärung auswendig lernten“. PN erreichte als Dichter nicht nur die Experten, sondern gerade auch die sog. einfachen Menschen – seine sinnlichen, zärtlichen und intensiven Gedichte sprechen eine Sprache, die jeder versteht; zumindest jeder, der schon einmal verliebt war.

Viele Experten meinen, dass Lyrik eigentlich nur in der Sprache, in der sie geschrieben wurde, authentisch sei. Natürlich kann man das so sehen. Aber das würde erstens die Leistungen vieler Übersetzerinnen und Übersetzer herab mindern und zweitens viele Werke für Menschen unzugänglich machen, welche der fremden Sprachen nicht mächtig sind. Die „Liebesgedichte“ liegen nun in einer zweisprachigen Fassung vor, so können sie einerseits in der unnachahmlichen Sprache von PN gelesen werden und andererseits in der hervorragenden Übersetzung von……… Das verdient deswegen der besonderen Erwähnung, weil Übersetzungen von Lyrik viel komplizierter sind, als etwas Übersetzungen von Prosa, was der Satz der Lyrikerin Sylvia Plath sinngemäß so zum Ausdruck bringt: „Ein Roman ist eine offene Hand; ein Gedicht eine geballte Faust.“
Stellt sich also generell bei Übersetzungen von Lyrik die Frage, ob die Übersetzungsleistung eine wirkliche Annäherung an das Original darstellt, so ist speziell bei der Übersetzung der Gedichte von PN zu vermuten, dass das Ergebnis für sich genommen schon ein Werk für sich ist. Experten meinen zwar, dass wegen der relativen Einfachheit seiner Sprache und der relativ einfach zu durchdringenden Metaphern, also der eigentümlichen Sprachkomposition, die Übersetzung der Gedichte von PN weniger kompliziert wäre, als viele sozusagen hermetische Texte anderer moderner Dichter, dennoch  kann man dieses Übersetzung fast als eigenständige literarische Leistung werten. Insofern ist dieses Buch in beiden Sprachen für Lyrikinteressierte in jeder Hinsicht ein Schatz.

Das gute Ergebnis dieser Übersetzung ist auch der Tatsache geschuldet, dass die im Buch versammelten Liebesgedichte in einer relativ eng begrenzten Schaffensperiode des Künstlers entstanden sind (zwischen 1924 und 1952) und somit die zu beachtenden literarischen Entwicklungssprünge weniger groß sind. Seine erste dichterische Phase wird allgemein mit Dichtung der Innerlichkeit bezeichnet und der größte Teil der im Buch versammelten Texte fallen in diese Zeit. Ich erwähnte im bisherigen Text bereits „Zwanzig Liebesgedichte und ein Lied der Verzweiflung“ von 1924, auch erwähnte ich „Verse des Kapitäns“ von 1952. Zwischen diesen Werken bildet „Der rasende Schleuderer“ von 1933 quasi eine Brücke, über die man von den leisen Anfängen des Werkes, zum kraftvollen Ende gelangen kann.

PN ist in seinen Anfängen als Autor geprägt vom ausklingenden lateinamerikanischen Modernismus und den intellektuellen Angriffen einer literarischen Avantgarde, denen sich die Vertreter dieser ersten sich in Lateinamerika gebildeten literarischen Bewegung ausgesetzt sahen. Der leitenamerikanische Modernismus, dessen damals einflussreichster Vertreter der Nicaraguaner Ruben Dario war, richtete sich hauptsächlich gegen die bürgerliche Welt, wie es auch bei zeitgenössische Künstlern in Europa der Fall war. Auch fällt in diese Zeit eine sich bildende lateinamerikanische Identität, eine Abgrenzung zum allgegenwärtigen Einfluss des angelsächsischen Nordens. Sprachlich war die Bewegung geprägt von der Ablehnung der in spanischsprachigen Literatur gebräuchlichen Kitsch-Rhetorik und der Forderung nach einer aufrichtigen, lebendigen, sinnlichen Sprache.

Die Avantgardisten jedoch, machten den Modernisten die gleichen Vorwürfe, wie diese ehemals der traditionellen Dichtung machte. Dabei bildeten sich in verschiedenen lateinamerikanischen Ländern unterschiedlich gelagerte Avantgarde-Richtungen… in Chile hieß sie Creacionismus. Ihre Ziele waren sich überall ähnlich. Man wollte, unter anderem, überkommene ästhetische Konventionen überwinden, Gegensätze wie Wachen und Träumen oder Ratio und Emotion zusammen bringen und die Schaffung neuer Sprachwelten. PN entwickelte seine Lyrik in dieser Umbruchzeit, ohne sich jedoch auf eine der Richtungen festzulegen. Vielmehr ist er in der Lage, sich an diesen literarischen Strömungen orientierend, einen eigenen Stil zu schaffen. Das kommt in „Zwanzig Liebesgedichte und ein Lied der Verzweiflung“ voll zur Geltung und macht den Erfolg bei einem breiten Publikum aus… den er bei der Kritik keineswegs hatte.

In den Liebesgedichten herrschen eigentlich die Gegensätze dessen was man von der Liebe allgemein erwartet. In ihnen wird die wirklich wahrgenommene Zweisamkeit durchdrungen von der Annahme, dass genau dies eine Illusion sei. Es ist auch weniger von den glücklichen Stunden zweier Liebender die Rede, als vielmehr von der Traurigkeit und der Melancholie der Einsamen oder vom Schmerz der zeitweiligen Trennung von der Geliebten. PN versucht auch das Bild von der immerwährenden Liebe zu entmystifizieren und beschreibt im Verliebtsein, das Ende der Liebesbeziehungen gleich mit. Aber das entspricht eher der erlebten Wirklichkeit vieler Menschen, als es die überhöhten, überromantisierten und floskelhaften Beschreibungen in der gängigen Liebeslyrik. Gerade die Nennung der düsteren Seiten, macht das Bild der Liebe umso leuchtender.

Es finden sich in diesen Gedichten Sinnlichkeit und Erotik, Leidenschaft und Sanftheit. Dabei scheinen sie voller Leichtigkeit und in einer scheinbar einfachen Sprache geschrieben. PN verwendet scheinbar eingängige Vergleiche und Metaphern von Landschaften und Naturbildern, aber er setzt diese Sprachbilder oft absolut und schöpft aus allen Wahrnehmungsbreichen, was diese scheinbar einfache Sprache dann doch zur Kunst erhob. PN sagte in seinen Memoiren, dass „Zwanzig Liebesgedichte und ein Lied der Verzweiflung“ seine qualvollen Jugendlieben, zusammen mit der überwältigenden Natur seiner südchilenischen Heimat zum Ausdruck bringe.

Der Tonfall in den Gedichten aus „Der rasende Schleuderer“ ändert sich. Seine Eindrücke einer fast lebensfeindlichen gesellschaftlichen Wirklichkeit in den diplomatischen Stationen in Fernost prägten seine Lebenserfahrungen. Ihm ging es oft materiell sehr schlecht, da ihn seine Regierung kümmerlich entlohnte und das Wenige außerdem oft unregelmäßig ankam. Er hatte 1930 die auf Java lebende Holländerin Maria Antonieta Hagenaar geheiratet, die seine Interessen nicht teilte. Er durchlitt eine jahrelange Situation menschlicher, gesellschaftlicher, sprachlicher und kultureller Isolation, weil sich in diese „große unglückliche Familie“, wie er die Gesellschaften Asiens nannte, nicht einbringen wollte. Sein einziger Halt war sein Schreiben.

Er beschrieb sein damaliges Schreiben einmal als Ausdruck seines „unmenschlichen, unmöglichen Dasein“, als Ausfluss einer „Anhäufung seiner ausweglosen Ängste“ oder auch vom „Rauch in seinem Herzen“. Er gab seinem Schreiben eine andere Konzeption, die er „Poesie pure“ nannte… ein von der Welt und den Menschen isolierten Schreibens. Er wolle über seine Träume schreiben, sagte er. So sind seine Liebesgedichte aus jener Zeit natürlich alles andere als voller Leichtigkeit und die Sprache ist pointierter, geradezu explosiv. Das Ich, das in den früheren Gedichten unerschütterlich schien, verliert seine Konturen. Im Prozess einer in fieberhafter Selbstauflösung befindlicher Welt, in der offenbar nur noch die Dinge eine vitale Kraft zu besitzen scheinen, die aus der auf sie übertragenen Sexualität herrührt, muss sich das Ich – gequält von seinen Ängsten und seiner Einsamkeit – ständig seiner Körperlichkeit versichern.

Wie bereits gesagt, bilden diese Gedichte eine Art Brücke zu „Die Verse des Kapitäns“. Doch wieder tritt eine Änderung in der Sprache ein, was allerdings bei PN nicht ungewöhnlich ist, da für ihn Leben und Schreiben eine unlösbare Verbindung haben. Wenn also sein Leben Umwälzungen unterworfen war, warum sollte sein Schreiben davon unberührt bleiben… zumal man von PN sagte, dass für ihn Realität er dann eintrat, wenn er seine Erfahrungen in Verse umgewandelt hatte. Die Selbstbezogenheit der Isolation war gewichen. Er hatte zwar schlimme Erfahrungen als Verfolgter im eigenen Land machen müssen, war ruhelos über die Welt geflohen, aber er hatte die Liebe seines Lebens gefunden.

Im Winter 1951 und Frühjahr 1952 lebte er mit ihr in einem von einem Freund zur Verfügung gestellten haus auf Capri. In dieser Zeit entstanden „Die Verse des Kapitäns“ wohl für Matilde Urrutia und er veröffentlichte sie im Juli 1952 anonym in Neapel – es wird über zehn Jahre dauern, bis er sie als seine Gedichte anerkannte. Diese Gedichte sind sozusagen das Hauptstück in vorliegendem Buch. Sie haben das Leben zu Thema, das Leben, das von der Liebe bestimmt ist. PN ist nicht mehr so maßlos in seiner Leidenschaft wie in seinen frühen Liebesgedichten, dafür aber erfüllt von einer unglaublichen Intensität.

Die Sprache ist wieder bildhaft und die Vertrautheit mit den Landschaften seiner Jugend, überträgt er auf die Geliebte, in dem er die Bilder der wilden chilenischen Natur mit dem Körper seiner Frau gleichsetzt. Die Texte strahlen Geborgenheit aus… aber auch Begierde. Und wo Begierde ist, da ist Eifersucht nicht fern, doch auch Gedanken an eine gemeinsame Zukunft nicht. Ein politischer Aspekt ist der Gedanke, dass die Liebe dieser zwei Menschen ein Beispiel für alle sein soll. Insofern reichen die Gedichte in „Die Verse des Kapitäns“ weit über autobiographisch geprägte Texte hinaus und sie gehören dennoch zu den gefühlvollsten und schönsten Gedichten, die PN geschrieben hat.

Nicht nur weil PN mit seinem gesamten Werk auf meine uneingeschränkte Bewunderung trifft, sind für mich die hier versammelten Gedichte eine wundervolle Lektüre. Es geht das Gerücht, dass z.B. das Buch „Zwanzig Liebesgedichte und ein Lied der Verzweiflung“ unzähligen Jugendlichen (und wohl auch Älteren) beim Schreiben ihrer Liebespost geholfen habe. Das halte ich nicht für abwegig, zumal ich beim lesen dieser Gedichte das Buch „Die Hochzeit des Dichters“ von Antonio Skarmeta (hier bei Ciao besprochen) und den auf diesem Roman basierenden Film „El Postino“ im Sinn hatte.

Die Gedichte gingen mir mit ihrem unerschütterlichen Postulat für die Liebe an sich und die Liebe zwischen zwei bestimmten Menschen zu Herzen und gehören mit zum Schönsten, was ich in der Lyrik je gelesen habe. Gerade weil in ihnen gerade nicht nur von der heilen Welt einer romantischen Teenager-Vorstellung von der Liebe die Rede ist… gerade weil auch die Abgründe und Zerwürfnisse von Beziehungen thematisiert werden… gerade weil die Erotik von PN eben nicht keimfrei und steril erscheint… weil die Liebe ohne die geringste Spur von Scham beschrieben wird… und eben weil auch die Zweifel zur Geltung kommen, macht das Buch für mich zu einem Ereignis.

Diese Gedichte sind auch für Menschen ohne weiteres lesbar, die bisher ehr nicht zu Lyrik neigten. Auch ohne meine Fachsimpelei und ohne tiefer in den Ozean Pablo Neruda eintauchen zu wollen, erzeugen diese sprachlich klaren Gedichte viel Gefühl ohne je in Plattheit oder Gefühlsduselei abzugleiten. Dieses, aus den drei Liebesgedicht-Zyklen von PN zusammengestellte, Buch ermöglich obendrein einen wunderbaren Zugang zum Werk dieses Dichters, der für mich längst im Olymp der Dichter einen hervorragenden Platz einnimmt oder ihm vielleicht sogar vorsitzt. Und weil diese Besprechung nun doch so etwas wie eine Abhandlung zum Thema Liebe geworden ist, widme ich sie meiner Liebsten.

Wilfried John

Liebesgedichte

Pablo Neruda

237 Seiten –  Gebundenes Buch

Verlag: Luchterhand Literaturverlag – aus 1991
ISBN: 3-6308-3015-3

Antiquarisch ab 9,- Euro

237 Seiten – Broschierte Ausgabe

Verlag: Luchterhand Literaturverlag – aus 2002
ISBN: 3-6306-2040-X

10,- Euro

Nachsatz: Wer ein besonderes Geschenk machen möchte oder sich selbst einige unvergessliche Stunden erleben will, dem sei die wundervolle Ausgabe von „Zwanzig Liebesgedichte“ der Büchergilde empfohlen. Der chilenische Maler Nelson Leiva illustrierte das Buch feinsinnig und das Freiburger Ensemble Madruga Flamenca vertonte die Gedichte stilvoll und einfühlsam. www.buechergilde.de