Pablo Ramos „Der Ursprung der Traurigkeit“


Immer schlimmer

Es wird ja immer schlimmer… Es gibt Sätze, die mir, auch wenn sie kurz sind, einen schlimmen Brechreiz verursachen. Ganz besonders schlimm wird der Brechreiz, wenn ich sie mir z.B. im Zusammenhang mit der Debatte um die sog. Jugendgewalt anhören muss – wobei es sich eigentlich verbietet, zu dem was momentan (mal wieder) über das Thema in einschlägigen Medien zu hören und zu lesen ist, von einer Debatte zu reden. Bekanntlich ist eine Debatte ein Streitgespräch auf hohem Niveau, in dem Argumente in wohlgesetzter Rede vorgetragen werden. Dabei ist es das Ziel der Debattenredner, eine Zuhörerschaft mit Argumenten zu einer These zu überzeugen. Das was zurzeit aber geschieht ist alles andere als eine Debatte… statt Argumente auszutauschen, wurden diffuse Ängste geschürt, um einem Wahlkampf – aus Mangel an anderen Themen oder aus absichtlichem Verzicht auf Themen, die wirklich wichtig sind – ein gewisses Profil zu geben. Dass dabei auch mal schnell auf unserer Verfassung rumgetrampelt wurde, nahmen diese Leute billigend (vielleicht sogar absichtlich) in kauf.

In Artikel 1 GG ist über die Würde des Menschen zu lesen, dass sie nicht antastbar sei… Aber nichts ist leichter, als die Würde des Menschen anzutasten! Wenn ein Politiker z.B. befürwortet, dass es okay sei, in einem Erziehungscamp mit quasi militärischem Drill den Willen von Jugendlichen zu brechen, ist der erste Schritt zur Verletzung des Art. 1 GG schon getan. Nun wird man erwidern: und was ist mit der Würde von Gewaltopfern? In der Tat, auch sie besitzen  eine antastbare Würde, die ebenso geschützt sein soll. Ganz recht. Aber während die Verfassung die Bürgerinnen und Bürger vor Übergriffen des Staates zu schützen hat, ist für den Schutz der Bürgerinnen und Bürger vor Gewalttätern das Strafrecht zuständig; und daran hat es bestimmt keinen Mangel. Aber was ist ein Verbot, wenn es nicht beachtet wird? Antwort: Eine bedenkliche Erscheinung, bei welcher der Mangel deutlich wird, dass es offenbar am rechtstaatlichen Respekt fehlt… und das eben nicht nur bei Jugendlichen. Und weil die Jugendlichen noch nicht in die Verstrickungen in scheinbare Sachzwänge und Realitäten der Erwachsenen einbezogen sind, fällt ihnen die Doppelbödigkeit der Moral auf, die verhindert, dass sie die Botschaft, Achtung vor dem Gesetz zu haben, ernst nehmen; und gerade die schlimmsten Es-wird-immer-schlimmer-Prediger sind im rechtstaatlichen Sinne nicht eben Ehrenmänner.

Man könnte die Gewalt Jugendlicher mit dem Abschmelzen von Gletschern vergleichen… hier wie dort, handelt es sich doch nur um Symptome; die Ursachen liegen anderswo. In diesem Sinne könnte man auch allzu progressiven Klimaforscher mit allzu konservativen Kriminologen vergleichen; für die einen ist jedes Hochwasser auf die Klimaveränderung, für die anderen jede Gewalttat auf den Verlust von sog. Werten zurückzuführen. Die auf „bad news“ gebürsteten Medien tun ein Übriges, und erwecken durch solche Berichterstattung den Eindruck, dass es einen Anstieg der Jugendgewalt tatsächlich gibt und natürlich, dass es noch nie so schlimm gewesen sei. Aber ist das denn auch wirklich der Fall? Nein, ist es nicht! Das hat es zu allen Zeiten gegeben; und zwar in relevanter Größenordnung. Es mögen unterschiedliche Ursachen geltend gemacht werden können, aber es ändert nichts am Ergebnis. Ob der Protest gegen prüde und verstaubte Lebensverhältnisse in den 1950ern oder politische APO-Proteste in den 1960ern, ob Stadtguerilla und Hausbesetzer in den 1970ern oder Atomkraftgegner und autonome Demonstranten in den 1980ern und Neonazis oder Globalisierungsgegner in den 1990ern, immer waren es Symptome der Gesellschaft. *1

Wir möchten uns im Spiegel vom Schüler-Amoklauf und Nazi-Terror nicht selbst erkennen. Eher neigen wir dazu, die Täter zur Inkarnation des Bösen zu erklären. Stattdessen wird mit Schlagworten wie Individualisierung oder Desintegration operiert und die Es-wird-immer-schlimmer-Prediger verbreiten sich mit Allgemeinplätzen. Auf diese Allerweltstheorien, nach den die Jugendgewalt stets immer schlimmer wird, passt ein Zitat der Philosphin Hannah Arendt, mit dem sie den Realitätsverlust moderner Ideologien in Bezug auf den Antisemitismus treffend bezeichnete: „Je mehr die Geschichtsschreibung sich in die sog. Gesellschaftswissenschaft auflöst, desto stärker hängt sie sich an scheinbar wissenschaftlich bewiesene oder beweisbare Arbeitshypothesen, die doch in Wahrheit nichts anderes als gängige Meinungen sind, die in geschichtlicher Verabsolutierung sich dann in Ideologien verwandeln und schlechterdings alles, und das heißt gar nichts mehr, erklären.“

Ob uns das gefällt oder nicht, in Deutschland (wie in anderen Ländern auch) ist Gewalt und Kriminalität noch immer in den Prozessen des Aufwachsens von Kindern und Jugendlichen eine weitgehend alltägliche Erfahrung; Erziehungsmethoden und Sensationspresse oder  gewaltverherrlichende Filme und Es-wird-immer-schlimmer-Prediger tragen mit dazu bei. Außerdem ist es eine Grunderkenntnis der Kriminologie, dass fast alle Kinder und Jugendliche irgendwann mal gegen Regeln verstoßen oder Gesetze übertreten; auch wenn es in den meisten Fällen von Erwachsenen nicht einmal bemerkt wird. Für Jungen gilt dies auch bei Handlungen, die mit den unterschiedlichen Ausprägungen körperlicher Gewalt oder mit Aggression verbunden sind. Deshalb haben die meisten Minderjährigen auch keinen Bedarf an „besonderen“ Angeboten.*2 In Anlehnung an Wilhelm Reich füge ich an, dass es nicht erstaunlich ist, dass Jugendliche kriminell sind, sondern es ist erstaunlich, dass so viele benachteiligte, unterdrückte, ausgebeutete und diskriminierte Jugendliche NICHT gewalttätig sind.*3 Machen wir unsere Gesellschaft besser, machen wir die Kinder friedlicher.

Auch wenn es schon ein paar Jahrzehnte her ist, kann ich mich gut daran erinnern, welche Ängste, Nöte und Schwierigkeiten ich am Übergang der Kinderzeit zum Erwachsenwerden hatte und offenbar ist das überall auf der Welt gleich; so auch in Lateinamerika. Und so möchte ich einen hierzulande noch fast völlig unbekannten jungen Schriftsteller aus Argentinien vorstellen, der jüngst mit seinem ersten Roman ins Deutsche übersetzt und veröffentlicht wurde: Pablo Ramos mit „Der Ursprung der Traurigkeit“. Der Titel des Buches ist dabei ein wenig irreführend, weil der Roman nicht wirklich traurig, sondern sogar humorvoll ist, aber der Titel bringt ziemlich treffend das Gefühl von Weltschmerz auf den ominösen Punkt, das auch ich mit meiner Jugendzeit in Verbindung bringe. Das Buch erzählt vom Erwachsenwerden… vom Erwachsenwerden in Buenos Aires. Dabei handelt es sich bei diesem Buch nicht um (wie ich es despektierlich nenne) Befindlichkeits-Literatur, sondern um ein ernstzunehmendes literarisches Werk, das zwar durchaus auch autobiographische Züge tragen mag, sie aber in übersetzter Form in sich trägt.

Da ich nun schon von der Biographie gesprochen habe, möchte ich den Autor kurz vorstellen; kurz auch deshalb, weil die Datenlage (noch) so dürftig ist, dass selbst der Suhrkamp Verlag in der äußerst kurzen Autorenvorstellung ein falsches Geburtsjahr angibt. Pablos Ramos wurde 1966 in Buenos Aires geboren und man könnte sagen, sein Geburtsjahr stand nicht eben unter einem guten Stern. Die demokratisch legitimierte Regierung regierte nicht so wie es die reaktionäre Armeeführung wollte, was 1966 zur Beseitigung des gesamten demokratischen Regierungssystems durch General Juan C. Onganía und zur Errichtung einer der schlimmsten Juntas führte, die – wie es verharmlosend heißt – mit polizeistaatlichen Mitteln die bestehende Ordnung im Lande aufrechterhalten und die wirtschaftliche Entwicklung zu fördern wollte. Im Klartext bedeutet das, extremer staatlicher Terror gegen die arbeitende Bevölkerung, Abbau von Sozialstandards, extremer Wirtschaftsliberalismus und Ausverkauf des industriellen Sektors an ausländische Investoren. Armut erfasste auch die Mittelschicht, zu der auch die Familie von PR gehörte.

Über seine Familie ist nicht viel bekannt. PR äußerte sich einmal in diesem Sinne: „Ich komme selbst aus einer sehr armen Familie.“ Der Vater war selbständiger Handwerker, der im Zuge der Krise alles verlor. PR wuchs in El Viaducto, einem verarmten, heruntergekommenen Vorort im Großraum Buenos Aires, auf und man wird sich vorstellen können, dass seine Kindheit keine Idylle war. Dass PR zur Schule ging ist sicher… ob er den Unterricht regelmäßig besuchen konnte, ist nicht verbürgt. Jedenfalls hat er die Schule nicht abgeschlossen. Dennoch hatte er einen ersten Zugang zur Literatur in der Pfarrbücherei, später in der Bibliothek eines Journalisten, für den er arbeitete.

Doch das Leben war wohl nicht allzu gut zu ihm. Sein Vater stirbt früh, seine Mutter hatte psychische Probleme. Alkoholismus und mehrere längere Krankenhausaufenthalte – für die ich die Gründe nicht kenne – überlebt PR knapp und lernt den Wahn, Depression und Gewalt aus nächster Nähe kennen. Doch dann entdeckt er das Schreiben für sich. Er besucht mehrere Jahre die Literaturwerkstatt der Schriftstellerin Liliana Heker, die das Zustandekommen seiner literarischen Karriere unterstützt und die erste Kontakte zu Verlagen herstellte. PR ist trotz dieser Studien als literarischer Autodidakt anzusehen und eine der auffälligsten Stimmen der jüngeren argentinischen Literaturszene.

Sein erster Erzählband „Cuando lo peor haya pasado“ (Wenn das Schlimmste vorbei ist) wurde 2003 mit dem Premio del Fondo Nacional de las Artes ausgezeichnet und 2004 mit dem äußerst angesehenen Premio Casa de las Américas. 2004 folgte der Roman „El origen de la tristeza“ (Der Ursprung der Traurigkeit) und im Frühjahr 2007 erschien in Buenos Aires seine jüngster Roman, „La ley de la ferocidad“ (Das Gesetz der Heftigkeit). Heute verdient sich PR seinen Lebensunterhalt vor allem mit seinen eigenen Workshops, in denen er auch die selbst erfahrene Großzügigkeit weitergibt; auch wer den Monatsbeitrag einmal nicht zahlen kann, darf weiter kommen.

„Der Ursprung der Traurigkeit“ ist ein eigenwilliger Roman, respektive ein Roman, der auf einem eigenwilligen Konzept beruht. Er besteht im Grunde aus den drei langen Erzählungen (alle so um die sechzig Seiten) „Das Geschenk“, „Der Bach in Flammen“ und „Zinn für Fische“, die aber – da sie sich natürlich auf einander beziehen, einen klaren Spannungsbogen haben; ohne jedoch deutlich vorhersehbar zu sein. Der Protagonist des Romans ist der 12-jährige Gabriel, der in einem heruntergekommenen Vorort von Buenos Aires das Erwachsenwerden lernt. Wenn ihm schon die Umgebung und die Umstände keine wirkliche Sicherheit geben können, so findet er sie doch wenigstens zum Teil bei seinen Freunden. Ihm zur Seite stehen hauptsächlich zwei Figuren: Rolando, der skurrile Friedhofswärter (Berater in den Dingen des Lebens), und der homosexuelle Künstler Fernando, der ihn in verzwickten Familienangelegenheiten berät; jedoch zeugen die beiden gebrochenen Charaktere, dass auch dieser Bereich des jungen Lebens nicht eben felsenfester Boden ist.

Im Grunde besteht die Welt des jungen Gabriel aus dem Elend der verkommenen Vorstadt, aus teils brutal ausgetragenen Konflikten und den eigentlich unzumutbaren sozialen Verhältnisse, die eben die Welt der Erwachsenen ausweisen. Auch wenn im Roman keine zeitlichen Bezüge erkennbar ausgeführt werden, sind autobiographische Bezüge unverkennbar und es wird wohl so sein, dass die Handlung in den dunklen Jahren zu Beginn der achtziger Jahre spielt. Argentinien ist verschuldet und wirtschaftlich schwer angeschlagen auf dem schweren Weg, die Jahre der Diktatur zu überwinden. Die sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen sind gerade für die kleinen Leute immer noch haarsträubend und der tägliche Kampf ums Überleben ist hart. Dennoch lebt der junge Gabriel noch im Stadium einer kindlichen Wirklichkeit, in der die Realität (noch) nicht so erbarmungslos auf ihn wirkt.

Doch langsam und unerbittlich ändern sich die Vorzeichen. Mit dem langsamen Erwachsenwerden gehen erste Desillusionierungen einher, Hoffnungen werden zerstört und aus der kümmerlichen Idylle, treten unvermittelt Ängste und Ungewissheiten zutage. Ich habe in der Rezension einer Kollegin gelesen, dass sie Gabriel mit Huckleberry Finn vergleicht, „dessen reelle Welt kaum etwas mit seinen Träumen gemeinsam hat.“ Ich finde den Vergleich durchaus nicht zu weit hergeholt, wenn er sich auf persönliche Reifezeit bezieht, und man sich zugleich aber auch vergegenwärtigt, dass Mark Twains und PRs Welt sowohl in der Zeit, als auch in gesellschaftlicher Hinsicht nichts gemein haben. Vielleicht sollte ich den letzten Satz noch mit der Bemerkung verlängern, dass sich PR seine Welt nicht als literarisches Szenario erfindet, sondern aus der eigenen Erleben von Armut, Alkoholexzess und sozialer Instabilität, deren Augenzeuge er bestimmt war, zusammengebaut hat.

Gabriel ist der Ich-Erzähler dieses Romans und es zeugt von extrem gutem Erinnerungsvermögen des Autors, diesen Protagonisten in einer altersgemäßen Sprache sprechen zu lassen. Für weitergehende Aussagen und – wenn man so will – für analytische Feststellungen, dient dem Autor vor allem Rolando. Ich glaube, ohne diese Figur wäre das Werk nur ein weiteres Produkt der oben schon erwähnten Befindlichkeits-Literatur; diesmal halt in einer lateinamerikanischen Fassung. Gabriel bester Freund Rolando ist – wie oben schon erwähnt – Friedhofswärter und kennt, da er auch auf dem Friedhof wohnt (also auch die Nacht dort verbringt), viele nützliche, kuriose und für Gabriel erhellende Geschichten. Insofern symbolisiert der Friedhof eine Art der Wirklichkeit und einer Wahrheit, der wir alle entgegen gehen und in der wir etwas fürs Leben lernen können, wenn wir uns mit dem auseinandersetzen, von dem wir oft keine wirkliche Vorstellung haben: der Traurigkeit des Leids, des Abschieds, des Verlustes.

Wie ein Raubtier, das in konzentrischen Kreisen um seine Beute schleicht und immer näher kommt, schreibt PR seine Geschichte auf. Dabei hat das Raubtier wechselnde Gestalten… es verbirgt sich in harmlosen pubertären Abenteuer oder im Ausprobieren von Alkohol und Drogen, in dem Bewusstwerden der verkommenen Umgebung oder der Wahrnehmung von Brutalität. Unaufhaltsam kommt das Raubtier Realität näher; es gibt keinen Ausweg, zumal die Erwachsenen Gabriel auch nicht helfen können. Auf seine Fragen findet er sowohl bei seinen gleichaltrigen Freunden, als auch bei den Eltern keine Antworten. Dennoch erkennt er, was andere vielleicht aus Abstumpfung oder vielleicht aus Mutlosigkeit nicht sehen können oder wollen. Lediglich seine seltsamen Freunde, der melancholische Rolando oder der schwule Künstler Fernando, haben ein Ohr und Antworten für ihn; vielleicht weil Außenseiter naturgemäß sensibler für alles um sie herum sein müssen. Doch das macht die Situation nicht besser… das Raubtier kommt immer näher.

Eines Tages gerät der ölverschmutzte Bach in Brand. Vielleicht habe ich meine eigenen Kindheitsbilder im Kopf, wenn ich das Bild vom brennenden Bach mit dem Moment in Verbindung bringe, in dem das Raubtier zugeschlagen hat; als mich der Damm, den ich am Bach gebaut hatte, nicht mehr interessierte, war meine Kindheit vorbei. Die wachsende Erkenntnis des Protagonisten geht einher mit einem Größerwerden der Traurigkeit und sie begleitet ihn bei allem was er tut. Das Raubtier Realität frisst unbarmherzig Gabriels Kindheit und als ein Freund erschossen wird, hört man den jungen Mann sagen: „Ich spürte, dass das ganze Viertel traurig war und auf einmal wusste ich, dass es stimmte; dass alle Dinge um uns herum lebendig sind weil wir lebendig sind, und dass sie traurig sein können, wenn wir traurig sind.“ Der solches sagt, kann kein Kind mehr sein. Er ist da angekommen, wo wir schon sind.

Mich hat das Romandebüt des jungen Argentiniers restlos überzeugt. Oben lobte ich schon die  sprachliche Stimmigkeit der Ich-Erzählung. Aber es wäre natürlich für einen guten Roman zu wenig, wenn nicht zudem auch die Sprache der anderen Figuren stimmig wäre. PR setzt einerseits geschickt sowohl jene Vulgärsprache ein, die wir in dieser Umgebung vermuten können, als er auch andererseits mit einer einfachen, eindringlichen Sprache, dem Text poetische Kraft verleiht. Mir hat der Roman von Beginn an gut gefallen, weil PR die im Titel angekündigte Traurigkeit und die im Text allenthalben les- oder spürbare Trostlosigkeit, mir einem wundervollen, teils offenen, teils hintergründigen Humor gebrochen hat. So bleibt der Text lange in einer Art Schwebe, die erst ganz am Ende in dem aufgehoben wird, was der Titel uns schon am Anfang nahe legt.

Ich beschäftige mich schon lange mit der Geschichte, den gesellschaftlichen und sozialen Angelegenheiten Argentiniens. Auch habe ich schon oft über Bücher berichtet, in denen diese Angelegenheiten künstlerisch verarbeitet wurden. Doch es will mir scheinen, dass ich wohl noch kein aktuelleres künstlerisch übersetztes Zeugnis oder Dokument der Zustände in Händen hielt; wiewohl wir uns das Werk natürlich nicht als Tatsachenbericht vorstellen können. Der Autor gibt zu Protokoll:„Der Mann, der dies erlebt, ist nicht der Mann, der dies schreibt… „ Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand diesen Stoff in dieser dichten und stimmigen Weise schreiben kann, ohne nicht auch etwas von seinem Herzblut in die Tinte zu mischen.

In einem Interview sagte PR: „Mein Weg ist es, die Traurigkeit zu leben. Man muss sie respektieren, muss sie leben. Die bloße Tatsache, die Traurigkeit zu leben, bedeutet, das Leben zu wählen. Jeden Morgen, an dem ich aufstehe und mir meinen Mate zubereite, wähle ich das Leben. So traurig ich auch sein mag. Ich bin traurig, aber ich lebe.“ Und so lässt er seinen jungen Helden sagen: „…der Tod ist nicht das Gegenteil vom Leben; wie ein Toter zu leben ist das Gegenteil vom Leben.“ Vielleicht erinnern wir uns hin und wieder an unsere Jugendzeit und vielleicht erinnern wir uns hin und wieder an diesen Satz, wenn wir das nächste Mal über Jugendliche sprechen… Vielleicht.

Wilfried John

Der Ursprung der Traurigkeit

Pablo Ramos

178 Seiten – Broschierte Ausgabe

Verlag: Suhrkamp Taschenbuch – Aus Sept. 2007

ISBN: 3-5184-5911-9

7,50 Euro

Anhang*1

Einen ausführlichen Artikel über die Jugendgewalt und den Zusammenhang mit dem Zustand der Gesellschaft siehe unter: http://www.bpb.de/publikationen/41XNIY,0,0,Jugendgewalt_und_Gesellschaft.html

Anhang *2

Einen sehr ausführlichen Artikel über Jugendkriminalität ganz allgemein und speziell über Jugendgewalt, sowie über Prävention siehe unter:

http://www.bpb.de/veranstaltungen/0D87E1,0,0,Jugendgewalt_Jugendkriminalität_und_Prävention:_Was_können_wir_tun.html

Anhang *3

Das Zitat von Reich lautet: Es ist nicht erstaunlich, dass die Leute stehlen oder andere streiken, es ist erstaunlich, dass die Hungernden nicht alle stehlen und die Ausgebeuteten nicht immer streiken.