Ramon Diaz-Eterovic „Engel und Einsame“

Es schreibt sich eine Buchbesprechung angesichts von Katastrophen, sozusagen vor der eigenen Haustür, nicht eben einfach… zumal Verwandte in der Nähe von Magdeburg leben und es mir eher einfallen müsste, vor Ort zu helfen. Dennoch, vielleicht ist es ja auch ein Art von Hilfe, wenn ich hier versuche, mit den von mir vorgestellten Büchern etwas langfristig zu bewegen… jedenfalls will ich daran glauben.

Zu allen Zeiten gab es solche Katastrophen… und auch ganz andersgeartete, die dennoch die selben oder schlimmere Auswirkungen zeitigten. Immer wenn solche Ereignisse unseren Alltag erschüttern, bleibt es nicht aus, nach einem kurzen… manchmal zu kurzen… Moment des Innehaltens, dass nach der Schuld gefragt wird. Eigenartig aber ist, dass diese Frage nach der Schuld nicht immer öffentlich gestellt wird… Manchmal, wie bei solchen Katastrophen wird diese Frage in den Medien diskutiert, oft aber, z.B. bei politischen Katastrophen wie im Chile des Jahre 1973, wird nur hinter vorgehaltener Hand über Schuld geredet; offensichtlich spielen Interessen eine wesentliche Rolle dabei, ob es sich so oder so verhält.

Ich möchte in dieser Besprechung einen Titel vorstellen, der von einem der neueren chilenischen Schriftsteller 1995 in Chile veröffentlicht wurde und schon seit 2000 in deutscher Sprache vorliegt. Ein einziger Satz aus diesem Buch hat mich auf den Gedanken gebracht, ihn mit eben dieser Vorbemerkung hier zu besprechen: „Das einzige, worin der Mensch immer perfekter wird, ist seine eigene Zerstörung.“ Dabei handelt es sich bei „Engel und Einsame“ nicht wie man vielleicht ob der Vorbemerkung vermuten könnte, um ein wissenschaftliches Buch, das sich über die klimatischen Veränderungen, und dem Anteil der Menschheit daran, verbreitet… nein, es handelt sich um einen Kriminalroman… den letzten Krimi des Autors, in einer ganzen Reihe von hervorragenden Titeln, von denen einer sogar mit dem Titel „bester lateinamerikanischer Krimi“ ausgezeichnet wurde.

Der Schriftsteller Ramon Diaz-Eterovic (fortan kurz RD-E) wurde 1956 in Punta Arenas geboren… weit im Süden des Landes, nahe der Magellanstraße, nahe der Gegend, die Feuerland genannt wird. Es ist eine bevorzugte Gegend für Einwanderer, die es anderswo – der Komplexität der Verhältnisse wegen – wohl eher nicht schaffen würden (ich verweise an der Stelle auch auf den Titel Feuerland von Francisco Coloane). Ramons Großeltern kamen aus Kroatien, von einer Insel in der Adria, nach Chile… und sein Vater ist ein ebensolcher einfacher Arbeiter wie sein Großvater. Es wird kolportiert, dass er gestorben sein, ohne je ein Buch seines Sohne gelesen zu haben… was man allerdings von seiner Mutter ganz sicher weiß, da sie nicht lesen konnte.

Schon früh scheint sich bei RD-E der Wunsch Schriftsteller werden zu wollen, Triebfeder seines Wissendrangs zu sein… wenn er auch zuerst einen anderen Berufsweg einzuschlagen scheint. Es war die Zeit Allendes und der Politisierung der chilenischen Öffentlichkeit… die Zeit solcher berühmter Männer wie dem Dichter Pablo Neruda, die mit ihrem Werk auch politische Verantwortung übernahmen… es war die Zeit auch der inneren Zerrissenheit der Gesellschaft Chiles… und just 1973, kurz vor dem Putsch der Militärs, kam er nach Santiago de Chile um Politikwissenschaften zu studieren. Er wird Mitglied der kommunistischen Partei und wird verhaftet… worüber er sich bis heute nicht auslässt; und worüber ich deshalb auch nichts mutmaßen möchte… und in dem ich diesen Punkt offen lasse, überlasse ich diesen Teil der Biographie der Vorstellungskraft der Leserinnen und Leser.

Später, als sich die politischen Verhältnisse, hin zu mehr Rechtstaatlichkeit, verändern, wird er Journalist… von seiner schon lange ausgeübten schriftstellerischen Produktion kann er nicht leben. Er schrieb Gedichte, Erzählungen, Drehbücher und einen historischen Roman über seine Heimatstadt Punta Arenas… Mit der Zeit wurden Titel auch in anderen Ländern übersetzt und veröffentlicht (hauptsächlich in, Deutschland, Spanien, Portugal, Italien, Griechenland und Frankreich) und mit steigendem Bekanntheitsgrad, kamen zahlreiche literarische Auszeichnungen; u.a. der Anna-Seghers-Preis von 1987. Trotz (oder gerade wegen?) seiner politischen Vergangenheit, wurde er schließlich sogar Vorsitzender des chilenischen Schriftstellerverbands. Er lebt immer noch in Santiago de Chile.

In dieser Stadt ist auch sein Held, der Privatdetektiv Heredia, daheim… Er lebt in der Altstadt Santiagos… eher schlecht als recht, da im Chaotischen Santiago de Chile seine Dienste nicht recht gefragt waren. Das kann uns ja auch nicht wundern, denn auch Jahre nach Pinochets Rückzug aus der Politik, sehen es eine Menge Leute gar nicht gern, wenn man in ihrer Vergangenheit… oder den Geschäften der Gegenwart herumschnüffelt. Es ist sehr riskant, ja lebensgefährlich, den Mitmenschen zu viele Fragen selbst nach alltäglichen Dingen zu stellen… denn die alten Seilschaften funktionieren noch immer und nie kann man sicher sein was geschieht und in welcher Ecke sich etwas zu bewegen beginnt, wenn man an irgend einem Fädchen zu ziehen beginnt. So schlägt er sich mit Gelegenheitsjobs als Geldeintreiber oder als Taxifahrer durch… Sein Leben verläuft in eher einfachen Bahnen… und er lebt es nach dem Motto: „Immer betrunken, ist auch regelmäßig gelebt.“

In „Engel und Einsame“ findet RD-Es Held, wie bei seinen spektakulären Ermittlungen immer, seinen Auftrag sozusagen selbst… besser gesagt, für diesen Fall braucht er keinen Auftraggeber… eines Tages wird seine Geliebte früherer Tage, heute eine bekannte Journalistin, tot in einem vornehmen Hotel aufgefunden. Angeblich ist Fernanda an einer Überdosis gestorben; er bezweifelt es… kannte er sie doch ganz anders. Erste vorsichtige Nachforschungen ergeben, dass sie für einen Artikel über chilenische Waffenproduktion und – schieber recherchierte. Sofort wird ihm klar, dass er sich bei diesem Fall sehr weit aus dem Fester hängen werden muss… und es vielleicht ratsam sei, sich einen sicheren Halt zu verschaffen. Also arbeitet er seinem alten Freund Dagoberto Solís zusammen, der nach der Wende der chilenischen Innenpolitik wieder in den Polizeidienst übernommen wurde, und der ihm ja die schlimme Nachricht gebracht hatte. Die beiden machen sich zusammen auf die Suche nach den Mördern.

Die Suche gestaltet sich, entsprechend des Vorgesagten, recht schwierig… und ganz gleich ob kleiner Detektiv oder offizieller Beamter, sie geraten in Fallen, stoßen auf taube Ohren, bekommen keinerlei Unterstützung (sogar von offizieller Seite nicht) und müssen sich letztlich mehr als einmal gewaltsam verteidigen. Die gewalttätige Vergangenheit scheint in der Gegenwart wieder aufzuerstehen… und Heredia muss sich vorsehen, nicht so zu enden wie Fernanda. Es tritt das in Erscheinung, was man wohl mit die Macht hinter der Macht nennt – skrupellose Geschäftemacher, korrupte Polizisten, eine bestechliche Justiz und immer wieder das Militär. Es zahlt sich aus, dass Heredia nicht auf eigene Faust losgegangen ist… doch langsam beginnen sich bei ihm die Perspektiven zu verschieben. Wo erst noch der Gedanke an Gerechtigkeit vorherrschend war, schleicht sich nach und nach das Motiv Rache für Fernanda ein.

Nun, unser Detektiv wird nicht eher Ruhe geben, bis er den Fall gelöst hat und der Mord an seiner Freundin aufgeklärt ist. Was die bei noch alles geschieht, soll hier unerwähnt bleiben, denn schließlich möchte ich eventuellen Leserinnen und Lesern die Spannung nicht verderben… und dass es sich bei diesem Buch um eine äußerst spannende Geschichte handelt, muss ich nicht wohl nicht mehr extra betonen. Doch es geht dem Autor um etwas mehr als nur um einen fesselnden Krimi – das Buch ist auch eine Milieustudie des gegenwärtigen Santiago de Chile und der chilenischen Gesellschaft nach dem Abgang Pinochets, es ist obendrein auch eine Geschichte von der Sehnsucht nach einer besseren, gerechteren Welt und schließlich ist es auch ein Plädoyer für Verantwortung und Ehrlichkeit… für die Freundschaft allgemein… und für die Liebe im besonderen; was schon in der Widmung, quasi als Beleg, zum Ausdruck kommt.

RD-E, dieser vielfach ausgezeichnete chilenische Autor, ist bei uns dennoch ein Geheimtipp… ich kenne nicht viele, die hinter diesem Namen einen glänzenden Krimi-Autor vermuten würden. Dabei werden seine Kriminalromane als in der besten Tradition der klassischen Noire-Krimis stehend bezeichnet… und die Umgebung in denen seine Geschichten spielen, das Chile der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts, bietet ja auch eine Menge brisanten Stoff. Die klassischen Detektiv-Helden Sam Spade, Philip Marlowe, Raymond Chandler oder Nestor Burma haben ebenbürtige Gesellschaft bekommen. Heredia ist etwas heruntergekommen, leicht neurotisch, trinkt eine Menge, ist desillusioniert und hat so seine Philosophien – dennoch ist Heredia unverkennbar südamerikanisch. Vielleicht liegt es auch daran, dass uns RD-E viele kleine Details aus dem Leben Heredias verrät… seine Straßen und Bars beschreibt, seine Freunde und seine Katze charakterisiert … seine, unter der harten, abgebrühten Schale gehüteten, Melancholie glaubhaft macht.

Mit hat dieses Buch, von dem ich sagen möchte, dass es für mich eben mehr als ein Krimi ist, deswegen so gut gefallen, weil RD-E es fertig bringt, über den klassischen schwarzen Roman hinauszukommen… sein Roman hat gleichermaßen Spannung, Action einerseits und melancholischen Humor, Authentizität andererseits. Was mir als typisch in der lateinamerikanischen Literatur gefällt (Magie, Erotik Lebensart und Weisheit), verpackt RD-E in diesen wunderbaren Krimi. Ich halte das Buch für eine echte Entdeckung… und wenn ich an anderer Stelle auch schon einmal schrieb, dass es keinen besseren Detektiven als Nestor Burma geben könne, so kann ich das nun nicht mehr uneingeschränkt aufrecht halten.

Die Geschichte hat mich mit ihrem spröden Charme, den exzellenten, atmosphärisch dichten Beschreibungen von Santiago und ihrem lakonisch-ironischem Stil gefesselt. Ich fühlte mich von RD-E oft sozusagen an die Hand genommen und durch die Gassen, Bars und Hinterhöfe der Heimat des Autors (und der seines Helden) geleitet. Mir war so, als könnte ich teilnehmen an ihrem Leben im neuen Chile, teilnehmen an ihrer Freude, ihrer Angst, ihren Niederlagen und ihrer Hoffnung auf ein besseres Leben. Doch trotz des leicht zu lesenden Textes, bemerkte ich die große Kunstfertigkeit dieses hierzulande verhältnismäßig unbekannten südamerikanischen Autoren, dessen Geschichte von Maralde Meyer-Minnemann aus dem chilenischen Spanisch (wie man mir bestätigte) glänzend ins Deutsche übertragen wurde.

Wilfried John

Engel und Einsame
Ramon Diaz-Eterovic
330 Seiten – Gebundenes Buch
Verlag: Diogenes – Aus 2000
ISBN: 3-2570-6246-X
19,90 Euro

Die broschierte Ausgabe
Verlag: Diogenes – aus 2002
ISBN: 3-2572-3306-X
9,90 Euro
Kleiner Tipp:
Bücher portofrei (bei jedem Bestellwert) zu bestellen bei:
Antiquariat & Versandbuchhandlung Schöbel
69117 Heidelberg – Plöck 56
Tel: 06221 / 26036 – Fax: 602022
e-Mail: schoebel@schoebel-buch.de
www.schoebel-buch.de