Ramón Diaz Eterovic „Kater und Katzenjammer“

Rote Fäden

Es gibt Begriffe, die – obwohl sie eigentlich ein zutiefst menschliches Bedürfnis bezeichnen – nicht sehr positiv besetzt sind. Einer dieser Begriffe ist mir gerade in letzter Zeit vermehrt vor Augen gerückt worden: Beziehungen. Natürlich sind damit nicht die gefühlten Verbindungen zwischen liebenden Menschen gemeint (das muss man leider heute dazu sagen, weil sich dieser Begriff zur Bezeichnung von einer von Liebe getragenen Partnerschaft in den Sprachgebrauch eingeschlichen hat), sondern gemeint sind jene Beziehungen zwischen Menschen, die – auf den unterschiedlichsten Gründen beruhend – zusammen gehörig sind oder die sich auch nur zusammengehörig wähnen.

Von jeher war Gruppenzusammenhalt über-lebenswichtig und auch in moderneren Zeiten, in denen der Clan und/oder der Stamm von Gesellschaft abgelöst wurde, bleiben solche soziale Prozesse, die man eben Beziehungen nennt, eminent wichtig und ein Zusammenleben, gerade in modernen, kompliziert organisierten Gesellschaften, ist ohne diese sozialen Beziehungen nicht vorstellbar. Es scheint mir eine sehr interessante Frage zu sein, warum etwas, das mir nicht viel jünger als die Menschheit scheint, so in Verruf geraten konnte… und ebenso interessant scheint mir die Frage nach etwas, das man (positiv gemeint) getrost als doppelte Moral bezeichnen könnte, da es heute spürbar mehr Sehnsucht nach sozialen Kontakten gibt, obwohl allgemein die negative Meinung zum Begriff Beziehungen bestehen bleibt.

Um Antworten auf komplizierte gesellschaftliche Fragen zu erhalten, muss man sich einerseits seines eigenen Standpunkts gewiss sein, und andererseits – wie beim Aufwickeln eines durcheinander geratenen Knäuels Garn – einen guten Anfang finden. Wenn man solche gesellschaftlichen Phänomene untersucht, erhält man immer einen guten Anfang, wenn man fragt: Wem nützt es? Solange der Begriff Beziehungen ausschließlich für gewisse Formen von Kooperation (z.B. Nachbarschaftshilfe oder Freundschaftsdienste) stand, in denen weder Machtausübung noch Ausnutzung von Hierarchie gab, war der Nutzen offenbar und folglich hatten alle etwas davon. Aber spätestens mit dem Aufkommen von Verbindungen, die sich gegenseitig (z.B. zum Zwecke des Karriere-Machens – auch häufig unabhängig von persönlicher Eignung oder Leistung) fördern, bekam der Begriff Beziehungen einen unangenehmen Klang.

Und vollständig in Misskredit geriet der Begriff, als er – etwa im Wirtschaftsleben oder der Bürokratie – als Form von Korruption fast allgegenwärtig wurde; oft geht hier ohne Vitamin B, Seilschaft oder Netzwerk gar nichts mehr. Kein Wunder also, dass der Begriff Beziehungen so in Verruf geriet. Dass aber für uns Menschen das soziale Miteinander offenbar doch ein Bedürfnis ist und die alte kooperative Wirkung von Beziehungen weiterhin wichtig bleibt, kann man in jüngster Zeit z.B. am Aufkommen von z.B. internetbasierten Social-Networking-Plattformen beobachten, deren Zahl stetig zunimmt.

Viele Menschen klinken sich in diese Netzwerke ein; wobei vielleicht oft auch nur der Spaßfaktor im Vordergrund steht. Leider (oder zum Glück) sind diese Internet-Netzwerke kein vollwertiger Ersatz für die lebensechten sozialen Beziehungen… und sie können sogar sehr gefährlich werden. Dadurch, dass diese Netzwerke technikgestützt existieren und gepflegt werden, könnte z.B. durch Zusammenführung unterschiedlicher Plattformen, sehr schnell Wirklichkeit werden, was heute nur datenschutzrechtliche Bedenken sind: Kommerzialisierung von Privatsphäre, Kontrolle und Überwachung.

Die letzten Worte im vorigen Absatz, sind die perfekten Stichworte für die Überleitung auf das Buch, das ich in dieser Besprechung vorstellen möchte und das die Thematik der Einleitung aufgreift. Meine Leserinnen und Leser werden es schon vermuten… richtig, es handelt sich um ein Werk der Lateinamerikanischen Literatur; genauer gesagt, handelt es sich um ein Werk der neueren Lateinamerikanischen Literatur und wie ich schon in anderen Besprechungen erläuterte, ist das heutzutage oft genug ein Kriminalroman. Es handelt sich dabei um den Titel „Kater und Katzenjammer“ des chilenischen Schriftstellers Ramón Díaz Eterovic, der hierzulande leider noch nicht den Bekanntheitsgrad erreicht hat, den er in Lateinamerika, und darüber hinaus im gesamten spanischen Sprachraum, geniest. Diesen guten Ruf verdankt er einer ganzen Reihe von hervorragenden Titeln, von denen der hier zu besprechende, im Jahre 2000 sogar mit dem Titel „Bester lateinamerikanischer Krimi“ ausgezeichnet wurde.

Wie üblich möchte ich zunächst den Autor vorstellen. Dazu entlehne ich die biographischen Daten meiner Besprechung von „Engel und Einsame“: Der Schriftsteller Ramon Diaz-Eterovic (fortan kurz RD-E) wurde 1956 in Punta Arenas/Chile geboren… weit im Süden des Landes, nahe der Magellanstraße, nahe der Gegend, die Feuerland genannt wird. Es ist eine bevorzugte Gegend für Einwanderer, die es anderswo – der Komplexität der Verhältnisse wegen – wohl eher nicht schaffen würden (ich verweise an der Stelle auch auf den Titel Feuerland von Francisco Coloane – auch hier vorgestellt). Ramons Großeltern kamen aus Kroatien, von einer Insel in der Adria, nach Chile und sein Vater ist ein ebensolcher einfacher Arbeiter wie sein Großvater. Es wird kolportiert, dass er gestorben sei, ohne je ein Buch seines Sohnes gelesen zu haben… was man allerdings von seiner Mutter ganz sicher weis, da sie nicht lesen konnte.

Schon früh scheint bei RD-E der Wunsch Schriftsteller werden zu wollen, Triebfeder seines Wissendrangs zu sein… wenn er auch zuerst einen anderen Berufsweg einzuschlagen scheint. Es war die Zeit Allendes und der Politisierung der chilenischen Öffentlichkeit… die Zeit solch berühmter Männer wie dem Dichter Pablo Neruda, die mit ihrem Werk auch politische Verantwortung übernahmen… es war die Zeit auch der inneren Zerrissenheit der Gesellschaft Chiles… und just 1973, kurz vor dem Putsch der Militärs, kam er nach Santiago de Chile um Politikwissenschaften zu studieren. Er wird Mitglied der kommunistischen Partei und wird verhaftet… worüber er sich bis heute nicht auslässt; und worüber ich deshalb auch nichts mutmaßen möchte und in dem ich diesen Punkt offen lasse, überlasse ich diesen Teil der Biographie der Vorstellungskraft der Leserinnen und Leser.

Später, als sich die politischen Verhältnisse, hin zu mehr Rechtstaatlichkeit, verändern, wird er Journalist; von seiner schon lange ausgeübten schriftstellerischen Produktion kann er nicht leben. Er schrieb Gedichte, Erzählungen, Drehbücher und einen historischen Roman über seine Heimatstadt Punta Arenas. Mit der Zeit wurden Titel auch in anderen Ländern übersetzt und veröffentlicht (hauptsächlich in Deutschland, Spanien, Portugal, Italien, Griechenland und Frankreich) und mit steigendem Bekanntheitsgrad, kamen zahlreiche literarische Auszeichnungen; u.a. der Anna-Seghers-Preis von 1987. Trotz (oder gerade wegen?) seiner politischen Vergangenheit, wurde er schließlich sogar Präsident der Gesellschaft der Schriftsteller Chiles (SECh). Als solcher verwies er auf die Rolle der Literatur für die Gesellschaft und die Demokratie und forderte eine staatliche Förderung von Verlagen, anstatt Autoren und Bücher nur der Härte des Marktes und dem Marketing auszuliefern. RD-E lebt noch immer in Santiago de Chile. und mit steigendem Bekanntheitsgrad, kamen zahlreiche literarische Auszeichnungen; u.a. der Anna-Seghers-Preis von 1987. Trotz (oder gerade wegen?) seiner politischen Vergangenheit, wurde er schließlich sogar Präsident der Gesellschaft der Schriftsteller Chiles (SECh). Als solcher verwies er auf die Rolle der Literatur für die Gesellschaft und die Demokratie und forderte eine staatliche Förderung von Verlagen, anstatt Autoren und Bücher nur der Härte des Marktes und dem Marketing auszuliefern. RD-E lebt noch immer in Santiago de Chile.

Wie in „Engel und Einsame“ (auch hier bei Ciao vorgestellt), geht es auch in „Kater und Katzenjammer“ um die dunkelsten Verstrickungen von Kommerz und Macht… und es gibt ein Wiedersehen mit dem Protagonisten aus „Engel und Einsame“ – Heredia. Und ebenso wie im ersten Roman, wird der Held sozusagen von seinem Auftrag „gefunden“. Dabei handelt es sich bei „Kater und Katzenjammer“ nicht etwa um einen Fortsetzungsroman; auch wenn die vielen Anknüpfungspunkte zum erstgenannten Werk den Schluss zulassen. Fünf Jahre nach dem Erscheinen von „Engel und Einsame“, lässt RD-E seinen Helden Heredia in „Kater und Katzenjammer“ die Ermittlungen an einem völlig neuen Fall aufnehmen, der allerdings ebenso wie der erste Fall, ein zwei Nummern zu groß für Heredia zu sein scheint.
Nach dem Abschluss seines ersten Falls, zog sich Heredia ans Meer zurück, weil er sich buchstäblich aus der Schusslinie bringen wollte. Er übernimmt einen Gelegenheitsjob als Anstreicher, aber nach ein paar Monaten ist er der Sache überdrüssig; es zieht ihn wieder in die Stadt, in sein Santiago de Chile. Leider hat seine lange Abwesenheit – unter anderem – dazu geführt, dass er seines Büros und seiner Wohnung verlustig ging und so gezwungen war, in einer billigen Absteige zu übernachten. RD-E lässt sich nicht viel Zeit mit Geplänkel und kommt sehr schnell zur Sache. Bereits nach der ersten Nacht in der Kaschemme, die sich Hotel nennt, wird  Heredia unsanft von zwei Polizisten aus dem Schlaf gerissen und verhaftet – in jenem Hotel ist jemand ermordet worden. Nun sitzt er in einer Zelle auf dem Polizeirevier und bei den Polizeimethoden im Chile jener Zeit, sieht es nicht eben gut für ihn aus.

Aber wozu hat man Freunde…? Zwar ist sein alter Kumpel Kommissar Dagoberto Solis im Einsatz ums Leben gekommen, aber der Polizist Bernales, den Solis ausgebildet hatte, ist mittlerweile Kommissar geworden… und er sorgt dafür, dass Heredia wieder aus dem Knast kommt. Wieder muss Heredia ermitteln, schon um nicht selbst ins Fadenkreuz der Polizei-Ermittlungen zu geraten. Bei dem Toten handelte es sich um einen, bislang völlig unbescholtenen Beamten des obersten chilenischen Rechnungshofes namens Gordon, der die Übernachtung in diesem, für seine Verhältnisse indiskutablen, Hotel gebucht hatte, weil er – wie er der Rezeptionistin angab – am nächsten Morgen sehr früh am Flughafen hatte sein müssen. Die Überprüfung aber ergab, dass sein Name in keiner Passagierliste stand. Auch der einzige Gast, der ebenso wie Gordon und Heredia, nicht ins Schema der sonstigen Gäste der Absteige passte, ist verschwunden…

Nun, was soll Heredia machen… er hat da ein paar Ideen, wie er den Fall angehen will und ist wieder – auch aus Mangel sonstiger sinnvoller Betätigungsmöglichkeiten – mitten in der Detektivarbeit. Seine alten Freunde haben ihn nicht vergessen, obwohl er so lange spurlos verschollen war; so sorgt der Kioskbesitzer Anselmo, der zufällig der neue Mieter von Heredias Wohnung geworden ist, dafür, dass sein alten Freund – samt dessen Kater Simenon – wieder dort unter kommen kann. Bei seinen Ermittlungen kann sich Heredia zwar auf die Hilfe von Bernales stützen, aber dieser hat nicht die unerschütterliche Moral die seinen Ausbilder Solis ausgezeichnet hat, und so beginnt er schließlich sogar gegen Heredia zu arbeiten, als man ihm mit Rausschmiss droht.

Offenbar geht es wieder einmal um Verbindungen in höchste Regierungskreise und Heredia begibt sich selbst in höchste Gefahr, als er – wie man so schön und treffend sagt – in ein das ominöse Wespennest von Korruption und Bestechung sticht. Die Ermittlungen führen zu dem Projekt Gaschil, in dem es um eine internationale Ausschreibung für den Bau einer Gaspipeline zwischen Argentinien und Chile geht, bei der noch ein positives Urteil durch den Rechnungshof ausstand. Gordon war maßgeblich an diesem Genehmigungsverfahren für den lukrativen Bau der Pipeline beteiligt – und er wollte wegen technischer Mängel und finanzieller Unregelmäßigkeiten seine Zustimmung verweigern. Gordon hatte kurz vor seinem gewaltsamen Tod seinen Bericht beendet, der nun ebenso spurlos verschwunden ist, wie z.B. der seltsame Gast.

Ein immer wiederkehrendes Problem unseres Ermittlers besteht darin, dass offenbar niemand etwas von ihm, seiner Arbeit und seinen Enthüllungen wissen will und so geht alles – auch trotz der Ermittlungen – seinen Gang. Aber Heredia macht gern reinen Tisch und will sich nicht damit zufrieden geben, dass ein Verbrechen ungesühnt bleiben soll, nur weil sich ein paar hohe Herren ein Stück der Beute sichern wollen. So kommt ein weiterer alter Bekannter ins Spiel und Heredia versichert sich der Hilfe des klatschsüchtigen Journalisten Cambell. Gemeinsam wollen sie am Ende das Ergebnis ihrer Ermittlungen veröffentlichen; was sich natürlich nicht so einfach bewerkstelligen lässt, da die Obrigkeit versucht das, z.B. durch Beschlagnahme der Zeitschrift, zu verhindern. Wieder kommen alte Verbindungen positiv zur Wirkung und sie erhalten Hilfe von einer großen Umweltschutzgruppe. Gemeinsam erreichen sie, dass das Verfahren noch mal aufgerollt wird… Ich möchte nicht noch mehr Details verraten, denn schließlich möchte ich eventuellen Leserinnen und Lesern die Spannung nicht verderben, und dass es sich bei diesem Buch um eine äußerst spannende Geschichte handelt, muss wohl nicht mehr extra betont werden.
In meiner Besprechung zu „Engel und Einsame“ schrieb ich, dass es dem Autor um etwas mehr ging, als nur darum einen fesselnden Krimi zu schreiben und tatsächlich ist das Buch eine Milieustudie des gegenwärtigen Santiago de Chile und der chilenischen Gesellschaft nach dem Abgang Pinochets; obendrein ist es auch eine Geschichte von der Sehnsucht nach einer besseren, gerechteren Welt und schließlich ist es auch ein Plädoyer für Verantwortung und Ehrlichkeit… für die Freundschaft allgemein… und für die Liebe im besonderen sei. Das trifft uneingeschränkt auch auf „Kater und Katzenjammer“ zu. Leider trifft auch meine Feststellung immer noch zu, der zufolge RD-E, dieser vielfach ausgezeichnete chilenische Autor, bei uns dennoch ein Geheimtipp ist… ich kenne nicht viele, die hinter diesem Namen einen glänzenden Krimi-Autor vermuten würden. Dabei werden seine Kriminalromane als in der besten Tradition der klassischen Noire-Krimis stehend bezeichnet… und die Umgebung in denen seine Geschichten spielen, das Chile der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts, bietet ja auch eine Menge brisanten Stoff.

Die klassischen Detektiv-Helden Sam Spade, Philip Marlowe, Raymond Chandler oder Nestor Burma haben mit Heredia ebenbürtige Gesellschaft bekommen. Heredia ist etwas heruntergekommen, leicht neurotisch, trinkt eine Menge, ist desillusioniert, hat so seine Philosophien und ist ein Liebhaber von Büchern und Zitaten, die er im Verlaufe der Geschichte auch reichlich zum Besten gibt – was den Text wunderbar auflockert und uns Leserinnen und Lesern zu einem vergnüglichen Spiel mit mehr oder weniger bekannten Autoren verhilft. Dennoch ist Heredia nicht etwa ein Abklatsch der oben genannten Ermittler, sondern verkörpert unverkennbar die südamerikanische Lebensart. Und Heredia ist viel persönlicher als seine Kollegen, was vielleicht auch daran liegt, dass uns RD-E viele kleine Details aus dem Leben Heredias verrät, uns seine Straßen und Bars beschreibt, seine Freunde und seine Katze charakterisiert und seine, unter der harten, abgebrühten Schale gehüteten, Melancholie glaubhaft macht.

Wenn man so will, gibt es in den Krimis von RD-E einen zweiten wichtigen Protagonisten – den Ort der Handlung: Santiago de Chile. Man kann direkt spüren, dass der Autor in dieser Stadt zuhause ist und sie obendrein gern hat. Mühelos gelingt es ihm, uns bezaubernde Bilder der Stadtviertel, der Atmosphäre und der Milieus Santiagos, mit ihrem ganz eigenen Flair, schriftlich in den Kopf zu projizieren. Dabei ist aber auch keine Verherrlichung von einem klischeehaften Lokalkolorit, sondern Heredia nimmt die Veränderungen wahr und kommentiert sie. Man erlebt eine Gesellschaft im Umbruch von einem diktatorischen Regime zu einer “neuen Zeit”, die nicht von allen herbeigesehnt wird, mit all den damit verbundenen und nicht immer gewaltfreien Verwerfungen und Brüchen. Und man erlebt eine Stadt voller südländischem Charme, in der das Leben pulsiert und auch mehrfach gestrandete Existenzen immer wieder ihren Platz finden.

Auch für diesen Roman, gilt das, auf was ich anderweitig zur Rolle der Kriminal-Literatur in Lateinamerika angemerkt habe. Dazu zitiere ich einen Textabschnitt, den ich anderweitig schon verwendete: Wenn man ganz allgemein davon spricht, dass in anspruchsvollen literarischen Werken oft nicht das zu lesen ist, was Autorinnen und Autoren eigentlich zum Ausdruck bringen wollen, dann nehmen wir das als eine Selbstverständlichkeit hin. Das trifft gerade bei der Krimi-Literatur nicht zu – meist nehmen wir sie als reine Unterhaltung. Gerade in Lateinamerika hat sich in den letzten Jahren aber eine Art Krimi-Literatur herausgebildet, die mehr sein will, die mehr sein muss. Die Autoren einfach als Kriminalschriftsteller zu bezeichnen, greift bei weitem zu kurz, denn diese Autoren wollen – ganz in der engagierten Tradition der Lateinamerikanischen Literatur – auf die aktuelle Wirklichkeit verbessernd einwirken.

Als Beispiele können hier Leonardo Padura, Gabriel Trujillo Muñoz oder Pablo de Santis (alle hier bei Ciao vorgestellt) genannt werden – oder eben auch RD-E. In dem sie ihre Sicht der Dinge, ihre Analysen und Lösungsansätze in die populäre Form des Kriminalromans bringen, versuchen sie einem breiteren Publikum die Wahrheiten hinter den Fassaden der Wirklichkeit näher zu bringen. Tatsache ist, dass ich – im allgemeinen nicht eben der fleißigste Krimileser – in dieser Form des Geschichten-Erzählens, ebenso anspruchsvolle Literatur entdecken kann, wie sie mir seit jeher in den wichtigen Werken Lateinamerikanischer Literatur vor die äußeren und inneren Augen trat. Vielleicht ist das nicht einmal mehr typisch für Lateinamerikanische Literatur, weil es in anderen Literaturen ebenfall solche Tendenzen gibt… aber das sollen dann andere Rezensenten aufarbeiten.

Für mich gehört dieses Buch in die lange Reihe von lateinamerikanischen Werken, die nicht zu unrecht Weltliteratur genannt werden – auch wenn es sich scheinbar „nur“ um einen Krimi handelt. Mir hat dieses Buch deswegen so gut gefallen, weil der Roman von RD-E es fertig bringt, über den klassischen schwarzen Krimi hinauszukommen… sein Roman hat gleichermaßen Spannung und Action einerseits sowie melancholischen Humor und Authentizität andererseits. Er beinhaltet auch all das, was mir als typisch in der lateinamerikanischen Literatur gefällt: Magie, Erotik, Lebensart und Weisheit. Auch dieses Buch halte ich für eine echte Entdeckung, für die den Scouts vom Diogenes-Verlag aufrichtiger Dank gebührt. Wenn ich an anderer Stelle auch schon einmal schrieb, dass es keinen besseren Detektiven als Nestor Burma geben könne, so kann ich diese Behauptung – nach dem zweiten Abenteuer, das ich mit Heredia erleben durfte – nun nicht mehr uneingeschränkt aufrechterhalten.

Der Plot von „Kater und Katzenjammer“ hat vielleicht nicht ganz den Realitätsbezug wie „Engel und Einsame“ – das kann aber auch nur ein Eindruck sein, der von der Vorstellung ausgeht, dass eben illegale Waffengeschäfte feststehende Tatsachen sind, wohingegen Korruption bei öffentlichen Ausschreibungen sehr großer Projekte nicht per se an der Tagesordnung ist; natürlich können diese Vorstellungen auch völlig falsch und somit der Realitätsbezug doch größer als vermutet sein. Wie dem auch sei, mich hat die Geschichte mit ihrem spröden Charme, den exzellenten, atmosphärisch dichten Beschreibungen von Santiago de Chile und ihrem lakonisch-ironischem Stil gefesselt. Natürlich ist mir auch ein belesener Detektiv allemal lieber, als der ewig besoffene Haudrauf. Die vielen Zitate und Anspielungen auf Schriftsteller machten mir viel Freude und oft sorgten sie für einen Lacher. Ein Beispiel?  Die Fahrerin die Heredia mitnimmt fragt ihn nach dem Namen seiner Katze. Als Heredia den Namen Simenon nennt, meint sie „Wie der Fußballspieler?“ Heredia antwortet: „Ja, er war im Verbund mit Soriano und Onetti ein gefürchteter Stürmer.“

Natürlich wird nicht jede Leserin oder jeder Leser den gleichen Zugang zu der Welt des Autors haben, wie ich ihn durch meinen chilenischen Freund Hans Michaelis und durch meine jahrzehntelangen Beschäftigung mit Chile im allgemeinen und mit Santiago de Chile im besonderen habe. Und so ist es natürlich völlig subjektiv, wenn ich schreibe, dass ich mich gleichsam vom Autor an die Hand genommen fühle, wenn er mich erzählend durch die Gassen, Bars und Hinterhöfe, der Heimat seines Helden (und natürlich die des Autors selbst) geleitet. Mir war so, als könnte ich teilnehmen an ihrem Leben im neuen Chile, teilnehmen an ihrer Freude, ihrer Angst, ihren Niederlagen und ihrer Hoffnung auf ein besseres Leben. Doch auch jenen Leserinnen und Lesern die eben nicht die Verbindungen mit Chile haben, finden einen leicht zu lesenden Text, der ihnen mit großer Kunstfertigkeit diese Eindrücke zu vermitteln in der Lage ist und die meisten werden einen hierzulande verhältnismäßig unbekannten, südamerikanischen Autoren entdecken.

Wilfried John

Kater und Katzenjammer

Ramón Díaz Eterovic

337 Seiten – Gebundenes Buch

Verlag: Diogenes Verlag, Zürich – Aus 2001

ISBN 3-2570-6285-0

19,90 Euro

Anmerkung zum Titel: Der Begriff: ‚roter Faden‘ wurde von J.W. von Goethe geschaffen und das erste Mal in seinem Werk mit dem bezeichnenden Titel „Wahlverwandtschaften“ genutzt. Dort erklärt er auch die Herkunft. Seit 1776 werden alle Seile (brit. Schiffe) mit einem roten Faden durchflochten, um diese Seile etc., als Eigentum der ‚Königlich Brit. Marine‘ zu kennzeichnen. Bekanntschaften jedweder Art – positive oder negative – ziehen sich unlösbar, gleich einem dieser roten Fäden, durch unser Leben und ob wir das wollen oder nicht, man identifiziert uns auch anhand dieser Bekanntschaften; weswegen man sich seine Bekanntschaften wohlüberlegt oder jedenfalls in Kenntnis der Konsequenzen aussuchen sollte.