Reinaldo Arenas „Bevor es Nacht wird“

Lügen ist anderswo

 

Pro: Aufrüttelnd, anrührend, witzig und erschreckend ehrlich

 

Contra: Egozentrische Überheblichkeit

Autobiographie. Diesen Büchern haftet das Attribut der Authentizität an und sie werden oft als Belege mit geradezu unerschütterlicher Beweiskraft angesehen. Scheinbar kann kaum ein Großer, kaum eine Bekannte, kaum ein Star und erst recht keiner/keine der/die sich dafür hält, auf diese Art der Offenlegung des bis dahin gelebten Lebens verzichten; hin und wieder erstaunt es mich auch, was uns ein kaum zwanzigjähriger Mensch so wichtiges zu sagen hat. Wenn dann Menschen wie Helmut Kohl oder Menschen seines Kalibers (nicht körperlich gemeint) zur Feder greift, dann erwarte ich natürlich mehr… und werde wahrscheinlich ebenso enttäuscht, weil sie sich in ihrer Autobiographie das Leben schön lügen oder Unschönes verschweigen.

 

Gerade vor Weihnachten erwerben viele Deutsche Bücher, die als Geschenke auf den Gabentischen landen. Als Autor, Bibliophiler und Lesenarr habe ich natürlich nicht das Mindeste dagegen. Neulich habe ich darüber mit dem Buchhändler meines Vertrauens philosophiert und dieser erzählte mir von einem seltsamen Trend, der vielleicht auch nur für seine Kundschaft gilt: Es werden viele Autobiographien gekauft. Die Bandbreite des Angebots ist enorm – von Schauspielern bis Schlagersängern, von Politikern bis Managern, von Literaturkritikern bis zu von ihnen kritisierten Autoren ist in diesem Genre alles vertreten und mein Buchhändler meint, er wundere sich schon sehr, wer so welche Bücher ersteht. Hin und wieder fragt er auch nach (z.B. während er das Buch als Geschenk verpackt), wer es denn bekommen soll… und darüber wundere er sich noch öfter; sagt er.

 

Nun, ich gebe zu, dass auch ich nicht ganz frei von Neugier bin und auch schon zu dieser Art Bücher gegriffen habe; meist handelte es sich um Autobiographien von lateinamerikanischen Kolleginnen und Kollegen und meist griff ich nicht zuletzt wegen zu schreibender Rezensionen zu. In wenigen Ausnahmen handelte es sich bei solchen Büchern um fast eigenständige Werke, wie Romane auf der Basis des Lebens seiner Autoren. In noch geringerer Zahl trieb es mich an, über jene Bücher zu schreiben (z.B. Gioconda Belli „Die Verteidigung des Glücks“ – auch hier bei Ciao vorgestellt). Aber diese Bücher werde nie den Sprung in die Bestseller-Listen schaffen… wie es andere – geschrieben von Dummschwätzern und Denunzianten – regelmäßig schaffen; was eigentlich kein gutes Licht auf die Leserschaft wirft. Aber, was soll´s.

 

Ich möchte den fünfzehnten Todestag eines kubanischen Schriftstellers zum Anlass nehmen, um über ihn und seine Autobiographie zu schreiben. Dabei wird schnell klar was ich meine, wenn ich anderen Autobiographien einen Mangel an Authentizität und Ehrlichkeit unterstelle. Natürlich will ich nicht damit sagen, dass ich andere Autorinnen und Autoren der Lüge zeihe… aber Auslassungen sind nicht weit davon entfernt. Es könnte ja auch schlicht so sein, dass es eigentlich nichts zu gestehen oder zu bekennen gibt. Aber warum sonst schreibt man eigentlich Autobiographien?! Der Schriftsteller von dem ich hier schreibe hieß Reinaldo Arenas (RA) und sein Buch trägt den Titel „Bevor es Nacht wird“.

 

Da es sich bei diesem Buch eben um eine Autobiographie handelt, kann ich auf eine allzu umfangreiche Aufzählung biographischer Daten verzichten. Dennoch sollen ein paar grobe Eckdaten an dieser Stelle nicht fehlen, da sie im Buch nicht so genau zu lesen sind. RA war Romanautor, schrieb Kurzgeschichten, Essays  und Lyrik. Er wurde am 16.7.1943 in Holguín, Provinz Oriente, auf Kuba, geboren. Bald nach seiner Geburt verließ sein Vater ihn und seine Mutter. Er wuchs ohne Schulbildung auf und arbeitete schon als Kind in einer Konservenfabrik. Unter dem kubanischen Diktator Batista verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage dermaßen, dass er trotz der Arbeit kaum genug zu essen hatte.

 

Die Fabrik stand in der Sierra Maestra, derselben Gegend also, von der aus Castro seine Revolution startete. Im Alter von fünfzehn schloss er sich den Truppen Castros an und siegte mit ihm 1959. Die neue Regierung ermöglichte ihm zu lernen und seine Gelehrsamkeit ermöglichte ihm alsbald den Besuch einer Landwirtschaftsschule. 1961 zog er nach Havanna um und schrieb sich an der Universität zum Philosophie- und Literaturstudium ein; allerdings brach er alsbald ohne Abschluss das Studium ab. Er begann Kurzgeschichten zu schreiben und gewann mit ihnen einen nationalen Nachwuchswettbewerb, was ihm eine Stelle in der Nationalbibliothek unter der Leitung des berühmten Jose Marti  einbrachte. Gleichzeitig entdeckter er für sich die homosexuelle Subkultur Havannas.

 

Ab Mitte der 1960er Jahre, begann in Kuba die Verfolgung Homosexueller und Ra geriet in Opposition zur Revolution, weil diese „mangelnden Realismus“ in seiner Literatur bemängelte; was lediglich bedeutete, dass RA nicht in die Rolle eines literarischen Claqueurs schlüpfen wollte. Er wurde zensiert und zu einem Feind der Revolution erklärt. Er musste die Nationalbibliothek verlassen und arbeitete schließlich als Journalist. 1973 schließlich „überführte“ man ihn, dass er ohne amtliche Genehmigung Manuskripte ins Ausland geschmuggelt und dort veröffentlicht hatte – er wurde zu Gefängnis verurteilt. Ein Fluchtversuch aus Kuba (mit einem Autoschlauch übers Meer) schlug fehl und er wurde in das berüchtigte „Umerziehungslager“ gesperrt. Beim Versuch ein Manuskript aus dem Lager zu schmuggeln wurde er erwischt, was zur Verschärfung der Haft führte.

 

Auf internationalen Druck hin, geriet Castro in die Defensive und musste die Lager schließen. Man erpresste RA zu dem Versprechen der Homosexualität abzuschwören und nicht mehr systemkritisch zu schreiben, in dem man ihm drohte, dass er anderenfalls mit dem Tod zu rechnen hätte. So kam er 1976 frei… Aber welcher Art war diese Freiheit? Ohne Arbeit, ohne Beziehungen, ohne sonstige Unterstützung fristete er sein Leben im Untergrund. Er schrieb natürlich weiter. Nach einer Massenflucht von Kubanern auf das Gelände einer ausländischen Botschaft, erlaubte Castro deren Ausreise in die USA. RA gelang es, sich mit seinem selbst gefälschten Pass im Hafen unter die Menge zu mischen und gelangte so in die USA und nach New York. Er wurde aber nie ein Anti-Kubaner und machte sich keinerlei Illusionen über das kapitalistische System: „Der Unterschied zwischen dem kommunistischen und dem kapitalistischen System ist der, dass sie uns zwar in beiden einen Arschtritt geben, aber im kommunistischen musst du Beifall klatschen, und im kapitalistischen darfst du schreien…“

1987 wurde bei ihm AIDS festgestellt und RA kämpfte an gegen Verfall und Siechtum… er wolle noch drei Jahre leben, weil er noch so Vieles neu zu schreiben oder zu beenden hatte, was er  als wichtig erachtete. 1990 tötete RA sich selbst; eine Überdosis aus Drogen und Alkohol setzte seinem Leben ein Ende. In einem Abschiedsbrief schrieb er, dass man seinen Tod nicht als Niederlage verstehen dürfe. Er starb am 7. Dezember in Manhatten, New York. 1993 wurde seine Autobiographie in New York auf die Liste der 10 besten Bücher des Jahres gewählt.

 

Dieses Buch ist nichts für zarte Gemüter. Der Kubaner RA, der sich, wie gesagt, um seinem völligen körperlichen Zerfall zuvorzukommen, im New Yorker Exil den Freitod gab, sprach den Text seiner Autobiographie auf Kassetten und redigierte ihn noch, so dass er nun als faszinierendes Stück – im wahrsten Sinn des Wortes – Bekenntnisliteratur vorliegt. RA, von dessen umfangreichem Werk in deutscher Sprache lediglich zwei Romane („Rosa – Roman in zwei Erzählungen“ und das sehr zu empfehlende Buch „Reise nach Havanna – Roman in drei Reisen“) im dtv-Verlag veröffentlicht sind, schreit sein Leiden in die Welt hinaus. Dieses Leiden kam aber nicht aus seiner sexuellen Disposition, dieses Leiden kam aus dem Leben auf Kuba nach der Revolution Fidel Castros… und aus dem Leben im us-amerikanischen Exil. Seine Sexualität begreift RA eben nicht als Last, sondern er feiert sie als Triebfeder seines Lebens und als Inspiration seines Schaffens (vergl. auch „Paradiso“ von Jose Lezama Lima – auch hier bei Ciao vorgestellt).

 

Über lange Phasen sieht die Leserschaft dieser Autobiographie mit RA zurück auf ein liebestoll geführtes Leben, auf schöne Mulatten, prächtige Schwarze, wohlgeformte Beine und auf sonstige bemerkenswerte einschlägige Extremitäten. Dass er die Dinge ohne weitere Verklausulierung beim Namen nennt, was mich – offen gesagt – auch manchmal abstößt, ist durch seine jahrelange Verfolgung als Dissident und Homosexueller, seine Radikalisierung als Angehöriger einer Minderheit, durch seine Wahrheitsliebe und durch – was ihm sehr bewusst war – sein nahes Ende zu erklären. Aber genau das verstehe ich eben unter Authentizität.

 

Der Text beginnt mit dem Kapitel „Das Ende“. An den Anfang also ist der Schluss, sein persönlicher Schluss gestellt, der als allerletzte Fluchtbewegung – in einer Reihe von anderen Fluchten in seinem Leben – des Autor zu sehen ist. Aber in eben jenem Ende plaudert RA als Ich-Erzähler von seinen Anfängen. Seine Kindheit als armer Bauernjunge in einem kubanischen Dorf ist geprägt von Armut, einer unglücklichen jungen Mutter ohne Mann, einem Haus voller (meist lediger) Frauen, über welche die – von im heiß geliebte Großmutter herrscht. RA betont die typisch ländliche Gleichung von Armut und Freiheit – da seine Mutter keinen nennenswerten Sozialstatus besaß, konnte der Junge sein junges Leben völlig frei gestalten. Später, in den Kerkern Castros, war er ebenfalls arm, aber ohne jede Freiheit.

 

Das Buch erlaubt uns auch Einblicke in die verlorene archaische Welt der kubanischen Provinz Oriente in den 1940er Jahre. Ein Sittengemälde eines mystisch anmutenden Dorfes, wie aus einem Roman von Gabriel Garcia Marquez entlehnt,  tut sich vor uns auf, mit einer Großmutter, die „im Stehen pinkelte und mit Gott sprach“, die Wirbelstürme „mit Arschkreuzen“ zu bannen versuchte. Es ist eine magische Welt mit inbrünstig begangenen Feiertagen, mit Spiritismus, einem Fluss, an dem Gespenster erschienen und aus dem ein „weißer Hund aus dem Wasser“ kam „und wer ihn sah, musste sterben“. Die tropische Sinnlichkeit war bei RA schon im Alter von sechs Jahren nachhaltig geweckt. Er schreibt, dass seine Körperlichkeit einen frühen Höhepunkt erfuhr und zwar in der Erfahrung eines tropischen Wolkenbruchs und in der „erotischen Kraft des Landlebens“, zu der allerdings die Erfahrung der alltäglichen Gewalt hinzukam.

 

Wie andere kubanische Schriftsteller des Exils, sieht RA die Geschichte Kubas als eine Abfolge von Katastrophen, als „permanenten Selbstmord“, der nur durch den Anblick des Meeres und durch die kubanische Spottlust, die verbale Subversion, erträglich war und ist. Wenn diese Möglichkeiten, der freie Zugang zum Meer und die freie Rede bzw. Publikation eingeschränkt oder reglementiert werden, nimmt das Leiden Kubas, nach RA, apokalyptische Ausmaße an. Die ohne Leidensdruck bereits vorhandene, schuldfrei praktizierte Sexualität jeglicher Couleur wurde in den sechziger Jahren, als sich die Regierung Castros zunehmend repressiv etablierte, auch zu einer Form der Subversion in einem wesentlichen Lebensbereich, der nicht leicht gleichzuschalten war. Dies galt ganz besonders für die Schwulen auf Kuba. Ra schrieb: „Unsere Jugend war so etwas wie eine erotische Revolution“. Der Erotomane RA denkt im Übrigen nicht daran Namen zu verschweigen; weder die seiner Freunde, noch die seiner Freunde die zu Spitzel der Geheimpolizei wurden und erst recht nicht die seiner Peiniger im Gefängnis oder im sog. Umerziehungslager.

 

Das Buch liest sich streckenweise wie das Handbuch eines kubanischen Outing, wie eine politisch-sexuelle Abrechnung mit Sein und Schein in der kubanischen Gesellschaft… und ich füge an: nicht nur der kubanischen Gesellschaft. RA prangert das opportunistische Streben an,  das zum Zwecke des eigenen Fortkommens, Lüsternheit, Verrat und Erfüllung von Staatszielen einsetzt. So werden auch seine Lieblingsgegner unter der Schriftstellergilde ebenso beim Namen genannt, wie er auch liebevolle Portraits von Freunden einfügt – so z.B. von Jose Lezama Lima (auch hier bei Ciao vorgestellt). Die Tricks und Kniffe des Autors, die List mit der er Manuskripte versteckte oder ins Ausland zu schmuggeln versuchte, seine nächtliche Flucht durch die Sümpfe, das rettende Fälschen des Passes, die Fluch nach Miami – die Repressalien der Staatssicherheit, der grauenvolle Gefängnisaufenthalt, die düsteren und heiteren Stationen seiner Liebesabenteuer – die Leidensgeschichten des RA haben auch immer etwas Schräg-Witziges. Die abgründigen Deformationen der Menschen bekommen bei ihm etwas Surreales, Skurriles, ohne dass ihre Charakterlosigkeit dabei wesentlich reduziert würde.

 

Für mich stellte dieses Buch eine große Herausforderung dar, da ich im Grunde solche eruptiven Gefühlsausbrüche nicht so recht handhaben kann und ich sie eigentlich nicht ertragen mag. Aber diese Rückhaltlosigkeit in der Lebensbeichte ist überwältigend und ich hatte nie die Chance sie zur Seite zu legen… auch wenn mich mache Schilderung von Sexszenen nicht eben anmachten; im Gegenteil. Wenn schon das oben erwähnte Buch von Jose Lezama Lima bei Schwulen zu so etwas wie ein Kultbuch geworden ist, dann müsste dieses Werk erst recht dazu werden… vielleicht bin ich ja auch nicht auf dem Laufenden und es ist schon längst dazu avanciert. Wie dem auch sei, ich las das Buch nicht weil mich homosexuelle Sexszenen interessieren, für mich ist diese überwältigende Offenheit und die unverschnörkelte Sprache fesselnd.

 

Das Buch hat viel Überraschendes. Bei all dem beschriebenen Ungeheuerlichen, kommt dennoch eine gewisse Komik zum Vorschein. Und beim lesen dachte ich sehr oft darüber nach, wie ernst ich das Leben doch nehme… Wenn RA diesem seinem Leben noch mit so viel Humor begegnen konnte, dann haben wir eigentlich erst recht gut lachen. Natürlich bleibt auch manches Mal das Lachen im Halse stecken, dann nämlich, wenn der Humor zum Galgenhumor umschlägt. Und mit Verlaub, hinter all der skurrilen Szenen oder bei all des surrealen Anscheins, hinter all den Bildern stecken doch schreckliche Wirklichkeiten, in denen Menschen anderen Menschen Leid zufügten. Und so überlegte ich abermals, ob ich nicht Recht damit habe, das Leben so ernst zu nehmen… Nur weil mir das Schreckliche nicht widerfährt, ist es ja nicht aus der Welt.

 

Mich hat auch die unglaublich radikale Subjektivität des Buches tief berührt – vielleicht auch deswegen, weil ich selbst dazu selten in der Lage bin. Diese Unausgewogenheit der Betrachtungen, die so rein gar nichts mit Reflexion zu tun hat, kümmert sich, außer um sich selbst, um rein gar nichts. Aber genau das erwarte ich ja auch von einer Autobiographie… wie ich oben schon andeutete, halte ich das für das eigentliche Merkmal für dieses Genres, das ja auch Bekenntnisliteratur genannt wird. Bekenntnis trifft auch für seine Liebeserklärung für seinen Freund zu – nicht zuletzt die Beschreibungen der (relativ) keuchen Liebe zu dem schönen, jungen, nervenkranken Lazaro, machen dieses Buch zu einem Erlebnis; auch für Menschen, welche nicht die selbe sexuelle Disposition des Autors teilen.

 

 

Wilfried John

 

 

Bevor es Nacht wird

Reinaldo Arenas

295 Seiten – Broschiertes Buch

Verlag: Edition dia – Aus 1993

ISBN: 3-8603-4310-6

 

 

1. Nachsatz: Im Anhang ist auch der sehr emotionale Abschiedsbrief enthalten. Außerdem ein ausführliches Werkverzeichnis.

 

2. Nachsatz: Für Cineasten ist es wahrscheinlich sehr interessant zu wissen, dass dieses Buch verfilmt wurde. Unter der Regie von Julian Schnabel entstand die Film-Biographie „Before Night Falls“, mit Javier Bardem und Johnny Depp in den Hauptrollen, und erhielt, neben anderen Auszeichnungen, auf der Biennale von Venedig 2000 den Großen Preis der Jury.

Javier Bardem wurde für seine Arenas-Darstellung für den Oscar nominiert.