Rene Depestre „Der Schlaraffenbaum“

Schwarze Magie

 

Pro: Farbenfroh erzählt, kritisch und ein echtes Stück karibischer Literatur

 

Contra: Vorkenntnisse in kulturellen Eigenarten wären nützlich


Zwei Jahre nach dem Regierungswechsel ist viel die Rede davon, dass man Deutschland zukunftsfähig mache und in den Medien herrscht eine gebetsmühlenartige Lobhudelei für die sog. Große Koalition vor, die an die Beschwörung von bösen Geistern erinnert. Jüngst ist wieder einmal einer jener halbherzigen Kompromisse beschlossen worden, die vielleicht den Anschein erwecken, dass etwas getan wurde, die aber der Sache, um die es eigentlich ging, nicht oder nur sehr unvollständig gerecht werden… nun ja, mindestens ist mir jener jüngste Kompromiss Anlass für diese Zeilen: Das sog. neue Bleiberecht für in der BRD geduldete Ausländer. Der Beschluss der Innenministerkonferenz ist von den ach so staatstragenden Medien als Durchbruch gefeiert worden; dabei ist er das Papier nicht wert, auf dem er protokolliert wurde und hat mit Zukunftsfähigkeit nichts zu tun. Statt ein modernes Staatbürgerrecht zu schaffen, wie es in allen fortschrittlichen Ländern schon üblich ist, hält man am Reichs- und Staatsangehörigkeitsgesetz aus dem Jahre 1913 fest, das von Blutlinien spricht und es liest sich, als würden Menschen nach den Kriterien für Hunderassen einsortiert.

 

Schon 1945 schrieb Carl Zuckmayer in „:Des Teufels General“: „Stell`n Se sich doch bloß mal ihre womögliche Ahnenreihe vor: da war ein römischer Feldherr, schwarzer Kerl, der hat einem blonden Mädchen Latein beigebracht. Dann kam `n jüdischer Gewürzhändler in die Familie. Das war `n ernster Mensch. Der `s schon vor der Heirat Christ geworden und hat die katholische Haustradition begründet. Dann kam `n griechischer Arzt dazu, `n keltischer Legionär, `n Graubündner Landskecht, ein schwedischer Reiter und ein französischer Schauspieler. Ein böhmischer Musikant. Und das alles hat am Rhein gelebt, gerauft, gesoffen, gesungen und Kinder jezeugt. Hm? Und der Goethe, der kam aus demselben Topf, und der Beethoven, und der Gutenberg, und der Matthias Grünewald. Und so weiter, und so weiter. Das war`n die besten, mein Lieber. Vom Rhein sein, das heißt: vom Abendland. Das ist natürlicher Adel. DAS is Rasse.“ Ein modernes Staatsbürgerrecht sollte die Zugehörigkeit zur Nation nicht von sog. blutsmäßiger Abstammung abhängig machen, sondern von dem ausdrücklich erklärten Willen, zur Nation gehören zu wollen.

 

Nun, wir waren in der Diskussion schon mal weiter, aber dann kam der Regierungswechsel. Sicher wird dieses Wort immer jene ärgern, die Anhänger, Mitglied oder gar Funktionär jener Partei sind, die es nicht geschafft hat. Sicher werden sie auch immer reichlich Gründe dafür anführen können, warum ihr Ärger berechtigt sei. Doch im Grunde ist es ja gerade ein Merkmal für eine fortschrittliche, demokratisch organisierte Gesellschaft, dass Machtwechsel friedlich vonstatten gehen; was weltweit gesehen, auch im Dritten Jahrtausend unserer Zeitrechnung, immer noch eine Ausnahme darstellt. Nun kann man sicher noch darüber streiten, ob sich bei Wahlen wirklich der Wille der Wahlberechtigten durchsetzt, oder ob sich – durch die Beeinflussung durch die Massenmedien – in Wirklichkeit die Meinung und die Interessen der Besitzer der Massenmedien im Wahlergebnis manifestiert. Fest steht, dass niemand durch Zwang zu einer Stimmabgabe bewegt wird, wir also wirklich wählen könnten, was unseren Interessen am meisten entspricht.

 

Die Auseinandersetzungen in den sog. Wahlkämpfen sind im Allgemeinen dazu geeignet, sich eine eigene Meinung zu bilden, jedenfalls soweit, die widerstreitenden Parteien die wirklichen Absichten offen legen. Manchmal werden gewisse Absichten verschwiegen, weil sie in der öffentlichen Meinung nicht gut ankommen. Darüber hinaus gibt es Themen, die – aufgrund z.B. unserer Geschichte – für solche Auseinandersetzungen (zumindest zwischen den demokratischen Parteien) tabu sind. Ein solches Thema ist Ausländerhetze; auch wenn manche der handelnden Personen insgeheim Ressentiments solcher Art umzutreiben scheinen (besonders oft ist das im sog. konservativen Lager der Fall). Besonders Politiker in herausgehobenen Positionen, z.B. in Regierungen oder präsidiale Repräsentanten, haben zu beeiden, dass sie Schaden von unserem Land abwenden werden. Ein Schaden würde entstehen, wenn durch bestimmte Äußerungen oder politischen Beschlüssen und Handlungen, das Zusammenleben der Menschen nachhaltig gestört würde oder wenn, im Widerspruch zu unserer Verfassung, Minderheiten zu einer bestimmten Lebensweise gezwungen würden.

 

Im letzten Bundestags-Wahlkampf hat man zum Glück aus zurückliegenden Wahlkämpfen gelernt. Themen wie Kochs „Doppelpass“ oder Rüttgers „Inder statt Kinder“ blieben uns erspart. Dennoch, kaum dass der neue Bundestagspräsident gewählt war (immerhin das zweithöchste Amt in dieser Republik), führte er schon in seiner Antrittsrede das böse Wort von der deutschen Leitkultur im Munde. Hätte er allgemein von der deutschen Kultur gesprochen, wäre das völlig ausreichend gewesen… wobei – wäre nachgefragt worden – würde es heute, im Zeitalter der Globalisierung und des gegenseitigen Austauschs und der wechselseitigen Beziehungen, ziemlich schwer fallen zu erklären, was das eigentlich ist. Wer aber etwas, was vielleicht nur ER dafür hält, als Leitkultur Andersdenkenden überstülpen will, der legt Hand an unsere Verfassung an; obwohl er doch schwor, genau dies nicht zu tun.

 

Dem nun nicht genug. Unlängst beschloss eine staatstragende Partei ein neues Grundsatzprogramm – das ist zunächst ja auch ihr gutes Recht, aber statt diese Partei aus der berechtigten Kritik an dem Begriff Leitkultur gelernt hätte, wird diese Unsäglichkeit nun zum neuen Programm erhoben. Vielleicht bin ich da auch übersensibel… aber mir kommt es so vor, als sei das Wort Leitkultur nur eine andere Form von „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“. Und wenn es stimmt, dass man in neuen Partei-Programmen die Politikentwürfe der Zukunft aufschreibt, dann kann ich nur zerknirscht konstatieren, dass die CDU hier etwas aus der Mottenkiste hervor holt, das besser für immer drin geblieben wäre und ich befürchte, dass manche Wahlkämpfer bei den in Kürze anstehenden Landtags-Wahlen, z.B. auch der Herr Koch in Hessen, erneut mit diesem tumben Begriff haussieren gehen.

 

Was es bedeutet, fortwährend seiner Identität beraubt und um die Errungenschaften seiner Kultur gebracht zu werden, können am besten die Menschen erklären, die das persönlich – und als Gemeinschaft oft schon seit Jahrhunderten – erleiden. Diese Menschen kommen zumeist aus solchen Ländern, die von Ländern wie dem unseren, teils brutal unterdrückt wurden, oder die in ihren Ländern von Despoten von unseren Gnaden unterm Joch gehalten werden. Statt mit diesen Menschen auch kulturell zu kooperieren, wird ihnen vor allem immer wieder unsere Kultur als das allein Seligmachende übergestülpt. Was das an kulturellem Verlust für die Menschheit bedeutet, taucht in keiner Kostenrechung auf. Immer wieder gibt es aber auch Menschen, die das nicht mehr hinnehmen wollen und dagegen anschreiben. Einen solchen Menschen möchte ich, kurz vor seinem achtzigsten Geburtstag, mit seinem Werk an dieser Stelle präsentieren: Rene Depestre mit „Der Schlaraffenbaum“.

 

Für die biographischen Daten zitiere ich mich selbst, da ich sie schon in einer früheren Besprechung hier bei Ciao verwendete: René Depestre (RD), wurde am 29.8.1926 in Jacmel auf Haiti geboren. Seine Schulzeit begann er im katholischen Salesianer-Orden (übrigens genau dem Orden, aus dem später der heutige sog. Präsident ausgeschlossen wurde). Sein Vater starb 1936 und RD musste seine Mutter, seine zwei Brüder und seine zwei Schwestern verlassen und lebte fortan bei seiner Großmutter. Von 1940 bis 1944 besuchte er dann das Gymnasium Pétion in Port-au-Prince. Er beginnt zu schreiben. Beeinflusst durch den „Magischen Realismus“, den er 1942 auf Haiti,  anlässlich einer vom Kubaner Alejo Carpentier (auch hier bei Ciao besprochen) durchgeführten Literatur-Konferenz, kennen lernt, bringt RD 1945 sein erstes eigenes Werk heraus.

 

RD gründet dann mit drei Freunden (ebenfalls Schriftsteller) eine Wochenzeitschrift, die dafür antrat, den Menschen auf Haiti bewusst zu machen, dass sie ein Recht darauf hätten, auf den historischen Grundlagen ihrer Herkunft, ihre Identität zu erneuern. Schnell wird die Zeitschrift verboten. RD begegnet sowohl den haitischen Intellektuellen und den Dichtern seiner Zeit, als auch ausländischen Künstlern und schließlich wird ihm klar, dass er politisch tätig werden muss, wenn er seine Ideen realisieren will. Bald gehört er zur Führung der revolutionären Bewegung, die den Präsidenten Émile Lescot aus der Macht drängt. Aber der Erfolg war nur von kurzer Dauer.

 

Sehr schnell putscht die Armee. RD wird gefangen genommen, hat aber Glück und darf nach Frankreich ins Exil. Hier studiert er von 1946-1950 Politische Wissenschaften an der Sorbonne und bekommt schnell auch Kontakt zu Intellektuellen und Kulturschaffenden. RD nimmt aktiv an den Entkolonialisierungsbewegungen in Frankreich teil (hier trifft er auf Eduard Glissant aus Martinique, der später ein Vordenker der sog. Kreolisierung wird – auch hier bei Ciao besprochen) und erneut wird RD ausgewiesen. Er geht nach Prag, von wo er 1952 ebenfalls verjagt wird. Eingeladen vom Dichter Nicolás Guillén geht er nach Kuba, wird aber bald durch das Batista-Regime eingesperrt und ausgewiesen.

 

Sein Exilgesuch in Frankreich und Italien wird abgelehnt. Eine Odyssee beginnt: Erst Österreich, dann Chile, Argentinien und Brasilien. In Chile war er wenigstens lange genug, um mit Pablo Neruda und Jorge Amado (beide hier bei Ciao besprochen) den kontinentalen Kongress der Kultur zu organisieren. 1956 kommt er dann doch noch in Paris an, wo er – unter anderen – seinen Freund und Schriftstellerkollegen aus haitianischen Zeiten, Jacques-Stephen Alexis, trifft, mit dem zusammen er den ersten Kongress Pan-Afrikain organisiert. Es sollte die letzte gemeinsame Arbeit gewesen sein, denn 1961 wurde Alexis ermordet.

 

RD ist nun schon ein bekannter Mann und geht als solcher 1956-57 nach Haiti zurück. Doch er rechnet nicht mit dem Duvaliér-Regime. Der berüchtigte Diktator Papa Doc bietet ihm eine Zusammenarbeit an, die RD natürlich ablehnt. Und wieder findet er sich mit anderen Widerständlern in Gefangenschaft. 1959 geht er auf Einladung Che Guevaras nach Kuba. Er arbeitet, überzeugt von der kubanischen Revolution, in der Verwaltung des Landes (Ministerium für die Außenbeziehungen, nationale Ausgaben, nationaler Rat der Kultur, Radio Havanna- Kuba).

 

Er reist viel parallel zu seinen offiziellen Aktivitäten (die Sowjetunion, China, Vietnam etc.) und nimmt am Fest Pan-Africain von Algier im Jahre 1969 teil, wo er dem kongolesischem Schriftsteller Henri Lopes begegnet, der ihn zur Arbeit für die UNESCO begeistert, für die er ab 1971 dann auch arbeitete. RD verlässt die UNESCO im Jahre 1986 und zieht sich in Aude/Südfrankreich zurück. Im Jahre 1988 veröffentlicht er seinen kommerziell erfolgreichsten Roman „Hadriana in all meinen Träumen“ (auch hier bei Ciao vorgestellt), für den er auch zahlreiche literarische Preise erhält. Aber eigentlich weltbekannt wurde er mit seinem allerersten Roman: „Der Schlaraffenbaum“.

 

Der Buchvorstellung voranstellen möchte ich eine Erklärung des Autors, mit der er sich – bei allem Ernst in der Sache – über die kulturelle Gleichmacherei und Verfolgung lustig macht und die für die Tonlage des Buches steht: „Der Schlaraffenbaum ist weder eine Geschichtschronik noch ein Schlüsselroman oder ein Werk autobiographischen Ursprungs. Das Große Zacharianische Reich, von dem hier die Rede ist, besteht ganz offensichtlich nur in der Einbildung und ähnelt damit in wahnwitziger Weise dem Schlaraffenland. Vorkommnisse und Personen des Buches sind folglich frei erfunden. Übereinstimmungen mit Menschen, Tieren, Bäumen, Lebenden oder Vergangenem, direkte oder entfernte Ähnlichkeiten mit Namen, Situationen, Orten, Systemen, mit eisernen Zahnrädern, Feuerrädern oder jeglichem anderen Ärgernis des wirklichen Lebens, können einzig und allein das Resultat eines nicht nur unvorhergesehenen, sondern schlechthin schändlichen Zufalls sein. Der Autor lehnt die Verantwortung hierfür entschieden ab, im Namen dessen, was von vor Unerbittlichkeit und Zartsinn berstenden Geistern, die unantastbaren Rechte der Phantasie genannt haben.

 

Und ebenfalls möchte ich – nicht zuletzt in Verbindung zu meiner Einleitung – auf das Vorwort von Al Imfeld hinweisen, der einen klugen Essay über Kultur, Leitkultur und Missbrauch von Kultur (auch von Religion) durch die Mächtigen beisteuerte. Im Wesentlichen kümmert er sich natürlich um die Spielart von Kultur, um die es im Buch hauptsächlich geht: Voodoo. Entstanden in Westafrika, wurde er mit den Sklavenschiffen nach Haiti gebracht… und weil das den Sklavenhaltern gerade zu pass kam, nutzten sie den Kult für ihre Zwecke… und diskreditierten diesen Glauben nachhaltig, so dass heute kaum noch jemand mehr davon kennt, als schlimme Gruselbilder. Papa und Baby Doc, Vater und Sohn Duvalier, auf Haiti, Mobutu in Zaire oder Bokassa in der Zentralafrikanischen Republik – Namen, die bekannt sind – sind nur die prominentesten Missbraucher; viele kriminelle, zivile oder militärische Missbraucher wären zu nennen. Imfeld betont zu recht den Verlust von „Kosmos“, „Perspektive“ und „Mitwelt“ in einer politisch und medientechnisch (scheinbar) rationalen Monokultur vieler Industrieländer, und nennt das „eine Gefahr, die in einer Zombifizierung“ enden kann. Das Vorwort gibt auch dezidiert Einblick in die Hintergründe des Romans und deswegen – obwohl es mich reizt das zu tun – führe ich die Gedanken von Al Imfeld nicht weiter aus.

 

Dass den haitianischen Schriftsteller RD mit seinem haitianischen Kollegen Jacques-Stephen Alexis künstlerisch, kulturell und politisch einiges verband, beweisen nicht zuletzt die prägenden Charakteristika des Romans „Der Schlaraffenbaum“: Politische Anliegen werden mit beschreibenden Rückgriffen auf die Körperlichkeit des haitianischen Menschen gekoppelt und volksnahe Traditionen wie z.B. der Voodoo-Kult werden in die Erzählstruktur integriert – was angesichts der Absicht dieser Autoren, nämlich mit ihrem Schreiben auf Veränderungen hinzuwirken, zwangsläufig so sein muss, da man schließlich von den Menschen verstanden werden will. Dabei verweise ich auf Al Imfeld, der in seinem Vorwort auf das Positive in diesem Kult hinweist. Voodoo stellt ursprünglich hauptsächlich das Heilende in den Vordergrund, spricht von der Interdependenz aller Dinge und Lebewesen und ist hierin eher vergleichbar mit buddhistischen Denkmustern und hat in diesem Sinne auch ähnlich große gesellschaftliche und kulturelle Wirkungen und Leistungen aufzuweisen.

 

Die Vielschichtigkeit der Dinge und Erscheinungen in einer solchen Religionsform, bieten sich natürlich für dichterischen Gebrauch geradezu an, zumal sich mit ihren einzelnen Elementen mühelos Brücken nach Afrika schlangen lassen, denn es geht ja um kulturelle Selbstbestimmung auf der Basis der Herkunft. Auch andere Autoren, hauptsächlich der frankophonen, Karibik bedienen sich dieser Möglichkeiten (siehe auch „Die Entdeckung Westindiens“ von Peter Schultze-Kraft – auch hier bei Ciao vorgestellt).

 

Im Erstlingsroman von RD wird ein mit Fett eingeschmierter Kletterbaum zu einem komplexen zentralen Symbol. Wer ihn anlässlich eines jährlich vom Diktator ausgerichteten öffentlichen Wettbewerbs erklimmt, bekommt einen in einem Koffer aufbewahrten Schatz. Aber der tote Baum ist mehr als er scheint. Im Volksglauben bleibt der tote Stamm „ein lebendes Wesen, ein Ruhealtar für andere lebende Wesen, die seiner bedürfen, er ist auch Symbol für „die Macht des Schwarzen Mannes, des einstigen Negersklaven mit den roten Augen“ und der Wettkampf ist auch nicht nur eben ein Wettkampf den der Diktator ausrichten lässt, er ist – weil der Baum eben all das Vorstehende bedeutet – auch „eine überwältigende Huldigung, die der Machthaber dem unbekannten Neger und der Geschichte des Volkes erweist“. In der offiziellen Lesart ist der Baum allerdings ein Symbol des mühevollen Weges der Selbstüberwindung und des Kampfes, er wird zum staatstragenden Symbol des „Zookratie-Regimes“ (Demokratie kommt von Demos – dem Volk, Zookratie kommt vom Tier, zu dem ein Mensch wird, wenn er das Denken und Fragen ausgetrieben bekommt).

 

Hauptdarsteller in diesem Roman sind die polarisierenden Figuren des Diktators (der unschwer als Papa Doc Duvalier zu erkennen ist) und eines Volkstribuns namens Henri Postel, welcher keinen bestimmten Vorkämpfer oder Revolutionär darstellt, sondern als eine Konkretisierung des persönlichen Beispiels zu lesen ist. Henri Postel war Senator im Schein-Parlament des Diktators und als sein Gegner überaus populär. Er soll vom Regime auf teuflische Weise zum neuzeitlichen Zombie, aber ja nicht zum politischen Märtyrer, gemacht werden, indem man zuerst seine Familie und Anhänger foltert und tötet und ihn dann zum Job eines Krämers im Armenviertel von Jacmel (der Geburtsstadt des Autors) zwingt. Der Machthaber will Sorge dafür tragen, „dass er dort nie etwas Lebendiges oder Warmes um sich hat; keine Frauen, keine Kinder, keine Verwandten, keine Freunde, keine Anhänger, auch nicht das kleinste Haustier!“ Die Wirkung von vollständiger Isolation ist auch bei Mauricio Rosencofs „Der Bataraz“ (auch hier bei Ciao vorgestellt) nachlesbar.

 

Dass Henri Postel dennoch zu einer exemplarischen Idealfigur wird und nicht vergessen wird, verdankt er seinem Beharrungsvermögen – er widersteht dem Angebot zur Flucht ins sichere Ausland und stellt sich stattdessen der hoffnungslos erscheinenden Herausforderung des jährlichen Kletterwettbewerbs. Die Isolationsversuche waren vergebens, er erhält Unterstützung von solidarischen, warmherzigen Nachbarn und so wird aus dem Text langsam ein parabelhaftes Beispiel. Da aber neben seinem Triumph auch sein Martyrium beschrieben wird, macht diesen politischen Schlüsselroman (was er trotz gegenteiliger Beteuerungen des Autors in der Eingangserklärung natürlich doch ist) nicht nur erträglich, sondern das macht ihn sogar erfolgreich.

 

Die minutiösen Beschreibungen der Kletterversuche der angetretenen acht Kandidaten, zeugen von der ausgeprägten Sinnlichkeit und der außergewöhnliche kraftvoll-präzisen Beobachtungsgabe des Autors und die in die Erzählung eingeflochtenen Beschreibungen religiöser Zeremonien, zeugen von einer genauen Kenntnis des Voodoo-Kultes in seiner ursprünglichen Bedeutung; z.B. wenn Postel nach den Torturen von einer jungen Frau im Rahmen eines Voodoo-Ritus zärtlich-erotisch, psychotherapeutisch und theologisch aufgerichtet und so dem Leben wiedergegeben wird. Die Rolle der haitianischen Frau als lebens- und kraftspendendes Wesen, als Priesterin und in wichtiger gesellschaftlicher Position, betont RD in diesem Kontext ganz besonders und entspricht damit eher den Sichtweisen der kulturellen Ursprünge, als den Ansichten über die Rolle der Frau im Allgemein in der sog. modernen Gesellschaft.

 

RD zeigt – völlig ungerührt vom Vorwurf des Exotismus – die Realität, Relevanz und die Möglichkeiten der Voodoo-Religion im Leben Haitis auf und bettet sie wertend (aber nie negierend) in einen humanistisch-politischen Kontext ein. Auch der im Roman als Bildungsbürger beschriebene Postel fügt sich dem religiösen Bezugssystem ohne es als Verlust zu empfinden. Dennoch hat das Buch nicht das Ende, das man sich während des Lesens mit der Zeit wünscht… Seine Leiche wird von Freunden in Harmonie mit der Natur beerdigt. Die Beerdigung wird zwar mit der Geburt verglichen, bleibt aber – durch das schreckliche Schicksal das Postel und die meisten seiner Freunde erlitten hat – ein Ende. Bei Lichte gesehen, konnte der Roman auch nur so enden… Denn wenn eine so herausgehobene Gestalt der Unerschrockenheit, dieses Muster an Bescheidenheit, dieser kluge zur Führung geeignete Mann scheitert, dann warnt das Nacheiferer nachdrücklich und zeigt auf, dass Einzelne nichts ausrichten können und nur die Gemeinschaft Änderungen zustande bringt.

 

Für mich war dieser Roman stets eine Quelle von überraschenden Ideen, was vielleicht auch nur von meiner Unkenntnis über eine Kultur herrührt, die bekannt scheint, aber eben nicht bekannt ist. Ich stellte mir andere Kulturen vor, von denen ich auch annehme, dass sie mir bekannt seien… und ich versuchte, mir meine eigene Kultur zu vergegenwärtigen; was – entgegen meiner Annahme – nicht so einfach ist. So gesehen, habe ich mich nicht nur gut unterhalten, sondern habe auch meinen Horizont erweitern können; was ja eigentlich die edelste Folge des Lesens sein sollte. Es ist für mich überhaupt keine Frage, dass ich mit diesem Roman ein herausragendes Stück karibischer Literatur in Händen hielt. Die Vielschichtigkeit der Erzählung, das Farbige der Darstellungen und die typisch karibische Sprache machen den Roman zu einem Vergnügen.

 

Dieses Vergnügen wurde mir auch dadurch nicht getrübt, dass in es diesem Werk auch um so etwas wie Protest geht. Protest gegen die kulturelle Vereinnahmung durch mächtige Systeme oder auch Protest gegen kulturellen Missbrauch durch mächtige Personen; gerade in einer Zeit des religiös verbrämten Terrors, ist das eben kein störendes Moment, sondern durchaus erfrischend zu lesen. Dabei muss ich natürlich sagen, dass ich politisch nicht sehr weit vom Autor entfernt bin und mich so bestimmt nicht an seinen Ansichten reibe – was unter Umständen andere Leserinnen und Leser tun werden. Dadurch aber, dass RD sich jeder Polemik enthält, gewinnt der Roman an Überzeugungskraft und ihm gelingt es, uns das Thema nahe zu bringen.

 

Was mich besonders berührte war so etwas wie eine Dimension des Konkreten; will sagen, dass das Bodenständige der Handlung und das an der Realität orientierte Erzählen immer den Eindruck machte, dass mir hier keine Utopie aufgetischt wird. Aber natürlich ist der Roman in gewisser Weise phantastisch und somit entspricht er dem was man allgemein als Sprachkunst beschreibt. Somit kommt, meiner Meinung nach, ein breites Publikum – was den Genuss am Text betrifft – auf seine Kosten. Es ist nun mal bei mir so wie bei jedem anderen Spezialisten… wir wundern uns immer, warum ausgerechnet ein solch guter Schriftsteller kein zahlreicheres Publikum findet. Aber hatte ich mir nicht gerade wegen der Eigenart des literarischen Schaffens in dieser Weltgegend, jene Autorinnen und Autoren als bevorzugte Literaten ausgesucht? Natürlich, genau wegen solcher Bücher habe ich das damals so gemacht!

 

 

 

Wilfried John

 

 

Der Schlaraffenbaum

Rene Depestre

155 Seiten – Broschiertes Buch

Verlag: Rotpunktverlag – Aus 1987

ISBN: 3-8586-9041-4

Antiquarisch