Ricardo Piglia „Künstliche Atmung“

Titel: Blaupausen, überall Blaupausen

Pro: Gewagtes künstlerisches Konzept – überragender historischer Roman – sehr unterhaltsam

Contra: Nur durch intensive Lesearbeit vollständig zu verstehen

 

Blaupausen. Politiker aller Couleur behaupten gerne, dass die aktuelle Krise die größte Krise seit der Weltwirtschaftskrise von 1929 sei. Mit Superlativen

wird nicht gespart und neulich verstieg sich Strauss-Kahn, der Direktor des IWF sogar soweit, die aktuelle Krise als die vielleicht erste globale Krise zu

bezeichnen. Gerne erzählt man uns, dass es wegen der Unvergleichlichkeit einer solchen nie da gewesenen Krise keine „Blaupause“ zu ihrer Bewältigung gäbe.

Das ist natürlich purer Unfug, denn wenn die angesprochene Krise von 1929 keine globale Krise gewesen ist, könnte man auch sagen, dass der 2. Weltkrieg

eigentlich nur lokal stattfand.

Aber hinter solchen – und ähnlichen – Behauptungen verbergen sich nur zweckmäßige Lügen, die sich mit einem ganz klein wenig Gefühl für Semantik und einem

kleinen Quantum Logik sehr leicht entlarven lassen. Größte Krise seit… bedeutet: nicht größer als damals, allenfalls bedeutet es gleich groß. Und da das so

ist, sagt dann die Logik: Wenn die Krise damals bewältigt wurde, stehen zur Bewältigung der aktuellen Krise sehr wohl probate Mechanismen zur Verfügung.

Das wiederum bedeutet, dass es logischerweise einen Grund geben wird, weswegen man solche falschen Behauptungen vom Nichtvorhandensein geeigneter Mittel in

die Welt hinaus posaunt.

Seriös wird nicht bestritten, dass es gerade das Credo des Neoliberalismus „Deregulierung, Privatisierung, Freihandel“ die aktuelle Krise herbei geführt

hat (weswegen man ja allenthalben nach Wiedereinführung von ein paar Regeln ruft, die man selbst zuvor abgebaut hat). Aber man ruft eben nur nach „ein paar

Regeln“, nicht jedoch dazu auf, die neoliberale Idee endlich zu verwerfen. Genau hier liegt der ominöse Hase im Pfeffer: Zuzugeben, dass es doch eine

„Blaupause“ gibt bedeutet auch, zugeben zu müssen, dass der Neoliberalismus gescheitert ist – das ist nicht im Interesse des Kapitals und seiner

politischen Statthalter.

Solche Statthalter haben übrigens den Kollaps des neoliberalen Musterlandes Argentinien verursacht. Mit der ökonomischen Krise ging eine politische Krise

einher… was unmittelbar einleuchten muss, da doch die politisch Handelnden in diesem Land, ohne Ausnahme dieser abstrusen Idee des Neoliberalismus

(freiwillig oder durch Weltbank und IWF erzwungen) anhingen. Für die Menschen in diesem Land am schlimmsten war, dass diese Krisen nur wieder zu ihren

Lasten und auf ihre Rechnung bewältigt werden sollte – was aber zu vielfältigen und machtvollen sozialen Protesten geführt hat, da breite Schichten des

Volkes nur noch die Wahl zwischen verhungern oder Kampf für soziale Gerechtigkeit hatten.

An diesem Beispiel kann man sehr leicht sehen, wie solche Krisen üblicherweise  „bewältigt“ werden – und was im Kleinen (Argentinien) gemacht wird, wirkt

auch auf der globalen Ebene (also auch hierzulande). Wie sollten genau drauf schauen – DAS sind die Blaupausen, welche man angeblich nicht verwenden will

(siehe auch das Thesenpapier der Herrn zu Guttenberg – von dem er angeblich nichts wissen will). Die Anwendung solcher Mittel hat in Lateinamerika dazu

geführt, dass es eine politische Tendenz nach Links gibt; ich bin mal gespannt, wie die Bundestagswahl ausgehen wird, befürchte aber, dass wir nicht dem

Beispiel Lateinamerikas folgen und sogar die einzige Partei (FDP) – die nach wie vor Neoliberalismus predigt – gestärkt wird. Aber in Lateinamerika werden

„traditionell“ linke Tendenzen mit Gewalt wieder zu „rechts“ gerückt und die Militärs drohen; gerade in Argentinien hat man damit Erfahrung. Wir sollten

das genau betrachten…

*  *  *

Blaupausen. Die folgende Besprechung beschäftigt sich einem lateinamerikanischen Roman, der sich mit Analogien beschäftigt: Mitten in einer der schlimmsten

Militärdiktaturen auf lateinamerikanischem Boden erschienen, hält der Roman der Diktatur den Spiegel hin, legte Zeugnis ab von der Lage in dem

terrorisierten Land … und zwar so intelligent, dass selbst die gestrenge Zensur es nicht zu verhindern wusste. Der Roman ist das was ich als wirklichen

Historischen Roman bezeichne, da wirkliche Historische Personen die Protagonisten sind oder thematisieren. Dennoch werden diese Historischen Personen nicht

biographisch dargestellt, sondern dienen dem Zweck des Autors; einer dieser argentinischen Autoren, die heute großartige Vertreter der Argentinischen

Gegenwartsliteratur sind: Ricardo Piglia (RP). Das hier besprochene Werk ist einer seiner großartigen Romane: Künstliche Atmung.

RP ist zwar in seinem Heimatland schon ein hoch geachteter und viel gelesener Mann, aber kann nun endlich auch hierzulande einem breiten Publikum

zugänglich gemacht werden. RP wurde am 24. November 1941 in Adrogué nahe der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires geboren. Von seiner Herkunft und

Kindheit ist mir leider nicht sehr viel bekannt – was ich bedauere, da es mir immer sehr wichtig ist, das Werden eines Autoren so genau wie möglich zu

beleuchten, denn so wird sein Werk verständlicher. In seinem Falle aber sprechen die Fakten seines späteren Lebens auch eine deutliche Sprache. RP

studierte von 1961 bis 1962 Geschichte an der Nationaluniversität von La Plata und arbeitete bis 1966 als Assistent… bis zum Militärputsch und den damit

verbundenen Repressionen.

Danach war er Assessor in einem Verlag und Mitherausgeber verschiedener Zeitschriften. In dieselbe Zeit fallen auch seine ersten Veröffentlichungen… meist

Essays über süd- und nordamerikanische Literatur und Autoren. Dies begründete seinen Ruf als einer der versiertesten Literaturkritiker seines Landes. Sein

Debüt-Roman „La Invasion“ von 1967 brachte ihm in seiner Heimat zwar in Literaturkreisen großes Lob, in politischen Kreisen aber viel Ärger ein. Dennoch

schrieb und veröffentlichte er weiter. Eine Vielzahl von Romanen und Kurzgeschichten, und natürlich auch seine Arbeiten als kritischer Essayist und

Kritiker, machten ihn in Argentinien schon zu einem (wenn es das Wort gibt) zeitgenössischen Klassiker, allerdings zu einem von den Machthabern

ungeliebten. Lange Zeit versuchte das Militärregime erfolglos ihn zum Schweigen zu bringen…. diese Erfolglosigkeit hatte nicht zuletzt damit zu tun, dass

er ab 1977 begann an der Universität von Princeton/USA Literatur zu unterrichten und sich sozusagen als Grenzgänger dem direkten Zugriff der Generäle

entziehen konnte.

Aber er wollte nie ein Exilant sein und kehrte immer wieder nach Argentinien zurück… wenn auch hin und wieder erst nach längeren Perioden der

Abwesenheit. Das hat ihn auch nie den Kontakt zu den einheimischen Künstlern und der Kunstszene verlieren lassen. Er ist heute einer der angesehensten

Schriftsteller, wenn nicht der angesehenste Schriftsteller seines Landes, zudem er sein Schaffen auch um den Bereich Drehbücher erweitert hat… in der

heutigen Medienwelt ein populäres Feld (was seinen Bekanntheitsgrad auch außerhalb der Literatur erweiterte). Er schrieb z.B. das Drehbuch zum Film „Der

Kuss der Spinnenfrau“ nach der Vorlage des Romans gleichen Titels, von seinem Freund Manuel Puig (auch hier bei Ciao vorgestellt). Auch die politischen

Wogen scheinen sich geglättet zu haben… und er wurde von der Universität von Buenos Aires mit dem Ehrenprofessor-Titel geehrt. Heute lebt und arbeitet RP

in Buenos Aires.

*  *  *

Vordergründig betrachtet, handelt es sich bei dem hier zu besprechenden Roman um eine Familiengeschichte, die sich über mehrere Generationen erstreckt und

die über einige Stationen des Exils verschiedener Familienmitglieder, in der Zeit rückwärts bis nach Europa führt. RP setzt mit raffinierten literarischen

Hilfsmitteln (die er wegen der Zensur einfach auch anwenden musste, damit sein Roman überhaupt erscheinen durfte), Lateinamerikas schicksalhafte Verbindung

mit Europa ins Bild. Er zeigt Briefe, Geschichtsfetzen, ungeheuerliche Lebensläufe – dies ist der Stoff des Romans, dessen Autor als wichtigster

Repräsentant der argentinischen Gegenwartsliteratur gilt.

Es erwies sich für RP als sehr schwer, in seinem Heimatland Argentinien 1980 ein Buch wie „Künstliche Atmung“ herauszubringen, ohne sich in Lebensgefahr zu

begeben; schon der spanische Originaltitel ist ein Politikum, Respiración artificial, dessen Initialen eine Anspielung auf República Argentina ist. Und

doch, oder vielleicht gerade deswegen, ist dem Autor dieser Balanceakt auf dem schmalen Grat zwischen politischer Brisanz und Suche nach der Wahrheit,

zwischen dem Austricksen der aggressiven Zensur und Botschaft an die Leserschaft, zwischen (der Zensur geschuldeten) Verschlungenheit des Plots und

unterhaltsamer Verständlichkeit geradezu brillant gelungen. So ist mit der Geschichte um ein kurioses literarisches Detektivgespann, das sich mit der

Recherche der eigenen Vergangenheit befasst, eindrucksvoller Roman entstanden, bei dem die Leserschaft subtil, aber erkennbar dazu aufgerufen ist, zwischen

den Zeilen zu lesen, um die wahren Absichten und Botschaften des Autors zu ergründen.

Bei der Schilderung des Plots, ergeben sich zwangsläufig ein paar Schwierigkeiten, da der Autor – wie schon gesagt – hauptsächlich mit den literarischen

Mitteln „Zitat und Verschachtelung, Doppelung und Spiegelung, Bruch und Widerspruch“ gearbeitet hat und so muss die lineare Geschichte, wohl oder übel,

einmal etwas hinter der Form, den Stilmitteln zurückstehen; was im Übrigen nicht weiter von besonderem Belang ist, da sich die Botschaften (die dem Autor

wichtig waren) nicht im Plot enthalten sein konnten, sondern unter der Oberfläche des Romans verborgen sind.

Und obwohl auch ich – wie so mancher Kollege – vor der Schilderung des Plots kapitulieren muss, so will ich dennoch versuchen, hier für einen ungefähren

Überblick  zu sorgen: Ein junger Schriftsteller, Emilio Renzi, veröffentlicht seinen ersten Roman, der von einem Ehebruch aus den vierziger Jahren erzählt.

Erst nach der Veröffentlichung lernt er den Protagonisten kennen, seinen Onkel Marcelo Maggi, der zurückgezogen in der Provinz lebt und Briefe eines

Vorfahren entziffert: Es handelt sich um Enrique Ossorio, in der Mitte des 19. Jahrhunderts Sekretär des Diktators Rosas (dazu später etwas mehr).

Das darf man sich allerdings nicht als so glatte Familiengeschichte vorstellen, wie einem das in den beiden zusammenfassenden Sätzen vorkommen mag. Als

Verfasser äußerst verschachtelter Kriminalromane hat sich RP längst einen Namen gemacht, z.B. „Brennender Zaster” (auch hier bei Ciao vorgestellt). Hier

(Familiengeschichte) wie dort (Kriminalroman) bearbeitet der Autor die Wirklichkeit mit solch entschiedener philologischer Skepsis und

historisch-kritischer Strenge, dass die Leserschaft kaum merkt, wie sie dem Autor auf den „ideengeschichtlichen Leim“ geht. Denn das muss dieser Roman

hauptsächlich sein, wenn er die ihm vom Autor zugedachte Funktion ausüben soll: Eine Ideengeschichte.

*  *  *

Aber natürlich kann es sich bei diesem Buch nicht einfach um ein einfaches Beispiel der Gattung handeln, vielmehr liegt – mehr als zwanzig Jahre nach

seinem Erscheinen in Argentinien und seinem großen Erfolg in ganz Lateinamerika – jetzt ein Prototyp eines ideengeschichtlichen Romans vor; ein Kollege

nannte ihn einen experimentellen Klassiker. An dieser Stelle möchte ich – um diese Besprechung nicht zu überladen – auf das ausführliche und

aufschlussreiche Nachwort von Leopold Federmair verweisen und das mir die Entschlüsselung des Romans erleichtert hat

Nun, der Ich-Erzähler, oben genannter junger Schriftsteller, veröffentlicht im April 1976 ein Buch unter dem Titel „Die Weitschweifigkeit des Realen”. Er

hat dafür alte Dokumente verwendet, die seine Eltern lange Zeit unter Verschluss gehalten hatten und die sich auf einen verschwundenen, wenig geachteten

Onkel bezogen. Der schlechte Ruf des Onkels rührt daher, dass er einst eine reiche Erbin heiratete, um dann mit ihrem Geld und einer Cabaret-Tänzerin

durchzubrennen; so hat es der Neffe in seinem Romandebüt geschrieben. Dessen Lektüre wiederum, veranlasste den Onkel brieflichen Kontakt aufzunehmen;

zwecks Richtigstellung. Des Onkels Heiratsabenteuer stellt sich als Manöver heraus, um eine Truhe mit dem Nachlass Ossorios, eines Ahnen der Angetrauten,

zu ergattern.

Im ersten Brief des Onkels befand sich auch ein Foto des Neffen aus seinem Geburtsjahr 1941, das auf der Rückseite mit zwei Zeilen aus einem Gedicht von

T.S. Eliot versehen ist, die auch als Motto über Piglias Roman steht: We had the experience but missed the meaning, / and approach to the meaning restores

the experience. Zwischen Onkel und Neffen entwickelt sich ein Briefwechsel. Dabei stellte sich heraus, dass sich dieser Onkel seinerseits mit

Nachforschungen über einen Verwandten beschäftigt. Es handelt sich dabei um einen politischen Exilanten, den die politischen Wirren um 1838 zunächst ins

uruguaische und später ins nordamerikanische Exil gezwungen hatten, und der in einem einsamen New Yorker Hotelzimmer sitzend, ebenfalls seine „Papiere aus

der Vergangenheit” ordnet, um unter dem Arbeitstitel „1979” einen Zukunftsroman in Form von Briefen mit verschlüsselten Botschaften an einen gleichfalls

zukünftigen Adressaten zu schreiben. So erhält der junge Autor – in dem er sich mit der Vergangenheit beschäftigt – quasi Nachrichten aus der Zukunft…

Diese Zukunft musste der Zensur als pure Fiktion vorkommen. Doch da es sich bei dem Autor um einen politischen Flüchtling handelt und da sich die Nachricht

– zwar fiktional – auf eine Zeit mitten in der Diktatur bezog, ahnen wir, wer der Adressat jener Briefe ist, die sich anscheinend in der Zeit verirrt

haben, und wem ihr Vermächtnis in der erzählten und von dem Historiker der Zukunft bereits in ihren Dokumenten antizipierten Gegenwart am Ende zufällt.

Also gibt es sie doch noch, die Geschichte, und die Erfahrung, die mit Bedeutung einhergeht, gibt es auch.

In diesem ersten Teil seines Romans inszeniert RP auf vertrackte Weise die Begegnung der Epochen als Briefwechsel zwischen Vergangenheit und Zukunft:

Aufzeichnungen Ossorios über sein Buchprojekt wechseln ab mit der Korrespondenz zwischen Onkel und Neffen, die sich ebenso wie der Historiker und sein

Gegenstand nie leibhaftig begegnen. Eine Schlüsselfigur ist der Enkel Ossorios, ein greiser, an den Rollstuhl gefesselter Senator, über dessen zwischen

Wahnsinn und Hellsicht schwankende Monologe Renzi dem Onkel brieflich Bericht erstattet. Der alte Senator glaubt sich überwacht und verfolgt, und

tatsächlich fängt ein ominöser Agent seine Briefe ab. Die Schreiben Ossorios, aus einer in der Vergangenheit geträumten Gegenwart, hält er für

verschlüsselte Botschaften eines oppositionellen Geheimzirkels und versucht verzweifelt, sie zu decodieren. So schreibt RP über die Themen des Exils, der

politischen Wirren, der Repression und Zensur, ohne eben der Zensur anheim zu fallen.

Der zweite Teil des Romans berichtet von der Reise des jungen Autors nach Concordia, dem Wohnort des Onkels, wo er allerdings nur dessen Freund und

Schachpartner Tardewski, einen exilierten Polen, antrifft, und eine Nacht mit Alkohol und langen philosophischen und poetologischen Diskussionen verbringt.

Man muss die zahlreichen Anspielungen auf die Geistesgeschichte nicht im Einzelnen nachvollziehen (können), man kann diese Seiten als Reflexion über den

Gang der Menschheitsgeschichte lesen, die sich in den argentinischen Wirren wie im Brennglas verdichtet.

*  *  *

Nun, ich bin ein geübter Leser der Lateinamerikanischen Literatur allgemein und auch der argentinischen Gegenwartsliteratur im Besonderen, gerade deshalb

muss ich zu Protokoll geben, dass dieser Roman nicht eben einfache Lesekost ist und sich vielleicht nicht ideal dazu eignet, Zugang zu diesem Autor zu

erhalten. Dazu eignet sich sein Werk „Brennender Zaster“ weitaus besser, zumal die beiden Bücher – nur auf den ersten Blick – völlig unterschiedlich und

nur scheinbar einem ganz anderen Thema zugewandt sind (siehe meine Besprechung). Doch die beiden so unterschiedlichen Romane haben sehr wohl thematische

Ähnlichkeiten.

Nicht nur der Umstand, dass in „Brennender Zaster“ der junge Reporter, der für die Zeitung „El Mundo“ über die Belagerung der schwerbewaffneten Gangster

berichtet, auch Emilio Renzi heißt, weist auf den tieferen Zusammenhang der beiden Werke. Auch hier wird der Fall nachträglich rekonstruiert, auch hier

finden sich stets verschiedene Versionen, auch hier gibt es merkwürdige, zeitlos zwischen den Epochen wechselnde Botschaften. Das Programm des Autors wird

im Zusammenklang der beiden Romane ganz erkennbar: Literatur und Geschichtsschreibung sind Versuche, eine Vergangenheit zu beleben, Versuche, die

unweigerlich künstlich sein müssen, da nur – wie im Briefwechsel – die Illusion einer Nähe und einer Gegenwart gelingen kann.

Vielleicht faszinierte mich „Künstliche Atmung“ wegen des gewagten künstlerischen Konzepts einer Ideengeschichte, aus der heraus sich ein wirklich

überragender historischer Roman entwickelt, der außerdem auch noch sehr unterhaltsam und spannend ist. Wahrscheinlich wird die Leserschaft dieser

Besprechung den Roman für kompliziert halten – und sie haben durchaus Recht; auch ich halte ihn durchaus für kompliziert. Doch das sollte nicht

abschrecken, denn man kann das Buch auf ganz verschiedene Weisen lesen; es wird erst kompliziert, wenn man es in allen Einzelheiten durchdringen möchte.

RP selbst sagte zu diesem Thema: Was die spezifischen Bezugspunkte des Romans und die verschiedenen Informationsebenen betrifft, so möchte ich wieder

einmal einen Vergleich anstrengen, der natürlich kein Werturteil über mein Buch enthalten soll, aber es ist offensichtlich, dass man Faulkners «Absalom,

Absalom» ohne weiteres lesen kann, ohne die Einzelheiten des nordamerikanischen Bürgerkriegs oder die besonderen Nuancen der sozialen Wirklichkeit des

Südens der USA zu kennen, und ich glaube auch nicht, dass es notwendig ist, ein Stendhal-Spezialist zu sein, um «Schwindel. Gefühle» von W. G. Sebald lesen

zu können, oder dass man die Wechselfälle der mexikanischen Revolution im Staate Jalisco kennen muss, um den «Llano in Flammen» von Rulfo zu verstehen

(obwohl das natürlich der Kontext ist, der die Erzählungen des Buchs und seine Sprache erklärt). Ich meine, dass keine Geschichte ihren Sinn in sich selbst

erschöpft und dass jeder Roman, der etwas anderes sucht als die (oft sehr hermetische) Selbstevidenz des journalistischen Berichts, reich an Bezügen und

Anspielungen ist.

Für mich war die Lektüre dieses Werkes, das auch schon als einer der wichtigsten lateinamerikanischen Romane der letzten Jahrzehnte bezeichnet wurde, eine

intellektuelle Herausforderung und eine Leseerfahrung der besonderen Art. Dieser manchmal auch etwas rätselhafte Roman hat mich fasziniert; vielleicht weil

er so gar nichts vom Klischee des magisch-lebensprallen lateinamerikanischen Roman hat und dennoch nicht in irgendeine der Schubladen passen will, auf die

Literaturkritiker gerne Etiketten wie Moderne, Postmoderne oder Avantgarde pappen.
Wilfried John
Künstliche Atmung
Ricardo Piglia
224 Seiten – Gebundenes Buch
Verlag: Klaus Wagenbach – Aus 2002
ISBN 3-8031-3173-1
19.50 €uro
Antiquarisch billiger