Roberto Ampuero „Der Fall Neruda“

Der Fall Neruda
Roberto Ampuero
384 Seiten – Gebundenes Buch
Verlag: Berlin Verlag – Aus 2010
ISBN: 978-3-8270-0866-4
22,- €uro
Antiquarisch Billiger

Pro:
Historischer Roman, mit einer vielschichtigen erzählerischen Struktur
Kontra:
Die Kenntnis um zeitgeschichtliche Zusammenhänge wäre nützlich

Detektiv der Geschichte
Zeitgeschichte. Wenn von Zeitgeschichte die Rede ist, wird von einem Zeitraum gesprochen, den zumindest ein Teil der Zeitgenossen bewusst miterlebt hat. Insofern kann man deswegen auch von zeitgenössischer Geschichte sprechen. Es handelt sich also nicht – wie beim Begriff Geschichte – um eine abgeschlossene oder abgrenzbare Epoche, sondern um ein, immer noch im Werden begriffener, Zeitraum, der sich im Laufe der Zeit verändert.
Die geneigte Stammleserschaft stellt sicher fest, dass ich hier schon öfters über Geschichte geschrieben habe; zuletzt hier bei meiner Besprechung über „Der Mann, der Hunde liebte“ von Leonardo Padura. Im deutschen Sprachraum wurde als Zeitgeschichte zunächst die Epoche seit dem Ende des Ersten Weltkriegs bzw. seit der Oktoberrevolution in Russland ab 1917 verstanden, das Ende des langen 19. und der Beginn des „kurzen 20. Jahrhunderts“. Neuerdings aber wird unter Zeitgeschichte die Epoche seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs verstanden, da nur noch wenige Zeitzeugen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs leben. Dies gilt besonders für diejenigen, die damals bereits Erwachsene waren oder gar in verantwortlicher Stellung standen.
Die Epoche seit 1945 ist für die meisten Europäer und Nordamerikaner eine Friedenszeit, die durch keinen großen Krieg geprägt ist. Dies gilt bedauerlicherweise für weite Teile der restlichen Weltregionen so nicht. Die sich feindlich gegenüber stehenden Supermächte USA und UdSSR schürten und führten jahrzehntelang Stellvertreterkriege überall auf der Welt. Das verschlimmerte sich noch, als sich die europäischen Mächte (vor allem Frankreich und Großbritannien) aus ihren Kolonien zurückzogen. Das entstehende Machtvakuum führte zu oft jahrzehntelangen Bürgerkriegen, in welche sich auch wieder die USA und die UdSSR einklinkten.
Die jüngeren Zeitgenossen werden unter Zeitgeschichte vielleicht Begriffe wie „Mauerfall“ oder auch „Golfkrieg“ verbinden, die noch jüngeren verbinden vielleicht Begriffe wie “Krieg gegen den Terror“ oder „Guantanamo“ damit – ganz gewiss aber den Begriff „9/11“, jene Katastrophe, die – wie nie zuvor – medial ausgebeutet wurde, um sie politisch zu verwerten. Und was wurde da nicht alles gesagt und Geschrieben! Herr Bush sprach sogar vom „Angriff auf die Zivilisation“. Nun, so schrecklich, brutal und unsinnig die Terroraktion auch gewesen sein mag, und auch wenn das Blut Unschuldiger vergossen wurde, der Angriff galt lediglich einem Geschäftshaus oder allenfalls einer privaten Organisation.
Zivilisatorischer Fortschritt und Ausdruck zivilisatorischen Handelns ist der Verzicht auf das Recht des Stärkeren, die diskursive Entscheidungsfindung, die demokratische Legitimierung von (zeitlich begrenzter) Ausübung von Macht. Dies zusammen genommen, beschreibt die großartige, zivilisatorisch wirksame Idee des Parlamentarismus. Wenn also die Zerstörung eines Geschäftshauses ein „Angriff auf die Zivilisation“ darstellt, was ist dann die Bombardierung eines demokratisch gewählten Parlaments?
Nun, auch dies geschah schon… nicht vor Ewigkeiten, sondern in der Zeit, die ich oben zeitgenössische Geschichte nannte; übrigens ebenfalls an einem 11.9. Unter tätiger Mithilfe des US-amerikanischen Geheimdienstes, putsche 1973 das chilenische Militär – unter dem Oberbefehlt Generals Pinochet – gegen die demokratisch gewählte Regierung Allendes und bombardierte den Präsidentensitz La Moneda in Santiago de Chile. Ein weiteres Merkmal der Zivilisation übrigens ist eine hochstehende Literatur; ein Indiz dafür, ist z..B. der Nobelpreis für Literatur.
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Das hier zu besprechende Buch ist kein Sachbuch, wenngleich in einem richtigen Historischen Roman durchaus sachlich richtige Fakten verarbeitet werden. Obendrein handelt es sich bei „Der Fall Neruda“ von Roberto Ampuero (RA) nicht einfach um einen Historischen Roman, sondern um einen Historischen Kriminalroman (wenn es das Genre überhaupt gibt). Sicher es gibt Krimis, die z.B. in der Römerzeit spielen (Lindsay Davis – auch hier bei Ciao vorgestellt), aber das hat – meiner bescheidenen Meinung nach – streng genommen, wenig mit Historischen Romanen am Hut. Streng genommen entspricht das Genre des Historischen Romans solchen Werken, in denen die Protagonisten tatsächliche Personen der Geschichte sind und nicht einfach die Romanzeit in irgendein anderes Zeitalter gelegt wurde.
Die historische Figur in Mittelpunkt der Handlung, ist – bei dem Titel – natürlich der Literatur-Nobelpreisträger Pablo Neruda (auch hier bei Ciao vorgestellt). Der Schriftsteller war nicht nur als Kulturschaffender politisch, sondern in einem ganz wörtlichen Sinn auch Politiker. Über die politische Haltung lateinamerikanischer Autoren, der politischen Dimension vieler Werke der Lateinamerikanischen Literatur und den Status von Autoren als moralische Instanz in vielen Ländern Lateinamerikas habe ich hier schon geschrieben und all das ist ja auch einer meiner Gründe, weswegen ich die Literaturen dieser Weltgegend so schätze. Neruda war darüber hinaus Präsidentschaftskandidat der Kommunistischen Partei Chiles, ging dann aber in die Unidat Popular und unterstütze die Wahl Salvador Allendes, der 1970 (mit den Stimmen der Christdemokraten) der erste demokratisch gewählte sozialistische Präsident wurde. Neben der historischen Figur des Dichters Pablo Neruda, gibt es den Helden des Romans: Der Ermittler Cayetano Brulé. Er ist ein gebürtiger Kubaner, der Mitte der 1950er Jahre, noch vor der Kubanischen Revolution, nach Miami ausgewandert ist und sich 1971 mit seiner chilenischen Frau in Valparaíso niedergelassen hat.
In „Der Fall Neruda“ geht es weder um eine Bluttat noch um internationale Verschwörungen; diese Dinge bilden höchstens einen diffusen Rahmen aus Zeitgeschichte, in der die Handlung spielt. RA spielt mit den Mitteln des Kriminalromans – wie so viele Lateinamerikanische Autoren; z.B. Pablo de Santis, Leonardo Padura oder Tailor Netto Diniz (alle auch hier bei Ciao vorgestellt). Wie ich in einigen jüngeren Besprechungen schon beschrieb, benutzen Lateinamerikanische Autoren in den letzten Jahren gerne das Genre des Kriminalromans, um ihn sozusagen als Vehikel der eigentlichen Botschaft zu gebrauchen. Gerade in Lateinamerika hat sich in den letzten Jahren eine Art Krimi-Literatur herausgebildet, die mehr sein will, die mehr sein muss. Die Autoren einfach als Kriminalschriftsteller zu bezeichnen, greift bei weitem zu kurz, denn diese Autoren wollen – ganz in der engagierten Tradition der Lateinamerikanischen Literatur – auf die aktuelle Wirklichkeit verbessernd einwirken.
Das trifft in hohem Maße gerade auch auf diesen Autor im Allgemeinen und auf dieses Werk im Besonderen zu. „Der Fall Neruda“ ist ein in ruhigem Rhythmus erzählter, unaufgeregter Roman, der viel Überblickswissen über zeitgenössische Zusammenhänge offenbart und so manchen „frommen Mythos“ (z.B. über den sog. real existierenden Sozialismus oder den real existierenden Kapitalismus) entzaubert. RA tastet quasi die Zeitgeschichte verschiedener Länder (z.B. Chile, Kuba, DDR, Mexiko und Bolivien) nach ihren inneren Widersprüchen ab und heraus kam, ein voll und ganz auf der Linie Ampueros liegendes Werk.
Roberto Ampuero Espinoza (RA) wurde 1953 in Valparaíso/Chile in eine Familie der Mittelschicht geboren. Zur damaligen Zeit stand die Deutsche Gemeinde in Chile (übrigens heute auch noch – aber aus anderen Gründen) in gutem Rufe und so schickten ihn die Eltern an die Deutsche Schule in Valparaiso (DSV); was offenbar kein Zuckerschlecken war. RA gibt über seine Schulzeit zu Protokoll: „Die DSV lehrte mich, diszipliniert und gewissenhaft zu sein in dem, was ich tue, keine Zeit zu vergeuden, schwierige Situationen zu bestehen, anspruchslos, einfach zu leben und in anderen Kulturen zu leben.“ Ab 1972 studierte er an der Universidad de Chile in Santiago de Chile Anthropologie und der Literatur.
Sicher konnte man sich im Chile jener Zeit nicht aus der Politik heraus halten, als Student schon gar nicht und so schloss er sich der Kommunistischen Jugend Chiles an. Am 11.9.1973 putschte das Militär und begann mit den sog. Säuberungen, denen Tausende zum Opfer fielen; auch weil viele westliche (mit den USA verbundenen) Länder ihre Botschaften schlossen und so diese Fluchtmöglichkeiten verbauten. RA hatte Glück, denn er konnte – wie sehr viele Linke – im Dezember 1973 über die Botschaft der DDR (die der BRD war geschlossen!) ausreisen (dankbar hat man das der DDR bis heute nicht vergessen). In Leipzig studierte er Journalistik an der Karl-Marx-Universität. 1974 zogen RA und Margarita Flores, die Tochter des kubanischen Generalstaatsanwaltes, die er an der Uni kennen lernte, nach Kuba und heirateten.
Seine Erfahrungen auf Kuba erschütterten schon bald nicht nur sein Kuba-Bild. Er gab zu Protokoll: „Die Regierung (die kubanische) verachtete die Oppositionellen und machte sie zu Feinden… sie ließ die Oppositionellen verhaften, erschießen und außer Landes treiben. Als ich nach Kuba kam, zeigte sich, dass die Regierung die Opposition genauso behandelte, wie die Diktatur in Chile. Nach fünf Jahren in Kuba kehrte RA 1979 in die DDR zurück. Er studierte ein Jahr Marxismus-Leninismus an der FDJ-Jugendhochschule „Wilhelm Pieck“, danach, von 1980 bis 1983, Literaturwissenschaft und Politische Ökonomie an der Humboldt-Universität und arbeitete zugleich als Übersetzer und gelegentlich für den Verlag Neues Leben als Gutachter für Übersetzungen lateinamerikanischer Literatur. 1983 verließ RA die DDR und übersiedelte in die BRD.
1993 kehrte Roberto Ampuero in sein Heimatland zurück und lebt dort als freier Schriftsteller und Kolumnist. 2006 promovierte er mit einer Dissertation über Jorge Edwards (auch hier bei Ciao vorgestellt). Von 2011 bis 2013 war RA chilenischer Botschafter in Mexiko. Im Juni 2013 wurde er zum Präsidenten des Chilenischen Kulturrates (Consejo Nacional de la Cultura y las Artes de Chile) ernannt. 1984 veröffentlichte RA unter dem Titel „Ein Känguruh in Bernau“ im Aufbau-Verlag einen Band mit Erzählungen. Sein erster Roman „Der Schlüssel liegt in Bonn“ erschien 1993, als erster einer Serie von Kriminalromanen mit dem Detektiv Cayetano Brulé als Titelhelden. Seitdem sind fünf weitere Romane in dieser Serie erschienen, zuletzt im Jahr 2008 „Der Fall Neruda“.
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Vor diesem Hintergrund spielt „Der Fall Neruda“, der bereits der sechste Teil der Cayetano-Brulé-Serie ist, inhaltlich aber erstmals ganz an den Beginn der Karriere des Privatdetektivs führt. In Form einer ausgedehnten Rückwendung erinnert sich Cayetano daran, wie ihm ausgerechnet die Dichter-Legende und nationale/internationale Berühmtheit Pablo Neruda seinen ersten Auftrag erteilte und wie seine Karriere als Privatdetektiv begann. Die Romanfigur Neruda träumt von einem Nachkommen (die einzige Tochter der historischen Person Neruda, wurde mit einer Behinderung geboren und starb im Alter von acht Jahren). Die Romanfigur Neruda will glauben, dass ihm irgendwo auf der Welt (und Neruda war ja wirklich ein Weltreisender) eine seiner vielen Geliebten, ein Kind geboren hat und er will ausgerechnet Cayetano Brulé damit beauftragen, dies in Erfahrung zu bringen.
Cayetano Brulé ist ein Anfänger auf dem Gebiet der Ermittlungsarbeit, obendrein ist er arbeitslos ist und seine Ehe liegt in Trümmern… er hat nichts Besseres zu tun, also nimmt er den überraschenden Auftrag an. Weil er aber keine Ahnung vom Detektiv-Dasein hat, versucht Neruda, ihm mit den Mitteln der Literatur beizuspringen und empfiehlt ihm die Werke von Georges Simenon und dessen Kommissar Maigret. Eine Lektüre, die schnell auf eine weitere Bedeutungsebene des Romans führt. RA verschiebt die hierzulande übliche Perspektive: Der alles beherrschende Norden wird zum Rand seiner literarischen Welt.
Im Zentrum steht Lateinamerika mit all seinen kulturellen Differenzen und mit seinem Chaos. RA gibt zu Protokoll: „Genau wie die Herren Dupin und Sherlock Holmes konnte Maigret nur in stabilen, geordneten Ländern wie den Vereinigten Staaten oder Frankreich auf seine Weise ermitteln, dort, wo eine vernunftgesteuerte Philosophie die Existenz der Menschen lenkte (…). In Lateinamerika dagegen, wo Improvisation, Willkür und Korruption die Regel waren, war alles möglich. Da, wo ein kommunistisches Land, moderne kapitalistische Metropolen, Ländereien mit feudaler Ausbeutung oder sogar Sklaverei und Urwälder, in denen die Geschichte seit der Steinzeit stehen geblieben zu sein schien, nebeneinander existierten, halfen europäische Detektive auch nicht weiter. So einfach und brutal verhielt es sich.“
Derweil spitzt sich die politische Situation in Chile zu und dem Detektiv ist es nicht unangenehm, dass er auf seiner Suche, ins Ausland reisen muss, was ihn nach Mexiko, Kuba, in die DDR, nach Bolivien und schließlich wieder nach Chile führt. Ob er am Ende die Frau gefunden und scheinbar Gewissheit über die Identität ihrer Tochter erlangt haben wird, lasse ich hier mal offen… das Ende des Romans ist allerdings Zeitgeschichte: In Chile hat das Militär die Macht übernommen und der Ermittler trifft den Dichter nicht mehr lebend an.
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Manch ein hartgesottener Krimi-Fan wird enttäuscht sein, dass es in diesem, als Krimi daher kommenden Werk, keine blutüberströmten Leichen, handgreifliche Auseinandersetzungen oder actiongeladenen Verfolgungsjagdten gibt. Allerdings sollte nicht vergessen werden, was ich oben zur Bedeutung des Krimi-Genres in der Lateinamerikanischen Literatur anmerkte. Dem Autor geht es um sehr viel mehr, als uns nur gut zu unterhalten; was ihm ohne Zweifel gut gelang. Der historisch-politische-geografische Rahmen ist immens und so reicht also eine nur durchschnittliche erzählerische Begabung nicht aus, diesen Rahmen adäquat auszufüllen.
Auch die an sich dünne Handlung, der Plot, ist nicht geeignet, den oben angesprochenen Krimi-Fans Schweißtropfen der Spannung auf die Stirn zu treiben. Dem Autor geht es um Anderes. Stellen wir uns den Roman als Gebäude vor, dann werden wir zunächst der Fassade ansichtig. Niemand wird auf den Gedanken kommen, damit alles über das Gebäude zu wissen… wir ahnen, dass es da vielleicht verwinkelte Flure, düstere Keller oder einen staubigen Dachboden geben wird; die Fassade, also der Plot des Romans, ist nur Oberfläche.
Beginnen wir ausnahmsweise mit dem Dachboden. Um im Bild zu bleiben: Wir schreiben den Dachböden die Bedeutung als Aufbewahrungsort vieler (vielleicht auch der Vergessenheit anheim gegebener) Erinnerungen zu. Hierher gehört alles in diesem Roman, das mit Pablo Neruda in Zusammenhang steht; die Hauptebene. AR gibt zu Protokoll, dass es eine Herausforderung war, Pablo Neruda in den Mittelpunkt eines Romans zu stellen und in der Heimat zu veröffentlichen; „In Chile“, sagt RA, „ist jeder Zweite Neruda-Experte“. Gewiss, Pablo Neruda, der in Chile längst eine Legende ist, ist schon mehrfach Gegenstand literarischer Verarbeitungen gewesen (z.B. „Mit brennender Geduld“ von Antonio Skarmeta – auch hier bei Ciao vorgestellt) und man wird fragen, wieso das denn eine Herausforderung sei. Nun, das Buch ist keine Hommage an die moralische Instanz Neruda und es war ein Wagnis, am Denkmal des Dichters zu kratzen.
Genau das macht RA, indem er seinen Detektiv auf dem Dachboden der verdrängten Erinnerungen stöbern lässt und der prompt fündig wird: Zum Vorschein kommt Nerudas Verhältnis zu den Frauen in seinem Leben, die er – um seine Karriere voranzutreiben oder seine Phantasie zu beflügeln – ausbeutete und fallen ließ, wenn sie ausgedient hatten. „Ich hatte viele Geliebte in meinem Leben“, sagt der alte Dichter dem jungen Detektiv Brulé, „ohne sie hätte ich keine Gedichte geschrieben.“
In den verwinkelten Fluren unseres Romangebäudes spielen sich die Irrungen und Wirrungen der manchmal etwas sprunghaft erzählten Handlung ab. Natürlich geht die Suche nicht vonstatten ohne Aufsehen zu erregen. Und ein Fremder in Kuba oder der DDR konnte sich nicht unbemerkt bewegen wie er wollte; immerhin hat der Autor lange genug im Leipzig der 1970er Jahre gelebt, um Kenntnis vom Vorhandensein der Stasi zu haben. Das fließt natürlich in die Handlungsabläufe mit ein.
Schließlich ist da noch der düstere Keller der Zeitgeschichte. Die Ermittlungsarbeit wird zur Fläche, auf der RA die politische Stimmung des Jahres 1973 in Chile sowie in den anderen Ländern, in die Cayetano reist, projiziert. Der Autor hinterfragt das Dilemma der politischen Aktivisten, die vor der Entscheidung stehen, in den Untergrund zu gehen und die Waffen zu ergreifen oder sich resigniert zurückzuziehen. Die literarische Verarbeitung großer geschichtlicher Ereignisse verbindet der chilenische Autor in allen seinen Romanen mit dem persönlichen Schicksal einzelner Menschen. RA geht es in seinem Roman offenbar auch darum, Lateinamerika in all seiner Vielfalt und in allen Verwerfungen – vor dem Hintergrund der historischen Ereignisse – besser zu verstehen.
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Für mich ist es ein klarer Fall: RA ist mit der Materie vertraut und das merkt man dem Roman an und er könnte noch mehr in den oben erwähnten Rahmen packen. Dass er es nicht getan hat, macht das Buch besser lesbar; manchmal ist eben weniger mehr. Das gilt sowohl für die politischen als auch die historischen Zusammenhänge. Nach meinem Empfinden gibt RA gerade genug von seinen (wahrscheinlich auch bitteren) Erlebnissen jener Vergangenheit mit in sein Werk.
Viel wichtiger war für mich, dass ich das Buch trotz meines politischen Bildes von Pablo Neruda und trotz meiner uneingeschränkten Bewunderung seines Werkes, ohne inneren Widerwillen zu empfinden, lesen konnte. Es gelingt RA mit viel Feingefühl den Dichter als einen großen Intellektuellen darzustellen, der nicht nur in seinem politischen Leben und seinem Verhältnis zum Sozialismus widersprüchlich agierte, sondern dies ebenso sehr im Privatleben tat; er stellte dies dar, ohne Anklage zu erheben oder sich um Rechtfertigung zu bemühen. Insofern befreite er Neruda vielleicht sogar von seinem schweren Denkmalsockel. Es schadet Nerudas Gedichten nicht, zu lesen, dass ihr Autor sich hin und wieder wie ein Arschloch verhielt und der Nobelpreisträger auf sein menschliches Maß reduziert wird.
„Der Fall Neruda“ ist für mich eines jener Bücher, in denen sich mir geschichtlich eine Welt spiegelt. Mir begegneten hier, mir sympathische Menschen wie Che Guevara, Neruda und Salvador Allende und ich weilte gedanklich in Ländern, mit denen mich teils intellektuell, teils persönlich vieles verbindet. Dass mir die politische Haltung des Autors sympathisch ist, muss ich vielleicht nicht extra betonen, aber es deswegen anfügen, weil es unterschwellig auch um einen politischen Diskurs über Kommunismus und den Kapitalismus geht.
Ich erlebte den Autor nicht als experimentellen Sprachkünstler, sondern als einen, der sich auf erprobte Erzählstrategien verlässt, um sich auf eine klar verständliche Darstellung der Inhalte konzentrieren zu können. RA besitzt offenbar eine sehr genaue Vorstellung davon, was er den Lesern vermitteln will und was nicht. Es geht ihm nicht um die Erklärung der Welt, sondern darum internationale politische Zusammenhänge, kulturelle Eigenarten und menschliche Grundzüge zu beschreiben und die Bewertung uns Lesenden zu überlassen. Natürlich wird ganz nebenbei auch noch ein Fall gelöst, den RA spannend erzählt. Das ergibt – trotz all der zu beachtenden Ebenen – ein flüssig zu lesendes Buch, das mich glänzend unterhielt.

Wilfried John