Roberto Bolaño „2666“

2666
Roberto Bolaño
1096 Seiten – Gebundenes Buch
Verlag: Hanser – Aus September 2009
ISBN: 3-4462-3396-2
29,90 €uro
Antiquarisch billiger

Pro:
Erschütternd, traurig, zornig, ratlos machend  –  trotzdem begeisternd
Kontra:
Weit über 1000 Seiten wollen gelesen und verstanden werden
Der Wahnsinn alltäglicher Wirklichkeit

Verbrechen. Unter einem Verbrechen wird gemeinhin ein schwerwiegender Verstoß gegen die Rechtsordnung einer Gesellschaft oder die Grundregeln menschlichen Zusammenlebens verstanden. Allgemein gesprochen handelt es sich um eine von der Gemeinschaft als Unrecht angesehene und von ihrem Gesetzgeber als kriminell qualifizierte und mit Strafe bedrohte Verletzung eines Rechtsgutes durch den von einem oder mehreren Tätern schuldhaft gesetzten, verbrecherischen Akt. So versteht denn auch die Rechtswissenschaft unter einem Verbrechen in erster Linie die strafbare Handlung (Straftat) als solche.
Das Wissen um den Zusammenhang von Wirtschaft und Gesellschaft ist mittlerweile so zum Allgemeingut geworden, dass man sich darüber wundern muss, warum sich Gesellschaften eine Politik einfach gefallen lassen, die offensichtlich gegen sie gerichtet ist. Offensichtlich ist es den interessierten Kreisen durch jahrelanges mediales Abrichten gelungen, solche Krisen als Naturereignis zu betrachten, gegen das man schließlich auch nichts machen kann. Vielleicht trifft das auch zu… wenn man am System nichts ändern will.

Nun, es ist allgemein bekannt: die Wirtschaft ist (wieder einmal) in einer Krise. Großunternehmen, Banken und Versicherungen erpressen Regierungen zur Zahlungen von Hunderten von Milliarden Euro. Mit Täuschung und Erpressung zwingen Konzerne ganze Belegschaften zum Verzicht auf tarifliche Leistungen. Regierungen betreiben Sozialabbau – der neoliberalen Ideologie verpflichtet – und begründen diesen mit Einnahmeverlusten beim Steueraufkommen; die nicht zuletzt auch durch Steuerhinterziehung und –flucht zustande kommen.
Meine Verwendung von eindeutig besetzten Begriffen wie Täuschung und Erpressung, deutet an, dass hier nicht nur „Naturgewalten“ am Werke sind. Viele der wirklichen Ursachen dieser und anderer Krisen sind auf kriminelle Handlungen zurückzuführen; was aber öffentlich eher selten erwähnt wird. Man ist sich gewiss sicher, dass das (noch) nicht auf den Gleichmut des Volkes treffen würde. So kommt es zustande, dass faktisch nichts gegen die Verursacher der Wirtschaftskrise getan wird, jedoch den Opfern der Wirtschaftskrise die Sanierung der Staatshaushalte aufgebürdet werden. Mehr und mehr Menschen (weltweit und in unserem Lande) fallen in persönliche Not und familiäres Elend; mit vorhersehbaren Folgen für den Sozialen Frieden. Die Entsolidarisierung – ohnehin schon schlimm – wird noch weiter verschärft (Zweiklassen-Medizin etc.).
Verbrechen. Nun, offenbar werden – auch in einem Rechtsstaat, in dem wir ja laut Verfassung leben – beträchtliche Unterschiede gemacht. Denn wie es die Definition schon sagt, obliegt es dem Gesetzgeber zu qualifizieren was denn bitteschön kriminell ist und das dann mit einer entsprechenden Strafe zu belegen; respektive überhaupt erst einmal zu verfolgen. Und die Medien? Na ja, ich wünschte mir, dass gewisse auflagenstarke Blätter und einschlägige Nachrichtensender auch mal tagelang über die Finanz-Abzocker-Bande so berichten würden, wie sie unlängst hinter ein paar entflohenen Sträflingen her waren. Das würde vielleicht das Unrechtsbewusstsein der Bevölkerung schärfen…
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Anlass für diese Einleitung ist – wie sich meine Leserinnen und Leser sicher schon denken werden – ein Buch; das stimmt. Natürlich ist es kein Buch über Kriminaltheorie, sondern einen (um es vorweg zu nehmen) großartigen Roman eines chilenischen Schriftstellers; wiewohl man es dennoch nicht als ein normales Werk der Lateinamerikanischen Literatur bezeichnen kann. Das hat sowohl damit zu tun, dass der Autor seine Romane in Spanien schrieb, als auch damit, dass das Werk nichts mit dem – mit der Lateinamerikanischen Literatur im Allgemein in Zusammenhang gebrachten – Magischen Realismus zu tun hat. Nach der Meinung prominenter Sachverständiger, stellt das vorliegende Werk die endgültige Überwindung des Magischen Realismus in der Lateinamerikanischen Literatur dar.
Damit halten wir ein besonderes Stück moderner Literatur in Händen, für das noch eine Bezeichnung gefunden werden muss. Dieses Werk ist obendrein auch nicht eindeutig einer bestimmten Literatur-Gattung zuzuordnen und die Sachverständigen sind sich nicht einig, ob es denn nun überhaupt ein Roman ist. Nun, ich meine, wir sollten uns der Bezeichnung anvertrauen, welche der Autor selbst für sein Werk verwendete und Roman dazu sagen. Ich füge allerdings an, dass es sich bei dem Werk in der Tat nicht um EINEN Roman handelt, sondern um fünf Romane; denn so hat Roberto Bolaño (RB) sein Werk „2666“ ursprünglich veröffentlichen wollen.
Angesichts der Möglichkeit seines nahen Todes hatte RB Anweisung gegeben, die fünf Teile seines Romans als fünf Einzelbände zu veröffentlichen, schrieben die Erben des Autors in einer Vorbemerkung zur Erstausgabe; die auch der Deutschen Erstausgabe vorangestellt ist. Kurz vor seinem Tod habe RB diese Entscheidung auch seinem Verleger mitgeteilt und geglaubt, so die beste Lösung für die finanzielle Sicherheit seiner Kinder gefunden zu haben. Doch diese haben posthum den Entschluss des Autors revidiert und entschieden, das Werk sei in voller Länge in einem einzigen Band zu veröffentlichen, so wie RB selbst es getan hätte, wäre seiner Krankheit nicht der schlimmstmögliche Verlauf beschieden gewesen. Dementsprechend liegt uns nun ein sich über 1000 Seiten ausbreitendes Mammutwerk vor.
Ich möchte den Versuch wagen, dieses Werk zu besprechen, oder besser gesagt, zu würdigen; dies ist das Wort, das mir beim lesen des Romans immer in den Sinn kam, wenn ich in Nebengedanken an eine zu schreibenden Rezension dachte. Würdigung ist auch der Begriff, den ich auf den Autor und sein Gesamtwerk anwenden muss, da RB mit der Arbeit an „2666“ begann, als ihm schon seine tödliche Lebererkrankung diagnostiziert worden war und er somit seine letzten Jahre mit diesem Werk zubrachte. Aber RB beschäftigte sich, wie sein Freund Ignacio Echevarria in einem erhellenden Nachwort schrieb, sehr viel länger mit diesem Roman und so reichen Konzeption und Entwurf weit im Gesamtwerk zurück. Somit könnte man sagen: Mit der Würdigung dieses Buches, ist eine Würdigung des Gesamtwerkes und seines Autors verbunden.
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Nicht nur weil ich den mittlerweile verstorbenen Autor mit dieser Besprechung würdigen möchte erscheint es geraten, dass wir uns seine biographischen Daten genauer ansehen, sondern auch deswegen, weil in seinen Aufzeichnungen zwei kleine Notizen gefunden wurden. Erste Bemerkung: „Der Erzähler von „2666“ ist Arturo Belano“; es handelt sich dabei um eine Romanfigur eines seiner früheren Romane, dem starke autobiographische Züge zugeschrieben werden. Zweite Bemerkung (mit dem Zusatz „für den Schluss von „2666“): „Und das ist alles, Freunde. Ich habe alles getan. Ich habe alles erlebt. Wenn ich die Kraft dazu hätte, würde ich weinen. Lebewohl sagt Euch Arturo Belano.“ Wer Augen hat zu lesen, wird erkennen, dass Roberto Bolaño und Arturo Belano sich in einer gewissermaßen „intellektuellen Verwandtschaft“ befinden; ein erneuter Hinweis darauf, dass zum Verständnis eines Werkes, die biographischen Daten des Autors wichtig sind. Deswegen also hier die Biographie des Autors:
Roberto Bolaño (RB) wurde 1953 in Santiago de Chile als Sohn einer Lehrerin und eines LKW-Fahrers (der auch sich aber auch als Boxer betätigte) geboren. Er verbrachte seine Kindheit südlich der Hauptstadt in der Provinz. In Santiago de Chile ging er zur Schule… als Kind leidet er unter Legasthenie. Mit zehn Jahren beginnt er, für eine Buslinie Fahrkarten zu verkaufen. Im jugendlichen Alter von 15 sollte er lernen müssen, was es bedeutet in der Fremde zu leben, da seine Eltern aus beruflichen Gründen nach Mexiko-City gingen. Dort gilt der Teenager bei Schulkollegen als verschrobener Außenseiter, verbringt er doch fast seine ganze Freizeit lesend in einer öffentlichen Bibliothek. In Mexiko waren unruhige Zeiten angebrochen und er musste 1968 den blutig niedergeschlagenen Studentenaufstand miterleben. Seine Jugendjahre in Mexiko waren auch von seiner Politisierung geprägt.
RB bezeichnete sich damals selbst als Trotzkisten und selbstverständlich war er Anhänger von Salvador Allende.1972 kehrt er nach Chile zurück – durchquert halb Lateinamerika per Bus und Autostopp, von der Hoffnung getrieben, die Visionen des sozialistischen Präsidenten Salvador Allende vor dem drohenden Untergang zu bewahren. RB hatte den Traum von einem lateinamerikanischen Sozialismus, dem er immer treu bleiben sollte. Nachdem sich General Augusto Pinochet am 11. September 1973 an die Macht geputscht hatte, entgeht RB nur um Haaresbreite einem Schicksal, wie es Studenten und Pinochet-Gegner tausendfach ereilt: über Nacht zu verschwinden, in irgendeinem Folterkeller mit Elektroschocks traktiert und schließlich in einem Massengrab verscharrt zu werden.
RB wurde zwar verhaftet (nach eigenen Angaben warf man ihm vor gefälschte Papiere zu haben… was natürlich völlig unsinnig war, da er mit eben jenen Papieren kurz zuvor vorschriftsmäßig eingereist war), im Gefängnis war er aber „nur“ für wenige Tage, doch die Erlebnisse waren traumatisch. Mit viel Glück und unverhofft kam er frei. Sofort verließ er das Land; diesmal für immer. Eigentlich war sein Ziel Spanien, das Land seiner Großeltern, doch dort herrschten noch die Faschisten unter Franko.
Nach einem kurzen Intermezzo bei linksradikalen Guerilleros in El Salvador (die später eine seiner Freunde ermordeten) kehrte er wieder nach Mexiko zurück und ging dann über Italien nach Portugal, das nach der Nelkenrevolution 1974 wieder frei von Faschisten war. 1975, nach Francos Tod, gelangte RB schließlich nach Spanien, wo er sich in Blanes/Costa Brava niederließ. Er war ein Habenichts und musste sich mit Gelegenheitsjobs als Hafenarbeiter oder als Nachtwächter durchschlagen; hier hatte er wenigstens die Möglichkeit ungestört zu schreiben.
RB beteiligte sich bei allerlei literarischen Wettbewerben und in den 1980er Jahren begann er dann auch allmählich Erfolg zu haben. Wenn der Erfolg für einen 30jährigen meist gerade zur rechten Zeit kommt, so kam er im Fall RB fast zu spät. Er, der (fast) Hoffnungslose, wurde als große Hoffnung der spanischsprachigen Literatur, als bester lebender Autor aus diesem Sprachraum gelobt. Nach der Diagnose eines unheilbaren Leberleidens schrieb er mit der Krankheit um die Wette. In kurzen Abständen erschienen seine Bücher „Die Naziliteratur in Amerika“, „Stern in der Ferne“, „Telefongespräche“, „Die wilden Detektive“ und „Amuleto“.
RB lebte nicht lange genug. 2003 starb er, nur 50 Jahre alt, an einem Leberversagen in einem Krankenhaus in Barcelona; vergeblich hatte er auf ein passendes Transplantat gewartet. Aber er hinterließ zwei weitere fertige Bücher. Zum einen war das „Der unerträgliche Gaucho“ (auch hier bei Ciao vorgestellt) und zum anderen das Buch um das es im Folgenden gehen soll: Sein Hauptwerk „2666“, das im vergangenen September endlich in Deutscher Übersetzung erschien.
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Das hier zu besprechende Buch wird in der Kritik allseits als des Autors Meisterwerk bezeichnet, auch wenn er es nicht ganz zu vollenden vermochte. Wir haben es also eigentlich mit einem Romanfragment zu tun und es sei – durchaus auch kritisch – angemerkt, dass es die Frage ist ob die einzelnen Romane auch als einzelne selbständige Publikationen gewirkt hätten, oder ob RB wirklich nur finanzielle Interessen mit dieser Aufteilung verfolgte. Da die Verleger anscheinend mit Aufzeichnungen und losen Manuskriptteilen gearbeitet haben, ist zudem die Frage berechtigt, inwiefern noch an den einzelnen Teilen nachgearbeitet, in eine andere Reihenfolge gebracht oder weggelassen wurde, bis die Version fertig gestellt wurde, mit der wir uns nun befassen. Nun, wie dem auch sei, heraus gekommen ist ein großartiges, komplexes Werk, das die Bezeichnung Weltliteratur wahrlich verdient.
Wie schon gesagt, besteht der Roman aus fünf Teilen und ich möchte hier einen inhaltlichen Überblick versuchen. Dabei ist es natürlich zweckmäßig, dass ich mich an die vorgegebene Reihenfolge der einzelnen Romanteile halte, wiewohl das auch irgendwie vergebliche Mühe ist, da so die Verzahnung der einzelnen Abschnitte (oder der einzelnen Romane?) nicht recht in Szene zu setzen ist:
1. Teil: Der Teil der Kritiker
Im ersten Teil verfallen, unabhängig voneinander, vier Akademiker – ein Franzose, ein Spanier, ein Italiener und eine Engländerin – dem Werk und der Person eines (fiktiven) Schriftstellers namens Benno von Archimboldi. Sie lernen sich auf Literaturkongressen kennen, befreunden sich und haben keinen Zweifel: Der vom Publikum weitgehend ignorierte über achtzigjährige Deutsche ist der bedeutendste lebende Autor überhaupt. Im gleichen Maß wie die vier auf den Kongressen ihre Ansicht verfechten, in dem sie sich immer wieder gegenseitig bestätigen und ihre Ansichten gegen die Zweifel anderer Kritiker verteidigen, im gleichen Maß wird ihre Beziehung zueinander intensiver.
Aus der zunächst beruflichen Beziehung der Vier, entwickelt sich (vorhersehbar) eine komplizierte Liebesgeschichte; drei Männer und eine Frau, wobei sich die Geschichte vordergründig zunächst zwischen dem Franzosen, dem Spanier und der Britin abspielte. Der Italiener, durch seine Behinderung in der Gruppe eher der ruhende Pol, blieb dabei im Hintergrund. Die Arbeit der Gruppe allerdings ging weiter wie eh und je und wurde von Erfolg gekrönt: In Fachkreisen begann man „ihren“ Schriftsteller zu bewundern und schließlich wurde er für den Nobelpreis nominiert.
Aber der Autor war ein Verschwundener. Niemand scheint seine Biographie zu kennen, niemand kennt seinen Aufenthaltsort, niemand kennt die wahre Identität, denn eins scheint sicher: Benno von Archimboldi ist ein Pseudonym. Die Vier beschließen, das Rätsel seiner Identität zulösen und machen sich wie Detektive an die Arbeit. Sie finden Spuren, die sich aber stets verlieren. Die Witwe des Verlegers tut geheimnisvoll, aber verrät nichts… das Schicksal des Schriftstellers bleibt undurchdringlich.
Irgendwann erfahren die selbst ernannten Archimboldi-Detektive, dass der Gesuchte angeblich in die nordmexikanische Stadt Santa Teresa gereist sei. Hinter dem fiktiven Namen verbirgt sich das reale Ciudad Juárez, die Stadt am Rande der Sonora-Wüste, in deren Umgebung die Mordserie an hunderten von Frauen wütet. Drei der vier Literaten reisen nach Mexiko, wo ihre Energie inmitten flimmernder Wüstenhitze allmählich verdunstet. Und Archimboldi bleibt unauffindbar – ein Autor auf der Flucht vor der eigenen Bedeutung, ein Künstler, der sich der Sucht nach Personalisierung und massenmedialer Ausschlachtung entzieht, indem er im Nirgendwo verschwindet.
Der erste Teil des Romans ist nicht nur eine hinreißende Parodie auf den akademischen Literaturbetrieb (RB setzt hier quasi seinen anderen Großroman „Die wilden Detektive“ fort, in dem oben erwähnter Arturo Belano auftritt), sondern zeigt auch eine von des Meisters großen Stärken: die Schilderung tragik-komischer Liebesbeziehungen und bisweilen skurriler Sex-Szenen. RB führt quasi hinterrücks seine Auffassung von Literatur aus, die nicht losgelöst von der Wirklichkeit sein soll, in dem er die Literaturprofessoren als Loser charakterisiert. Dieser, fast 200 Seiten umfassende, erste Teil des Werkes ist köstlich und unterhaltsam zu lesen
2. Teil: Der Teil von Amalfitano
Das zweite Kapitel erzählt von einem in Santa Teresa lebenden und an der dortigen Universität arbeiteten chilenischen Literaturprofessor Amalfitano, der aus Santiago de Chile flüchten musste und in Barcelona/Spanien Unterschlupf fand, bevor er von der mexikanischen Universität angeworben wurde. RB setzt hier seine Kritik am Literaturbetrieb fort; diesmal allerdings nicht aus der Sicht eines Menschen der mitmischt (wie die vier Literaturprofessoren), sondern aus der Sicht von jemandem, der unter der Inkompetenz, den Machenschaften und der Ignoranz leidet.
RB erzählt eindringlich einen Teil der Lebens- und Leidensgeschichte dieses Mannes und dessen Tochter Rosa, die in diesem Teil zwar eine eher nebensächliche – aber dennoch nicht unwesentliche – Figur ist, welche des Professors universitäres Leben mit der Lebenswirklichkeit junger Leute verbindet; im weiteren Verlauf des Romans noch eine wichtige Rolle spielen wird. Am Ende dieses Kapitels geht es RB offenbar darum, auch die geistige Zerrüttung einer intellektuellen Persönlichkeit mit hohen Idealen zu zeigen, denn Amalfitano beginnt Stimmen zu hören, besser gesagt, die Stimme seines Großvaters.
Auf den knapp 80 Seiten dieses Teils, zeigt RB die Lebensgeschichte eines Lateinamerikanischen Intellektuellen, welche die Enttäuschungen der linken lateinamerikanischen Intelligenzija widerspiegelt, deren politische Ideale unter dem Ansturm von Diktaturen, Gewaltexzessen und Korruptionsskandalen in sich zusammengebrochen sind und die zu gebrochenen Persönlichkeiten werden. Offenbar floss in dieses Kapitel viel Autobiographisches ein.
3. Teil: Der Teil von Fate
Das dritte Kapitel, mit etwas mehr als 40 Seiten das kürzeste, dreht sich um einen schwarzen Journalisten namens Fate. Er schreibt für eine in Harlem/New York erscheinende Zeitung, die wohl vorwiegend für ein Schwarzes Publikum publiziert wird. Fate ist eigentlich zuständig für politische und soziale Themen und vertritt sozialkritische Ansichten; geprägt vom Minderheitenproblem als Schwarzer in den immer noch weiß beherrschten USA. Er hat eben einen Artikel über Barry Seaman, einen der Gründer der Black Panther, beendet, als ihn sein Chef beauftragt, ohne Umweg über NY, direkt von Chicago nach Mexiko zu reisen.
Da der Sportreporter der Zeitung ermordet wurde und niemand anders zur Verfügung steht, soll Fate von einem Boxkampf zu berichten, den ein New Yorker Boxer gegen einen Mexikaner in Santa Teresa austragen soll. Schon auf dem Weg, kurz vor der Mexikanischen Grenze, erfährt er beiläufig von den unaufgeklärten Frauenmorden; die ihn eigentlich mehr interessieren als der schnöde Boxkampf. Später taucht er ein in die Szene von Santa Teresa und erlebt, dass es in der sog. modernen (auch in der mexikanischen) Gesellschaft nur um Ablenkung geht; Ablenkung mit allen Mitteln. Auch Rosa, die Tochter des Literaturprofessors Amalfitano, ist in dieses Fahrwasser geraten.
Fate lernt im Hotel der Sportjournalisten eine mexikanische Journalistin kennen, die eigentlich über die Frauenmorde recherchieren will… und das Sportereignis sozusagen als Deckung nimmt; der Kollege, der das Thema vor ihr bearbeitete, wurde in Mexiko City offenbar gezielt liquidiert. Sie erzählt ihm von einem inhaftierten Hauptverdächtigten, den sie im Gefängnis interviewen will und bittet ihn, sie zu ihrem Schutz zu begleiten. Fate willigt ein, denn er möchte viel lieber über die Morde an den Frauen aus den Maquiladoras berichten. Doch er wird von seinem – nur auf die Spesen und die Auflage schielenden – Chefredakteur nach New York zurück befohlen.
Dieser Teil ist als eine Abrechnung mit den Medien zu lesen. Auf wenigen Seiten demontiert RB den Mythos von journalistischer Aufklärung (lohnenswert zu lesen). Wie ich in der Einleitung schon schrieb, sind gewisse auflagenstarke Blätter und einschlägige Nachrichtensender nicht an Aufklärung interessiert, sondern die kommerziellen Medien – oder besser die Kapitalisten, die sie besitzen – stützen das System und schonen Ihresgleichen. Nur nicht zu viel Information für die Massen; sie könnten ihre Schlüsse daraus ziehen…
4. Teil: Der Teil von den Verbrechen
In diesem, ca. 350 Seiten umfassenden, Teil des Romans geht es natürlich um die reale Mordserie. Am 23. Januar 1993 wird im realen Ciudad Juárez auf einem unbebauten Grundstück die Leiche von Alma Chavira Farel gefunden. Die Dreizehnjährige ist vergewaltigt, gefoltert und erwürgt worden. Offiziell ist dies der Auftakt zu der wohl unheimlichsten Mordserie in der Kriminalgeschichte. Sie ist deswegen der Auftakt, weil diese Leiche quasi zur Leiche Nr. 1 erklärt wird; niemand kann wissen, wann die Serie wirklich begonnen hat und wie viele ungezählte Leichen es vorher schon gab (außer vielleicht der Mörder… wenn die Morde von einem Einzeltäter begangen wurden).
Während der folgenden Jahre findet man Hunderte misshandelter und ermordeter Frauen, fast alle aus der Unterschicht; hauptsächlich Arbeiterinnen aus den Maquiladoras – so werden in Mexiko die sog. Exportproduktionszonen genannt, in denen keinerlei Arbeitsrecht gilt und in denen von meist us-amerikanischen Firmen aus rechtlosen Menschen die Arbeitskraft bis zum bloßen Mensch-Sein herausgepresst wird (Anhang1). Über die Frauenmorde in Ciudad Juárez sind mittlerweile mehrere Romane (z.B. „Tijuana Blues“ von Gabriel Trujillo Muñoz – auch hier bei Ciao vorgestellt), Sachbücher und Filme entstanden, doch mir scheint, nichts davon ist an Eindringlichkeit mit den Beschreibungen der Mordserie in „2666“ (in diesem Roman Santa Teresa) vergleichbar (siehe auch Anhang2).
RB beschreibt in diesem Kapitel, minutiös und nüchtern wie in einer Polizeireportage, die ersten 95 Morde der Jahre 1993 bis 1997 – und mir will es so vorkommen, dass RB damit den Opfern, deren Menschsein in der Realität als ungelöste Fälle lediglich zwischen Aktendeckeln verschwanden, Identität und Würde zurück gibt; für sie war es mit der Würde zu Lebzeiten in den Maquiladoras und den Armenvierteln der Stadt schon nicht weit her.
So wie in der Realität 1995 die Polizei den angeblichen Hauptverdächtigen verhaftet, wird auch in „2666“ ein Mann namens Klaus Reiter ohne Beweise und Geständnis ins Gefängnis gesteckt. Man feiert in den Medien den Erfolg… doch, ach, die Morde gehen weiter. Stecken Nachahmungstäter dahinter? Oder gelangweilte Oberschichtzöglinge, die ein adrenalinreiches Hobby betreiben? Oder vielleicht Hersteller kommerzieller Snuff-Filme? Nun, so wie offenbar in der Realität auch, werden die Fälle nicht aufgeklärt… RB schreibt das der Interesselosigkeit der Polizeiführung, der Einflussnahme von Wirtschaftsvertretern, der Inkompetenz von Beamten oder der Unzulänglichkeit des staatlichen Apparats zu (immer wieder verschwinden z.B. Gen-Proben auf dem Weg zum Labor).
Sehr gut gefällt mir, dass RB auch die überforderten (auch zu wenigen) Ermittler zeigt, die obendrein auch ihre persönlichen Probleme nicht auf die Reihe kriegen, ihre eigenen Interessen in den Vordergrund stellen oder resignierten. Natürlich kommt auch das Thema Korruption nicht zu kurz – Drogenbarone herrschen (teils aus dem Gefängnis heraus) mit Geld und Gewalt; notfalls „verschwindet“ auch ein zu forscher Journalist. Letztlich ist auch die Zentralregierung machtlos gegen die Vetternwirtschaft in der Provinz…
5. Teil: Der Teil von Archimboldi
Der fünfte Teil des Buches schließlich, schildert auf den restlichen knapp 300 Seiten die Lebensgeschichte des ominösen Benno von Archimboldi, dessen Klarname Hans Reiter lautet. 1920 in Preußen als Sohn eines WK1-Veteranen geboren und ohne Schulbildung aufgewachsen, schlägt er sich als Knecht eines Barons durch. Er wird zwar offenbar kein Nazi, aber im Zweiten Weltkrieg kämpft er als Soldat an der Ostfront. Er entkommt der Roten Armee durch Desertieren, stellt sich der US-Army und wird in ein Gefangenen-Lager inhaftiert. Hier ermordet er einen Kriegsverbrecher, der sich unter den normalen gefangenen Soldaten versteckt.
Reiter, ein wahrer Riese von Gestalt, gelingt die Flucht aus dem Lager und er schlägt sich durch das zerstörte Nachkriegsdeutschland nach Köln durch, wo er sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hält. Hier trifft er eine junge Frau aus Berlin wieder, mit der schließlich zusammen lebt. Sein Leben stabilisiert sich und er beginnt zu schreiben. Sein erster Roman findet einen, aus dem englischen Exil zurückgekehrten, jüdischen Verleger, der von den Werken des unbekannten Autors begeistert ist; obwohl der kommerzielle Erfolg ausbleibt.
Nachdem seine Frau an einer Lungenkrankheit gestorben ist, lässt Archimboldi die Spuren seiner Existenz im Nichts verschwinden. Er hält jedoch losen Kontakt zu der Frau des Verlegers. Der Sohn der Schwester des Autors ist jener Klaus Reiter, der in Mexiko als Hauptverdächtiger der Mordserie im Gefängnis sitzt. Auf dem Flug nach Mexiko liest die Mutter einen autobiographischen Roman ihres verschwundenen Bruders (von dem sie nie wieder gehört hatte, geschweige denn wusste, dass er lebt und schreibt). Sie erkennt im unbekannten Autor den Bruder.
Schließlich setzt sich die verzweifelte Mutter mit der Verlegerin in Verbindung; so erfährt Archimboldi, dass sein Neffe Klaus Reiter, des Massenmordes angeklagt, in Mexiko einsitzt. Verzweifelt und vom Gefängnisalltag verroht, beschwört Klaus ständig eine Vision: Ein Riese wird in Mexiko erscheinen, ihn retten und die Erlittenen Kränkungen rächen. Archimboldi macht sich schließlich auf den Weg nach Mexiko…
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Wie ich bereits vermutet habe, erschließt sich aus der Beschreibung der Inhalte der innere Zusammenhang der fünf Bestandteile von „2666“ nicht eindeutig, Doch zusammenfassend kann ich sagen, dass sie vielfältig innig ineinander verschränkt sind. So wie sie aufeinander verweisen und sich gegenseitig reflektieren, war es offensichtlich doch sinnvoll, dass das Werk nicht in Teilen erschien; auch wenn 1084 Seiten gelesen werden wollen.
RB spannt in „2666“ einen Bogen zwischen zwei Zeiten und zwei Kontinenten mit ihrer jeweils erbarmungslosen Wirklichkeit, stellt einen Zusammenhang her zwischen dem mit perverser Rationalität und moderner Technologie begangenen Gemetzel des Zweiten Weltkriegs und den sinnlosen Verbrechen in der Wüstenstadt Santa Teresa – Barbarei als Selbstzweck, verübt von anonymen Mächten im Schutze öffentlicher Gleichgültigkeit und staatlicher Ineffizienz, begünstigt durch Armut und einer aus dem Ruder gelaufenen Globalisierung sowie einer, für die Täter einkalkulierbaren, meist umfassenden Straffreiheit (siehe auch „Die Füße nach oben“ von Eduardo Galeano – hier bei Ciao vorgestellt).
Zwar bilden die Morde ohne Zweifel den Kern dieses Werkes, über das Jonathan Lethem in einer Kritik für die „New York Times“ schrieb, es sei ein gewaltiger „Resonanzkörper, ein Behälter für das menschliche Leid“, das er (RB) zu bewahren suche“, aber das Buch darauf zu reduzieren wäre sicher zu wenig. Für mich beschreibt RB in der ihm eigenen Art nichts weniger – auch wenn sich das gewagt anhören mag – als den aktuellen Zustand der menschlichen Zivilisation. Und wie um selbst ein besseres Beispiel zu geben, nähert sich RB dem Martyrium der Opfer von Ciudad Juárez; vielleicht stellvertretend für alle verstümmelten, vergewaltigten, gefolterten und ermordeten Frauen der Welt und vielleicht für alle Opfer von körperlicher, seelischer und wirtschaftlicher Gewalt.
RB markiert mit seinem gesamten Werk, und erstrecht mit „2666“, den Bruch zu einer älteren Generation von Lateinamerikanischen Schriftstellern. Anders als bei dem Kolumbianer Gabriel Garcia Marquez oder dem Peruaner Mario Vargas Llosa kann man ihn geografisch nicht mehr genau einordnen; was sicherlich nicht nur mit seinem verworrenen Lebensweg zusammenhängen mag. RB ist weder ganz Chilene noch Mexikaner, weder El Salvadorianer noch ganz Spanier; ich halte ihn für multikulturell oder, besser gesagt, für ein positives Beispiel dessen, was Edouard Glissant in seinem Werk „Traktat über die Welt“ (auch hier bei Ciao vorgestellt) mit Kreolisierung beschrieb.
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Wahrscheinlich muss ich es nicht erst formulieren, dass mich dieses Werk erschüttert, traurig, zornig und ratlos gemacht hat… es mich aber trotzdem begeisterte. Das liegt für mich – der ich mich mit der politischen Haltung des Autor identifiziere – auch an der Botschaft des Buches, die allerdings nicht wie bei manchem Lateinamerikanischen Autor als Politpredigt daher kommt, sondern an der kompromisslosen Menschlichkeit, die jede Zeile einfach ausstrahlt. Zudem stimme ich mit meiner Auffassung von Literatur völlig mit RB überein; auch er weigert sich, eine klare Linie zwischen politischen Meinungsäußerungen und Literatur zu ziehen.
Ich werde mich sehr davor hüten „2666“ hier als politisches Buch verkaufen zu wollen; ein Werk solchen Umfangs muss auch unterhaltend sein, damit es gelesen wird. Das trifft – im allerbesten Sinn – auf dieses Buch uneingeschränkt zu. Trotz all seiner aberwitzigen Inhalte, strahlt der Roman eine abgründige Witzigkeit aus, die ihn insgesamt lesbar halten; wiewohl man sowieso über RB allgemein sagen muss, dass Ironie und Selbstironie zu seinen großen Stärken zählen; an denen er umso kompromissloser festhielt, je mehr er zum Kultautor wurde. RB ist für mich eine Art Lichtkuppel eines Literaturgebäudes, auf das allerdings mit „2666“ leider der Schlussstein gesetzt wurde.
Irgendwie ist das auch typisch für RB. Schon wie er aussah: dürr und mit gewaltiger Nase, stets eine Zigarette zwischen den Fingern, die langfädigen Haare ungekämmt – er gab sich nicht die mindeste Mühe attraktiv zu wirken. Er schonte sich nicht und auch niemanden anders; vor allem nicht diejenigen, denen alle anderen gerne schmeicheln: den Machern im Literaturbetrieb. Trotzdem galt RB am Ende seines Lebens als aussichtsreicher Kandidat für den Nobelpreis, und dennoch lobte die Kritik sein Gesamtwerk mit dem Ausdruck „Planet Bolaño“. Darauf angesprochen, sagte er gegenüber einem Journalisten: „Das klingt lustig. Aber mein Werk ist kein Planet, sondern höchstens ein Meteorit, und zwar ein harmloser. Einer jener Meteoriten, die auf die Erde fallen, ohne dass es jemand bemerkt. Es sei denn, sie zertrümmern den Schädel einer Kuh, dann bemerkt es wenigstens deren Besitzer.“
Nun, ich habe ihn bemerkt ohne der Besitzer einer Kuh zu sein… und für mich wurde er zum einem Stern an meinem Himmel; leider nun weiter entfernt, als dass er wärmen könnte, aber immerhin so sichtbar, dass man sich daran orientieren kann.

Wilfried John

Anhang1: Unter www.sozialismus.info/?sid=79 ist eine Rezension der Buches „No Logo“ der Journalistin Naomi Klein, in dem die skandalösen Zustände in den Exportproduktionszonen beschrieben werden, die weltweit von neoliberal orientierten Regierungen von sog. Schwellenländern für die sog. Global-Player der Unterhaltungselektronik und vor allem der Textil-Industrie eingerichtet wurden und immer noch eingerichtet werden.
Selbst der traditionell eher konservativen und neoliberal tendierenden Zeitung „Die Zeit“ ist das ein Dorn im Auge. Unter www.zeit.de/1998/21/tijuana.txt.19980514.xml?page=1 kann man einen aussagekräftigen Artikel zum Thema lesen.
Anhang2: Ein sehr aufschlussreicher Artikel über diese Mordfälle, die zum großen Teil sexuelle Hintergründe haben, ist von Amnesty International unter der Adresse: www2.amnesty.de/internet/deall.usf/0/5ff4331dce71d4cac1256e47003ba0f2?OpenDocument nachlesbar.