Roberto Bolano „Der unerträgliche Gaucho“

Botschaften aus dem Jenseits

Pro: Frecher Witz, überbordende Phantasie, traurig, komisch, satirisch und auch erotisch

Contra. Mit der Ausstattung hätte man sich etwas mehr Mühe geben können


Meinungsfreiheit. Kaum ein anderes Wort – und die dahinter stehende Haltung – ist für ein demokratisches Gemeinwesen so wichtig, wie die Meinungsfreiheit und kaum ein anderes Datum als der 10.Mai, erscheint mir geeigneter, um – einmal mehr – über dieses Thema zu schreiben. Nun, ich hätte ja auch am 23. April, an dem im Jahre 1995 von der UNESCO ausgerufenen Internationalen Tag des Buches (das ist übrigens der Todestag von Shakespeare und Cervantes) über das Thema schreiben können, doch hierzulande ist schon seit 1947 der 10. Mai als Tag des Buches ein Gedenktag; aber (vielleicht aus guten Gründen?)ist dieser Tag in der öffentlichen Wahrnehmung nicht sonderlich bekannt. Aber dieses Datum kennzeichnet einen Übergriff auf die Meinungsfreiheit, wie er in der Weltgeschichte zwar (leider) nicht einmalig ist, wie er allerdings sozusagen als Synonym – wie kaum ein anderer – für die Unterdrückung von Meinung steht: Am 10. Mai 1933 fanden im Nazi-Deutschland Bücherverbrennungen statt.

Das was man Freiheit und Demokratie nennt, basiert auf der Meinungs- und Gedankenfreiheit, also auf die Freiheit des geschriebenen oder gesprochenen Wortes. Dazu gehört – und ist damit untrennbar verbunden – eine demokratische Bildung, denn erst die Kulturtechniken des Lesens und Schreibens schaffen eine unabdingbare Voraussetzung, damit die Bürgerinnen und Bürger an der gesellschaftlichen Entwicklung teilnehmen und sie beeinflussen können. So stehen von je her Schreibende, Intellektuelle und Philosophen, als Denker die das geistige und literarische Material liefern, mit dem Bürgerinnen und Bürger  politische und gesellschaftliche Freiräume denken und sich erkämpfen können, im Fadenkreuz der staatlichen Stellen; oft genug ist dabei das Wort Fadenkreuz sehr wörtlich zu nehmen.

Für mich als Mitglied der schreibenden Zunft ist also dieses Datum 10. Mai nicht nur deshalb von herausragender Bedeutung weil es mit dem Gedenken an eine lange zurückliegende Vergangenheit zusammenhängt, sondern auch deshalb, weil das wofür es steht eben nicht nur  Vergangenheit ist: Gängelung, Bespitzelung und Verfolgung von Schreibenden, die – suchen sie nicht rechtzeitig das Weite oder finden sie kein sicheres Exil – sogar bis zur physischen Vernichtung geht, sind an der Tagesordnung (siehe auch Alfred Döblin / November 1918 – hier bei Ciao vorgestellt). Die internationale Schriftstellerorganisation P.E.N. sieht sich deshalb gezwungen, regelmäßig auf das Schicksal von verfolgten Schriftstellern aufmerksam zu machen und versucht mit der Aktion „Writers-in-Prison“ (die jeder/jede unterstützen kann – siehe auch Nachsatz *1) gefährdeten oder bereits verfolgten Kolleginnen und Kollegen zu helfen, oder wenigstens an ihnen begangene Verbrechen aufzuklären.

Offenbar sind Worte, ganz gleich ob in Printmedien gedruckter, ins WWW gestellter, verfilmter oder gesprochener Form, eine mächtige Waffe. Machthaber und Machthaberinnen in derzeit etwa 100 Ländern auf der Erde halten Worte offenbar für so mächtig, dass sie deren Urheber/Urheberinnen  – Schriftstellerinnen und Schriftsteller, Autorinnen und Autoren und natürlich Journalistinnen und Journalisten – verfolgen. Üblich dabei ist, die Verfolgten als Kriminelle abzustempeln – manche werden verhaftet, strafrechtlich verfolgt oder unter Hausarrest gestellt. Andere „verschwinden“, wieder andere werden ermordet (allein im letzten Halbjahr wurden zehn Kolleginnen und Kollegen getötet, dreizehn sind verschwunden). Karin Clark vom „Writers-in-Prison-Komitee“ erklärt, dass seit dem 11. September 2001 Terrorverdacht ein sehr beliebtes Argument für Übergriffe auf Kolleginnen und Kollegen ist und die Zahl der Fälle von Verhaftung oder Verfolgung oppositioneller Schreiberinnen und Schreiber ist drastisch gestiegen; leider auch in Lateinamerika setzen viele Staaten wieder Einschüchterung, Bedrohung, Verfolgung und Inhaftierung als Waffe gegen Oppositionelle ein und besonders die Regierungen in Kolumbien, Chile und Peru sind hier zu nennen – allesamt Länder, aus denen hervorragende Vertreter der lateinamerikanischen Literatur stammen (Gabriel Garcia Marquez, Pablo Neruda oder Mario Vargas Llosa – alle hier bei Ciao vorgestellt).

Nun, man könnte ja auf die Idee kommen, dass das weit weg passiert… und mit uns doch nichts zu tun hat. Aber grade auch hier ist die Freiheit des Wortes gefährdet, natürlich weniger durch physische Gewalt… aber es genügt als Repression und Zensur schon, wenn man mit Berufsverbot, Einschränkung von Veröffentlichungsmöglichkeiten oder teuren Gerichtsprozessen droht. Seit einiger Zeit – auch mit dem Argument Terrorgefahr – werden die Freiräume für Kolleginnen und Kollegen auch in den westlichen Demokratien enger, denn nach den Anschlägen vom 9/11 ist eine schleichende Zunahme autoritärer Strukturen (nicht nur in den USA) zu beobachten. Dabei werden allerdings nicht nur die Täter verfolgt… es zeigt sich, dass man mit dem Instrumentarium der staatlichen Zensur auch sehr gut alle sonstigen unliebsamen Meinungen bekämpfen kann – aktuell wurden mit polizeistaatlichen Methoden Gegner des G8-Gipfels, der in wenigen Wochen in Deutschland stattfinden wird, verfolgt.

Caesar soll am Morgen jenes Tages an dem er ermordet wurde einen zusammen gefalteten Zettel mit einer Warnung erhalten haben. Als man ihm den Zettel zusteckte soll er gesagt haben:  “Cras legam” – Morgen werde ich es lesen. Nun, was dann geschah, steht in den Geschichtsbüchern. Es könnte sein, dass sich Geschichte in dem Sinne wiederholt, dass wir ebenfalls “cras legam” nicht mehr können… diesmal aber, weil heute durch Zensur verhindert wurde, dass jemand etwas aufschreibt und die Folgen könnten für die Gesellschaft insgesamt ähnlich fatal sein, wie sie für Caesar persönlich     gewesen sind. Wir sollten wahrhaftige Verfassungsbürgerinnen und –bürger sein und den Artikel 5 unseres Grundgesetzes verteidigen, nach dem Zensur in diesem Land in keiner Weise stattfinden darf. Aber wie bei so vielen Rechten die nur auf dem Papier stehen aber nicht von einer aufmerksamen Bevölkerung gelebt werden, wird dieser Artikel schon seit langer Zeit mehr und mehr ausgehöhlt (siehe auch Nachsatz *2).

Und es wird schlimmer. Dem ehemaligen Richter beim Bundesverfassungsgericht und keinem geringeren als dem ehemaligen Bundespräsidenten Roman Herzog zufolge, sei unter den Bestimmungen des Artikel 5 lediglich die Vorzensur als „einschränkende Maßnahmen vor der Herstellung oder Verbreitung eines Geisteswerks“ zu verstehen und mit dem Verweis auf z.B. das jugendgefährdende Schriften, könnte eine Nachzensur sehr wohl in Einklang mit dem Grundgesetz stehen. In Wahrheit aber geht es wohl eher darum, unliebsame Meinungen zu unterbinden, welche den Interessen der Macher in Politik, Wirtschaft und Kultur widersprechen und zwar so sehr, dass sie eine Gefahr für sich sehen. Es wird also nur das verhindert, was gewisse politische und wirtschaftliche Interessengruppen des Meinungskartells für schädlich halten: z.B. wenn der heilige neoliberale G8 – Gipfel angepöbelt wird und die unsozialen Machenschaften offen gelegt werden. Auf dem Altar der Profitgier wird eben auch die Meinungsfreiheit gerne mal geopfert.

Schlimmer noch allerdings ist es, wenn sich Intellektuelle, Journalistinnen und Journalisten vor den Karren der Macht spannen lassen (es gibt nicht wenige davon) und als Experten Nichtbeweisbares beweisen wollen und uns, scheinbar gut argumentierend, einreden wollen, dass gut für uns sei, wenn es uns nicht gut geht. Weiter oben habe ich bereits von Vertreibung und Exil von Autorinnen und Autoren und von Lateinamerikanischer Literatur gesprochen… und nun will ich einen Mann zu Wort kommen lassen, der einerseits einer der brillantesten Schriftsteller der Gegenwart war und andererseits immer die Machhörigkeit verhöhnte und kein gutes Haar an solchen Kollegen der schreibenden Zunft ließ, die er in Mehrheit für bestenfalls mittelmäßig hielt. Er hatte wohl in seinem Leben genug Erfahrungen gemacht, die ihn so denken ließen:

Roberto Bolaño (RB) wurde 1953 in Santiago de Chile geboren. Hier wuchs er auf und ging zur Schule. Allerdings sollte er schon in jugendlichem Alter lernen müssen, was es bedeutet in der Fremde zu leben, da seine Eltern aus beruflichen Gründen nach Mexiko gingen und RB also mit fünfzehn Jahren Chile, seine Heimat, verließ. Es waren aber auch in Mexiko unruhige Zeiten und er musste 1968 den blutig niedergeschlagenen Studentenaufstand miterleben. Seine Jugendjahre in Mexiko waren auch von einer Politisierung geprägt und kurz vor dem Pinochet-Putsch vom 11. September 73, der Ermordung des sozialistischen Präsidenten Allende und in der Folge der Errichtung einer Militärdiktatur, kehrte er nach Chile zurück, um seinen Teil im Widerstand zu leisten.

RB wurde verhaftet. Nach eigenen Angaben warf man ihm vor gefälschte Papiere zu haben… was natürlich völlig unsinnig war, da er mit eben jenen Papieren kurz zuvor vorschriftsmäßig eingereist war. RB beschreibt die Situation: Der Anlass war der, dass ich zuvor viele Jahre – als Jugendlicher – in Mexiko gelebt und dadurch einen mexikanischen Akzent hatte. Auf diesen mexikanischen Akzent hin hat man mich verhaftet, weil es seinerzeit so war, dass – auch verbunden mit dem Militärputsch – ein extremer Rassismus geherrscht hat. Und alles, was ausländisch war oder einen ausländischen Akzent hatte, war verdächtig, linksextremen Parteien anzugehören. Das war der Vorwand, mich dann gefangen zu nehmen.

Im Gefängnis war er zwar „nur“ für wenige Tage, doch die Erlebnisse waren traumatisch. Mit viel Glück und unverhofft kam er frei. Sofort verließ er das Land; diesmal für immer. Eigentlich war sein Ziel Spanien, das Land seiner Großeltern, doch dort herrschte noch Franco. Über El Salvador ging er wieder nach Mexiko und dann über Italien und Portugal, das nach der Nelkenrevolution 1974 wieder frei von Faschisten war, 1975, nach Francos Tod, nach Spanien, wo er sich in Blanes/Costa Brava niederließ. Er war ein Habenichts und musste sich mit Gelegenheitsjobs als Hafenarbeiter oder als Nachtwächter durchschlagen; hier hatte er wenigstens die Möglichkeit ungestört zu schreiben.

Er beteiligte sich bei allerlei literarischen Wettbewerben und in den 1980er Jahren begann er dann auch allmählich Erfolg zu haben. Wenn der Erfolg für einen 30jährigen meist gerade zur rechten Zeit kommt, so kam er im Fall RB fast zu spät. Er, der (fast) Hoffnungslose, wurde als große Hoffnung der spanischsprachigen Literatur, als bester lebender Autor aus diesem Sprachraum gelobt. Nach der Diagnose eines unheilbaren Leberleidens schrieb er mit der Krankheit um die Wette. In kurzen Abständen erschienen seine Bücher „Die Naziliteratur in Amerika“, „Stern in der Ferne“, „Telefongespräche“, „Die wilden Detektive“, „Amuleto“. RB lebte nicht lange genug. 2003 starb er… aber er hinterließ zwei weitere fertige Bücher. Sein Hauptwerk „2666“, das noch seiner Übersetzung ins Deutsche harrt und das Buch um das es im Folgenden gehen soll: „Der unerträgliche Gaucho“.

Der schmale Band, der letztes Jahr im Verlag Antje Kunstmann in Deutscher Sprache erschien, mit fünf Erzählungen und zwei Essays ist so recht geeignet, einen hierzulande fast unbekannten Autor zu entdecken. Hier zeigt uns der Autor sozusagen auf engstem Raum all seine erzählerischen Talente und literarischen Finessen. Wenngleich einem beim Lesen immer wieder einfallen mag, dass RB quasi im Wettlauf mit der ihm gegebenen Zeit schrieb, überzeugt er uns mit frechem Witz und überbordender Phantasie, ist wohl auch traurig, aber immer mindestens komisch, sehr satirisch und manchmal auch erotisch – ein Querschnitt der Themen also, die gewiss immer sehr unterhaltsames und anregendes Lesen versprichen. Dabei entspricht er so gar nicht den erzählerischen Klischees, die man gemeinhin mit der lateinamerikanischen Literatur verbindet; ganz gleich ob man die lyrische Ausdruckskraft eines Pablo Neruda, die sprachlichen Gegenwelten eines Julio Cortázar oder den magischen Realismus eines Gabriel García Márquez (alle hier bei Ciao vorgestellt) denken mag.

RB erfand eine neue Lateinamerikanische Literatur und schrieb sie authentisch und überzeugend, obgleich er von manchen Rezensenten-Kollegen gar nicht mehr als Lateinamerikaner gesehen wurde; allerdings verstand er sich immer als Chilene. Der Präsident Chiles, das aus zwölf Provinzen besteht, Ricardo Lagos, bezeichnete einmal die Exilanten als „dreizehnte Provinz“ – und RB fühlte sich immer jener „dreizehnten Region“ zugehörig. Er verstand es sein sehr autobiographisch geprägtes Werk in einem ganz eigenen Gewand zu präsentieren – was ihn sicher von „der“ übrigen lateinamerikanischen Literatur unterscheiden mag, was aber kein Grund ist, ihn nicht als Lateinamerikaner zu betrachten. So fließt eben aus autobiographischen und landsmannschaftlichen Gründen all das in sein Werk ein, das eben Lateinamerika (und natürlich auch andere Weltregionen) ausmacht: Den Schrecken der Existenz und das Schöne der Landschaften ebenso, wie das Geheimnisvolle der Mythen und das Gewöhnliche des Alltags oder der Gewalt. Ihm gelingt es all das wie selbstverständlich in überzeugende Bilder zu fassen.

Der junge chilenische Schriftsteller Alberto Fuguet meint in einem Zeitungsinterview mit dem spanischen Blatt El País zu RB: „Am meisten lernte ich bei Bolaño, dass man über alles mögliche schreiben kann und dass es der großen Themen gar nicht bedarf. Mir kommt es vor, als seien wir auf die Welt gefallen, und er obenauf, und zwar mit einem Mordsgetöse. Seine Nähe zu unserer Generation ist äußerst groß, aber sein Einfluss beginnt erst heute.“ Das sagt schon einiges… wenn man auch unterstellen darf, dass hier ein Bewunderer spricht, so handelt es sich doch auch um einen Schriftstellerkollegen, der sicher die moderne Literatur-Produktion in Lateinamerika einzuschätzen weiß. RB war fasziniert von der These, dass uns die Wirklichkeit manchmal phantastischer als noch der phantastischste Roman vorkommen kann und, dass Schriftsteller so fiktiv gar nicht schreiben können, damit die Realität sie nicht übertrumpfen könnte und er wird auch in dieser Hinsicht, meiner Ansicht nach völlig zurecht, in die Nähe von Kafka oder Borges gerückt. Der Unterschied besteht aber in der Sprache, die in ihrer Bandbreite von umgangssprachlichem lakonischem Tonfall, zur ausgefeilten, raffinierten Poesie variiert oder auch beides kombiniert.

Wie schon gesagt, das Buch „Der unerträgliche Gaucho“ ist sowohl vielschichtig als auch anspruchsvoll genug – und  bietet dabei auch hinreichend viele Aspekte des sonstigen Schaffens seines Autors – damit es als beispielhaft für dessen gesamtes literarisches Schaffen dienen kann. Insofern ist es geradezu hervorragend dazu geeignet, sich RB anzunähern und seine Literatur für sich zu erschließen. Die in diesem Band versammelten Geschichten sind immer Geschichten von einsamen Helden in irgendeiner Art feindseliger Umgebung. Eins haben diese Helden allerdings immer gemeinsam: Sie sind in jedem Fall dabei etwas hinter sich zu lassen… so gründlich hinter sich zu lassen, dass man sagen kann, sie gehen, um nicht zurückzukehren. Um das Buch etwas näher zu betrachten erscheint es mir sehr hilfreich, wenn ich auf die einzelnen in ihm enthaltenen Erzählungen und Essays im Einzelnen eingehe. Ich will mich dabei auch an die Reihenfolge halten wie sie der Autor selbst vorgelegt hat:

Jim

Bei dieser Erzählung, einer sehr kurzen Geschichte, spricht ein Ich-Erzähler von Jim. Bei diesem Erzähler handelt es sich um einen Jugendlichen aus Mexiko, der Jim zufällig begegnet sein will. Jim ist ein ehemaliger Marine, der in Vietnam gekämpft hat und dieses Trauma nie losgeworden ist. Eigentlich ist er ist ein Wrack, auch wenn er äußerlich ein stattlicher Mann ist. Er will nicht mehr kämpfen und ist folglich ein leichtes Opfer für alle Wegelagerer und die rüden Verbalattacken der Straßenkinder von Mexiko-Stadt, die wohl instinktiv wahrnehmen, dass sie ein Opfer vor sich haben.

Dennoch sagt Jim: „Keine Kämpfe mehr. Ich bin jetzt Dichter und suche das Außergewöhnliche, um es in gängige, geläufige Worte zu fassen.“ Der Erzähler mag diesen traurigen Gringo und nennt ihn sogar seinen Freund, obwohl er meint, Jim sei der traurigste Nordamerikaner den er je gesehen habe. Doch Jim ließ sich von den Anfeindungen nicht von seinem Weg abbringen. Der Erzähler meint: „Er war den Zaubermächten Mexikos erlegen und blickte seinen Geistern geradewegs ins Gesicht.“ Doch eines Tages ist der starke, schwache Mann spurlos verschwunden…

Der unerträgliche Gaucho

Die Titelgeschichte des Buches spielt zu der Zeit als die neoliberalen Heilsversprechen, derer man sich in Argentinien mustergültig hingegeben hatte, wie die berüchtigte Seifenblase zerplatzte und dieses Platzen die schlimmste aller argentinischen Wirtschaftskrisen auslöse. Hauptfigur der Erzählung ist der Rechtsanwalt Manuel Pereda, der meint vor dem Chaos in Buenos Aires auf einen alten Familiensitz in der Pampa fliehen zu können. Doch die Krise hält nicht nur die Stadt, sondern auch das Land im Griff. Wer der Realität nicht zu entfliehen vermag, kann sich nur retten, wer die Realität so vollständig wie möglich verdrängt. Kaum am Ziel, fühlt sich der Protagonist an Borges‘ Kurzgeschichte „Der Süden“ erinnert und gibt sich der Pampa-Romantik hin, die so rein gar nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat.
Doch die triste Realität des argentinischen Hinterlands beeindruckt den von berufswegen peniblen Rechtsanwalt nicht im Mindesten und er will auch vom Elend der Provinz nichts wissen. Er ist der Meinung Argentinien sei ein Roman und demnach – wie alle Romane – falsch oder zumindest verlogen. Nur die Pampa sei etwas Ewiges. Dabei unterschlägt er gewissenhaft, dass dieser Topos erst vom Schriftsteller Domingo Faustino Sarmiento geschaffen wurde und sich als Floskel, als geflügeltes Wort wohl weiterhin erhalten wird.

Manuel Pereda verstrickt sich mehr und mehr in literarische Traumwelten und findet sich in lateinamerikanische Romane versetzt, die Realitäten zu Mythen verarbeiteten, die ihrerseits oftmals die Realitäten ersetzen, auch wenn sie eigentlich als Karikaturen hätten dienen sollen, da diese Geschichten schon zu Zeiten ihrer Entstehung hart mit den Gepflogenheiten des längst auch ins Hinterland vorgedrungenen Kapitalismus kollidiert waren. Doch die Historie interessiert Manuel Pereda wenig. Er entscheidet sich schließlich auf immer für die Pampa, dem mächtigen Ruf der Fiktion zu folgend, auch wenn ihm die skurrilsten Dinge wiederfahren…

Der Rattenpolizist

Dies ist die, meiner Meinung nach, eindrücklichste Erzählung in der Sammlung. Die Hauptfigur ist der Rattenpolizist José. Sein Volk lebt im Labyrinth der Kanalrohre unter der Hauptstadt. Das Volk wird durch eine Reihe mysteriöser Morde erschüttert und Pepe fahndet in der Kanalisation nach den Tätern Er findet Rattenleichen mit sauber durchbissenem Hals, ein totes Rattenbaby mit einem Stoffstück als Knebel, der wohl sein Winseln unterdrücken sollte. Man tippt auf Marder oder Schlangen, aber nach Pepes Einschätzung ist das falsch. Ihm kommt ein furchtbarer Verdacht, den er seinen Vorgesetzten gegenüber andeutet, die ihm ihrerseits sofort verbieten, diesen Verdacht laut auszusprechen. Ratten töten nicht Ihresgleichen.

RB bezeichnete sich ausdrücklich nicht als politischen Schriftsteller, aber diese Erzählung strotzt nur so von Gesellschaftskritik. Der Mensch in der Masse und das Individuum, das auch in der Masse in der Lage ist individuell ein Bewusstsein zu entwickeln… eine Meinung zu haben. Ich halte diese Geschichte für eine Meistererzählung und so vollständig geglückt und kann sagen, dass ich selten in den Genuss einer ähnlich gute Erzählung kam; allenfalls in Julio Cortazars Erzählungen (auch hier bei Ciao vorgestellt) fand ich Ähnliches. Das Unheimliche döst am Rand der Normalität und springt einen manchmal als purer Aberwitz jäh an,

Die Reise des Alvaro Rousselot

Die Verführungskraft von Literatur ist auch Thema dieser Erzählung. Hier ist erneut von einem Reisenden die Rede. Es handelt sich um den (fiktiven) Schriftsteller Álvaro Rousselot. Wie viele Lateinamerikaner – erzwungen durch die Notwendigkeit ein sicheres Exil finden zu müssen oder aber freiwillig, um sich literarisch weiter zu entwickeln – zieht es ihn nach Paris. Aber statt er sich dort weiterentwickelt, passt er sich nur an und wird sozusagen zur blanken Karikatur seiner selbst. Man sagt von RB, dass er nicht nur Literatur, sondern auch immer irgendwie über Literatur schrieb. Er spielt natürlich auf das Paris der 1950er Jahre an, das – wie gesagt – zur neuen Heimat zahlreicher lateinamerikanischer Autoren wurde… vielen von ihnen schreibt er aber den Status eines Möchtegernautoren zu. Vieles kann Literatur von Bedeutung sein und sie kann Bedeutendes leisten – aber sie kann natürlich auch, so deute ich die Geschichte, insofern sie nur sinnfreie Unterhaltung ist, Lug und Trug sein und ein  künstliches Paradies hirnloser Boheme.

Zwei katholische Erzählungen

Dieser Text handelt von religiösen Opferobsessionen, die nicht nur – wie der Titel implizieren mag – in christlicher Hinsicht zu lesen sind und damit in gewisser Aktualität ist. Die Geschichte skurril zu nennen, wäre zu schwach. In den „Zwei katholischen Erzählungen” tritt das Grauen in Gestalt surrealer Einschüsse auf, wenn etwa im Irrenhaus nachts die Betten aufrecht durch die Flure geistern und die Insassen von hinten vergewaltigen. Dann auch sind die Aussagen wieder sehr direkt und politisch. Lateinamerika wird als das „Irrenhaus Europas” geschildert, das seit über sechzig Jahren in seinem eigenen Fett verbrenne.

Literatur + Krankheit = Krankheit
Dies ist also der erste von zwei Essays. Es ist ein beeindruckender Text über das eigene Sterben, das er im Krankenhaus mit Galgenhumor erträgt. Er schreibt über das Dasein, das er als Reise durch das Leben begreift, in dem er sich aber auch wie viele seiner Figuren sieht. Er notiert fast emotionslos, jedenfalls aber lakonisch: „Vom Reisen wird man krank.“ Er sei lange Zeit ein glücklicher Mensch gewesen, befindet RB rückschauend, ohne Leiden, ohne große Ambitionen. „Aber irgendwann ist es soweit. Kinder stellen sich ein. Bücher stellen sich ein. Die Krankheit stellt sich ein. Das Ende der Reise naht.“

Der Cthulhu-Mythos

In diesem Essay finden wir eine außergewöhnliche Literaturkritik, wie sie aber für RB ganz typisch ist; er nimmt kein Blatt vor den Mund und hat keine Zeit zum Schönreden übrig. „Der Cthulhu-Mythos“ ist eine Anspielung auf eine von H. P. Lovecraft geschaffene Legende von außerirdischen Wesen, die all jenen Unheil brächten, die sich Gedanken um Sinn und Zweck ihres Daseins machten. Er meint, dass nur jene Autoren des literarischen Betriebs gegen diese außerirdische Macht immun zu sein scheinen, die sich mehr als ihrer Kunst, ihrer Rolle im System bewusst sind. „Heutzutage“, heißt es in dem Text, „sind Schriftsteller Funktionäre, sind Schriftsteller skrupellos, gehen ins Fitnessstudio und lassen ihre kleinen und großen Leiden in Houston oder in der New Yorker Mayo Klinik behandeln.“

Dieser Text ist eine Abrechnung mit der konsumorientierten Literaturindustrie… oder schon eher eine Generalabrechnung, in der er sich auch nicht scheut Leute beim Namen zu nennen und ihnen nachzurufen: „Gott segne die schwachsinnigen Nachkommen von García Márquez und die schwachsinnigen Nachkommen von Octavio Paz…“ und das ist keineswegs ironisch gemeint. Er erkennt und schreibt auf, wie sehr sich manche Autoren den Regeln des Markts auf eine Art unterworfen haben, die in nichts mehr an jenes Versprechen der Literatur erinnert, das uns die Literatur einst gab.

Ich muss gestehen, dass ich RB auch erst noch vollständig entdecken muss. Aber was ich bisher von ihm gelesen habe, bringt mich zu der Erkenntnis, dass ich einem wahren literarischen Schatz auf der Spur bin. Bei einem Kollegen, der RB offensichtlich schon sehr gut kennt, habe ich gelesen, dass es sich bei den in diesem Buch versammelten Geschichten um für RB ganz gar typische Geschichten handelt und er beim Schreiben offenbar in Bestform gewesen sei. Wie dem auch sei, ich habe die Geschichten mit all ihrer Skurrilität verschlungen und genossen; sogar – trotzdem oder gerade deswegen – dort wo sie traurig den nahen Tod des Autor wieder spiegeln.

Oben schrieb ich, dass die Helden in diesen Geschichten auf dem Wege sind alles gründlich hinter sich zu lassen… und einer der Helden – und gewiss ein naher Verwandter von ihnen – ist für mich sicher auch der Autor all dieser Geschichten. Das Buch, das von RB als letztes vor seinem Tod veröffentlicht wurde, ist ein großes Abschiednehmen und es hat mich in Kenntnis all der biographischen Daten, sehr ergriffen. Das Nebeneinander von Wehmut und Galgenhumor, von Genauigkeit der Sprache und künstlerisch lakonischem Geplauder, von kühler Distanziertheit und schonungsloser persönlicher Offenheit, die bruchstückhaften Detailschilderung und die ins Wort gesetzte Unüberschaubarkeit, halten die Geschichten in einer befremdlich wirkenden Schwebe, die sie gleichzeitig aber auch künstlerisch wertvoll machen und auszeichnen.

RB war alles andere als ein bequemer Autor und seine Literatur alles andere als leichte Unterhaltung – was vielleicht dafür verantwortlich ist, dass er bei uns erst so spät erschien. Dass er überhaupt so erfolgreich wurde ist schon ein wenig verwunderlich, da er sich, als großer Spötter der er war, zu Lebzeiten gewiss oft den Unmut derer zutrug, denen sein Spott galt. Aber das ist eben seine Freiheit gewesen… seine Meinung nicht für sich zu behalten.

Wilfried John

Der uneerträgliche Gaucho

Roberto Bolaño
189 Seiten – Gebundenes Buch

Verlag: Antje Kunstmann Verlag – Aus 2006

ISBN: 3-8889-7446-1

16,90 Euro.

1 Nachsatz:

Wer etwas für verfolgte Kolleginnen und Kollegen tun will oder sich näher informieren möchte, kann das unter http://www.pen-deutschland.de/htm/aufgaben/writers_in_prison.php oder http://www.amnesty-meinungsfreiheit.de/ tun..

2. Machsatz:

Wer sich über Zensur in Deutschland ein Bild machen möchte, kann sich unter http://www.cras-legam.de/HHZ01.htm informieren.