Roberto Bolaño „Die wilden Detektive“

Die wilden Detektive
Roberto Bolaño
688 Seiten – Gebundenes Buch
Verlag: Hanser – Aus 3/2002
ISBN: 3-4462-0125-5
29,90 €uro

784 Seiten – Taschenbuch
Verlag: DTB – Aus 3/2004
ISBN: 3-4231-3182-9
12,90 €uro

Antiquarisch billiger

Pro:
Ein humor –  und fantasievolles Werk voller literarischer Raffinesse
Kontra:
Fast 700 Seiten wollen gelesen (und verstanden) werden
Detektive zu entdecken

Erinnerungen. Es gibt kaum ein anderes Wort, dessen Bedeutung jeder Mensch so genau zu kennen glaubt. Doch schon dieser erste Satz wird genügen, damit bei den Lesenden der Verdacht aufkeimt, dass klammheimlich gehegte Befürchtungen richtig sein könnten und wir doch nicht so ganz genau wissen, was es bedeutet sich zu erinnern; zu oft haben wir uns schon beim Erinnern geirrt. Das ist natürlich ein Problem, denn unser gesamtes Menschsein hängt an der Erinnerungs-Fähigkeit… oder etwas kleiner gewechselt, ich werde doch genau wissen, was ich in meinem Leben erlebt habe.

Sicher, alle Erlebnisse innerhalb eines menschlichen Lebens machen die Erinnerungen aus; aber eben nicht nur. Einige Erinnerungen – und ich spreche nicht von den großen Erinnerungen, die man gemeinhin Geschichte nennt – stammen nicht von uns persönlich, sondern wurden uns von anderen Menschen gemacht; z.B. Erinnerungen aus der frühen Kindheit. Und tatsächlich gibt es einen Bereich der Gedächtnisforschung, der sich mit dem Thema Erinnerungs(ver)fälschung beschäftigt und der das unabsichtliche Verfälschen eigener Gedächtnisinhalte untersucht.
Natürlich sind hier keine bewussten Falschaussagen (also Lügen) gemeint, sondern Aussagen die wir selbst für richtig halten. Dafür gibt es sogar einen Begriff: Pseudoerinnerungen. Hiermit handelt es sich um Ereignisse, die uns eingeredet wurden, die aber nicht selbst erlebt haben. Das wurde sogar mit psychologischen Experimenten nachgewiesen: z.B. erzählte man Probanden, dass Verwandte von ihnen berichten hätten, dass sie sich in der Kindheit in einem Einkaufszentrum verlaufen hätten und schließlich gänzlich verängstigt gerettet wurden. Eine signifikante Zahl der Probanden behauptete, sich daran erinnern zu können, obwohl dieses Ereignis nie stattgefunden hatte.
Seit mir diese Dinge bekannt geworden sind, habe ich mich schon oft gefragt, wie viele meiner Erinnerungen eigentlich Illusionen sind. Ja, und ich bin auch etwas misstrauiger gegenüber Menschen geworden, die allzu forsch auf mich zukommen und mich mit den Worten „weißt du noch… damals“ überfallen. Schlimmer allerdings sind jene Vergangenheits-Fanatikern, die mir einreden möchten, dass früher alles besser gewesen ist. Wie dem auch sei, seit vielen Jahren glaubte ich fest, dass ich den Roman „Die wilden Detektive“ von Roberto Bolaño schon rezensiert hätte. Nun, wenn man sich wieder richtig erinnert, kann man wenigstens solche Dinge berichtigen…

„Die wilden Detektive“ ist kein Roman wie viele andere, sondern ist eine Geschichte aus Geschichten, ein Kaleidoskop unterschiedlicher Genres; je nachdem, wie man das Buch lesen möchte. Schon viel ist darüber gesagt worden und ich habe nicht die Absicht, das alles hier zu Protokoll zu geben. Dennoch sollte man sich darauf gefasst machen, dass hinter der Ernsthaftigkeit einer Kulturkritik die Satire auf den Literaturbetrieb hervor lugt, dass hinter dem Großstadtportrait ein Schelmenroman lauert, dass sich hinter dem großartigen Entwicklungsroman ein dreistes Road Movie kaputt lacht.

Der Roman enthält eine verwickelte Geschichte, die von Roberto Bolaño auf einer Reihe verschiedener Erzählebenen ausgeführt wurde. Diese Erzählebenen werden mit vielen echten oder erfundenen Biographien (Biographien sind Erinnerungen…) zusammen gehalten und es drängte sich mir der Gedanke auf, dass vom Autor dem ganzen Roman möglicherweise der Grundgedanke unterlegt wurde, dass der moderne Großstadt-Mensch keine lineare Biografie hat, sondern seine Identität aus vielen zusammengefügten Teilen besteht.
Der Gedanke hat sicher etwas für sich (…und hat mich im Übrigen zu obiger Einleitung verleitet). Vor Kurzem unterhielt ich mich mit einem „echten“ Berliner, der auf meine Formulierung „gebürtig“ entgegnete, dass die traditionelle Großstadt-Bevölkerung sich aus Zugereisten zusammensetzt. Oft sind dann die Biographien von Brüchen gekennzeichnet… ganz ähnlich auch derjenigen des Autors, die ich aus meiner Besprechung von „2666“ (auch hier bei Ciao vorgestellt) zitieren möchte; gerade auch deswegen, weil die beiden Werke, (zumindest) was die Hauptfigur Arturo Belano betrifft, miteinander verschränkt sind.
Dass die biographischen Daten des Autors wichtig sind, habe ich schon des Öfteren zu Protokoll gegeben. In vorliegendem Werk sind sie – meiner bescheidenen Meinung nach – für das Verstehen des Romans unbedingt erforderlich:
Roberto Bolaño (RB) wurde 1953 in Santiago de Chile als Sohn einer Lehrerin und eines LKW-Fahrers (der auch sich aber auch als Boxer betätigte) geboren. Er verbrachte seine Kindheit südlich der Hauptstadt in der Provinz. In Santiago de Chile ging er zur Schule… als Kind leidet er unter Legasthenie. Mit zehn Jahren beginnt er, für eine Buslinie Fahrkarten zu verkaufen. Im jugendlichen Alter von 15 sollte er lernen müssen, was es bedeutet in der Fremde zu leben, da seine Eltern aus beruflichen Gründen nach Mexiko-City gingen. Dort gilt der Teenager bei Schulkollegen als verschrobener Außenseiter, verbringt er doch fast seine ganze Freizeit lesend in einer öffentlichen Bibliothek. In Mexiko waren unruhige Zeiten angebrochen und er musste 1968 den blutig niedergeschlagenen Studentenaufstand miterleben. Seine Jugendjahre in Mexiko waren auch von seiner Politisierung geprägt.
RB bezeichnete sich damals selbst als Trotzkisten und selbstverständlich war er Anhänger von Salvador Allende.1972 kehrt er nach Chile zurück – durchquert halb Lateinamerika per Bus und Autostopp, von der Hoffnung getrieben, die Visionen des sozialistischen Präsidenten Salvador Allende vor dem drohenden Untergang zu bewahren. RB hatte den Traum von einem lateinamerikanischen Sozialismus, dem er immer treu bleiben sollte. Nachdem sich General Augusto Pinochet am 11. September 1973 an die Macht geputscht hatte, entgeht RB nur um Haaresbreite einem Schicksal, wie es Studenten und Pinochet-Gegner tausendfach ereilt: über Nacht zu verschwinden, in irgendeinem Folterkeller mit Elektroschocks traktiert und schließlich in einem Massengrab verscharrt zu werden.
RB wurde zwar verhaftet (nach eigenen Angaben warf man ihm vor gefälschte Papiere zu haben… was natürlich völlig unsinnig war, da er mit eben jenen Papieren kurz zuvor vorschriftsmäßig eingereist war), im Gefängnis war er aber „nur“ für wenige Tage, doch die Erlebnisse waren traumatisch. Mit viel Glück und unverhofft kam er frei. Sofort verließ er das Land; diesmal für immer. Eigentlich war sein Ziel Spanien, das Land seiner Großeltern, doch dort herrschten noch die Faschisten unter Franko.
Nach einem kurzen Intermezzo bei linksradikalen Guerilleros in El Salvador (die später eine seiner Freunde ermordeten) kehrte er wieder nach Mexiko zurück und ging dann über Italien nach Portugal, das nach der Nelkenrevolution 1974 wieder frei von Faschisten war. 1975, nach Francos Tod, gelangte RB schließlich nach Spanien, wo er sich in Blanes/Costa Brava niederließ. Er war ein Habenichts und musste sich mit Gelegenheitsjobs als Hafenarbeiter oder als Nachtwächter durchschlagen; hier hatte er wenigstens die Möglichkeit ungestört zu schreiben.
RB beteiligte sich bei allerlei literarischen Wettbewerben und in den 1980er Jahren begann er dann auch allmählich Erfolg zu haben. Wenn der Erfolg für einen 30jährigen meist gerade zur rechten Zeit kommt, so kam er im Fall RB fast zu spät. Er, der (fast) Hoffnungslose, wurde als große Hoffnung der spanischsprachigen Literatur, als bester lebender Autor aus diesem Sprachraum gelobt. Nach der Diagnose eines unheilbaren Leberleidens schrieb er mit der Krankheit um die Wette. In kurzen Abständen erschienen seine Bücher. RB lebte nicht lange genug. 2003 starb er, nur 50 Jahre alt, an einem Leberversagen in einem Krankenhaus in Barcelona; vergeblich hatte er auf ein passendes Transplantat gewartet.
Eine Inhaltsangabe dieses monumentalen, fast 700 Seiten starken Werkes, ist kaum möglich. Dennoch möchte ich natürlich versuchen, wenigstens einen Überblick über das Werk zu liefern, das eigentlich mehrere Inhaltsangaben erfordert. Hierin ähnelt es einem anderen großartigen Roman, der sich auch auf verschiedene Weisen lesen lässt, woraus unterschiedliche Inhalte resultieren: „Rayuela“ von Julio Cortázar (auch hier bei Ciao vorgestellt). Wie dem auch sei, dieses mit dem Premio Romolo Gallegos, dem wichtigsten lateinamerikanischen Literaturpreis, ausgezeichneten Werk, handelt – grob gesagt – von einer Gruppe junger Dichter in Mexiko-City. Sie sind eine Gruppe jugendlicher Freaks, die alle wahrlich keine Helden sind, und deren wahre Obsession die Literatur ist.
Sie sind Vertreter und vor allem Verfechter einer (Achtung Satire) von RB erfundenen literarischen Bewegung, des „viszeralen Realismus” (übersetzt etwa Eingeweide-Realismus). Doch der Reihe nach: Der erste, der ins Bild kommt, ist Juan García Madero, ein Siebzehnjähriger, der eigentlich in die Stadt kam, um Jura zu studieren; das hatte er jedenfalls seinem Onkel versprochen. Stattdessen treibt er sich in üblen Spelunken ´rum und erlebt seine ersten (auch sexuellen) Abenteuer. Auf der Suche nach Gleichgesinnten, gerät der Außenseiter an eine Clique junger Dichter und in die Literaturwerksatt von Julio César Álamo (ein fiktiver Name) und wird in die Gruppe der Viszeral-Realisten aufgenommen. An das Jura-Studium denkt er nicht mehr und verbringt stattdessen seine Nachmittage und Abende in vollgequalmten Cafés.
Im Folgenden zeigen sich die starken autobiographischen Züge des Romans. Die Figuren der Clique sind allesamt erfolgslose Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die sich – ganz wie RB in seinen Jugendjahren – in Bohème-Zirkeln herum treiben und auf der Suche nach etwas sind… fast könnte man das auch eine Odyssee der Dichter nennen. Madero kennen wir ja schon. Die anderen namentlich auftretenden Realviszerealisten, sind Ulises (spanisch für Odysseus) Lima und Arturo Belano (ein Exilchilene!), Font, Lupe, Quim, Piel Divina. Zusammen treiben sie sich im pulsierenden Mexiko-City der ausgehenden 1960er Jahre herum.
Das alles kostet natürlich Geld und nicht immer bietet sich die Gelegenheit, es sich in einem gemachten Nest bequem zu machen und zu nassauern. Mit Gelegenheitsjobs, Drogendeals und auch mal Diebstehlen halten sie sich mühsam über Wasser. Aber sie bleiben sich treu: Nächtelang diskutieren sie über Literatur und schmieden kühne Pläne für Veröffentlichungen, die natürlich nie erscheinen. Wer schließlich die Idee hatte, eine verschollene Dichterin, Cesarea Tinajero, angeblich die Begründerin des viszeralen Realismus, ausfindig zu machen, ist nicht überliefert.
Nach und nach fällt die Gruppe auseinander und die Freunde – auf der Suche nach Cesarea Tinajero – verlieren sich aus den Augen. Für Belano und Ulises ist es eine Reise – getrennt voneinander – um die Welt. Ihre Odyssee führt die beiden nach Spanien, Frankreich, Rom, Tel Aviv, Wien, wieder Mexiko, Nicaragua, Angola und Liberia. Am Ende erreichen die Detektive ihr Ziel. Über staubige Straßen und einsame Dörfer geht es in Richtung der Wüste Sonora. Dort soll sich – allen Nachforschungen gemäß – die verschollene Dichterin aufhalten. Für Belano, Lima und Madero geht nach vielen Irrungen und Wirrungen eine Reise zu Ende… wie in einem klassischen Showdown eines Road-Movie. Was sie allerdings entdecken, ist etwas anderes als die überhöhten Vorstellungen der jungen Künstler; schließlich wird nichts so heiß gegessen wie es gekocht wird: sie entdecken die Dichterin im einem elenden Kaff als Arbeiterin in einer ehemaligen Konservenfabrik.

Was für ein Buch… oder, besser gesagt, welch ein Werk! Wie ich oben schon schrieb, enthält es eigentlich wenigstens drei Genres: Im ersten Teil „Mexikaner, verloren in Mexiko (1975)“ (ca. 140 Seiten), haben wir es eigentlich mit Textfragmenten des (natürlich fiktiven) Tagebuchs Maderos zu tun. Der zweite (Haupt-)Teil „Die wilden Detektive (1976 -1996“ (ca. 450 Seiten) enthält eine überwältigende Sammlung von Stimmen teils realer, mehrheitlich jedoch fiktiver Erzähler, die über Belano und Lima sprechen. Im dritten Teil „Die Wüste von Sonora (1976)“ (ca. 60 Seiten), finden wir das angesprochene Road Movie.

Während RB der sog. Rote Faden über fast 700 Seiten nicht verloren zu gehen scheint, müssen sich seine Leserinnen und Leser doch ein wenig Mühe geben, dass ihnen der ominöse Faden nicht abhandenkommt. Aber wir werden für die Mühen großzügig belohnt. RB sprüht vor Einfallsreichtum, Witz und auch Bösartigkeit… wenn er z.B. eine Figur sagen lässt, dass die spanischsprachige Literatur das Feld der Großbürgersöhne gewesen sei, die das Schreiben als riskante, Schranken überschreitende Existenzform sahen. Heute verknüpften kleinbürgerliche Schriftsteller Erfolg im Literaturbetrieb mit gesellschaftlichem Aufstieg. Wenn sie sich wehrten, dann gegen Wehrlose. Erst wer unangefochten zu den Erfolgreichen gehört, traut sich zuzuschlagen.
Aber es steckt noch mehr dahinter: Die Beschreibungen der Aktivitäten der Gruppe können als Karikatur auf sich allzu wichtig nehmende Künstler verstanden werden kann, wobei sich RB durchaus auch selbst veralbert, da er sich als Jugendlicher in Mexiko-City auch nach schriftstellerischem Erfolg sehnte und sich auf der Suche nach Richtung ebenfalls in Avantgarde-Kreisen bewegte. Auch muss RB das Nachleben der Stadt gut gekannt haben, denn die Beschreibungen des Umherstreunens der Dichter-Clique, ist eine großartige Milieu-Studie. Und während die Suche nach der verschollenen Dichterin ein Abenteuerstück sein kann, das in einem Showdown endet, ist das Berichten über die Reisen von Belano und Lima große Kunst.
Eigentlich bildet Maderos Tagebucheinträge der Jahren 1975/76 nur den Rahmen für die Handlung (wenn man das so bezeichnen möchte) im Mittelteil. Er enthält auf über vierhundertfünfzig Seiten Bemerkungen, Erzählungen, Berichte und ihre Reflektionen von fast 80 Menschen; wenige davon real existierende. Ihre Einlassungen datieren zwischen 1976 und 1996 und kreisen alle um Arturo Belano und Ulises Lima, die selber schweigen. Zu sprechen wäre auch gänzlich überflüssig, denn alles was es zu sagen gibt, sagen die Figuren, die offenbar auf die beiden fixiert sind.
Immer erzählt eine andere Stimme die Geschichte der Reisenden. Da RB jeder Person eine eigene Stimme angepasst hat (andernfalls könnte RB die Spannung über so viele Seiten nicht halten), sei es durch Slang-Ausdrücke, sei es durch einen dem Charakter der Person angepassten Wortschatz, so „hören“ wir als Leser gespannt zu, was uns da berichtet wird. Manche der Erzählerinnen oder Erzähler wiederholen bereits Erzähltes aus ihrer eigenen Perspektive, und so fragt man sich mit der Zeit, welcher dieser Erinnerungen man trauen kann.
Als ich lesend am Ende des Romans angekommen war, empfand ich eine tiefe Traurigkeit, denn ich wusste bereits von der tödlichen Erkrankung des Autors. Ich fragte mich noch bei mir, was ein Autor dieser Klasse, bei all den unausgeführten Ideen in diesem Buch (das quasi eine Schatztruhe von Romanideen ist), wohl noch hätte schreiben können. Aber ich möchte dankbar sein, dass er uns dieses Werk geschenkt hat und so hat sich die Traurigkeit alsbald in Freude gewandelt… die Freude darüber, dass ich dieses überaus originelle, äußerst unterhaltsame, großartige Kunstwerk genießen durfte.
Manche Liebhaber der Lateinamerikanischen Literatur beklagen, dass es einen Wandel – weg vom Magischen Realismus – zu etwas Neuem, Ungewohnten gegeben hätte und man Mühe habe, sich mit dem Neuen so zu stellen, wie man sich zum Etablierten gestellt hatte. Nun, hier halten wir ein Schlüsselwerk für dieses Neue in Händen. RB vereinigt hier virtuos die Nüchternheit des von ihm oft als literarisches Vorbild angeführten Argentiniers Jorge Luis Borges und die Opulenz der Sprache des Magischen Realismus, dessen unbestrittener Protagonist der von RB (persönlich) wenig geschätzten Gabriel Garcia Marquez ist.
„Die wilden Detektive“ ist ein maßloser, bizarrer und rasend schneller moderner Lateinamerikanischer Roman, der nicht mehr in irgend eine exotische Landschaft gestellt ist, der aber dennoch so viel Lokalkolorid hat, dass er mühelos als ein Meisterwerk der Lateinamerikanischen Literatur identifizierbar ist. Er wird ganz recht als einer der wichtigsten Romane der neuen lateinamerikanischen Literatur bezeichnet. RB hat einer jungen Generation Lateinamerikanischer Autoren einen Weg bereitet und es bleibt zu hoffen, dass sie sich aufmachen um zwischen Márquez und Borges hindurch, eine weiterhin unverwechselbare Literatur zu schaffen.
Von allem was ich die letzten Jahre gelesen habe, ist dieses Buch eines der humorvollsten, fantasievollsten und von literarischer Raffinesse strotzenden Werke, das es unbedingt verdient gelesen zu werden. RB schaffte es immer wieder mich zum Lachen zu bringen (was ich selten tue, wenn ich alleine bin). In dem er auch mit seiner eigenen Biographie kokettiert, kann er es sich erlauben, kein Klischee über junge Bohemiens auszulassen und ironisch zuzuspitzen. Ich kann jedoch verstehen, wenn es bei dem einen Leser oder der anderen Leserin Vorbehalte gegen ein solches Riesenwerk, mit seinem unfassbar scheinenden Personenregister, gibt und man sich nicht so recht herantraut, aber spätestens nach wenigen Seiten hat die aufgeschlossene Art des Autors den Bann gebrochen.
Wilfried John