Santiago Gamboa „Verlieren ist eine Frage der Methode“

Wie gewonnen, so zerronnen

 

Spekulation. Es gibt Begriffe, die erzeugen – kaum gehört oder gelesen – sofort negative Schwingungen. Der Begriff Spekulation ist einer davon. Das ist natürlich kein Wunder, denn vordergründig bestimmen die momentanen Zusammenhänge in denen der Begriff häufig verwendet wird, wie man darüber denkt. Dabei ist Spekulation per se kein Unwort oder sogar etwas Schlimmes, denn kaum eine Forschung oder eine daraus folgende Entdeckung oder Erfindung, kommt ohne eine Spekulation in Gang; also der Annahme, dass da etwas sein könnte, das sich erforschen, entdecken oder erfinden lässt.

 

Aus gegebenen Anlässen – also weil der Begriff in der letzten Zeit häufig im Zusammenhang mit den gestiegenen Rohstoffpreisen, den Preisen für Energie oder der Finanzmarktkrise in einem Atemzug genannt wurde – fällt uns jedoch die dunkle Seite des Begriffes zuerst ein; und ich meine völlig zurecht. Leider richtet sich die berechtigte Kritik aber nicht auf die wirklichen Ursachen, wenn durch Spekulation an der Börse Lebensmittel- und Energiepreise immens hoch gejubelt werden oder ganze Volkswirtschaften in Gefahr geraten, wie aktuell durch die us-amerikanischen Immobilenkrise, sondern die Kritik verharrt bei den Protagonisten der Spekulation: den Spekulanten.

 

Schon werden Stimmen laut, dass man diesem „elenden Gesocks“ an besten das Handwerk legen sollte; neulich las ich im Kontext mit der sog. Hungerrevolte in Haiti sogar den Satz „Spekulanten sind Mörder“, weil sie durch Warentermingeschäfte mit Lebensmitteln, die Preise für Lebensmittel in astronomische Höhen getrieben und die sog. Entwicklungsländer dadurch an den Rand des Zusammenbruchs gebracht hätten, und weil durch dieses Tun der Spekulanten sogar Menschen verhungert wären. Vom „Gipfel der Unmenschlichkeit“ ist da die Rede, weil die Deutschen Banken auch noch dafür werben würden oder geworben hätten, auf steigende Lebensmittelpreise zu spekulieren. Diesem mörderischen Treiben der Spekulanten, hieß es da, müsse endlich ein Ende gesetzt werden.

 

Da hat wohl jemand nicht gründlich nachdenken können… oder nicht gründlich nachdenken wollen. Oder aber dieser jemand hat gründlich genug nachgedacht, verschweigt aber lieber das Ergebnis und bietet stattdessen ein Bauernopfer oder einen Sündenbock an: Eben die Spekulanten. Aber die Spekulanten sind nicht die personifizierte Böswilligkeit und die Börse ist nicht einem unmenschlich wucherndes Krebsgeschwür gleich, das ein an sich gutes marktwirtschaftliches Dasein überwuchert und das man, wie eben ein solches Geschwür, einfach abschneiden oder entfernen könnte, und alles wäre wieder im Lot. Ohne das Tun der Spekulanten rechtfertigen zu wollen, wie hätten sie sich bitteschön anders verhalten sollen?

 

Wahrscheinlich ist der oben zitierte Redner durchaus auf den richtigen Gedanken gekommen, und ist sich über die Konsequenzen auch im Klaren: Spekulation ist nie schlimmer als der Markt, dem sie dient. Sie ist nicht seine Ursache, sondern eine seiner Folgen. Die Spekulation ist keine Erfindung der Spekulanten, sie bedient sich ihrer lediglich. Die Börsianer sind nur die etwas durchgeknallten Rationalisten der großen Irrationalität des Kapitals. Nicht umgekehrt! Wer also die Spekulation zerstören will, muss auch den Kapitalismus abschaffen  wollen, oder es wird vergebliches Bemühen sein. Will man sich aber nur an die Sündenböcke halten, dann ist der aktuelle Kampf gegen die Spekulation nur eine Schutzimpfung für das Kapital, weil es sich unempfindlicher für wirkliche wirksame Attacken machen kann.

 

Mark Twain, der große us-amerikanische Autor, hat schon gewusst: „Oktober. Einer der besonders gefährlichen Monate für Börsenspekulationen. Die anderen sind Juli, Januar, September, April, November, Mai, März, Juni, Dezember, August und Februar.“ Diese humorvoll daherkommende Sentenz offenbart anschaulich die Irrationalität des Systems und brachte mich auf die Idee, für meine Rezension im Oktober ein Buch zu besprechen, das es einerseits schafft das Irrationale dieses Systems, und dieses Irrationale andererseits auch mit den kriminellen Machenschaften seiner Protagonisten zusammen bringt. Keine Sorge, es handelt sich nicht um ein staubtrockenes Sachbuch, sondern um einen exzellenten, höchst unterhaltsamen, amüsanten und überaus spannenden Kriminalroman, aus der Feder des kolumbianischen Schriftstellers Santiago Gamboa (kurz SG), mit dem bezeichnenden Titel: „Verlieren ist eine Frage der Methode“.

 

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Nun, dass es im Oktober besonders gefährlich ist, hat der Autor sicher schon seit frühester Kindheit lernen müssen und so kann man auch für diesen Autor konstatieren, dass die Kenntnis seiner Biographie nicht ganz unwesentlich für das Verständnis seines Werkes ist: SG wurde 1965 (wann genau, entzieht sich meiner Kenntnis) in Bogota/Kolumbien geboren. Viel ist über seine Kindheit nicht zu erfahren, allerdings darf man mutmaßen, dass sie einerseits wohlbehütet gewesen sein mag, da seine Eltern zum Bildungsbürgertum gehören (beide Wissenschaftler), aber andererseits waren es gesellschaftlich besonders schwierige Zeiten: Die dritte Phase der sog. Violencia, jener Welle von mörderischer Gewalt, die seit 1948 im Land tobte und Hunderttausende Todesopfer gekostet hatte, war eben für beendet erklärt worden. Aber die sog. „Bandoleros“, sprich marodierenden Banden, zogen noch immer durchs Land.

 

Das Land war gekennzeichnet von den staatlichen reaktionären Sicherheitsorganen und der von konservativen Politikern bezahlten Banden, den so genannten Pájaros und Chulavitas, die völlig willkürlich zahlreiche Massaker an Zivilisten verübten. Die Regierung der Nationalen Front hatte den Konflikt zwischen den Parteien nicht beseitigen können (oder wollen), und so führte ein besonders grausames und obendrein völlig sinnloses Massaker, 1964, zur Gründung der noch heute aktiven Guerillaorganisation FARC. Nicht wenige Intellektuelle sympathisierten mehr oder weniger offen für den Untergrund… Wie dem aus sei, Bogota ist noch heute ein „heißes Pflaster“, auf dem der Autor seine ersten Schritte ging. SG war offenbar ein sehr guter Schüler und nach seinem Schulabschluss, begann er zunächst ein Literaturstudium an der Universität von Bogota. Nach eigener Aussage, begann er im Alter von 18 Jahren mit dem Schreiben, was im Zusammenhang mit dem Studienfach nicht verwundern muss.

 

Aber er zog (noch) nicht in Betracht Schriftsteller zu werden; ja er gab sogar zu, dass er damals Angst vor dieser Idee gehabt hätte. Das Schreiben sollte ein Zeitvertreib, ein Vergnügen sein. 1985, er war gerade 19 Jahre alt, ging er nach Spanien an die Universität von Madrid, wo er sich studienhalber mit Spanischer Philologie beschäftigte und in diesem Fach einen Bachelor-Abschluss machte. 1990 stand ein weiterer Wechsel an, der diesen Bildungsweltenbummler nach Paris führte, wo er an der berühmten Sorbonne Kubanische Literatur studierte und schließlich seinen Doktor machte. Bevor er sich schriftstellerisch betätigte, arbeitete SG zunächst als Journalist für den Lateinamerikanischen Service von Radio France International. Später verlegte er sich auf den investigativen Journalismus und arbeitete für die berühmte kolumbianische Zeitung El Tiempo (bei der auch schon so berühmte Leute wie Gabriel Garcia Marquez gearbeitet haben), außerdem war er Kolumnist bei der nicht weniger bekannten Zeitschrift Cromos.

 

Sein Debüt als Schriftsteller erfolgte mit dem berühmten Paukenschlag. 1995 erschien Páginas de vuelta, ein Werk, das ihn quasi sofort als eine der innovativsten Stimmen der neuen kolumbianischen der Erzählung etablierte. Internationale Anerkennung jedoch fand er erst mit dem hier zu besprechenden Werk „Verlieren ist eine Frage der Methode“, das inzwischen in vielen Sprachen, natürlich auch in Deutsch, vorliegt. Seine schriftstellerische Arbeit ist sehr vielfältig und umfasst Elemente: autobiographische Romane, Kurzgeschichten und „schwarz“ Krimis. Heute lebt und arbeitet SG in Rom.

 

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Bisweilen bemühen Kritikerkollegen seltsame Vergleiche oder stellen – weil es sich so schön anbietet – Verbindungen zu berühmten Namen her, die tatsächlich aber nichts mit der zu besprechenden Literatur zu tun haben. So auch bei SG. Nur weil er aus Kolumbien kommt, muss man ihn nicht mit Garcia Marquez in Verbindung bringen. Nur weil man „Hundert Jahre Einsamkeit“ kennt (auch hier bei Ciao vorgestellt), bestehen noch lange keine relevanten Ähnlichkeiten; auch wenn selbstverständlich GGM auch über gesellschaftspolitische Zustände in seiner Heimat schreibt. SG ist nun mal kein Vertreter des Magischen Realismus, sondern eher genau das Gegenteil davon. Er ist dem sog. Großstadt-Roman verhaftet und insofern eher mit der Mexikanischen Crack-Gruppe um Jorge Volpi (auch bei Ciao vorgestellt) verbunden, welche die unglaublichen gesellschaftlichen Missstände mit scheinbar emotionsloser Intellektualität analysiert.

 

Seine Stadt Bogota ist denn auch Schauplatz seiner Literatur im Allgemeinen und natürlich der Schauplatz des hier zu besprechenden Romans. Die Protagonisten repräsentieren das Unstete dieser Großstadt, indem sie quasi in ihr umher irren. Diese Figuren sind in der Regel Menschen mit bescheidenen sozialen Hintergründen: Polizeibeamte, kleine Journalisten, städtische Bedienstete und natürlich nicht zu vergessen Prostituierte. Auch in diesem Buch ist das nicht anders, auch wenn das „Personal“ um ein paar raffgierige Politiker, durchtriebene Geschäftsleute und erbarmungslose Mafiosi angereichert ist. Um aus diesem Sammelsurium von Charakteren eine sinnvolle und unterhaltsam lesbare Geschichte zu machen, ist eine kühle Distanziertheit erforderlich, die jedoch über eine solche instrumentelle Sehschärfe verfügt, dass ihr nichts Menschliches verborgen bleibt. Genau über diese erzählerischen Mittel verfügt SG.

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Der Plot des Krimis ist an sich schnell erzählt: Der Protagonist der Geschichte ist Víctor Silanpa; seines Zeichen Journalist bei einer großen Tageszeitung in Bogota. Sein Fach ist das eines Polizeireporters. Da man aber offenbar davon nicht anständig leben kann, bessert Víctor Silanpa unanständig sein Gehalt mit Erpressungen untreuer Ehemänner auf. Überhaupt ist er ein unsteter Typ… und repräsentiert voll und ganz die zerrüttenden Verhältnisse in der großen Stadt. Ständig kommen ihm irgendwelche Termine zwischen die Verabredungen mit seiner Freundin, die irgendwann die Faxen dicke hat und ihn verlässt. Er leidet natürlich aus verletztem Machismo, was ihn aber nicht davon abhält, sich „in seinem Schmerz“ der jungen Prostituierten Quica an die Brust zu werfen.

 

Eines Tages wird in einem See eine Leiche gefunden. Das wäre an sich nichts Außergewöhnliches, wenn es sich z.B. um eine Wasserleiche handeln würde. Doch der Mensch, dessen Leiche man nun fand, ist nicht im See gestorben… dieser Mensch wurde nach mittelalterlicher Sitte gepfählt! Das wäre natürlich in erster Linie ein Fall für die Polizei im Allgemeinen und für den Polizeihauptmann Moya im Besonderen. Doch der hat ganz andere Probleme: Er ist süchtig nach Süßigkeiten und dieser Sucht entsprechend, viel zu dick. Er hat sich gerade dazu entschlossen, alle seine Energien darauf zu verwenden, seine Süßigkeiten-Sucht loszuwerden. Kurzum, er hat keine Zeit und überlässt quasi den Fall unseren unsteten Reporter, der sich auch sofort an die Arbeit macht.

 

Aber noch immer ist die Leiche nicht identifiziert. Moyas Leute im Hintergrund arbeiten eine Liste mit verschwundenen Personen ab, aber niemand der Verwandten konnte die Identität klären. Dann aber tauchte der Bruder eines Verschwundenen auf, der glaubte in der Leiche seinen Bruder zu erkennen. Emir Estupinan, eben jener Bruder des Verschwundenen, täuschte sich zwar, das spielte aber für den Moment keine Rolle. Emir Estupinan war alles andere als ein Draufgängertyp, arbeitete als kleiner Angestellter bei der Stadtverwaltung, aber ab diesem Moment schwor er, dass er dafür sorgen wolle, dass seinem Bruder Gerechtigkeit geschehen soll und er avancierte zum Assistenten von Victor Silanpa. Emir ist der Mann fürs Grobe, der Plattfuß auf Beobachterposten, der Bote etc. – so bleibt Victor Zeit für die Feinheiten, die Strategie und Taktik… und auch ein wenig für sein Lotterleben.

 

Vor der Kulisse des verlotterten Bogota, in dem ein Menschenleben wenig Wert ist, entwickelt sich eine Inszenierung, in der es um die Gier nach Geld, Macht und Sex geht und es geradezu lebensgefährlich ist, diese Inszenierung zu stören. Aber genau das tut Victor Silanpa und macht sich dementsprechend im Nu Feinde verschiedenster Art. Je weiter er seine Recherchen treibt, desto tiefer dringt er in ein Beziehungsgeflecht von besonders ehrenwerten Politikern, besonders rechtschaffenen Rechtsanwälten, besonders biederen Grundstücksspekulanten und besonders skrupellosen Gangstern ein. Dabei wird dieses „besonders“ nicht etwa wörtlich betont, sonders es schwingt in einer Art Subtext in der Erzählung mit und entfaltet damit umso größere Wirkung, als wenn uns das ausführlich und mit grellen Farben vor Augen geführt worden wäre.

 

Aber Victor Silanpa ist gewieft… und er hat auch Beziehungen; die Beziehungen der kleinen Leute eben, die aber in Fällen, in denen man sich auf sie verlassen muss, besonders gut funktionieren, wohingegen jene anderen Beziehungen unter Umständen das Gegenteil von dem zeitigen, was man von ihnen erwartet. In der Welt der großen Beziehungen, ist nämlich jeder sich selbst der Nächste und manchmal des Anderen ärgster Feind. So auch hier. Jeder dieser Vertreter der ehrenwerten Gesellschaft kocht sein eigenes Süppchen und liefert – wenn es seinen Interessen dient – jene ans Messer, denen man im Moment davor noch Freundschaft schwor. Zumal es um ein ganz großes Geschäft geht, ein wirklich Großes. Eine Schlüsselrolle kommt einem ehemaligen Kollegen von Victor zu, Guzman, der – abgeschieden von der übrigen Welt – seit Jahren in einer Heilanstalt untergebracht ist. Er war einmal ein begnadeter Journalist, bis er durch Überarbeitung, Alkohol- und Drogenmissbrauch nicht mehr konnte. Die immense Erfahrung, die jener Guzman verkörpert, bedeuten für Victor äußerst hilfreiche Analysen.

 

Sei`s drum, die Zerstrittenheit der Großen, ist auch die Chance für den geschickten Reporter. Dass SG offensichtlich etwas von der Arbeitsweise solcher Reporter versteht, kommt im Laufe der Erzählung wunderbar zur Geltung; er weiß wovon er schreibt, nicht umsonst ist er als investigativer Journalist bei der berühmten Zeitung El Tiempo beschäftigt gewesen. So fügt er Puzzleteilchen um Puzzleteilchen zusammen und am Ende des Buches ist das Rätsel um die gepfählte Leiche zwar gelöst und der Polizeihauptmann Moya kann die Täter verhaften und somit den Fall abschließen, aber so recht will man nicht glauben, dass der Gerechtigkeit gedient ist. Victor Silanpa hat den Fall gelöst und es hat ein paar Halunken erwischt, aber letztlich sein Ziel doch nicht erreicht; seine mächtigsten Gegenspieler ziehen doch wieder ihren Hals aus der Schlinge.

 

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Und die Moral von der Geschicht… gibt es leider nicht! Etwas plakativ könnte ich einfach sagen, dass es eben zugeht wie im richtigen Leben. Aber natürlich wäre dann der Text kein Roman, sondern eine Reportage, nicht Kunst, sondern Realität. Dabei stellt sich mir die rethorische Frage, in wieweit sich das in der modernen Literatur auseinander halten lässt… Denn wie in der Wirklichkeit der politischen, gesellschaftlichen und geschäftlichen Verflechtungen auch, werden uns auch im Roman von SG mit äußerstem Geschick falsche Fährten gelegt, Tatsachen verdreht und Vorgänge so undurchschaubar gemacht; mithin ist auch dieser Roman so spannend wie das Leben selbst.

 

Der Roman ist auch deswegen keine nur den Alltag wiedergebende Geschichte, weil er eben verschiedene Erzählstränge nebeneinander stellt; die Bemühungen des Polizeihauptmannes Moya, seine Leibesfülle in den Griff zu bekommen z.B. Diese Sequenzen sind schon fast eine Story für sich, erfüllen aber natürlich die Funktion, unserem Helden Bodenhaftung zu verschaffen, ohne die er leicht in den Stand eines tragisch endenden Superhelden fallen würde. Wenngleich die angesprochenen Bemühungen ins Skurrile changieren, wenn Moya z.B. an einem Entwurf zu einer Vorstellungsrede arbeitet, die ihm die Aufnahme in eine christliche Selbsthilfegruppe sichern soll, so sind es gerade diese Passagen, die – in dem sie den Lesefluss etwas bremsen – Besinnung auf das Wesentliche im Leben erzeugen; ganz davon abgesehen, sind es gerade diese Stellen, die sehr humorvoll und äußerst amüsant sind.

 

Dass das Leben manchmal seltsame Blüten hervor bringt, ist uns doch (hoffentlich) geläufig und so wundert es uns nicht zu sehr, dass Victor Silanpa z.B. Gespräche mit seiner Schneiderpuppe führt, die in seiner Wohnung im Wohnzimmer steht. Ihr pflegt er Gedankenfragmente und Zitate, auf Zettel geschrieben, in die Taschen zu stecken. Auf einem von diesen Zetteln steht eben der Spruch der den Titel für diesen Krimi abgibt: „Verlieren ist eine Frage der Methode“, auf einem anderen „Über dem Leben liegt ein rätselhafter Schatten“. Diese Stellen im Roman, heben ihn von vielen Romanen aus dem Genre deutlich ab und geben ihm auch seine philosophischen Momente, die durchaus komisch daher kommen können, wenn z.B. ein Taxifahrer darüber nachdenkt, in welchem Verhältnis die meisten Bemühungen zum Erfolg stehen. Es ist wie mit dem Fußballteam, das im entscheidenden Spiel immer nur den Pfosten trifft, überlegt er und sagt: „Dieses Land ist ein Land der Pfostenschüsse. Und wissen Sie was? Ich sage immer, den Pfosten zu treffen ist schwieriger, als ins Tor zu schießen, habe ich Recht?“

 

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Mit SG habe ich für mich eine großartige Lese-Entdeckung gemacht; nicht nur weil sein Buch ein überaus spannend zu lesender Krimi ist, sondern auch weil in ihm quasi eine Kritik an der von Geschäftemacherei durchdrungenen (kolumbianischen) Gesellschaft enthalten ist. Ich finde, dass es durchaus nicht nur ein kolumbianisch gefärbter Roman ist, sondern darüber hinaus als ein eindrucksvoll zu lesendes Kunstwerk gelten kann, das von einer gewissen Allgemeingültigkeit ist, denn die in Kolumbien offenbar allgegenwärtige Korruption ist ja – wie hierzulande z.B. die Vorgänge um die Firma Siemens deutlich machen – kein auf dieses Land beschränktes Phänomen. Dabei ist es SG sehr gut gelungen, seine moralisch strenge Kritik, humorvoll zu formulieren und sie in einer unmoralischen Figur zu transportieren.

 

Ebenso finde ich in diesem Roman auch ein Sittenbild der ausufernden Großstädte allgemein, wenngleich es natürlich hier namentlich am Romanort Bogota festgemacht ist. Aber auch hier glaube ich, handelt es sich nicht so sehr um ein spezielles Stadtporträt, sondern die Geschichte liefert so ganz nebenbei auch das eine oder andere Mosaiksteinchen, das sich ins Bild vieler großer Städte einfügen ließe. Auch wenn SG vielleicht nicht vordergründig beabsichtigte dem Krimi eine sozialkritische Note zu geben, so geht er doch meines Erachtens über den reinen Unterhaltungsroman hinaus, ohne dass das Werk dadurch weniger unterhaltsam wäre.

 

Die oben angesprochenen Vergleiche z.B. mit GGM sind nicht nur reichlich überzogen, sondern sind schlichtweg irrelevant. SG hat die klassischen Mittel des Kriminalromans souverän genutzt, um uns einen literarisch erstklassigen Krimi vorzulegen. Dabei konnte ich mit Genuss feststellen, dass dem Autor offensichtlich ein fundiertes journalistisches Handwerkszeug zur Verfügung steht, was dem Roman einen realistischen Ton gibt. SG schreibt zwar vor dem Hintergrund der gewalttätigen Realität Kolumbiens, dennoch schreibt er nicht mit dem sog. Lokalcolorit; sein Roman ist – schon der Biographie des Autors geschuldet – international. Für mich war dieser raffiniert erzählte Krimi nicht nur spannend bis zur letzten Seite, sondern auch ein hochgradig unterhaltsames Lesevergnügen mit Anspruch.

 

 

 

Wilfried John

 

 

Verlieren ist eine Frage der Methode

Santiago Gamboa

324 Seiten – Gebundene Ausgabe

Verlag: Klaus Wagenbach – Aus Feb. 2000

ISBN:  3-8031-3149-9

18,50 Euro

 

Verlieren ist eine Frage der Methode

Santiago Gamboa

320 Seiten – Taschenbuch

Verlag: Unionsverlag – Aus 2001

ISBN: 3-2932-0202-0

Antiquarisch ab 0,01 €

 

Ein Hinweis an Cineasten:

Das Buch „Der Verlieren ist eine Frage der Methode“ wurde von Sergio Cabrera verfilmt.