Sergio Pitol „Die göttliche Schnepfe“

Eingebildete Welten

Pro: Ein herzerfrischend sarkastischer, hintergründig unterhaltender, mit deftigem Witz ausgestatteter Roman

Contra: Das gebundene Buch hätte ruhig etwas besser ausgestattet (z.B. Lesebändchen) werden können


Religionsfreiheit. Bei vielen Begriffen, die mit dem Begriff Freiheit verbunden werden, haben wir mittlerweile den Verdacht, dass es uns nicht gut bekommen wird, uns auf diese Freiheiten einzulassen. Und manche Begriffe die ebenfall mit dem Begriff Freiheit verbunden sind, sind zu leeren Hüllen verkommen oder in Vergessenheit geraten, wie es z.B. mit Worten einer Sprache allermeist dann geschieht, wenn sie nicht mehr verwendet werden; kurz darauf verschwinden sie einfach aus dem Bewusstsein, sind einfach vergessene Worte. Nun, für manche Worte ist das vielleicht nicht dramatisch, für andere aber, zu deren Erlangung es harte Kämpf und erhebliche Opfer gekostet hat, wäre es eine Schande sie zu vergessen.

Das Wort Religionsfreiheit ist ein solches Wort. Vordergründig meint es die Freiheit, sich in Glaubens- und Bekenntnisfragen frei entscheiden zu dürfen. Unsere Verfassung, die eine Menschenrechtsverfassung ist, nennt diese Freiheit an prominenter Stelle; Art. 4. Aber damit ist nicht nur die Freiheit gemeint sich einen Glauben aussuchen zu können, sondern auch das Gegenteil davon – sich von Religion zu verabschieden – ist unser Recht. Es darf keinen mittelbaren oder unmittelbaren Zwang geben, sich einem Bekenntnis oder Glauben anzuschließen; an dieser Stelle einen Gruß an die Beschäftigten der Kirche. Die Grundlage dieses Grundrechts ist die – ebenfalls in der Verfassung festgelegten – Trennung von Kirche und Staat, der sich strikter religiöser Neutralität auferlegen muss.

Die persönliche Religionsfreiheit hat ihre Grenzen – wie jede andere Freiheit auch – an den persönlichen Grenzen der Mitmenschen und beschränkt die Verfassungsbürger keinesfalls in ihren bürgerlichen und staatlichen Rechten, noch entbindet die Religionsfreiheit den Einzelnen von den bürgerlichen und staatlichen Pflichten. Das Rechtsstaatlichkeits-Prinzip steht natürlich über der Religionsfreiheit; niemand darf annehmen, dass er aus Glaubensgründen gültige Gesetze nicht zu beachten braucht; wozu auch das Toleranz-Prinzip und das Menschenrechts-Prinzip in unserer Verfassung gehören; an dieser Stelle einen Gruß an die Berliner, damit sie das den Scientologen weitersagen können, die sich in ihrer Stadt breit machen wollen.

Es hat sehr lange gedauert, bis sich die Gesellschaften vom alles bestimmenden Einfluss der Kirche zu befreien vermochten und es hat in vielen Kriegen viele Tote gekostet. Als in der Folge der Französischen Revolution die ersten modernen Demokratien in Europa entstanden, war es eine Errungenschaft erster Güte, dass die Trennung von Kirche und Staat in den Verfassungen festgeschrieben wurde und es jedem Menschen selbst überlassen wurde, an was auch immer er glauben will. Das ist wohl in der Zwischenzeit so selbstverständlich geworden, dass kaum noch jemand einen Gedanken daran verschwendet. Kaum noch jemand? Doch, es gibt Leute, die darüber – aus welchen Gründen auch immer – nachdenken. Schlimmer noch. Heutzutage wird wieder an dieser wichtigen Errungenschaft herum gewerkelt… oder sollte ich sagen „Herum-Gemerkelt“?

Deutschland hat zurzeit den Vorsitz im Europäischen Rat und kürzlich hat unsere Regierungschefin ihr Programm für die Zeit der Präsidentschaft verkündet. Ein Punkt davon ist, einen neuen Anlauf für den glorreich gescheiterten Europäischen Verfassungsvertrag zu unternehmen. Aber anstatt die Kanzlerin die Gründe für das Scheitern z.B. in Frankreich untersucht und versucht aus dem einseitig neoliberalen Vertragswerk, einen wirklichen Verfassungstext zu machen, in dem sie die Errungenschaften der europäischen Gesellschaften auf der Grundlage des Prinzips Liberte, Egalite, Fraterniete aufnimmt, hat sie nichts anderes im Sinn, als den christlichen Gottesbezug, der schon ad acta gelegt war, wieder aufzuwärmen und in das neueste Verfassungswerk der Welt hineinschreiben zu wollen. Vielleicht ist sie ja der Meinung, wenn wir nur fest genug an den lieben Gott glauben, werden sich unsere Probleme von selbst erledigen; an dieser Stelle einen Gruß an die in die EU wollenden Türken, das wär´s dann wohl…

In einer Zeit, in der eine weitere Freiheit, nämlich die Freiheit der Kunst, offen oder stillschweigend in Frage gestellt wird, in der Künstlern geraten wird, sie sollten sich die Frage stellen, ob sie mit ihrer Kunst irgendjemandes Gefühle, z.B. die religiösen Gefühle, verletzen, erscheint es geradezu abwegig, sich über den Gottesbezug in der Europäischen Verfassung Gedanken zu machen. Auf der einen Seite geißelt man Muslime ob der Aufregung über ein paar Karikaturen und auf der anderen Seite versucht man die Errungenschaften der Religionsfreiheit in eine Zeit zurück zu entwickeln, in der man auch hierzulande als Künstler wegen Gotteslästerung noch vor Gericht landete; das ist noch nicht so arg lange her… z.B. Joyce oder Beckett lassen schön grüßen.

Da trifft es sich doch gut, dass sich just in dieser Zeit ein Künstler mit einem Buch zu Wort meldet (respektive der Verlag – da das Original schon 1988 erschien), das sich äußerst wortgewandt und in Form eines Schelmenromans mit dem Thema höchst amüsant auseinandersetzt. Wie sich meine Leserinnen und Leser sicher denken, und womit sie – diesmal – auch wieder sehr recht hätten, handelt es sich um ein Produkt der lateinamerikanischen Literatur, eines lateinamerikanischen Autors: Der Autor ist Sergio Pitol und der Titel seines Buches lautet „Die göttliche Schnepfe“

Sergio Pitol (kurz SP), hierzulande leider kaum bekannt, ist einer der profiliertesten Schriftsteller Mexikos, einer der bekanntesten in Lateinamerika und darüber hinaus einer der anerkanntesten der gesamten Spanisch sprechenden Welt. Seit kurzem nun, bemüht sich der in der lateinamerikanischen Literatur engagierte Verlag Klaus Wagenbach um die Veröffentlichung des Lebenswerks von SP in Deutscher Sprache und so ist es mir zum einen deswegen ein besonderes Vergnügen seinen, schon 1988 erstveröffentlichten, Roman vorzustellen, und zum anderen passt dieser Roman ganz besonders gut in den im Vorwort aufgezeigten Kontext; es könnte sein, dass dies kein Zufall ist und vom Verlag beabsichtigt – sollte das der Fall sein, möchte ich den engagierten Verlag Klaus Wagenbach obendrein auch als verdienstvoll bezeichnen. Um dem Publikum den Schriftsteller etwas näher zu bringen, möchte ich ihn mit ein paar Anmerkungen zu seiner Biographie beschreiben:

SP wurde 1933 in Puebla/Mexiko geboren. Seine Kindheit war alles andere als angenehm für ihn, denn er war ein sehr kränkliches Kind, was es ihm unmöglich machte ein kindhaft normales Leben zu führen. Er verbrachte viele Jahre krank im Bett. Mit vier Jahren wurde er obendrein zur Vollwaise. In dieser Zeit wurden Bücher zu der einzig möglichen Ablenkung oder Unterhaltungsmöglichkeit. In seiner Erinnerung, die vielleicht – wie bei anderen Menschen auch – die schlechten Dinge etwas ausgeblendet hat, beschreibt SP seine Kindheit als eine sehr glückliche Zeit, in welcher der Umgang mit Büchern zu seiner Lieblingsbeschäftigung wurde. Man könnte – ohne despektierlich sein zu wollen – sagen, dass SP als Kind mit mehr fiktionalen als mit lebendigen Personen umgeben war.

Offenbar konnte SP schon ungewöhnlich früh sehr gut lesen und so regten die Geschichten und Romane von Charles Dickens und Jules Vernes seine Phantasie an, in der er – wie seine Helden – Reisen in die weite Welt unternahm, in die er seiner Krankheit wegen körperlich nicht gelangen konnte. Das sollte sich später gründlich ändern und es kann kaum erstaunen, dass das Erleben dieser frühen Kindheit sich prägend auf den heranwachsenden und erwachsenen Menschen auswirkte. Er war wohl ein sehr fleißiger und sehr lernbegieriger Schüler und so durchlief er seine schulische Ausbildung äußerst erfolgreich, um am Ende mit zwei abgeschlossenen Studien (Jura und Literatur) ins Berufsleben starten zu können. Aber zunächst wollte er – und wer könnte es ihm verdenken – ein paar Monate verreisen und die Länder Europas erkunden.

Nun machte sich neben der Leidenschaft für Literatur und für das Reisen ein weiteres, eher allgemeines Lebensprinzip bemerkbar: Die Unvorhersehbarkeit. Die Reise sollte nämlich nicht – wie vorgesehen – ein paar Monate, sondern sie sollte 28 Jahre dauern. Sie blieb auch nicht – wie geplant – auf Europa beschränkt, sondern führte ihn sogar bis nach China. Auf den einzelnen Stationen lehrte er Literatur, übersetzte Literatur aus dem Russischen, Polnischen und Englischen und er schrieb weiter seine eigenen Geschichten. Im Vergleich zu anderen Autoren, kam SP erst relativ spät zum Schreiben; offenbar hatte er andere Prioritäten zu setzen. Die ersten Schreibversuche, datieren auf das Jahr 1957, den ersten Roman „El tañido de una flauta“ gar, beendete er als er schon 38 Jahre alt war. Das hatte wohl auch damit zu tun, dass SP 1960 in den diplomatischen Dienst seines Landes eintrat und Mexiko in mehreren Ländern als Kulturattaché repräsentierte und von 1983 bis 1988 und war er Botschafter in Prag.

Neben seiner diplomatischen Tätigkeit, arbeitete er zwar langsam, aber dennoch beständig an seinem literarischen Werk. Der nationale und internationale Durchbruch gelang ihm schließlich 1984 mit dem Roman „Defilee der Liebe“, für den er mit dem „Premio Herralde de novela“ ausgezeichnet wurde. 1999 folgte die Verleihung des äußerst renommierten „Premio Juan Rulfo“ und seinen Ritterschlag erhielt SP 2005, als ihm der im spanischen Sprachraum wichtigste literarische Preis, der Premio Cervantes, zugesprochen wurde und er sich auf eine Stufe mit seinen berühmten Landsleuten Octavio Paz und Carlos Fuentes (auch hier bei Ciao vorgestellt) gestellt sah. Allerdings unterscheidet sich das Schreiben des literarischen Nomaden SP von der für Mexiko typischen Literatur, was als folgerichtig anzunehmen ist, da er sich nie direkt im Literaturbetrieb dieses Landes verstrickt sah.

Wenn es je stimmte, dass Schriftsteller ihr Werk aus den Prägungen ihres Lebens schöpfen, dann stimmt es weil SP schreibt. Der Prägestempel seines Lebens, formte das außergewöhnliche Werk dieses Mannes quasi zu einer individuellen, biographischen und authentischen Literatur, deren Grundthemen von seiner traumatischen Kindheit herrühren oder sich um alle Spielarten der Einsamkeit drehen. SP schreibt Romane, Essays und Gedichte, übersetzte z.B. die Romane von Joseph Conrad (ein Autor seiner Kindheit) und er lehrt an der Universität von Veracruz. Seit dem Ende seiner diplomatischen Laufbahn lebt und schreibt SP in Xalapa/Mexiko.

In seinem „neuen“ Roman geht es turbulent zu, deftig ebenfalls, urkomisch zudem und – auf den ersten Blick – äußerst verwirrend. Zunächst erfindet sich der Schriftsteller SP einen Schriftsteller… einen alternden zudem, der endlich den Roman seines Lebens schreiben will. Diesen Autor können wir dabei beobachten, wie er seinerseits einen Erzähler erfindet… welcher dann in der Folge zum Protagonisten des Werkes werden soll. Bisher handelten die Bücher des alternden Autors von gescheiterten Existenzen. Das neue Buch soll verhindern, dass er sich selbst als eine solche gescheiterte Existenz betrachten muss. Das Kapitel 1 von „Die göttliche Schnepfe“ trägt die Überschrift: „Wie ein Schriftsteller, dem das Alter ernsthaft zusetzt, Einblick in sein Laboratorium gibt und über die Materialien nachdenkt, aus denen er einen neuen Roman anzufertigen gedenkt“. Und es liest sich auch sehr viel versprechend, was dieser alternde Schriftsteller an Personal und Material in seinem neuen Roman einzusetzen gedenkt: eine exzentrische Dame, die kosmopolitische Stadt Istanbul, ein skurrile, frivoles, heidnisch-religiöses Ritual im Urwald von Tabasco, einen Geizkragen, Materialsammlungen über die zivilisatorische Funktion von Festen seit dem Mittelalter, Sekundärliteratur zu Gogol und zwei ehemalige Bekannte, die ihm zufällig einfielen und aus denen er literarisch eine Figur machen will, die beim Konsum von großer Literatur jählings von etwas Höherem ergriffen wird.

Der alternde Schriftsteller plant, dass sein Held überrascht entdeckt: „dass ein Roman mehr sein kann als eine langweilige Anhäufung mondäner oder psychologischer Faseleien und in der Lage war, ihm etwas zu vermitteln, das alle seine Vorstellungen von Literatur sprengte“. Es ist an dieser Stelle vielleicht überflüssig zu erwähnen, dass wir uns hier nicht im realen Arbeitszimmer eines realen Schriftstellers befinden, sondern schon mitten im Roman von SP, und so können wir uns immer auf skurrile Wendungen und sonderbare Perspektiven gefasst machen. Mit der Fortsetzung des oben begonnenen Zitates, bekommt man schon einen Ahnung davon, was eigentlich gemeint ist: Diese Literatur soll „Emotionen in ihm hervorzurufen, wie bislang nur Abhandlungen über internationale Handelsbeziehungen und Statistik.“ Man merkt schon in den Figuren die typische Handschrift des Autors SP. Seine Figuren sind immer irgendwie kleinkariert, ziemlich neurotisch, oft ungebildet und – was im realen Leben ja auch oft zusammen fällt – mit dem eigentlich unbegründeten und zudem mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht von Erfolg gekrönten Drang nach Höherem ausgestattet. Ein Kollege brachte es auf folgende Formel: “SP versucht aus dem gekrümmten Blick dieser fiktiven neurotischen Personen, eine verblüffende Perspektive auf die Wirklichkeit zu gewinnen.“

Der Name der Hauptfigur ist Dante de la Estrella, er ist Jurist, karrieregeil und ein Ekel. Der Beginn der Geschichte, die der erfundene Schriftsteller erfindet, spielt im Wohn- und Arbeitszimmer des Architekten Millares, der seit einem Streit vor fünfzehn Jahren – als er einen Hausbau für ihn plante – nichts mehr mit ihm tun haben wollte. Aber ausgerechnet die Frau dieses Architekten ist Innenarchitektin und sie soll ihm nun ausgerechnet dieses Haus renovieren. Die Situation ist peinlich, da die Innenarchitektin nicht anwesend ist und der Hausherr lieber liest als sich um seinen Gast zu kümmern. Außerdem im Zimmer noch der Patience legende Vater des Hausherrn, eine mit Handarbeit beschäftigte Tante und die beiden Kinder, die mit einem großen Puzzle beschäftigt sind. Dann entdeckt Dante, dass es sich bei dem Bild auf dem Puzzle um das Bild der Blauen Moschee in Istanbul handelt.

Das weckt die Erinnerung des unwillkommenen Besuchers und er beginnt zu erzählen. Seine Zuhörerschaft, die den unsympathischen Gesellen aus tiefsten Herzen verabscheut, ist wegen eines derben Unwetters, das es unmöglich macht das den Ort des Geschehens zu verlassen, gezwungen, ihm bis zum bitteren Ende zuzuhören. Ein Problem ist, dass der Erzählende selbst seine eigene Geschichte nicht versteht; was bei Neurotikern nicht verwundern darf. Die oben erwähnte Zuhörerschaft versteht folglich auch nicht recht was er meint und macht deshalb ständig unqualifizierte Zwischenbemerkungen, was bei uns Leserinnen und Lesern für das Verständnis auch nicht gerade förderlich wirkt und wir sind sehr auf Vermutungen über den wirklichen Verlauf der Geschichte angewiesen. Nach den Einlassungen des Protagonisten begann alles mit einer Reise von Rom nach Istanbul, die er vor Jahrzehnten in Begleitung eines reichen Bekannten und dessen Schwester unternahm.

Dort begegnete er einer seltsamen Frau. Der Erzähler gibt zu Protokoll: „Sie schien meine Gedanken zu lesen. Ihr Blick, ohnehin schon grausam, wenn er sich auf mich richtete, blitzt plötzlich katzenhaft wild auf. ‚Ein Scheinleben’, sagte sie, als sie sich schließlich dazu herabließ, das Wort an mich zu richten, ‚hat eine hohen Preis. Vergessen sie das nicht, vergessen sie das nie. Lebensfeindliche Kräfte zu fördern pflegt äußerst bittere Früchte hervorzubringen.’“ Ihr Name ist Marietta Karapetiz. Sie ist die mysteriöse göttlichen Schnepfe, Witwe eines Anthropologen und Gogol-Spezialistin; ihr erliegt er in einer abgrundtiefen Hassliebe. Sie habe berichtet; dass sie während einer Forschungsreise im Urwald des südlichen Mexiko, die sie einst mit ihrem Mann unternommen hatte, einem bizarren heidnischen Ritual beiwohnte, in dessen Verlauf sie erfolgreich in das zugehörige Mysterium initiiert worden sei.

Im Verlaufe mehrerer Kapitel voller verwirrender Perspektivwechsel und erzählerischer Verstrickungen, die deutlich machen, dass es dem Erzähler auch durch Nacherzählen nicht gelingt, seine eigene Geschichte zu verstehen, strebt sie sozusagen ihrem Höhepunkt zu, in dem er jenes abstoßende, atavistische Ritual schildert. Seine Erregung steigert sich fast bis zum Herzinfarkt. Einerseits ist er hingezogen zu dieser Frau, andererseits stößt ihn der Ekel vor dem von ihr verkörperten Ritual ab… und trotzdem findet er sich plötzlich inmitten dieses skurrilen, absurden Fäkal-Rituals wieder, das SP als eine äußerst witzige Anspielung auf die heidnischen Grundierungen des Christentums anlegt.

Was sie wirklich gewesen ist, werden wir nie erfahren, da nur der Protagonist uns Auskunft geben könnte, aber der ist eine literarische Besonderheit: ein unwissender Erzähler, dessen Urteilsfähigkeit aus vorgenannten Gründen beschränkt ist. Was er allerdings sicher zu wissen glaubt ist, dass er wegen dieser Dame – und des offenbar von ihr induzierten Interesses an seltsamen Ritualen – am Ende tief in der Tinte sitzt und die Tinte, eigentlich sagt er Scheiße, manifestiert sich eben in jenem absonderlichen Ritual, das in Form einer Orgie im Urwald von Tabasco abgehalten wird und er fügt hinzu: „Wenn Sie wüssten, in welchen finsteren Wald ich da geraten bin”. Dann kommt er endlich zum infernalischen Höhepunkt und gibt der teils angeekelten, teil faszinierten Zuhörerschaft sein Trauma preis: er sei im wahrsten Sinne des Wortes beschissen worden zu sein und es auch fürderhin zu bleiben. Plötzlich ist das Unwetter, das alle ans Haus gefesselt hatte, vorbei und der Erzähler wird von seinem Chauffeur in die Gefilde seiner sonstigen Existenz zurück gebracht.

Die Überschrift des letzten Kapitels lautet: „Wie die bereits spröde Freundschaft zwischen Dante de la Estrella und Marietta Karapetiz sich einer harten Probe unterzogen sieht, womit der Leser entscheiden mag, ob ihre Beziehung zu einem Ende gelangt ist oder einer innigeren Phase entgegensieht, die selbst der Entfernung zu trotzen vermag, welche sich von nun an zwischen beide stellen wird.“ Die Zuhörer in der Geschichte sind ratlos und der alternde Schriftsteller muss zur Kenntnis nehmen, dass er schon wieder einen Roman über das Scheitern geschrieben hatte. Uns Lesenden wird es nicht verraten, was sich in Istanbul wirklich abgespielt hat und der wirkliche Schriftsteller SP überlässt es somit uns, der eigenen neurotischen Krümmung entsprechend, den Roman „Die göttliche Schnepfe“ zu interpretieren. Ich für meinen Teil bewundere SP für sein Werk allgemein und für diesen außergewöhnlichen Roman; der natürlich nicht der Konvention der Gefälligkeit huldigt, sondern dem Chaos des Unvorhersehbaren.

Als Schnepfen, so das Klischee, bezeichnet man komplizierte Wesen (und ich meine nicht die Vogelart). Sprunghaft, schnell aus der Fassung gebracht, überempfindlich und ebenso schnell beleidigt wie gelangweilt… Trotzdem (oder gerade deswegen?) finden sie Verehrer, die ihr Bestes geben, um der Hochmütigen zu imponieren. Der Roman „Die göttliche Schnepfe“ ist sozusagen Gleichnis und Schelmenroman in einem. In dem SP erzählt wie leicht man einer Schnepfe hörig werden kann und wie schwer es ist, sich ihrem Einfluss zu entziehen, erzählt er uns auch, wie man sich mit eingebildeten (auch religiösen) Gefühlen selbst so gehörig um den Verstand bringen kann, dass man nicht mehr in der Lebenswirklichkeit zurecht kommt und höchstens noch als Romanfigur einem zuschauenden Publikum zur Unterhaltung dient. Damit steht SP in einer Linie mit sehr berühmten Vorgängern, die dieses Leben in der Fiktion verarbeitet haben. Das wohl berühmteste Werk von allen ist wohl Cervantes Don Quijote, in dem das Ritter(un)wesen verspottet wurde. SP spottet vortrefflich über Starkult, religiöse Dogmen und Konventionen.

Wie schon angemerkt, konstruierte SP diesen Roman mit einer Erzähl-Methode, die nicht von ihm erfunden wurde, die er aber bis zur Perfektion beherrscht. Der Roman im Roman, die Geschichte in einer anderen Geschichte… und er hat so vielfältige Möglichkeiten, durch Wechsel von Erzählebenen oder Erzählzeiten, durch Übergänge auf andere Erzählorte oder andere kommentierende Figuren, scheinbar je nach Lust und Laune seinen Roman zu beschleunigen oder zu verlangsamen; wobei dieses „Lust und Laune“ natürlich nicht wörtlich zu nehmen ist, da SP bei seinem Schreiben natürlich nicht nach diesem Prinzip verfährt, sondern den Erzählstrang immer klug und überlegt weitertreibt. Einen stilsichereren Autor, der die Konventionen der Form so wahrt, habe ich selten gelesen.

Ich habe in der Besprechung eines Kollegen gelesen, dass SP allerdings gegen andere Konventionen verstoßen würde; z.B. den Konventionen dessen was man allgemein „guter Geschmack“ oder „Gefälligkeit“ nennt. Er macht das ein seiner eigenen Feststellung fest, dass in diesem Roman keine einzige sympathische Person vorkomme. Es kann natürlich sein, dass damit die glatte Gefälligkeit zuschaden kommt, die für eine breite Leserschaft mit Unterhaltungsliteratur in Verbindung gebracht wird und vielleicht zum Bestseller-Unwesen führt. Aber erstens ist der Roman alles andere als NUR gute Unterhaltung und zweitens sind Geschmacksfragen, nach meiner Auffassung, nicht verallgemeinerbar. Insofern trete ich dieser Meinung nicht bei, denn mein Gefallen gründet z.B. auch auf der Komplexität, die man auch getrost kompliziert nennen darf.

Für mich muss ein Roman oder ein sonstiges Werk der Literatur nicht unbedingt einen roten Faden haben, einem offensichtlichem Handlungsstrang folgen oder es durch eine vollkommene Struktur uns Lesern einfach machen, den Gedanken des Autors zu folgen… ich folge auch gerne meinen eigenen Gedanken, vergnüge mich an geschrieben Bildern oder charaktervollen Figuren, vielfältigen Brechungen der Perspektiven strengen mich nicht, sondern regen mich an. Ich finde es ausgesprochen gut, wenn Autoren es wagen, uns Lesenden eine mehr als konsumierende Rolle zuzuerkennen… gewiss, sie sind dann sozusagen nicht mehr die Herrn des Verfahrens und müssen es „ertragen“, dass Lesende eine andere Geschichte lesen als die, die sie selbst haben schreiben wollen. Aber ist das nicht immer so? Die Dichter lassen mit ihren Werken die Lesenden allein… und ich finde das gut.

Zumal dieses Buch alles hat, dass wir Lesenden uns in diesem Alleinsein nicht zu fürchten brauchen, sondern uns witzig, charmant, skurril und anregend unterhalten fühlen können. Natürlich kann ich nicht verallgemeinern… nicht jeder ist empfänglich für den durchaus   menschenfreundlichen Sarkasmus a la SP, nicht jeder wird bereit sein, sich auf den verwinkelten Ebenen der Erzählung treiben zu lassen und doch es macht Freude, dieses Werk eines wirklichen Meisters zu verkosten. SP selbst gibt zu Protokoll, dass er sozusagen als Gegengewicht zum trockenen Protokoll der Diplomatie, in seinem Schreiben auf die Parodie und den Nonsens gekommen sei… und in der Tat leuchtet auf jeder einzelnen Seite dieses Schelmenstücks ein Augenzwinkern auf, das in der Lage ist, jeden noch so verqueren Gedanken überraschend plastisch darzustellen.

Wilfried John

Die göttliche Schnepfe

Sergio Pitol

205 Seiten – Gebundenes Buch

Verlag: Wagenbach – Aus Aug. 2006

ISBN: 3-8031-3206-1

19,50 €

Nachsatz: Der Klappentext des Verlags ist offenbar ohne wirkliche Kenntnis des Romaninhalts entstanden, denn anders ist es nicht zu erklären, dass darin nichts mit dem vorliegenden Roman übereinstimmt. Auch in den eigenen Veröffentlichungen scheint sich der Autor des Klappentextes nicht recht auszukennen, denn schon in dem Titel „Die Reise. Ein Besuch Russlands und seiner Literatur”, erschienen im Jahr 2003, erzählt er über die Entstehungsgeschichte und die Titelheldin des Romans „Die göttliche Schnepfe”. Wer sein Lesevergnügen noch steigern will, dem sei das russische Reisebuch als Begleitlektüre zum Roman unbedingt empfohlen.