Severo Sarduy „Woher die Sänger sind“

Ein karibisches Kunstwerk aus Worten

Pro: Ein Fest des Geistes, eine Mischung aus Ernst und Ironie

Contra: Provozierende Effekte des Ungewohnten



Zeitgenössische Kunst und Ästhetik. Anlässlich einer vorbereitenden Diskussion für eine Ausstellung für Zeitgenössische Kunst („Blickachse“ Internationale Ausstellung für zeitgenössische Kunst in Worms, 15. bis 18. Juni 2006 – sie auch Anhang 1) habe ich feststellen müssen, dass die Begriffe Kunst, zeitgenössische Kunst und Ästhetik zwar in aller Munde sind, aber auch, dass sie meist in Zusammenhängen verwendet wurden, die von einem mangelnden Verständnis dieser Begriffe zeugen. Das Problem verstärkt sich noch, weil hier nicht eben Laien in Sachen Kunst versammelt waren. Mir fiel sofort ein Diskurs ein, den ich vor langer Zeit mit einer Freundin geführt habe, die sich selbst als Kunstbanause sah… und mir fiel auch ein, wie viel reicher mein Leben geworden ist, seit ich mich intensiv mit Kunst zu beschäftigen begann.

Sicher kann man sich als Laie in Sachen Kunst bezeichnen und dennoch Interesse an Kunst haben; nur das eigentlich zählt… wie übrigens bei allem im Leben. Jetzt kommt es nur noch darauf an, dass dieses Interesse auf Information stößt, damit Verständnis daraus werden kann. Wie bei der klassischen Musik oder dem Jazz, muss man sich erst an die Werke heran wagen oder hingeführt werden, damit ein Genuss vollständig werden kann. Dazu scheint es mir erforderlich, dass man sich erst einmal gewisse Grundlagen aneignet und das beginnt damit, dass man sich über Begrifflichkeiten klar wird.

Kunst, so die meistens verwendete Definition, sind alle Erzeugnisse menschlicher Tätigkeit, die, im Gegensatz zur technischen und handwerklichen Produktion, nicht die Brauchbarkeit anstrebt, sondern ein seelisch/geistiges Erleben des Künstlers/der Künstlerin in Materie, Wort oder Musik umzusetzen beabsichtigt. Ein Zeitgenosse ist ein Mensch, welcher der Gegenwart angehört. Somit ist zeitgenössische Kunst der Sammelbegriff für die künstlerischen Äußerungen von in der Gegenwart lebenden Künstlern, die eine seelisch/geistige Situation des Jetzt zu verarbeiten suchen. Zu meinem Kunstbegriff gehört auch, dass die Kunst so frei sein muss, wie es unsere Verfassung unter dem Begriff Kunstfreiheit beschreibt. Gerade in den letzten Monaten stand die Kunstfreiheit unter einer harten Prüfung und ich bin froh, dass die Prüfung bestanden wurde.

Denn es muss völlig unerheblich sein welche Mittel und Formen von Künstlerinnen und Künstlern eingesetzt werden, denn die Kunstschaffenden sind natürlich bemüht auch immer wieder neue Formen der Gestaltung, neue Materialien, neue Klänge – sogar eine Fusion der unterschiedlichen Medien ist denkbar und heute vielfach üblich – für ihre Kunst zu gebrauchen. Aber wegen der Effekte des Ungewohnten, haben viele Menschen ihr Problem mit der zeitgenössischen Kunst. Mit diesen Effekten des Ungewohnten möchte ich mich noch etwas näher beschäftigen und etwas näher darauf eingehen. Uns ist von jeher – oder wenigstens seit es dieses gesellschaftliche System in ausgeprägter Form gibt – eine doppelbödige Erziehung beobachtbar: eine Erziehung für Klassen. Unsere Klasse bekam – natürlich der Nutzbarmachung von Arbeitskraft geschuldet – einen eher „elitären„ Kunstbegriff vermittelt; Kunst vs. Produktion. Wir bekommen in den Schulen die moderne bildende Kunst, die moderne Musik oder die moderne Literatur nicht oder nur so vermittelt, dass wir oft nur mit Ablehnung reagieren können.

Aber natürlich gibt es die Gegenwelten – die welche immer schon wussten, dass der Mensch eben nicht nur ein Produktionsfaktor ist, sondern eine seelische/geistige Sehnsucht ihn über die Grenze der Realität hinaus zu treiben sucht – und nun kommen die Begriffe zeitgenössisch und meinetwegen modern, postmodern, klassisch oder was auch immer ins Spiel: Picasso z.B. ist eine ungewöhnliche Ausnahmefigur. Picasso war unbestritten zeitgenössischer Künstler, der z.B. mit seinem Guernica-Bild in der Tat die seelisch/geistige Situation im Spanien des Bürgerkrieges, als Faschisten unter Franco die junge Republik zerstörten und Hitler den Bombenkrieg gegen die Zivilbevölkerung erfand, als er eine friedliche Stadt ohne Vorwarnung von seiner Luftwaffe unter dem Codewort „Unternehmen Condor“ bombardieren ließ (später sollten die Deutschen in vielen eigenen Städten erfahren wie sich das anfühlt – und die britische und amerikanische Brutalität bejammern). Aber Picasso schuf fast zeitgleich eine neue Form der Äußerung in seinen Bildern, die noch zu seinen Lebzeiten zu einer eigenen „Epoche„ wurde – fortan war Picasso (nach meiner Lesart) noch zu Lebzeiten kein zeitgenössischer Künstler mehr, da er fortan nicht mehr am seelisch/geistigen Jetzt arbeitete, sondern seinen Stil reproduzierte, vervielfältigte.

Bis hier hin versuchte ich eine Analyse (sehr oberflächlich…) dessen, was für mich mit dem Kunstbegriff zusammen hängt. Nun will ich eine weitere Drehung des Kaleidoskops machen und den ästhetischen Begriff einführen: Ästhetik ist keine eigenständige wissenschaftlich Disziplin, sondern eine Praxis der Vermittlung, oder eben eine Praxis der Aneignung. Weit verbreitet ist der Satz: entweder es gefällt mir oder eben nicht. Der Umgang mit solch komplexen Arbeiten, wie sie jedes einzelne Kunstwerk nun mal darstellen, ist aber nicht vordergründig vorstellbar. Dieser Umgang erfordert ein Sich-Einlassen, eine Ästhetik, die ich, vereinfacht, so beschreiben möchte: man soll versuchen Farben zu hören, Musik zu sehen oder Worte zu fühlen.

Spätestens beim Stichwort „Worte fühlen“ werden Leserinnen und Leser die mich kennen erwarten, dass ich auf ein Werk der Literatur zu sprechen komme, das in Verbindung meiner Vorüberlegungen steht. Genau das will ich an dieser Stelle auch tun und habe mir einmal mehr ein Stück Literatur aus der Karibik vorgenommen. Dass es sich dabei nicht um ein aktuelles Werk handelt, was seinen Entstehungszeitpunkt betrifft, tut nichts zur Sache, denn obwohl es schon 1967 entstand (allerdings in Deutsch erst seit 1993 vorliegt), bleibt es ein Musterbeispiel der Sprachkunst das seinesgleichen sucht. Das gilt natürlich auch für seinen Autor, der zu den kreativsten, innovativsten und experimentierfreudigsten Schriftstellern gehört, welche die lateinamerikanische Literatur im Allgemeinen und die karibische Literatur im Besonderen hervor brachte. An seinem Beispiel will ich das was für mich Kunst ist näher erklären und den Versuch unternehmen, ein breiteres Lesepublikum zu ermuntern, die Kunst für sich zu entdecken. Es handelt sich um das Buch „Woher die Sänger sind“ von Severo Sarduy.

Für diese Besprechung möchte ich zwar, wie immer, biographische Daten des Autors anbieten, möchte mich damit aber relativ kurz fassen, da im Anhang des Buches eine ausführliche Biographie abgedruckt ist, welche die Bedeutung des Autors ausgezeichnet hervor hebt. Severo Sarduy wurde am 25. Februar 1937 in Camagüey/Kuba geboren. Er entstammt einer multikulturellen Arbeiterfamilie mit chinesischen, afrikanischen und iberischen Vorfahren. Er ging in Camagüey auch zur Grundschule und erlangte als guter Schüler am Instituto de Segunda Ensenanza seine Hochschulreife. Früh begann er sich auch mit Kunst zu beschäftigen; was in der Familie nicht gerne gesehen wurde, obwohl es in Familie selbst schon bekannte Künstler gab. Schon während seiner Zeit in Camagüey begann er Lyrik zu schreiben und einige Gedichte wurden im Literatur-Journal „Ciclìn“ veröffentlicht.

Sarduy beschloss dann Arzt zu werden und siedelt nach Havanna über, um an der dortigen Universität sein Medizinstudium aufzunehmen. Aber es waren unruhige Zeiten und er konnte nur ein Jahr an der Uni bleiben, da das reaktionäre Regime von Batista die Universität wegen andauernder Studentenunruhen schloss. Das war der Anlass für ihn, wie für viele andere oppositionelle Intellektuelle auch, fortan die Revolution von Fidel Castro zu unterstützen. Sein Kampf war aber nie einer mit der Waffe, er kämpfte sozusagen an der ideologischen Front. Während dieser Zeit schrieb er Artikel über kubanischen und lateinamerikanischen Kunst und nach dem Sieg Castros, arbeitete er für das Journal „Lunes de Revolucion“, die unter der Leitung von Guillermo Cabrera Infante (auch hier bei Ciao vorgestellt) stand.

In dieser Zeit konnte er auch seine frühen Kurzgeschichten in „Carteles“ veröffentlichen, die unter der Leitung von dem berühmten Schriftsteller Alejo Carpentier stand, und er war Mitglied der Redaktion für die Kunst- und Literaturseite der angesehenen Zeitung „Diario Libre“. Sarduy erhielt 1959, wegen seiner herausgehobenen Rolle während der Revolution, von der neuen Regierung ein Stipendium zum Studium der Kunstgeschichte in Europa. Seine erste Station war Madrid, wo er aber nur wenige Monate blieb – den Grund kenne ich nicht, könnte mir aber denken, dass es etwas mit den gesellschaftlichen und politischen Bedingungen unter Franco zu tun hat. Er nahm schließlich an der Ecole du Louvre in Paris sein Studium auf. Alsbald begann er auch wieder mit seiner journalistischen Tätigkeit. Bei einem Kunst-Journal schrieb er wieder über Literatur. Hier lernte er, sozusagen ganz nebenbei, viele Künstler kennen und setzte sich mit Kunstrichtungen wie Strukturalismus und Poststrukturalismus auseinander, was ihn für sein eigenes Schaffen stark beeinflusst. Vor allen mit den Künstlern wie Francois Wahl und Roland Barthes unterhielt er besonders enge Beziehungen.

Im Zusammenhang mit den rigiden Maßnahmen des kubanischen Revolutionsregimes auch gegen Kulturschaffende wie Jose Lezama Lima und vor allem gegen Guillermo Cabrera Infante, nahm auch Sarduy eine kritische Haltung ein – seine Kritik richtete sich gegen die Unterdrückung von ethnischen Minderheiten (z.B. chinesischstämmige Kubaner). Das führte natürlich dazu, dass die Revolution mit ihm und er mit der Revolution brach. Sarduy blieb fortan in Paris. Während der 1960er Jahre arbeitete er mit vielen einschlägigen Kunst-Zeitschriften zusammen und schließlich arbeitete er für Editions du Seuil, einem der großen Verlage Frankreichs; er redigierte hauptsächlich lateinamerikanische Literatur.

Aber nicht nur, dass er sozusagen fertige Literatur übertrug, er hat schon längst einen eigenen Stil entwickelt und beeinflusste seinerseits die Literaturen Lateinamerikas und manche Literaturwissenschaftler wiesen nach, dass Stilelemente seines Schreibens in Werken von Lezama Lima, Carlos Fuentes oder Manuel Puig (alle auch hier bei Ciao vorgestellt) enthalten sind. Sardy machte Mechanismen der Psychoanalyse zum Bestandteil seiner Erzähltechniken in seinen Gedichten und Romanen, was für die lateinamerikanische Literatur befruchtend wirkte, insofern Paris damals auch Aufenthaltsort von so einflussreichen Schriftstellern wie Alejo Carpentier (auch hier bei Ciao vorgestellt) und ab 1966 als Kulturattache in der kubanischen Botschaft tätig war. Der Literaturkritiker und Autor Severo Sarduy starb viel zu jung 1993 in Paris an den Folgen von AIDS.

Das Werk „Woher die Sänger sind“ firmiert zwar beim Verlag unter dem Begriff Roman, besteht aber im wesentlichen aus drei, sich aufeinander beziehenden, Erzählungen. Das Werk trägt viele autobiographische Züge, ist aber mitnichten eine Autobiographie. Es zeigt einmal mehr, dass die Kenntnis der Biographie des Autors, für das Verständnis eines Werkes wichtig ist. Das vorliegende Werk speist sich aus drei, sich überlagernden, Kulturen – nämlich denen, aus denen sein Autor hervorgegangen ist. Da auch für die Kubanische Kultur feststellbar ist, dass sie aus spanischen, afrikanischen und chinesischen Wurzeln hervorgegangen ist, könnte man sagen: Sarduy steht für Kuba. Auch seine drei Protagonisten stehen in diesem Kontext, da sich das eben genannte kulturelle Muster, auch in ihrer literarischen Identität wiederholt. Auch bilden sich in ihrem literarischen Habitus, sogar in ihren Namen, gesellschaftliche Machtstrukturen ab: Mortal, der blonde Spanier, mit der kastilischen Hochsprache, verkörpert immer die Macht. Auxilio Chong und Socorro Si-Yuen (beide Namen bedeuten auch Hilfe oder Beistand) sind Künstlerinnen am chinesischen Volkstheater. Diese Personen spielen, in unterschiedlichen Rollen, in den verschiedenen Textfragmenten mit und sind somit die Garanten des Zusammenhalts dieses fragmentarisch angelegten Werks.

Aber man merkt es dem Anfang meiner Besprechung schon an, dass der Versuch, sich dem Werk in einer Auflistung der Personen zu nähern, nicht zu befriedigenden Ergebnissen führt. Deshalb halte ich mich zunächst einmal grob an die Struktur, die der Autor dem Werk zugrunde gelegt hat. Da uns der Autor liebt und uns helfen möchte, beginnt er das Werk quasi mit einem Einführungskapitel, das mit „Cirriculum Cubense“ überschrieben ist. Er selbst hat gesagt, dass in ihm die handelnden Personen eingeführt werden. Wer aber nun erwartet, nach der Lektüre dieses Kapitels die Personen zu kennen oder gar zu verstehen, könnte sich enttäuscht sehen. Schon in diesem Eingangskapitel wird die Intension des Autors deutlich, durch das Zusammenrücken und Mischen von Hochsprache und Jargon, von Hochkultur und Kitsch, durch Auflösung von Hierarchie, Traditionen und Geschlechterrollen, einen neuen Anspruch von Literatur zu formulieren.

In der ersten Erzählung –  „Am Rosenaschenfluss“ – ist Moral der lüsterne General Mortal Perez. Er verfolgt Lotosblüte, einer Sängerin an der Oper im Chinesenviertel von Havanna; wie er glaubt. Dass Lotosblüte eigentlich eine Betrügerin ist und des Generals Verliebtheit sich sozusagen auf eine unwirkliche Wirklichkeit projiziert, wird durch Auxilio und Socorro zwar nicht konterkariert, aber dennoch „vom Kopf auf die Füße“ gestellt. Ihre Wirklichkeit ist die Wirklichkeit der Metamorphose – sie sind das Licht und dessen Abwesenheit, die aber nie Dunkelheit ist. Die Erzählung steht auch synonym für Blicke, Betrachtungen und Sinnestäuschung.

In „Die Dolores Rondon“, der zweiten Erzählung, ist Mortal ein karrieresüchtiger, redenschwingender Politiker; abgebildet in seinem Aufstieg zu Amt und Würden und seinem Fall. Dieses Auf und Ab spiegelt sich im Leben der Dolores Rondon wieder… allerdings ist sie schon tot und liegt auf dem Friedhof von Camagüey unter einem von ihr selbst gestalteten Grabstein. Die Erzählung illustriert einen von Dolores selbst verfassten Epitaph, der in Form eines Dezime (kubanischen Gedichtform), in den Stein gemeißelt ist. Die Erzählung repräsentiert den Klang, die Aktion, das Theater.

Bleibt noch „Einzug Christi in Havanna“, der dritten Erzählung. Mortal ist nun ein irgendwie unfassbarer junger Liebhaber, der von Auxilio und Socorro verzweifelt gesucht wird. Das quälende Verlangen wandelt sich schließlich zur Sehnsucht nach dem ewigen Leben. Dabei bilden die beiden Frauen in sich auch zwei gegensätzliche Seiten ab: Frömmigkeit und Erfahrung. Mit einem Christus aus Holz, pilgern sie durch ganz Kuba, wobei das Holz sich langsam zersetzt. Das symbolisiert die Zeit, die Anachronismen und Kuba.

Wie schon gesagt, entspricht die Dreiteilung seines des Werkes dem groben Raster der drei ethnisch geprägten Teilkulturen Kubas, verneint aber auch eine Synthese der Elemente; was schon zu so früher Zeit dem Begriff der Kreolisierung eher entspricht, als dem Begriff Multikulturalismus (siehe auch „Traktat über die Welt von Edouard Glissant – auch hier bei Ciao vorgestellt). Aber dieses grobe Raster kommt nie zum Vorschein, denn Sarduy entwickelt durch Künstlichkeit, Fragmentierung und exzessiver Sprache einen überaus eleganten Überzug. Zitate, Parodien Chiffren, die in Zeitläufe, Riten und Geschichte verweisen, sind unverwechselbare Merkmale für seine Kunst und seine Vertrautheit mit Surrealismus, Malerei und Psychoanalyse. Dabei ist das Werk alles andere als ein kopflastiges Konstrukt. Spielfreude, Witz, Sinnlichkeit prägen den Text, in dem er selbst mit Kategorien wie Subversion, Begierde und Zerfall humorvoll spielt.

Nicht nur weil ich mich für lateinamerikanische oder karibische Literatur interessiere, war es mir sozusagen eine Pflicht Sarduy zu lesen. Für mich ist dieses Werk das pure poetische Vergnügen! Kunst hat  – nicht immer zu unrecht – den Ruf hermetisch zu sein, eine Welt für sich darzustellen, die sich einem Zugang für ein breites Publikum sperrt. In Anlehnung an meinen Eingangsgedanken konstatiere ich, dass ich das Werk nicht nur als einen schmalen Spalt ansehe, der einen Blick in diese hermetische Welt erlaubt, sondern es ist für mich einer der seltenen Glücksfälle, die – um im Bild zu bleiben – ein breites Einfahrtstor in die Welt der Kunst sind.

Natürlich muss ich auch hier den Effekt des Ungewohnten ansprechen. Das sehe ich natürlich auch insgesamt auch für dieses Buch. Manchmal war es schon ziemlich vertrackt hinter die Bedeutungen einzelner Sequenzen zu steigen, aber das wird durch die vielen vergnüglichen Szenen mehr als aufgehoben. Natürlich ist auch in dieses Werk – das uns vordergründig als kurzer Text von nur 132 Seiten erscheint – eine große Menge Stoff verarbeitet; es ist also wie bei jedem anderen großen Kunstwerk auch. Insofern setzt die Lektüre des Buches schon auch einiges an Kenntnissen, z.B. Geschichtskenntnisse, voraus. Aber es hat als Gegenleistung, wie ich es verstanden habe, dafür eine Menge zu bieten; was die Effekte des Ungewohnten mehr als ausgleicht.

Dass es mir ein Vergnügen war dieses Buch zu lesen, habe ich ja schon gesagt. Dieses Vergnügen kommt vor allem aus der großartigen Sprache des Werkes, die aus so unterschiedlichen Sprachformen wie die Sprache der Werbung, der Literatur, des Films, des kubanischen Volkslied oder des europäischen Schlagers entlehnt sind. Der spanische Schriftsteller Goytisolo sagte einmal, dass man Sarduy erfinden müsste, wenn es ihn nicht schon gäbe und ich bin, in aller Bescheidenheit, geneigt zu ergänzen, dass man ihn sich jedes Mal beim lesen dieses Buches neu erfinden kann. Das Werk ist so fassettenreich, dass wohl jede Leserin und jeder Leser seinen Sarduy finden/erfinden wird. Aus Ernst und Ironie, aus Exotik und Erotik, aus dem immensen Wissen des Autors und der eigenen angeregten Phantasie, aus der Komplexität und dem Unterhaltungswert des Werk ergeben sich immer neue Möglichkeiten, die für mich auch mehrmaliges Lesen nie langweilig werden lässt.

Im Pro zu dieser Besprechung verwendete ich ebenfalls ein Bruchstück eines Zitats von Goytisolo, der, im Zusammenhang mit dem Gesamtwerk Sarduys, von einem unaufhörlichen Fest des Geistes und der Sinne sprach. Das trifft partiell auch für „Woher die Sänger sind“ zu. Dieser Platz in der Besprechung ist zwar vorgesehen, um meine unmittelbare Meinung zum Buch kundzutun, dennoch möchte ich noch einmal zum Inhalt des Werks zurück kommen, da ich mit dem Zitat begründen will, warum ich Goytisolos Teil-Zitat verwendet habe. Neben dem Spiel der Ideen und Wörtern, gibt es eine Stelle, die mir wie keine andere geeignet erscheint zu zeigen was ich meine. Es gibt zwei Personen, die ich bislang noch in keinem anderen Buch fand: Ein imaginärer Leser und der Autor persönlich, die sich über das Buch unterhalten. Der Leser beschwert sich darüber, dass er, trotz des Versuchs des Autors eine chinesische Atmosphäre zu erzeugen, ein Lied von Marlene Dietrich hörte. Der Autor antwortet ihm, dass man von ihm kaum verlangen könne, dass er in der Nähe des „Pacifico“ (da wo Hemingway einst oft speiste) kaum ein rein chinesisches Ensemble zaubern könne.

Ausnahmsweise zitiere ich einmal aus einem Text der auf dem Buchumschlag gedruckt ist und versucht den Inhalt des Werkes, möglichst werbewirksam, aufzumachen: „Eine Entdeckungsreise durch das Kaleidoskop der drei kubanischen Kulturen. Ein chinesisches Liebesdrama, eine schwarze politische Farce… zu denen die Musen des Schicksals Auxilio und Socorro als Fremdenführerinnen einladen.“ Dem habe ich, ebenso ausnahmsweise, nichts hinzuzufügen.

Wilfried John

Woher die Sänger sind

Severo Sarduy

191 Seiten – Gebundenes Buch

Verlag: Dia – Aus 1993

ISBN: 3-8603-4309-2

1.Nachsatz: Wenn ich oben schrieb, dass das Werk nur 132 Seiten hätte und hier unten von einem Umfang von 191 Seiten spreche, dann resultiert das aus den Anhängen. Neben einigen ergänzenden Anhängen zum Werk in den „Anmerkungen“ des Autors selbst, ist ein Essay des Literaturwissenschaftlers Roberto Gonzalez Echevarria abgedruckt, der eine ausführliche Biographie des Schriftstellers Severo Sarduy und eine kluge Würdigung seines Gesamtwerks enthält.

2.Nachsatz: Diese Rezension ist auch dem 23. April gewidmet; also jenen Tag, den die 28. Generalkonferenz der UNESCO 1995 zum „Welttag des Buches und des Urheberrechts“ ausgerufen hat. Es ist der Todestag von Shakespeare und Cervantes. Mit diesem Tag soll weltweit auf die fundamentale Bedeutung des Buches und seine unverzichtbare, kulturtragende Rolle in allen Gesellschaften – auch noch in der heutigen sog. Informationsgesellschaft – hinweisen werden. Seit nunmehr genau zehn Jahren wird der Welttag des Buches auch in Deutschland begangen; wir feierten somit heuer ein kleines Jubiläum.

Anhang 1: Zur neuen Ausgabe der Ausstellung „Blickachse“ http://www.worms.de/deutsch/leben_in_worms/kultur/blickachse/index.php?navid=20