Tailor Netto Diniz „Tod auf der Buchmesse“

Tod auf der Buchmesse
Tailor Netto Diniz
136 Seiten – Gebundene Ausgabe
Verlag: Abera Verlag – Aus Oktober 2013
ISBN: 3-9398-7603-8
18,95 €uro

Pro:
Erfrischend anders erzählter, humorvoller und origineller Krimi
Kontra:
Ein paar Klischees blieben

Heimtückisch

Schwellenland. Schwellenländer sind Staaten, die nicht mehr zu der Kategorie Entwicklungsland gezählt werden, die aber auch noch nicht als Industrieland gezählt werden können; so jedenfalls die allgemeine Definition, der eine Beurteilung nach bestimmten Kriterien zugrundeliegt. Ein Schwellenland ist am Anfang oder im fortgeschrittenen Prozess der Industrialisierung, gemessen an wirtschaftlichen Entwicklungsindikatoren. In diesem Stadium ist ein Schwellenland durch einen weitgehenden Umbau der Wirtschaftsstrukturen gekennzeichnet, der von der Agrarwirtschaft zur Industrialisierung führt.
Die sozialen Entwicklungsindikatoren wie z.B. der Stand der Alphabetisierung, die Höhe der Lebenserwartung, Stand der medizinischen und/oder hygienischen Bedingungen sowie die Entwicklung einer Zivilgesellschaft sind leider in diesem Kriterienkatalog nicht maßgeblich. Auch die Kluft, der starke Gegensatz zwischen Arm und Reich oder die politischen Spannungen, der sog. Soziale Friede, gehört da auch nicht hin; Brasilien zur Zeit ist ein Beispiel dafür, wie wichtig die sog. Weichen Kriterien für die Gesellschaft sind. Insofern ist der Begriff Schwellenland allenfalls ein ökonomischer Begriff, der es bedauerlicherweise in den allgemeinen Sprachgebrauch geschafft hat.
Politisch ist der Begriff von zweifelhafter Qualität, weil sich in ihm ein Oben und Unten, ein Besser und Schlechter manifestiert, was zu nichts anderem dient, als die Beibehaltung der alten Machtverhältnisse. Zum Glück sind wir auf kulturellem Gebiet schon weit über diesen Schwellenland-Sprech aus den Grüften der Kolonialzeit hinaus gelangt. Nicht von ungefähr sind die Literaturen z.B. aus Lateinamerika international sehr anerkannt und werden mit höchsten Auszeichnungen versehen und ich schätze mich glücklich, dass ich seit Jahrzehnten an diesem Prozess teilhaben darf und mein Scherflein dazu beitragen konnte und kann.
Die Bestätigung der These im vorigen Absatz, ist z.B. die schon zum wiederholten Mal erfolgte Einladung Brasiliens, sich als Gastland bei der diesjährigen Frankfurter Buchmesse zu exponieren. Brasilien und seine vielstimmige Gegenwartsliteratur hat in den letzten Jahren eine beeindruckende Entwicklung durchlaufen. Bei Vielen hierzulande noch als ein „Dritte Welt Land“ angesehen, prosperiert Brasilien wirtschaftlich, politisch und kulturell. Seit langem ist die Brasilianische Literatur auf der internationalen Bühne angekommen.
Hin und wieder habe ich hier Titel und Autoren brasilianischer Herkunft vorgestellt und ich möchte die Tatsache „Brasilien als Gastland auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse“ zum Anlass nehmen und einen hierzulande gänzlich unbekannten Autor würdigen; sozusagen stellvertretend für die Brasilianische Literatur. Vielleicht lenkt diese Rezension, nicht nur vorübergehend, den Blick interessierter Leserinnen und Leser auf die bunte, breite Palette an
brasilianischen Autorinnen und Autoren des 21. Jahrhunderts, die – kosmopolitisch – eine grosse Fülle erzählerischer Tendenzen verkörpern, die sich kaum auf eine „für die Verhältnisse typische“ Richtung festlegen lassen.
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Der Titel und der Autor um den es hier gehen soll, ist ganz frisch mit einer Neuerscheinung ins Licht der geneigten Öffentlichkeit getreten: „Tod auf der Buchmesse“ von Tailor Netto Diniz. Wie schon gesagt, handelt es sich hier um ein Werk der zeitgenössischen brasilianischen Literatur, genauer gesagt, handelt es sich bei diesem Werk um ein Stück Kriminalliteratur. Wie ich in einigen jüngeren Besprechungen schon beschrieb, benutzen Lateinamerikanische Autoren in den letzten Jahren gerne das Genre des Kriminalromans, um ihn sozusagen als Vehikel der eigentlichen Botschaft zu gebrauchen.
Gerade in Lateinamerika hat sich in den letzten Jahren eine Art Krimi-Literatur herausgebildet, die mehr sein will, die mehr sein muss. Die Autoren einfach als Kriminalschriftsteller zu bezeichnen, greift bei weitem zu kurz, denn diese Autoren wollen – ganz in der engagierten Tradition der Lateinamerikanischen Literatur – auf die aktuelle Wirklichkeit verbessernd einwirken. Als Beispiele können hier Leonardo Padua, Ramon Diaz-Eterovic oder Pablo de Santis (alle hier bei Ciao vorgestellt) genannt werden. In dem sie ihre Sicht der Dinge, ihre Analysen und Lösungsansätze in die populäre Form des Kriminalromans bringen, versuchen sie einem breiteren Publikum die Wahrheiten hinter den Fassaden der Wirklichkeit näher zu bringen.
Offenbar muss ich mich langsam von meiner Aussage distanzieren, dass ich im Allgemeinen nicht eben der fleißigste Krimileser sei, da sich diese Form des Geschichten-Erzählens mehr und mehr in der aktuellen Lateinamerikanischen Literatur ausbreitet und ich als Leser zeitgenössischer Werke dieser Weltgegend, mittlerweile also öfter Krimis lese. Aber die Neueren Lateinamerikanischen Autoren repetieren nicht einfach die gängigen Krimiklischees, sondern sie machen aus dieser Form ebenso anspruchsvolle Literatur, wie sie mir seit jeher in den wichtigen Werken Lateinamerikanischer Literatur vor die äußeren und inneren Augen trat. Der hier erstmalig vorzustellende Autor ist hierin keine Ausnahme, wenngleich er auf das eine oder andere Klischee nicht verzichten mochte.
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Leider kann ich den Autor hier nicht in der üblichen Weise vorstellen, da es mir nicht möglich war, detaillierte biographische Daten in Erfahrung zu bringen, die eine auf das Werk verweisende detaillierte Vorstellung möglich machen würde. Nichts desto trotz zeigt sich auch bei diesem Autor erneut, dass für das Verstehen seines Werkes, selbst ein grober ein Blick auf seine Biographie lohnenswert ist und so möchte ich das Wenige, das ich in recherchieren konnte, zur Kenntnis geben:
Tailor Netto Diniz (kurz TND) wurde 1955 in São Paulo/Brasilien geboren. Weder über seine Herkunft noch über seine Schulzeit konnte ich etwas Genaues in Erfahrung bringen. Die wenigen Stichworte jedoch erlauben einen kurzen Blick auf die Umgebung, die gesellschaftlichen, politischen und sozialen Verhältnisse und wenn an dem Satz „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“ richtig sein sollte, dann erfahren wir auch so etwas über TND.
Die Demokratie in Brasilien lag (wieder einmal) in den letzten Zügen und bald nach der Geburt des Autors, putschte das Militär. Die politischen Verhältnisse waren von der (auch gewaltsamen) Unterdrückung der linken Opposition, der generellen Einschränkung der Bürgerrechte und einer Zentralisierung der Macht auf den sog. Präsidenten Humberto Castelo Branco geprägt. In Sao Paulo führte der Protest gegen die hohe Inflation Anfang der 1960er Jahre zur politischen Mobilisierung der Arbeiter, Bauern und Studenten. Diese Allianz begannen ihre politischen Rechte einzufordern, was letztlich auch als Begründung zur Übernahme der Macht durch die Militärs im Jahre 1964 diente.
Es waren also unruhige Zeiten, in denen TND aufwuchs… und diese Zeiten sollten bis 1985 dauern. Gleichzeitig sollte Sao Paulo zur Boomtown werden. Die Militärs pumpten horrende Summen staatlichen Geldes in den Aufbau einer neuen Infrastruktur um ausländische Investoren anzulocken. Die kamen auch so sicher wie Fliegen auf ein Stück Aas. Mit jährlichen Wachstumsraten von rund zwölf Prozent Anfang der 1970er Jahre wurde Sao Paulo zu einem Moloch (u.a. zur größten Deutschen Industriestadt außerhalb Deutschlands). Diese ökonomische Entwicklung geschah aber ohne jegliche politische Partizipation der Bevölkerung und ohne eine gerechte Verteilung des Reichtums.
Die zu dieser Zeit fehlende demokratische Kontrolle des Staates führte zu großen Mängeln, Niedriglöhnen und Korruption in der Qualität und Verteilung staatlicher Sozialleistungen, im öffentlichen Wohnungsbau, im Verkehr, den sanitären Anlagen und in den Bildungseinrichtungen… wohlgemerkt ich spreche vom Brasilien der1960er Jahre; typisch Schwellenland eben. Dennoch gelang es TND unter diesen Bedingungen seine Schulbildung abzuschließen und ein Studium der Journalistik zu absolvieren. Er arbeite als Journalist wohl ab Ende der 1970er/1980er Jahre.
Heute ist TND in Brasilien einer der populärsten Autoren. Nach wie vor arbeitet TND noch als Journalist… aber auch als Drehbuchautor und fürs Fernsehen. Seine Werke – mittlerweile neun Bände mit Erzählungen, Kurzgeschichten und Romanen – wurden national und international ausgezeichnet.
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Der Plot des Kurzen Romans ist schnell erzählt. Der Titel impliziert ja schon, dass der Romanort offenbar eine Buchmesse ist… allerdings möchte ich süffisant betonen, dass es sich nicht um die Frankfurter Buchmesse handelt, sondern um die Buchmesse von Porto Alegre/Brasilien. Es ist aber eine schöne Idee des Deutschen Verlages, dieses Jahr just diesen Titel aus dem Jahre 2008 herauszubringen; Schwamm drüber. Kurz nach der Eröffnung der Messe, erschüttert ein grausames Verbrechen die Besucher der Buchmesse und natürlich die Öffentlichkeit.
Bei dem Toten handelte es sich um den Buchhändler und bekannter Sammler seltener Bücher: Adavilson Doceiro. Er wurde offenbar erschossen. Die Polizei ist mit Gründen schnell bei der Hand: Raubmord. Zeugen hatten in den Händen des Mannes ein Buch bemerkt, das nun offenbar verschwunden ist. Zufällig ist der Detektiv Walter Jacquet in der Nähe als der Mord geschah, glaubt aber nicht an die offizielle Version der Polizei. Warum hat der Mann nun immer noch ein Buch in der Hand? Wenn es nicht dasselbe Buch ist, warum wurde es ausgetauscht? Welche Rolle spielt die Zeugin Madame Zu Keila?
Wie man sich nun schon denken kann, ermittelt Walter Jacquet auf eigene Faust. Diese Ermittlungen beschränken sich nicht nur auf die Messe, sondern weiten sich allmählich bis in den gefährlichen Dschungel der brasilianischen Großstadt aus. Ohne Hilfe käme er nicht zurecht und so unterstützt ihn bei seinen Unternehmungen sein Freund Joãozinho Macedônio. Eine weitere Stütze – und ein schöner nebensächlicher Bestandteil des Romans – ist die Haushälterin Inácia, die ihn lecker bekocht.
Aus dem Weg zur Lösung des Falls, führen uns die Ermittlungen durch das Labyrinth der Buchmesse, die Straßen und Plätze von Porto Alegre und weckt die Neugier auf die kulinarischen Besonderheiten der Region Rio Grande do Sul. Nach und nach greift der Autor mit realen und fiktiven Figuren nach der verborgenen Wahrheit…
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Natürlich handelt es sich bei diesem Werk um einen Kriminalroman. Aber wenngleich TND auch die typischen Zutaten eines klassischen Krimis verwendet, ist ihm dennoch ein Roman geglückt, der über den typischen Krimi hinausgeht. Gewiss kann man einwenden, dass es auch keine sonderlich neue Idee sei, wenn in einem Roman über lukullische Spezialitäten geschrieben wird, aber gerade diese Einsprengsel ergeben den besonderen Lokalkolorit des Brasilianischen Südens und der Stadt Porto Alegre.
Das Buch nur als schnöden Krimi zu bezeichnen greift auch deswegen zu kurz, weil der Autor genau so verfährt, wie ich es oben angedeutet habe: Er transportiert auf dem Vehikel des Lösungswegs sozusagen investigative Rationalität; z.B. die lokalen Auswirkungen der Wirtschaftskrise, die im Jahr 2008 die Welt erschütterte. Dennoch werde ich nicht so verpeilt sein und aus diesem Roman ein politisches Buch zu machen… dazu ist es außerdem viel zu humorvoll. Damit ist das Konzept des Autor voll aufgegangen, denn er gab in einem Interview zu Protokoll: „Ich habe eine Menge Arbeit darauf verwandt, vor allem Humor, manchmal Satire, auf dieses Genre anzuwenden. Mein Vorschlag ist, dass der traditionelle Krimi-Leser die Geschichte nicht zu ernst nehmen…“.
Ursprünglich entstand der Roman nicht als ein fertiges Stück Arbeit des Autors, sondern er entspringt aus einem Auftrag der Zeitung Correio do Povo, in Porto Alegre. Die machte TND den Vorschlag, für jeden Tag der Buchmesse 2008 ein Kapitel in ebenjener Zeitung zu präsentieren. Die Geschichte sollte am ersten Tag ihren Anfang nehmen und folglich am Schlusstag enden. So entstanden die 17 Kapitel des Romans und handeln – wie man sich unschwer denken kann – auch intensiv von Büchern, die vielleicht nicht eben Protagonisten sind, aber eine wesentliche Rolle spielen.
Ich habe nicht die geringste Ahnung, was ein typischer Brasilianer ist… ich habe es allgemein nicht somit Typisierungen oder Etiketten… doch der Autor gibt zu, dass sein Protagonist Walter Jacquet eine jener klassischen Detektive des Genres ist, aber auch etwas von einem Brasilianer in sich trägt und somit doch anders sei. Das hinge damit zusammen, dass diese Detektiv-Typen in den klassischen Krimis alle eine us-amerikanische oder aber europäische Ausstrahlung hätten und er das anders machen wollte. Wie dem auch sei, mir ist der Typ durchaus sympathisch. Ich würde mich auch sehr freuen, wenn der Verlag uns weitere Werke des Autors zugänglich machte, da TND diesen Ermittler – soweit mir bekannt ist – auch in wenigstens einem seiner anderen Werke auftreten ließ.
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Meiner bescheidenen Meinung nach, ist uns hier ein wunderbares kleines Werk vorgelegt worden, das man besser nicht nur „mal nebenbei“ konsumieren sollte; ich jedenfalls hatte viele Gedankenansätze darin gefunden, die für mich persönlich wertvoll sind. So z.B. der Gedanke, dass gerade die ernsthaftesten Menschen und Veranstaltungen eine hervorragende Zielscheibe für Humor abgeben. Das fördert die Einsicht, dass es besser wäre, sich nicht allzu ernst zu nehmen, auf dass man nicht in die Gefahr gerät, die Humorrechnung bezahlen zu müssen. Wenn es dann aber doch mal soweit ist, zahlt man eben und macht sich selbst ein Vergnügen daraus.
Ich fand, dass hinter all den Scherzen durchaus auch eine ernsthafte philosophische Erkenntnis hervor scheint: Humor fördert die Bereitschaft zur Wahrheitsnähe. Aber ich möchte nicht schon wieder in diesen Rezensions-Sprech abgleiten und immer weiter noch etwas in den Roman „hinein analysieren“. Es wird sonst leicht unglaubwürdig, was der Autor den sonst noch alles auf nur 136 Seiten untergebracht haben soll. Insofern bleibt mir nur noch meiner Freude darüber Ausdruck zu verleihen, dass ich wieder einmal aus dem schier endlosen Meer von neuen Buchmesse-Büchern (ca. 300.000 Neuerscheinungen jedes Jahr), einen Autoren gefischt habe, von dem ich in Zukunft weitere Werke lesen möchte.

Wilfried John