Tomás Eloy Martínez „Der Flug der Königin“

Der Flug der Königin

Tomás Eloy Martínez
282 Seiten –Gebundenes Buch
Verlag: Suhrkamp – Aus 2003
ISBN: 3-5184-1474-7
22,90 Euro
Antiquarisch billiger

Journalismus. Zurzeit läuft wieder einmal die Einreichungsfrist für den seltsamer- und natürlich bedauerlicherweise recht wenig beachteten Siebenpfeiffer-Preis. Dass dieser Preis so unbekannt ist, mag daran liegen, dass er einem blank geputzten Spiegel gleicht, in den unsere Gesellschaft – würde sie den Preis beachten – hinein blicken müsste. Erklärte Absicht der Siebenpfeiffer-Stiftung ist es nämlich, Menschen, die in ihrem Engagement für eine demokratische Gesellschaft – nicht selten – selbst persönliche Opfer und Risiken eingingen, in Erinnerung zu rufen und ihren Einsatz in unserem Bewusstsein fest zu verankern; unter anderem mit der Vergabe dieses Preises, mit dem in regelmäßigen Abständen Journalisten ausgezeichnet werden, die sich heute für freiheitliche, demokratische Errungenschaften und Ideen engagieren.
Philipp Jakob Siebenpfeiffer, einer der Hauptinitiatoren des Hambacher Festes, war zwischen 1818 und 1830 erster Landcommissär des ehemaligen Landkreises Homburg. Er hatte sich, nachdem seine Reformvorschläge zu politischen, wirtschaftlichen und sozialen Fragen bei Regierung und bayerischem König kein Gehör fanden, des Mediums der Presse bedient, um demokratische Defizite in der Gesetzgebung, Rechtspflege und Verwaltung anzuprangern. Dieses journalistische Engagement kostete ihn sein Amt, seine soziale Sicherheit und später seine Freiheit. Pressefreiheit war für ihn unabdingbare Voraussetzung jedweder freiheitlichen Verfassung: „Die Presse muss notwendig frei, denn sie ist die Stimme aller, ihr Schweigen ist der Tod der Freiheit, jede Tyrannei, welche eine Idee morden will, beginnt damit, dass sie die Presse knebelt.“
Neulich staunte ich nicht schlecht, als ich in einer sog. Nachrichtensendung im TV eine geschlossene Krankenhaustür abgefilmt sah, weil da ein Mitglied einer Adelsfamilie Nachwuchs erwartete. Hier hört das Ärgernis leider nicht auf. Schaue ich mir die Nachrichten der Öffentlich-Rechtlichen Sender an, die per Rundfunk-Staatsvertrag mit einem Bildungsauftrag und viel Geld ausgestattet sind, könnte ich mir die Haare raufen. Welches allgemeine Interesse liegt vor, das den journalistischen Machern der Sendung aufgibt mir zu melden, dass der Chef von Siemens aufhört? Und warum müssen sich 90 % der Deutschen (die keine Aktien besitzen) jeden Abend die Börsenkurse und die verquasten Kommentare anhören, warum sie gestiegen oder gefallen sind? Die Sendungen werden von Menschen gemacht, welche die Berufsbezeichnung Journalistin oder Journalist führen. Was haben diese Beispiele vergeudeter Sendezeit bitte mit Journalismus zu tun?
Schaut man sich nur die Themenliste der Menschenrechtsorganisation Reporter ohne Grenzen
an, die sich weltweit aktiv für Meinungs- und Pressefreiheit, für verfolgte Journalistinnen und Journalisten und für freie Medien einsetzt, dann bekommt man eine Ahnung davon, mit welch wichtigen Themen man sinnvoll die Sendezeiten füllen könnte: Kampf gegen Internetzensur, Netzneutralität, Digitaler Quellenschutz, Exportkontrolle für Überwachungstechnologie, Pressefreiheit in Quasi-Öffentlichen Räumen. Stattdessen bekommen wir „Wasserstandsmeldungen“ aus dem Kreissaal eines Londoner Krankenhauses…
Das ist kein Journalismus… das ist, was man entweder spöttisch, hämisch oder gar bösartig, Journaille nennt. Ursprünglich ist der Begriff Journaille ein französisches Wort für die verantwortungslose, sensationshungrige Tagespresse, das aber leider nicht nur in Frankreich vielfältige Verwendungsmöglichkeiten findet und deshalb auch bei uns gebräuchlich ist. Das Wort entstand Anfang des 20. Jahrhunderts und geht auf das Wort Kanaille zurück, das wiederum, aus der lateinischen Wurzel „canis“ (Hund) wuchs. Journaille ist also das Synonym für unlautere, korrupte oder lügende Journalisten (und damit meine ich keineswegs nur die Skandal-Journalisten der sog. Regenbogen-Presse), und dafür verantwortlich, dass eine ganze Berufsgruppe in Verruf gerät…
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In dem hier vorzustellenden Buch geht es um solche und solche Journalisten, um Verschleierung und Überlagerung wichtiger Nachrichten-Themen und um skrupellose Geschäftemacherei… es geht um Einflussnahme auf Medien und persönliche Verstrickungen von Medienmachern. Auch wenn am Ende des Werkes in einer Schlussbemerkung des Autors zu lesen ist: „Sämtliche Personen und Orte dieses Romans, auch die, die der Wirklichkeit entnommen scheinen, gehören in den Bereich der Fiktion. Sie anders zu lesen würde ihrem Charakter Gewalt antun.“, zeichnet Tomás Eloy Martínez (kurz TEM) mit „Der Flug der Königin“ zwar ein grelles Porträt der argentinischen Gesellschaft, das sich aber ohne weiteres auf (auch europäische) Gesellschaften übertragen lässt, denn der Roman ist das Werk eines Mannes, der von sich selbst zu Protokoll gibt: „mit meinen Texten bin ich Chronist meines Landes.“
Der vor wenigen Jahren verstorbene Schriftsteller war ein Aufklärer im Sinne der Einleitung dieser Besprechung. TEM war in seinem Heimatland Argentinien eine Institution gegen das Vergessen. Er war ein erklärter Gegner all der Vertuscher, Verleugner, Relativierer der Argentinischen Geschichte, wie sie hierzulande natürlich nirgends zu finden sind. Aber während hier kein Journalist um sein Leben bangen muss oder wegen seiner veröffentlichten (oder auch seiner nur vermuteten) Meinung ins Gefängnis gesperrt wird, sieht es in der Weltgegend aus welcher der Autor stammt völlig anders aus (siehe Anhang *1). So interessant diese Zusammenhänge auch sein mögen, sie sind nicht kennzeichnend für diesen Roman, der – und so verstehe ich die Schlussbemerkung des Autors – bestimmt kein medienpolitisches Sachbuch ist, sondern ein mitreißende Geschichte einer Obsession.
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Zur ausführlichen Vorstellung des Autors möchte ich auf meine Ciao-Besprechung des Romans „Der Tangosänger“ verweisen, die ich damals quasi als Nachruf schrieb. Hier an dieser Stelle verwende ich diese biographischen Ausführungen auszugsweise: TEM wurde am 16. Juli 1934 San Miguel de Tucuman/Argentinien geboren. TEM stammt aus einfachen Verhältnissen; seine Kindheit verlief wohl entsprechend. Er war ein guter Schüler und schon im Jugendalter begann er damit, die ersten eigenen Texte zu verfassen.
TEM studierte an der Universität von Tucuman Literaturwissenschaft und erlangte mit einer Arbeit über spanische und lateinamerikanische Literatur sein Diplom. Beruflich wandte es sich schon früh dem Journalismus zu und wurde zunächst 1957 – 1961 Filmkritiker für die Tageszeitung La Nación in Buenos Aires. Aber schon von 1962 an, bis ins Jahr 1969, war er Chefredakteur der Wochenzeitung Primera Plana. Von 1969 bis 1970 arbeitete er als Reporter in Paris.(wo er, quasi ganz nebenbei, zusätzlich einen MA in Literatur an der Universität in Paris machte). Ab 1970 war TEM Leiter der Kulturredaktion der Zeitschrift Panorama, wo er mit vielen Schriftstellern Kontakt hatte und was seine Lust am eigenen Schreiben beförderte.
Sich als Journalist von der Politik fernzuhalten ist nicht leicht, sich zu der Zeit in Argentinien von der Politik fernzuhalten war kaum möglich. Während der Diktatur unter Peron wurde er verboten, während der Militärdiktatur sogar verbrannt (vielleicht von jenen, die sich an den 10.Mai 1033 in Deutschland noch gut erinnern konnten?). Die Junta setzte ihre Killerkommandos auf TEM an; er floh 1975 ins Exil nach Caracas/Venezuela, später ab 1983 dann nach Mexiko. Überall wirkte der leidenschaftliche Publizist als Herausgeber und manchmal sogar als Gründer neuer Zeitungen, Zeitschriften oder Kulturbeilagen.
Neben seiner journalistischen und literarischen Karriere, hat TEM eine umfangreiche akademische Karriere gemacht. Er gab Vorlesungen und Kurse an führenden Universitäten in Europa, Nord- und Südamerika und wurde Professor an der University of Maryland (1984-1987). Seit Juli 1995 war er Professor an der Rutgers University in New Jersey und Leiter der Latin American Studies Program an der dortigen Universität. Er erhielt die Ehrendoktorwürde der Universität John F. Kennedy de Buenos Aires und der Universität von Tucuman.
Natürlich arbeitete TEM auch weiterhin als Autor; unter anderem schrieb er auch zehn Drehbücher, drei davon in Zusammenarbeit mit dem paraguayischen Schriftsteller Augusto Roa Bastos und weitere Romane. 2002 erhielt er den begehrten International Alfaguara Novel-Preis für seinen Roman „Der Flug der Königin“. TEM starb am 31. Januar 2010.
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In „Der Flug der Königin“ gibt es eigentlich gleich zwei Anfänge: Ein Mann beobachtet jeden Abend eine Frau in der Wohnung gegenüber. Seine Obsession geht so weit, dass er ein Teleskop aufstellt, um sie bis ins Detail zu studieren. Schließlich ist dem Mann das Dasein des Voyeurs nicht mehr genug und er bricht in ihre Wohnung ein. Doch auch das Wühlen in ihrer Wäsche reicht ihm nicht. Mit einem Betäubungsmittel in ihrem Orangensaft schaltet er ihren freien Willen aus. Mit einer im Schlafzimmer platzierten Kamera – so kommt er sich vor – herrscht er nun uneingeschränkt über sie…wenn auch auf der Videoleinwand. Zur selben Zeit, einige Straßen weiter, recherchiert der Chefredakteur einer der großen argentinischen Tageszeitungen namens Camargo, in einer Korruptionsaffäre im Umkreis des Präsidenten.
Dr. Camargo ist bekannt, gefürchtet und beruflich talentiert… was er ans Licht der Öffentlichkeit bringt hat Klasse und Wirkung. Um von seinem Fall abzulenken, gibt der Präsident vor, Gott persönlich sei ihm erschienen. Kirche und Bevölkerung sind hingerissen, und von Camargos Enthüllungen will niemand mehr was wissen. Aber wie im richtigen Leben, die Wahrheit kommt schließlich ans Licht. Eine bibelfeste junge Journalistin namens Reina (spanisch für Königin) entlarvt den Schwindel und schlägt den Lügner mit den eignen Waffen. Sie wiederlegt die Lüge mit nichts anderem als einer Lüge; wenngleich auch einer frommen: Laut der Bibel, ist die Wiederkunft des Herrn dem Jüngsten Tag vorbehalten!
Das Debakel des Präsidenten, ist der Triumph der jungen Journalistin und während der Präsident politisch in den freien Fall übergeht, setzt Reina zu einem beruflichen Höhenflug an. Camargo fördert ihre Karriere und sie wird schnell zur bestbezahlten Redakteurin des Blattes – und schließlich zur Geliebten ihres Chefs. Keiner scheint den (Höhen-)Flug der Reina aufhalten zu können. Doch der Chefredakteur ist auch ein von den Gespenstern seiner Vergangenheit Getriebener… er ist ein Kontroll-Freak. Immer intensiver versucht er Reina in seinen Bann zu ziehen, sie dabei in jeder Hinsicht zu kontrollieren und wenn es darum geht alles im Griff zu behalten, kennt er keine Skrupel. Der Zweck heiligt seine Mittel und er, der Machtmissbrauch anprangert, missbraucht seine Macht als Chef.
Die graue Maus mutiert zur Karrierefrau, aber sie hält es an der Seite ihres Mentors nicht lange aus. Da ist plötzlich dieser junge kolumbianische Journalist… und sie verliebt sich in ihn. Beim Versuch sich von Camargo zu trennen, rastet der Macho regelrecht aus und er beginnt Reina perfide zu mobben. Sein hirnverbrannter Macho-Plan: Er will Reina zerstören, um sich ihr anschließend gönnerhaft zuwenden zu können. Ob seine perfide Strategie aufgeht oder nicht, ob das schiller´sche Wort „es ist der Fluch der bösen Tat, dass sie, fortzeugend, Böses muss gebären“ zutrifft oder ob sich vielleicht doch alles zum Happyend wendet, erfahren die Lesenden wirklich erst auf den letzten Seiten des Romans…!
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Nun, vielleicht ist das vordergründige Thema nicht das originellste, aber die Wut und Rachsucht eines verlassenen Machos wird von TEM effektvoll in Szene gesetzt; vielleicht half ihm dabei die langjährige Erfahrung als Filmkritiker, der mit Erzähltechniken des Kinos vertraut ist. Aber ich möchte natürlich nicht behaupten, dass es sich schon um eines seiner Drehbücher handelt. Ebenso wenig wie ich TEM auf seine journalistische Tätigkeit festlegen möchte, die sicher einiges zu diesem Roman beigetragen hat; der Journalismus, mit der Verpflichtung zur Wahrheit, blieb für ihn immer Brotberuf.
So finden sich neben der beschriebenen Rahmenhandlung, handfeste Themen, um die sich Journalisten nun mal kümmern sollen; z.B. die vielen Facetten von Korruption seitens der sog. Politischen Elite und den Auswirkungen auf die Gesellschaft. Besonders wichtig – aus meiner Sicht – nicht nur für den Roman: TEM spricht über die Mittel, mit denen das Volk durch die herrschende Klasse manipuliert wird; besonders beliebt: das gläubige Volk vor scheinbar Religiöse Karren spannen. Und dennoch ist das Werk ein unterhaltsamer Roman und kein Politisches Manifest. TEM gibt zu Protokoll, dass „der Roman hingegen in erster Linie eine Parabel für Begierde und – über die Macht“ ist.
Neben den effektvoll eingesetzten Elementen des Krimis, ist eine Besonderheit des Romans zeigt sich in der Erzählweise, in der fortwährend die Duplizität von Ereignissen oder Personen gezeigt wird. Natürlich kann man das als bloße ästhetische Spielerei annehmen oder abtun. Man kann aber auch vermuten, dass der Journalist im Schriftsteller durch diese Erzählweise zeigen wollte, dass das was sich im Roman ereignet, gleichzeitig überall und immer wieder geschehen kann. Ein empfehlenswerter Roman, eines bemerkenswerten Schriftstellers!

Wilfried John